Wo bleibt die sachliche, wissenschaftliche Gesamtbetrachtung?

Zum Artikel «Wir hoffen auf eine breite Diskussion über den Klimawandel», «Die Alpen» 05/2019

Ich bin mir absolut bewusst, dass der Mensch zur Klimaveränderung beiträgt. Aber in der ganzen Diskussion vermisse ich eine sachliche, wissenschaftliche Gesamtbetrachtung. Leider wird Klimaveränderung immer wieder auf die Kurzformel reduziert: Klimaveränderung = C02-Ausstoss. Und daran ist der Mensch schuld. So tönt es auch im Interview mit René Michel über die vorgesehene Unterstützung der Gletscherinitiative durch den SAC: «Der Mensch ist für die rasante Klimaerwärmung verantwortlich» – leider fehlt das Mit!

Ich möchte gerne einmal eine neutrale Betrachtungsweise sehen, die alle Einflüsse berücksichtigt, wie zum Beispiel den ständigen Vulkanismus, die Neigungsveränderung der Erdachse, das wandernde Magnetfeld des Nordpols, die Abnahme der Stärke des Jetstreams oder die Veränderung der Meeresströme. Die gegenwärtige Wärmephase und den damit verbundenen Gletscherrückzug auf den durch Menschen verursachten CO2-Ausstoss zurückzuführen (auch das Meer stösst bei Erwärmung CO2 in die Atmosphäre zurück), scheint mir zu einfach zu sein. Zum Beispiel trieben die Walliser in der letzten grösseren Wärmeperiode ihre Kühe über den Theodulpass. Die teilweise gepflasterten Saumwege sollen aus dem 13. Jahrhundert stammen, ihre Überreste sind noch heute zu sehen.

In der Neuen Zürcher Zeitung wurde ein Forschungsprojekt der ETH öffentlich. Dazu gehört eine Simulation der Gletscherbewegungen im Alpenraum über die vergangenen 115 000 Jahre. Gut sichtbar sind die Gletschervorstösse der vergangenen Eiszeiten, aber auch das praktisch völlige Verschwinden der Gletscher während der Wärmeperiode im Mittelalter. Gleichzeitig wird die Änderung der Meeresspiegel simuliert (www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2018/11/eiszeitensimulation-macht-gletscherausdehnung-sichtbar.html).

Man sollte sich auch Gedanken machen, was in der Bundesverfassung stehen soll(te) und was nicht. Es ergibt in meinen Augen keinen Sinn, wenn darin künftig steht, dass ab 2050 in der Schweiz keine fossilen Brenn- und Treibstoffe mehr in den Verkehr gebracht werden dürfen. Das ist Sache der Gesetzgebung und nicht der Verfassung. Aus diesen Gründen bin ich gegen eine offizielle Unterstützung der Gletscherinitiative durch den SAC.

Stellungnahme des SAC, Ressort Umwelt und Raumentwicklung

Es ist unbestritten, dass das Klima seit je auch natürlich variiert. Der Einfluss des Menschen übersteuert nun aber die natürlichen Schwankungen. Nur so kann die Wissenschaft die aktuell beobachtete Erwärmung und nicht zuletzt auch die Geschwindigkeit, mit der sie (und damit die Gletscherschmelze) abläuft, erklären.

Eine Volksinitiative kann nur Anpassungen in der Bundesverfassung verlangen, nicht auf Gesetzesebene. Wenn Bundesrat oder Parlament der Meinung sind, dass das Thema «nur» auf Stufe Gesetzgebung gehört, können sie einen indirekten Gegenentwurf machen. Die durch die Initiative angestrebten Ziele bis 2050 sind zweifellos eine grosse Herausforderung, ein Generationenprojekt. Aus Sicht der Initianten ist damit auch die Verankerung in der Verfassung berechtigt.

Philippe Wäger, Ressortleiter Umwelt und Raumentwicklung

Feedback