Wintersonnenfreude

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von William Matheson.

In den denkwürdigen Schönwettertagen, die unmittelbar auf die olympischen Winterspiele folgten, schnallte auch ich eines Tages meine Ski und zog hinauf ins schöne Bündnerland. Nicht um irgendeinem Skirennen beizuwohnen oder mich gar an dem lustigen Treiben der Wintersportzentrale zu ergötzen, nein, zu solchen Anlässen passe ich nicht hin, und deshalb meide ich sie auch.

Ich wollte das Frühlingserwachen miterleben, meine kindliche Freude haben an Sonne und Schnee. Mit der Natur wollte ich Zwiesprache halten, mit den Bergen, mit den Wäldern, mit den Alphütten, mit dem Bergschnee und vor allem mit der Sonne.

Mit den Schneefreuden wurde es allerdings nichts; denn Tauwetter, dann Kälte und Sonne hatten den schönen Pulverschnee bald in eine steinharte Eisdecke verwandelt, auf der sich 's bald besser mit Schlittschuhen als mit Ski tummeln liess. Darum kann ich von schönen Skifahrten nichts erzählen, dafür aber von Winterwärme, Licht und Sonne; viel, viel Sonne.

So zog ich denn wohlgemut hinauf in das mir lieb gewordene St. Antönien, mit der Überzeugung, dort oben, fern von dem rhythmischen Takt der Jazzbands, fern von der Welt des Puders und der Seidenstrümpfe, kurz, fern von dem Götzendienst des heutigen Damenunwesens abendländischer Dummheit zu sein. Ja, ja, soweit sind wir nun auch im Berg- und vor allem im Skisport gekommen. « Er » kocht, wäscht, putzt, kurz, « er » verrichtet alle prosaischen Hüttenarbeiten. Und « sie»«Sie » sonnt sich den Bubikopf und raucht Zigaretten! O Rousseau, gut, dass du heute die Schönheit der Alpen nicht mehr entdecken musst!

Innert weniger Stunden schon befand ich mich im herrlichen St. Antönien. Über mir ein strahlender Winterhimmel, wie man ihn gar nicht mehr leuchtender wünschen kann. Wenn es auch erst wenige Jahre her sind, seit ich im Jahrbuch des S.S.V. etwas über St. Antönien geschrieben habe, so möchte ich doch bemerken, dass mich kein anderer Beweggrund leitet als — im Geiste Flückigers — die « jauchzende Winterlust » eines einsamen Bergwanderers über einen schönen Erdenwinkel.

Eines Morgens marschierte ich bei beissender Kälte mit geschulterten Ski auf der Strasse von St. Antönien-Platz talein, um den einzig schönen Wintersonnentag in der Einsamkeit zu verbringen. In Rüti, wo sich der Gafienbach mit dem Schanielenbach vereint, verliess ich die Strasse, um dem schmalen, immerhin gut ausgefahrenen Strässchen ins Gafiental zu folgen.

Nun schnallte ich meine Bretter an und zog talauf. Der Schnee war so hart, dass nicht die geringste Skispur zurückblieb. Inzwischen hatte die Sonne die südöstliche Grathöhe erreicht und sandte nun ihre wärmenden Strahlen auch zu mir. Immer hart am Bache, hie und da durch kleine Tannenbestände, dann an sonnverbrannten Alphütten vorbei, kam ich höher und höher, tiefer und tiefer ins Gafiental hinein.

Eine weite Rückschau verhindert das breite Kühnihorn. Zur Linken lockte die apere Südflanke des schönen Schallbergs zu einer Winterbesteigung. Zur Rechten war es der Grat des Eggberges zur Schrattenfluh, der mich auch fortwährend anzog. Im Talhintergrunde strahlt das Madrishorn und leuchtet so verführerisch. « Allein, heute lass ich mich nicht verführen, dieser Sonnentag soll einmal dem Sonnenkultus gewidmet sein. » Mit diesem Vorsatz steige ich weiter das Tal hinauf bis zur Gafienalp. Wie der Boden flacher wird, gewahre ich auf einmal in der Mitte des Tales den sagenumwobenen Schlangenstein, einen mächtigen, oben spitz zulaufenden Felsblock, der auf der Vorderseite glatt abbricht. Auf dem Stein haben sich einige Tannen angesiedelt und zieren die plumpe Figur. Die Sage erzählt, dass einst der heilige Antonius von der Höhe dieses Steines herunter die Schlangen, von denen das ganze Tal wimmelte, für ewig verbannt habe.

Bei den Hütten auf der Gafienalp, bei 1700 m, halte ich an, lege vor eine der Hütten eine ausgehängte Türe im Schnee zurecht. Dann überlasse ich mich in dieser feierlichen Stille und restlosen Ruhe stundenlang dem Schauen und Beten. Was war es wohl, das mich so ganz allein zu diesen verlassenen, schwarzen Hütten hinauftriebEs ist die Einsamkeit, die ich liebe, und die Abgeschlossenheit, die mich anzieht, um ungestört der Sonne zu huldigen, obwohl ich kein Sonnenanbeter bin.

Es war ein leuchtender Vorfrühlingstag, kein Lüftchen wehte, kein Lebewesen, nicht einmal ein Vogel war zu erspähen und zu hören. Ringsum Totenstille, der richtige Ort für stille Einkehr bei sich.

17 Im Badeanzug legte ich mich nun auf das Brett, um die grosse Spende geschmolzenen Sonnengolds zu empfangen. Mein Blick stieg hinauf auf die Gräte, auf die Gipfel, noch höherAnfänglich träumte ich von schönen Sommer- und Winterfahrten, dann von Sonne unter einem südlicheren Himmel, sah im Geiste Oliven und Zypressen, Orangen und Zitronen, Pinien und Palmen. Plötzlich ein Krachen, dass die ganze Hütte erzitterte, und aufgeschreckt wurde ich in die Wirklichkeit zurückgeschlagen. Doch es war nichts anderes als das Schaffen der Naturkräfte im Holzwerk der Hütte, ein Gruss der Sonne. Ich stellte fest, dass ich schon über eine Stunde im Halbschlummer dagelegen hatte, schlafend im Schnee, bei sömmerlicher Wärme, mitten im Winter. Wie sonderbar, wie köstlich, wie beseligend!

Ich schaue hinauf zur strahlenden Sonne und halte meine Meditation. Wie durch fleissiges Lesen der heiligen Upanishads des Veda, dieses unvergleichlichen Buches, ich im Innersten ergriffen wurde, so treten mir auch hier oben tiefe, ursprüngliche, erhabene Gedanken entgegen. Auch hier wird der Geist rein gewaschen, und ein hoher heiliger Ernst schwebt über dem Ganzen. Die Brahmanenlehrer sagen, dass die Sonne alle Welt erleuchtet, alle Wesen froh macht, dass alle Geschöpfe in sie eingehen und aus ihr hervorgehen:

« Den Allgestaltigen, goldnen Wesenskenner, Der dort als höchster Hort, als einzig Licht glüht! Mit tausend Strahlen, hundertfach sich wandelnd, Als Lebenshauch der Wesen geht dort auf die Sonne. » « Sonne, Licht ist dein Kleid, das du anhast! » singt der alttestamentliche Dichter. Dies Wort versteht man erst bei schönem Wetter in winterlicher Bergwelt oder aber in einem südlichen Sonnenland. Wir in der Schweiz sind ja in den letzten Jahren mit Wolken und Regen wie überschattet worden, und so trug ich schon längst ein inbrünstiges Verlangen nach geschmolzenem Gold der Sonne.

Wenn der Mensch unserer Zonen sich der Bestrahlung aussetzt — ich denke an das Sonnenbad —, so gilt dies heute als eine ganz gesunde Erholung. Liegt man aber droben inmitten einer erhabenen Gebirgslandschaft stundenlang im glitzernden Schnee — natürlich auf einer Unterlage —, so kommt der Mensch zu sich selbst, da kommt alles zum Schweigen, was im Vielerlei des Alltags unsere Gedanken und Sinnen zerstreut und ablenkt. Ergriffen schaue ich die unbeschreibliche Pracht und komme mir vor wie in einer Wüste. Weite, Lichtfülle, Schweigen: das sind nicht nur Eindrücke in der Wüsten-natur, das sind auch Eindrücke der Alpennatur im Winter. Doch dies empfindet gewiss nur der, der selbst in weissen, strahlenden Berglandschaften sonnige Winter- und Vorfrühlingstage in süssem Nichtstun zugebracht hat und braun gebrannt wie ein Asiate wieder in die Stadt zurückkehrt.

Ach, wie gut das tut, stundenlang in der heben Sonne zu hegen, still, glückselig, nur sich selbst überlassen! Unsere Ärzte sagen uns noch viel zu wenig von der Heilkraft der Sonne und dass aus Stille und Einsamkeit, aus Sonnenfülle und stärkender Luft dem Ermatteten neue körperliche und seelische Lebenskraft zuströmen.

18 Ja, es ist kein Wunder, dass die Sonne schon auf die alten und ältesten Völker einen besonders starken Einfluss ausgeübt hat. Und wenn auch wir erkennen, dass die Sonne — wie Lammer in seinem « Jungborn » sagt — die Lichtseele, das Urzeugende, Mütterliche, der wärmende, alltröstende Freund ist, so ist auch kein Wunder, wenn bei vielen von uns noch etwas übrigblieb von der Verehrung, von der alten Liebe zur Sonne. Es kommt ja auch nicht von ungefähr, dass die Stifter der drei grossen Kulturreligionen einem Sonnenland wie Vorderasien entstammen. So ist es auch nicht zu verwundern, dass die Nordländer schon seit Urzeiten mit sehnender Seele die Sonne suchen.

Wo bist Du? Trunken dämmert die Seele mir Von aller deiner Wonne; denn eben ist 's, Dass ich gelauscht, wie goldner Töne Voll der entzückende Sonnenjüngling Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach.Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die ihn noch ehren, hinweggegangen.Hölderlin. ) Als ein wahrhaft Glücklicher fahre ich gen Abend nach St. Antönien zurück. Kann ein Wintersonnentag noch mehr geben? Und ich fühle: lange wird das Glück in mir sein, still und innig.

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