Wie viele Berge gibt es in den Schweizer Alpen? Von Schartenhöhe und Dominanz

in den Schweizer Alpen?

Von Schartenhöhe

und Dominanz

Was soll als Berg gelten? Diese Frage stellt sich insbesondere für jene, die alle Berge in einem Gebiet besteigen wollen. Werden für die Definition Dominanz und Schartenhöhe ver- wendet, büssen einige berühmte Gipfel etwas von ihrem Glanz ein, dafür erstrahlen « Mauerblümchen » in neuem Licht.

Als der Computerwissenschaftler Benoît Mandelbrot in einem 1967 erschiene- nen Artikel die Küstenlänge Grossbri- tanniens untersuchte, fiel ihm auf, dass in den Nachschlagwerken sehr unter- schiedliche Angaben über deren Länge gemacht wurden. 1 Es zeigte sich, dass die Ursache dafür in der Messmethode lag. Je genauer man die Länge zu messen versuchte, d.h., je detailliertere Karten man verwendete, desto länger wurde die gemessene Küste. Mandelbrots Fazit die- ser Betrachtung ist die erstaunliche Fest- stellung, dass die Küste Grossbritanniens unendlich lang ist.

Was zählt?

Ein ganz ähnliches Problem stellt sich bei der Frage nach der Anzahl der Berge in den Schweizer Alpen. Betrachtet man jede noch so kleine Erhebung als Berg, so wird es unendlich viele Berge in der Schweiz geben. Wie schon bei Küsten- längen ist diese Angabe allerdings nicht sehr informativ. Besonders bei Bergen ist man sich wohl einig, dass nicht jeder Vorgipfel und Felsvorsprung als eigen- ständiger Berg gezählt werden sollte. Wie kann man aber unbedeutende von be- deutenden Gipfeln trennen? Zwei Grös- sen sollen hier vorgestellt werden, mit deren man bedingte Aussagen bezüglich der Anzahl Berge in den Schweizer Alpen machen kann. Es handelt sich um die Dominanz und die Schartenhöhe eines Berges.

Dominanz Die Dominanz ist die vom Gipfel eines Berges aus gemessene Länge der hori- zontalen Luftlinie zum nächsthöheren Punkt. Die Dominanz des Berges A wird also vom Abstand zum nächststehenden höheren Berg bestimmt. Sie gibt den minimalen Umkreis an, den man auf dem entsprechenden Gipfel überragt.

Dominante Berge sind also jene, die in einem grossen Umkreis die höchsten sind. In der Schweiz ist der Piz Bernina mit 137,. " " .8 km der Berg mit der grössten Dominanz. Für den Piz Bernina ist das Finsteraarhorn der nächstliegende Berg, der höher ist. Die Luftlinie zwischen dem Gipfel des Piz Bernina und dem nächsten Punkt am Finsteraarhorn, der etwas höher ist, ergibt die Dominanz. Schartenhöhe Die Schartenhöhe ist die Höhendifferenz zwischen dem Gipfel und der höchst- gelegenen Scharte, die zu einem höheren Gipfel führt. Oder anders ausgedrückt:

Die Schartenhöhe ist der kleinste Ab- stieg, der zu machen ist, um einen höhe- ren Berg zu besteigen. Die Schartenhöhe ist ein Mass, das auch schon bei der Er- stellung der offiziellen Viertausender-Li- ste 2 als Kriterium verwendet wurde. Um die Schartenhöhe des Piz Bernina zu be- rechnen, muss man den Bergkämmen in Richtung Westen folgen, bis man einen höheren Bergz.. " " .B. das Finsteraarhorn – erreicht. Nun sucht man den tiefsten Pass, der dazwi- schen liegt, in diesem Fall den Maloja- pass, 1815 m. Die Differenz zwischen der Passhöhe – also der Scharte – und der Gipfelhöhe ergibt die Schartenhöhe, im Falle des Bernina 2234 m.

Die Schartenhöhe zeigt an, wie frei ein Berg steht. Beispielsweise ist das Matterhorn mit einer relativ grossen Schartenhöhe von 1031 m sehr eigen- ständig, während der Liskamm mit einer viel geringeren Schartenhöhe von 376 m nicht so stark von den höheren Gipfeln der Monte-Rosa-Gruppe abge- trennt ist.

Schartenhöhe und Dominanz in der Praxis Was kann aus den beiden Grössen Schartenhöhe und Dominanz heraus- gelesen werden? Hier zwei Beispiele:

Der Haldensteiner Calanda hat eine Schartenhöhe von 1449 m und eine Dominanz von 6,5 km, die Schesaplana hingegen eine Dominanz von 30,. " " .25 km 1 Benoît Mandelbrot, 1924 in Polen geboren, prägte den Begriff Fraktale ( von lat. frangere = zerbrechen ). Fraktale entstehen, indem man eine bestimmte Abbildungsvorschrift auf ein Ausgangs-bild anwendet, das Ergebnis wieder als Ausgangs-bild benutzt und die Vorschrift erneut anwendet ( Iteration ). 2 Vgl. ALPEN 1/1994 Die Dominanz ist die vom Gipfel eines Berges gemessene Länge der horizontalen Luftlinie zum nächst- höheren Punkt. Die Schartenhöhe ist die Höhendifferenz zwischen dem Gipfel A und der nächsten Scharte, die zu einem höheren Gipfel führt.

Schweizer Berge mit Dominanz x Dominanz grösser Anzahl Berge oder gleich 100 km 1 50 km 3 20 km 14 10 km 54 5 km 169 3 km 387 1 km 1595 Schweizer Berge mit Schartenhöhe x Schartenhöhe Anzahl Berge grösser oder gleich 2000 m 4 1000 m 36 500 m 166 300 m 419 100 m 1955

A

Schartenhöhe Dominanz D I E A L P E N 1 / 2 0 0 3 bei « nur » 809 m Schartenhöhe. Dies widerspiegelt die natürlichen Gegeben- heiten: Der Calanda ist durch den Kun- kelspass deutlich von den umliegenden, höheren Bergen abgeschnitten ( grosse Schartenhöhe ), liegt diesen aber sehr na- he ( geringe Dominanz ). Dagegen ist die Schesaplana in weitem Umkreis der höchste Gipfel, aber nur durch das rela- tiv hohe Schweizertor von höheren Ber- gen getrennt. Für die Einordnung der Bedeutung eines Berges könnte somit von einer Kombination beider Grössen ausgegangen werden, wobei sich dann die Frage stellt, wie die beiden Grössen zu gewichten sind. Da jede Gewichtung unweigerlich mit einem subjektiven Urteil verbunden ist, wird hier darauf verzichtet.

Diese zwei Grössen habe ich für die Schweizer Berge berechnet bzw. anhand der Karte abgeschätzt und dabei – auf die Alpen beschränkt – über 8000 Gipfel und Gipfelchen erfasst. Auf Grund der daraus entstandenen Liste können bestimmte Fragen zu den Schweizer Bergen beantwortet werden wie etwa:

« Wie viele Berge gibt es in den Schweizer Alpen mit einer Schartenhöhe/Domi- nanz über x Meter ?» Betrachtet man eine Schartenhöhe von mindestens 100 m als Mindestanforderung für einen bedeu- tenden Berg, hat es in den Schweizer Alpen 1955 Berge. In dieser Liste fehlen Berge nach Dominanz geordnet Berg Dominanz ( m ) Piz Bernina 137 800 Dufourspitze ( Monte Rosa ) 78 200 Finsteraarhorn 51 650 Tödi: Piz Russein 42 050 Rheinwaldhorn 35 100 Schesaplana 30 250 Ringelspitz/Piz Barghis 30 000 Grand Combin 26 400 de Grafeneire Säntis 25 780 Piz Linard 24 900 Piz Kesch/Piz d' Es-cha 23 500 Wildhorn 22 950 Dammastock ( Winterberg ) 22 350 Piz Sesvenna 21 400 Dents du Midi: Haute Cime 18 900 Cornettes de Bise 18 000 Pizzo Campo Tencia 17 100 Pilatus: Tomlishorn 17 000 Pizzo Tambo 16 850 Dom 16 600 Piz Calderas 16 450 Piz Murtaröl/ 15 500 Cima la Casina Fluchthorn/Piz Fenga: 15 500 Südgipfel Piz Medel 15 400 Gridone/ Monte Limidario 14 600 Monte Generoso/ 14 300 Calvagione Berg Dominanz ( m ) Les Diablerets: Sommet 14 250 des Diablerets Bächistock ( Glärnisch ) 13 950 Bruschghorn 13 850 Matterhorn/Monte Cervino 13 700 Bietschhorn 13 400 Monte Tamaro 13 300 Rigi Kulm 13 200 Aroser Rothorn 13 100 Aletschhorn 12 850 Blinnenhorn/Corno Cieco 12 750 Oberalpstock/ 12 700 Piz Tgietschen Balmhorn 12 300 Monte Leone 11 750 Piz Platta 11 650 Weissfluh 11 550 Gamsberg 11 500 Muttler 11 450 Weisshorn 11 100 Weissmies 11 000 Schafberg 11 000 Basòdino 10 900 Napf 10 450 Pizzo Paglia 10 400 Vanil Noir 10 350 Piz Quattervals 10 350 Piz Pisoc 10 200 Piz Timun/Pizzo d' Emet 10 100 Pizzo Rotondo 10 000 Berge nach Schartenhöhe geordnet Berg Scharten- höhe ( m ) Finsteraarhorn 2280 Piz Bernina 2234 Dufourspitze 2165 ( Monte Rosa ) Säntis 2021 Dents du Midi: 1796 Haute Cime Tödi: Piz Russein 1570 Grand Combin 1517 de Grafeneire Piz Kesch/Piz d' Es-cha 1502 Dammastock 1465 ( Winterberg ) Haldensteiner 1449 Calanda Monte Tamaro 1408 Gamsberg 1358 Aroser Rothorn 1349 Brienzer Rothorn 1348 Rheinwaldhorn 1337 Monte Generoso/ 1305 Calvagione Rigi Kulm 1288 Berg Scharten- höhe ( m ) Gridone/ 1238 Monte Limidario Weisshorn 1235 Weissmies 1191 Pizzo Tambo 1166 Monte Leone 1144 Piz Platta 1117 Vanil Noir 1114 Le Catogne 1105 Piz Calderas 1085 Cornettes de Bise 1063 Piz Sesvenna 1055 Dom 1046 Matterhorn/ 1031 Monte Cervino Piz Raschil/ 1028 Stätzer Horn Piz Linard 1028 Balmhorn 1021 Aletschhorn 1017 Grand Muveran 1013 Le Tarent 1002 Das Nordend mit einer Dominanz von 575 m und einer Schartenhöhe von 94 m gehört zu den prominenten « Verlie- rern » gemäss den dargestellten Kriterien.

Foto: Markus Bohner D I E A L P E N 1 / 2 0 0 3 dann zahlreiche bekannte Berge wie zum Beispiel das Nordend ( Schartenhöhe 94 m ) oder die Lenzspitze ( Scharten- höhe 81 m ). Je grösser man dabei x wählt, desto weniger Berge erfüllen das Kri- terium.

Neben der Anzahl Berge interessiert wohl vor allem, welche Berge bei den Kriterien Dominanz und Schartenhöhe die höchsten Werte aufweisen. Erwar- tungsgemäss ergeben sich dabei zahl- reiche Überschneidungen. Interessant ist, dass einige eher unbekannte Berge wie der Gamsberg bei Flums auftauchen, während grosse Namen wie Dent Blanche, Jungfrau oder Titlis fehlen.

Die Crux der Definition Die vorgestellten Ergebnisse werden wohl vor allem die « Sammler » unter den Bergsteigern ansprechen, besonders wenn es darum geht, alle Berge einer Region zu besteigen. Hier können die vorgestellten Grössen helfen, die Zahl der Ziele einzugrenzen. Üblicherweise wird die Zahl der Berge einer Region anhand der auf der Landkarte benann- ten Gipfel bestimmt. Dabei ist es mög- lich, dass einerseits Erhebungen mit über 300 m Schartenhöhe namenlos sind, während zahlreiche benannte Punkte wie beispielsweise der Kleine Eiger eher eine Schulter als einen Gipfel darstellen. Mit den Kriterien Scharten- höhe und Dominanz kann die Zahl der Gipfel objektiv bestimmt werden, wenn man eine Mindest-Dominanz oder eine Mindest-Schartenhöhe voraussetzt, die jede Erhebung aufweisen muss, um als eigener Gipfel zu zählen. Die Frage, wel- che Mindestanforderungen an einen Berg gestellt werden, bleibt aber auch mit diesen Kriterien noch dem subjekti- ven Urteil jedes Einzelnen überlassen. a C h r i s t i a n T h ö n i, Z ü r i c h Das Finsteraarhorn übertrifft bezüglich der Schartenhöhe alle anderen Schweizer Berge.

Die Schartenhöhe für den Bernina, also die Höhendiffe- renz zwischen dem Gipfel und der höchstgelegenen Scharte, die zu einem höheren Gipfel führt, beträgt 2234 m. Werden die Berge nach ihrer Dominanz geordnet, steht die Dufourspitze an zweiter Stelle.

Foto: K u rt S ter chi Foto: L udwig W e h Fo to: Markus Bohner DIE ALPEN 1/2003

Aus dem Clubleben

Vita del club

Vie du club

Feedback