Wohin die Neugier führen kann

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VON WALTER MÜLLER, ZUG

Mit 1 Bild ( 49 ) Der Name « Rottal » spukte bereits vor den ersten bergsteigerischen Erlebnissen in meinem Kopf herum, was vermutlich auf die Lektüre des einmal aus der Schulbibliothek entlehnten Buches « Sagen und Legenden aus dem Lauterbrunnental » zurückzuführen war.

Wenige Jahre später, ausgefüllt mit beruflicher und weiterer Ausbildung, war ich ein begeisterter Alpinist mit bereits etwas eingestauchten Hörnern, aber immer noch vom Rottal, seinen Eiswänden und seinem Gletscher träumend. Mit Vorliebe wählte ich Touren, die mir wenigstens aus Distanz einen Blick in mein Traumgebiet boten. So war ich denn häufiger Gast der Mutthornhütte, von welcher aus man eine sehr gute Sicht auf das Rottal geniesst. Der damalige Hüttenwart, Fritz Gertsch sen., erklärte mir mehrmals die Rottal-Route, und mit seinem Feldstecher studierte ich die Wand, während wir vor der Hütte auf dem Mäuerchen sassen. So reifte in mir der Entschluss, mit dem Rottal persönlich Bekanntschaft zu schliessen.

Es war im Schönwettersommer 1936, am Freitagabend, den 7. August. Mein Rucksack stand fertig gepackt für eine Eistour vor dem elterlichen Haus bei Bern. Da tauchte plötzlich mein Kamerad auf und meldete mir, er könne leider nicht auf die geplante Rottal-Jungfrau-Tour mitkommen Etwas enttäuscht beschloss ich, allein zu gehen, wenigstens den Hüttenaufstieg und vielleicht den Weiterweg bis auf den inneren Rottalgrat auszukundschaften, damit mir, wenn es einmal ernst gelten sollte, ein Teil des Weges bereits bekannt wäre. Den Rucksackinhalt reduzierte ich trotz der « Umplanung » nicht.

Was ich als « Stift » am darauffolgenden Samstagvormittag geleistet habe, entzieht sich heute meiner Kenntnis; jedenfalls entliess mich mein Lehrmeister, selber ein Alpen-Clübler, bereits um 11 statt um 12 Uhr mit der Bemerkung, ich sei « rottalsturm » und für nichts mehr zu gebrauchen. Auf mein « Danke schön » rief er mir nur noch nach: « Aber pass uf! » worauf ich so rasch als möglich verschwand, damit er sich nicht etwa noch anders besinnen könnte.

So radelte ich denn nach dem Mittagessen los Richtung Thun, Interlaken, Stechelberg, wo ich das Vehikel im Hause Gertsch einstellte. Nach kurzer Verschnaufpause ging 's weiter Richtung Rottal.

Die gemütliche, aber stetige Gangart im Gebirge hatte ich mir schon damals angewöhnt. Irgend-einem interessanten Thema nachgrübelnd, bemerkt man die aufsteigende Müdigkeit kaum und kann bald feststellen, bereits eine ansehnliche Höhe erreicht zu haben. So war es auch damals nach der vierstündigen Velofahrt. Die Dämmerung erreichte mich erst weit oben bei den Drahtseilen. Mutterseelenallein setzte ich mich dort hin zum Abendbrot, und plötzlich vernahm ich ein dumpfes Krachen. Aha, der Rottalgletscher! Nach wenigen Minuten stand ich droben auf der Moräne und bestaunte im Licht der letzten Tageshelle den wild zerrissenen Gletscherabbruch, aus dessen Masse heraus fast ununterbrochen ein Krachen, Stöhnen und Ächzen drang. Hier drin also sollten die Seelen der schlechten Menschen des Lauterbrunnentales verbannt sein? Es schien wirklich so. Nachdenklich stieg ich auf der Moräne weiter, während die Schatten an den gegenüberliegenden Eiswänden hinaufkrochen. In der völligen Dunkelheit - der Mond ging erst später auf —verlor ich weiter oben im grossen Trümmerfeld den Weg oder, besser gesagt, die Wegspuren, fand aber doch bald die über die Felsen unterhalb der Rottalhütte herabhängenden Seile und wenig später die Unterkunft. In der Meinung, einziger Gast zu sein, legte ich mich sogleich zum Schlafen nieder.

Nach kurzem, festem Schlaf weckten mich Stimmen, und ich sah drei Touristen im Scheine einer Laterne ihre Wolldecken zusammenfalten und dann in die Küche verschwinden. « Also doch nicht allein », dachte ich und versuchte weiterzuschlafen, was aber nicht mehr gelingen wollte. Die Neugier, wie es da droben aussehen werde, liess mir keine Ruhe. Nachdem die drei Touristen die Hütte verlassen hatten, stand ich ebenfalls auf und schaute zum Fenster hinaus. Wunderbares Wetter! Der Mond konnte noch nicht lange aufgegangen sein. Nach gründlicher Wiederherstellung der Ordnung stieg ich ebenfalls hinab und fand in der Küche noch genügend warmes Wasser für den Morgentee und die Feldflasche. Dann ging 's an die Anpassung meiner Ausrüstung zur geplanten Orientierungsfahrt: « Pickel und Steigeisen kommen mit, man kann nie wissen, ob doch noch vereiste Stellen anzutreffen sind; das Seil bleibt hier, ich bin ja sowieso allein; Proviant reichlich für einen halben Tag; der Regenschutz bleibt hier, die Windjacke dagegen wird eingepackt, vielleicht ist es kühl weiter oben; das Geld bleibt hier, ich könnte es höchstens verlieren. » Mit Ausnahme der Taschenlampe und der Apotheke wanderte alles Weitere in einen Korb. Die Hüttentaxe steckte ich in ein Täschchen, welches ich in den Holzkasten warf. Nun konnte es los- gehen! Wenige Schritte hinter der Hütte beginnt die blockige Halde, an welcher im Zickzack der mehr oder weniger gut markierte Pfad steil in die Höhe führt. Die drei Touristen schienen den inneren Rottalgrat bereits erreicht zu haben, denn ein Licht bewegte sich rasch nach rechts oben. Als ich diese Stelle ebenfalls erreichte, begann der Morgen zu dämmern. Ich setzte mich auf dem breitrückigen Grat nieder und hielt Umschau. « Hier bin ich also schon am vorgesehenen Ziel, noch bevor die Sonne aufgeht, und noch habe ich nichts Interessantes erlebt. Schade für den schönen Sonntag », sinnierte ich. Irgendwie fühlte ich mich enttäuscht. Da erinnerte ich mich an die Routenbeschreibung im Berner Alpenführer, Bd. IV, und an die Angaben meines Freundes Fritz Gertsch, wonach oben auf dem inneren Rottalgrat ein Schneegrätchen anzutreffen sei, wo die Schwierigkeiten erst beginnen würden. Bis dort hinauf wären also keine Unannehmlichkeiten ernster Art anzu- treffen. Sogleich hängte ich meinen Rucksack wieder um und ergriff den Pickel. Jetzt war ich wieder zufrieden und stieg munter weiter den Grat hinan. Dieser ist anfangs noch breit und harmlos, wird aber bald unpassierbar und muss über plattige Felsen und viel Geröll links umgangen werden. Den Abschluss dieser Platten bildet das Schneegrätchen, auf welchem ich die drei Touristen einholte. Nach einer eher kühlen und knappen Begrüssung erklärte ich ihnen, nicht weiter zu kommen, denn hier würden die Strapazen beginnen und diesen wolle ich mich als Alleingänger nicht aussetzen. Diese seien gar nicht so schlimm, meinte der eine, und damit hatte er meine Neugier bereits geweckt, so dass ich mich entschloss, doch noch ein paar Meter weit mitzugehen, um zu sehen, welcher Art diese Schwierigkeiten sein würden.

Unterdessen war es hell geworden. Die höchsten Gipfel westlich von uns, Breithorn, Balmhorn, Doldenhorn und die Blümlisalp-Gipfel, erstrahlten bereits in der Morgensonne, während es bei uns im Schatten noch angenehm kühl war, ganz ideal zum Klettern.

Nun brachen die drei angeseilt auf, und ich schloss mich ihnen ohne Sicherung an. Nach einigen Minuten erreichten wir das erste fixe Seil, das wir bei den guten Verhältnissen ( trockener Fels, steinschlagfrei ) kaum benötigten, ebensowenig das kurz darauf folgende, sich in einer blockigen Rinne befindliche zweite Seil. Hier wurde mein Vordermann von einem Stein getroffen, zum Glück ohne schwere Folgen, und ich bot ihm aus meiner Apotheke essigsaure Tonerde an, wobei sich allerdings herausstellte, dass das Flaschen leer war. Immerhin konnte der Mann weitersteigen. Etwas langsamer ging es jetzt zwar, und oberhalb der Rinne überholte ich als Jüngster die drei und übernahm die Spitze. Eine Begeisterung hatte mich erfasst,und solange ich für den Abstieg im Alleingang keine allzugrossen Schwierigkeiten sah, dachte ich gar nicht an eine Umkehr. Nun erinnerte ich mich wieder an die Erklärungen von Fritz Gertsch: « Nach dem zweiten Seil nach rechts halten, nicht gerade hinauf, sondern über eine kleine Wandrippe hinüber in steilen, aber gut gestuften Fels. » Hier war also diese Stelle, und, die drei beinahe vergessend, kletterte ich leichtfüssig, aber mit aller Vorsicht weiter, etwa zwei Seillängen, dann rechts über die Rippe hinüber. Schon sah ich etwa drei Seillängen über mir das dritte fixe Seil, eingerahmt von grossen Eiszapfen. Darüber erschien fast greifbar nahe der Hochfirn. Ich glaube, ich wäre damals gleichsam aus einem wunderbarenTraum erwacht, hätte mich jemand an eine rechtzeitige Umkehr gemahnt. Jetzt geriet ich erst recht in Begeisterung und erstieg die Wand bis unter das leicht überhängende Felsband, wo die Dreierpartie wieder aufschloss. Nun mussten wir einige Meter über die vereisten Felsen nach rechts klettern. Zum Teil vor und zum Teil hinter den dicken Eiszapfen durch, uns mit der linken Hand am Felsen festhaltend und mit der rechten den Pickel führend, bahnten wir uns einen Durchgang, und bald hielt ich das dicke Hanfseil in den Händen, an welchem ich mich unverzüglich über das Felsband hinaufzog. Oben steckten noch einige Stahlstäbe, bei welchen ich auf meine Kollegen wartete, um nachher sofort über die nun wieder eisfreien Felsen weiterzusteigen. Nach kurzer Zeit erreichte ich die obersten Felsen, welche ebenfalls mit Stahlstiften ausgerüstet waren, und stand dann unmittelbar vor dem einige Meter zurückliegenden und leicht ersteigbaren Hochfirn. Nun ging 's nochmals ein kleines Stück weiter bis zum flachen Teil des Firnes. Dort setzten wir uns und überblickten den weitern Weg bis zum Jungfraugipfel. Die möglichen Folgen meiner « verlängerten » Orientierungsfahrt kamen mir allerdings noch kaum zum Bewusstsein. Ich setzte meine Schneebrille auf, trank einen Schluck Tee und kaute ein paar dürre Zwetschgen. Hunger hatte ich, wie meist beim Aufstieg, nicht. Bald brachen wir gemeinsam Richtung Sattel - zwischen Wengen-Jungfrau und Hauptgipfel - auf. Kurz davor schalteten wir nochmals eine Verschnaufpause ein. Der Jungfrau-Gipfel aber erschien mir noch sehr hoch, was vermutlich auf die zahlreichen vertikal verlaufenden Rippen in der Schneewand vorgetäuscht wurde, aber zu meiner Überraschung erreichten wir ihn bereits nach etwa 15 Minuten.

Es war ein wunderbarer, wolkenloser Tag und die Fernsicht geradezu ideal. Wir sahen den Mond und einzelne helle Sterne trotz der starken Sonnenstrahlung. Natürlich benützte ich nun meinen Photoapparat, welcher mir damals wichtiger war als eine Uhr. Die Zeit schätzte ich nach dem Stand der Sonne, denn mit meinem Velo war ich ja nicht von einem Fahrplan abhängig. Es war etwa 10 Uhr, fast windstill und eben der richtige Moment für eine geruhsame Gipfelrast. Der Ausblick auf die grandiose Umgebung liess in mir keine Gedanken über den Abstieg und die Heimkehr aufkommen. Doch nach etwa einer Stunde war es dann so weit. Was jetzt? Über die Rottalwand hinab? Vor der Wand selber hatte ich allen Respekt, obgleich ich sie nicht fürchtete. Aber mit dem Eis unter dem Felsband durfte ich mich ohne Seilsicherung nicht einlassen. Ich kam mir vor wie ein unerfahrenes Kätzchen, das, einmal auf einem Baum, aus lauter Angst immer nur aufwärts statt abwärts klettert. Angst empfand ich zwar nicht eigentlich, dazu waren das wunderbare Gipfelerlebnis und meine jugendliche Unternehmungslust zu intensiv; doch meldeten sich im stillen etliche Bedenken, von denen meine Gefährten allerdings keine Ahnung hatten.

Schliesslich standen wir auf, schnallten unsere Steigeisen an, über die ich wieder einmal mehr sehr froh war, und mit Freude und Dankbarkeit nahm ich das Angebot meiner Kameraden an, zu ihnen ans Seil zu kommen. Noch einmal warfen wir einen Blick in die Runde, und der Abstieg Richtung Rottalsattel begann. Schritt um Schritt in guten und festgefrorenen Stufen näherten wir uns dem Sattel, auf welchem nochmals kurze Rast gehalten wurde.

Der Abstieg über die steile Eistreppe durch den Gwächtentunnel des Rottalsattels, über die bereits aufgeweichten Firnhänge sowie der Aufstieg zum Joch verliefen ohne Zwischenfall. Inzwischen war es sehr heiss geworden, und wir waren recht froh, das Berghaus zu erreichen. Schon wollte ich dort einen kühlen Trunk bestellen, als mich der Gedanke durchfuhr, dass ich ja gar kein Geld bei mir hätte. Das lag friedlich drüben in der Rottalhütte. Nun gut, Wasser würde auch genügen! Ich drückte mich in den Schatten eines Felsens und überprüfte meinen Proviant, wobei ich mit Erleichterung feststellte, dass ich wenigstens noch genügend zu essen hatte: Brot, Käse und dürre Zwetschgen. Den Tee hatte ich ausgetrunken! Soweit in Ordnung, aber die Weiterreise blieb mir ein Rätsel. Sollte ich sofort Richtung Lötschenhütte losziehen? Geht nicht: zu riskant und zu heiss. Ebensowenig Berglihütte. Oder sollte ich meinem Lehrmeister telephonieren, damit er seinen Lehrling heraushole? Dazu war ich zu stolz. Und meine Eltern konnte ich um diese Zeit nicht erreichen. Schliesslich kam mir doch eine Idee: Entschlossen stand ich auf, ging zur Station der Jungfraubahn, wartete dort, bis die Gelegenheit günstig war und meldete mich dann beim Stationsbeamten zu einer Unterredung. Ich erzählte dem freundlichen Mann, was geschehen war, meine momentanen Sorgen, und bat ihn um eine Fahrkarte nach Eigergletscher. Dafür offerierte ich ihm das einzige Dokument, das ich auf mir trug, den SAC-Ausweis, als Pfand. Im Verlaufe eines ernsthaften Frage- und Antwortspiels liess sich der Beamte offenbar von meiner Redlichkeit überzeugen. Er gab mir eine Fahrkarte - und darüber hinaus aus seiner eigenen Tasche etwas Geld für Verpflegung und Unterkunft im Berghaus. Dafür behielt er meinen Ausweis, und ich stellte ihm mit frohem Herzen eine Quittung aus.

Nach einer ausgiebigen Ruhepause verbrachte ich mit meinen Kollegen einen wunderbaren Abend im Berghaus, und zu günstiger Zeit telephonierte ich meinen Eltern, damit sie sich nicht schon wieder um ihren ältesten Bengel ängstigen mussten. Frühzeitig suchten wir unsere Pritschen auf.

Am Montagmorgen verliess ich mit dem ersten Zug das Berghaus. Bei der Station Eismeer konnten die wenigen Passagiere ein paar Minuten in die gigantische Gletscherwelt hinausschauen, und bald darauf stieg ich am Eigergletscher aus. Es war noch früh und gerade so recht frisch zu einem Dauerlauf über die Mettlenalp und rechts des Trümmelbaches einen sehr steilen Fussweg hinab ins Lauterbrunnental. Mein Ziel war, wenigstens nachmittags wieder an der Arbeit zu sein, um mir als « Stift » im letzten Lehrjahr kein allzu grosses Schuldenkonto aufzubürden. Im Schnellschritt erreichte ich Stechelberg und meldete mich bei der Familie Gertsch. Dort holte ich mir auch die Adresse des Rottalhüttenwartes, welcher ebenfalls in Stechelberg wohnte. Zum Glück war jemand zu Hause, und ich erzählte kurz meine Geschichte. Man versprach mir, meine Effekten bei nächster Gelegenheit im Laufe der Woche herabzubringen ( schon am darauffolgenden Sonntag konnte ich in Stechelberg meine Siebensachen in Empfang nehmen ). Dann ging 's pedalenderweise ohne Aufenthalt nach Hause, wo ich gegen Mittag eintraf. Am selben Abend noch schickte ich dem Stationsbeamten das Geld, und ebenso prompt sandte er mir meinen Ausweis zurück.

Über den Empfang meines Lehrmeisters am Nachmittag schweige ich lieber... Er kann es aber nicht allzu ernst gemeint haben, denn ein leises Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Neugierig war ich später noch mehrmals, aber nie mehr gelang es der Neugier, die Vernunft zum Schweigen zu bringen.

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