Wohin steuert die Kletterentwicklung? Internationales Pressetreffen der Berg- und Kletterzeitschriften in Orpierre von Anfang September 1999

Zentrales Ziel dieses erstmals und in einem kleinen, sympathischen Rahmen stattfindenden Pressetreffens war die Diskussion des aktuellen Standes und der künftigen Kletterentwicklung. Dabei ging es einerseits darum, sich ein Bild der Wünsche und Bedürfnisse der Kletterinnen und Kletterer zu machen, und anderseits die daraus besonders für den Routencharakter, die Ausrüstung und für das Verhältnis zur Natur notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

In dem primär auf die drei Länder Frankreich, Deutschland und die Schweiz ausgerichteten Diskussions-kreis wurde deutlich, dass sich Klettern in seiner breitensportlich ausgerichteten Form heute - und in absehbarer Zukunft noch verstärkt - vor allem in bestens abgesicherten Routen der Schwierigkeitsgrade 3 bis 6a (UIAA ca. Ili bis VI) abspielen wird. Im Bereich dieser Plaisirkletteraktivität bietet sich die Chance, die Freude an der Natur auf breiterer Basis zu vermitteln. Durch ein familien- und kin-derfreundliches Kletterumfeld bzw. eine entsprechende Infrastruktur lässt sich dies noch zusätzlich fördern. Plaisirklettern ist - im Gegensatz zum sog. Abenteuerbergsteigen - für Paare und Familien mit Kindern besonders geeignet, weil jeder und jedes das ihm zusagende Betätigungsgebiet (in der gewünschten Schwierigkeit) am gleichen Ort selber suchen und finden kann.

Heute lässt sich eine polysportive Entwicklung feststellen, die sich aus dem Bedürfnis ergibt, mehrere Sportarten - auch Natursportarten - im selben Gebiet, gegebenenfalls am selben Tag, zu betreiben. Damit rücken einerseits die Ein-Seillängen-Routen mit kurzen Zustiegen in den Mittelpunkt des Interesses, und anderseits sind - neben dem Klettern -weitere Aktivitäten wie z.B. Canyoning, Mountainbiken, Höhlenbefah-rungen und Klettersteigtouren1 gefragt. Ungeachtet, ob sie geführt sind oder nicht, bieten sie dem Besucher ein Naturerlebnis von bleibendem Wert. Dabei wird dieses Naturerlebnis stark von den positiv einstim-menden und motivierenden Faktoren innerhalb eines Gebietes bestimmt. Das bedingt allerdings, dass dort eine entsprechende Entwicklung überhaupt angestrebt wird. Die bisweilen feststellbare Tendenz, den Menschen möglichst aus der Natur «herauszuschützen», bringt demgegenüber immer engmaschigere Regelwerke, mit deren Hilfe Bewegungsfreiheit - und damit Freude - zunehmend erstickt werden. In Frankreich - so natürlich auch in Orpierre - steht dieser letztere Weg kaum zur Diskussion. Plaisirklettern als breitensportliche Form einer Natursportart wird vielmehr als Mittel verstanden, um Mensch und Natur zusammenzubringen. Kletterer gelten meist als umweltbewusst, ruhig, sympathisch und angenehm und nicht primär als «naturnutzende Schädlinge». Entsprechend viel wird für die Plaisirkletterer getan. Konflikte sind auch da nicht ausgeschlossen, doch werden sie vor allem dort, wo die einheimische Bevölkerung die touristische Bedeutung erkennt, mit einem Minimum an Beschränkungen beigelegt.

Dem Plaisirklettern als breitensportlicher Form des Kletterns kommt heute ein eigenständiger und ernst zu nehmender Stellenwert zu - auch für den Aufbau einer Beziehung zur Natur! Das hat man inzwischen bei den Bergsportzeitschriften realisiert, wo das Schwergewicht verstärkt auf den « Plaisircharakter » gelegt wird. Entsprechend gilt dies auch für die alpinen Vereine - zumindest wenn sie dem von ihnen verkündeten breitensportlichen Anspruch gerecht werden wollen.

Sicher ist Plaisirklettern nicht die einzige und allein Erfolg versprechende Förderungsform für eine Mensch-Natur-Beziehung im Bergsportbereich. Ebenso verfügen nur wenige Orte über ein derart geeignetes Felspotenzial wie Orpierre. Für jedes Klettergebiet, ungeachtet, ob es nur ein paar Routen oder deren Hunderte aufweist, gilt jedoch gleichermassen, dass «Plaisir» als Synonym für Freude einen vorzüglichen Einstieg bietet, um Menschen für die Natur zu begeistern. Aus diesem Blickwinkel, aber auch im Sinne einer Förderung des sanften Tourismus3 wird in Frankreich Plaisirklettern als Chance verstanden und auf breiter Front unterstützt.

Damit tut man sich im deutschen Sprachraum schon wesentlich schwerer. Das gilt vordringlich dort, wo mit einer sich kritischer Hinterfragung entziehenden Selbstverständlichkeit Plaisirklettern pauschal als «plattes Konsumvergnügen» abgetan wird. Eine solche im Sinne eines Gut-Böse-Schemas moralisierend auftretende Sichtweise läuft auf eine Diskriminierung aller «Andersdenkenden» hinaus. Das verbaut gleichzeitig das Verständnis für neuere Formen der Beziehungsmöglichkeiten zwischen Mensch und Natur. Wer mit erhobenem «sportethischem» Zeigefinger nach Reglementen, Regelungen, Selbstbeschränkungen (denen man sich «mutig» und «freudig» zu unterwerfen hat) ruft, sucht das Heil in einer immer weiter gehenden Bevormundung. Sollte man sich nicht statt dessen bemühen, Menschen vermehrt über eine - ganzheitliche - Freude zu gewinnen? Über jene Freude nämlich, die nicht zuletzt von der Freiheit lebt, jener Aktivität nachzugehen, die Freude bereitetAuch als Plaisirkletterer!

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