Zinalrothorn

VON MAGDA BOSSART, LAUSANNE

Mit 2 Bildern ( 113, 114 ) Beinahe ehrfürchtig setze ich diesen Namen und bin von neuem von dem Zauber gebannt, der sich während eines langen Tages in einmaliger Vielfalt uns zwei Bergsteigern preisgab.

In einem Tourenführer hatte ich in der Beschreibung über die Cabane Mountet die prickelnden Worte gelesen «... der horche um 2, 3, 4 Uhr morgens bei sternenklarem Himmel hinaus und höre den Klang der Eispickel und sehe kleine Menschen hinaustreten und ernst und ruhig ihren grossen Bergen entgegensteigen ». Welch ein Sehnen hatten diese Worte in mir entfacht, und meine Ferienpläne lauteten klar und einfach « Cabane de Mountet », schwiegen damit und hofften leise doch mächtig weiter.

Monsieur Oscar, der Hüttenwart und sein Bub Armand brachten im letzten Moment noch allerlei kuriose Hilfsmittel hervor, darunter sogar eine Strickleiter. Monsieur Oscar konnte trotz grosser Mühe seine ungläubige Miene nicht verhehlen und meinte zu meinem Begleiter, während dieser sich die Schuhriemen knöpfte, beinahe mahnend, man müsse trotz allem sich bewusst sein, dass « es » eben doch nur ein kleines Mädchen sei ohne Bergerfahrung im Hochgebirge und man seine Hilfsmittel daher unbedingt einpacken müsse. Mein Führer lächelte verständnisvoll und zwinkerte mir zu, ob ich bereit sei.

Dann wurde auch für mich der lange Traum Wirklichkeit, und die Dämmerung oder besser der anbrechende Tag nahm zwei Menschen auf und versprach ihnen die besten Wetterverhältnisse.Bereits legte sich das stille Rot auf die eisige Nordflanke der Dent Blanche, und auch das unberührte, steile Gipfelfeld des Gabelhorns lag verklärt in der ersten Morgensonne. Nein, unberührt war es nicht mehr, denn mein Begleiter hatte zwei Tage zuvor als Alleingänger seine Spuren hinaufgezogen.

Über die Seitenmoräne des Glacier Durand führte uns der Weg auf die kleine Forclaz hinauf, die bereits zum ersten Schluck mahnte und unsere Blicke schweifen hiess, zurück zur trauten Hütte, hinüber zu der entfesselten Gletscherwelt, die sich in mächtigen Seraks zur Tiefe wälzt. Bereits lagen auch die Felszacken des Besso im Licht, und mir schien, die ganze Bergwelt freue sich mit uns und lächle bereits unserm Sieg entgegen.

Wir setzten unsern Weg fort und verliessen die Moränenblöcke, um weiter zu steigen über weite Schneefelder, die fast ohne Spalten sind. Ich folgte getreulich den Spuren meines Führers, solange es gut ging, zuckte aber jedesmal schnell zur Seite, wenn er einsackte, und wiegte mich triumphierend auf der Oberfläche.

Ein steiler klassischer Grat, die Arête Blanche, zog seine sonnengetränkte Linie hinauf zu den ersten Felsen des Rothorns. Beinahe atemlos hackte ich meine Eisen in die Kante und wagte kaum hinunterzublicken in die blanken Abschüsse, die sich in unheimlicher Steilheit in das Tal der Navigence verlieren. Plötzlich erhob sich ein starker Wind, der unsere Schritte beinahe trieb und jagte und mir die nahenden Felsen wie einen schützenden Hort vorkommen liess. Wie froh waren wir, als der Wind schwächer wurde, so dass die Kletterei in dem herrlich festen Granit zu einer wahren Freude ward. Bald langte ich stolz in die ausgesetzte Kante des Rasoirs und wartete auf das « Klitsch » der Leica. Ja, solch luftige Positionen sind die Mühe wert, aufs Papier gebannt zu werden. Wir lachten und waren überzeugt, dass Magda am Rasoir dem Prospekt von Zinal einen würdigeren Aspekt gäbe, als dies der Kletterer tat. Luftige Kletterei, tiefe « Briefkästen » und vor allem beinahe nichts Loses, das sind die verlockenden Wahrzeichen des Rothorns. Nachdem auch La Bosse und einige weitere Türme und Kanten, immer herrlich ausgesetzt, erstiegen waren, folgten wir der Gratwächte entlang, die glücklicherweise dann und wann einige Felsabschüsse freigab, denen ich jedesmal pochenden Herzens entgegensteuerte und dann erlöst aufatmete.

Zwei glückliche Gipfelstunden liessen uns beinahe den Weg zurück vergessen. Wozu auch sich beeilen, nichts kündete einen Wetterumsturz an.

Noch hatten wir einige leichte Felskanten zu passieren, da bauten sich im Westen Wolkentürme auf, die sich drohend näherten und über unsere Berge zu wälzen schienen. Zwei Gestalten kämpften sich auf einer weissen, exponierten Kante vorsichtig gegen den Col hinunter. Ununterbrochen liess der dräuende Himmel seine Blitze zucken und niederfahren; uns schien, als hätten sie ihr vernichtendes Ziel direkt auf uns gerichtet. Hagelsteine prasselten auf uns nieder, und bei jedem Schritt fanden wir uns bis zum Bauch in den Schneemassen gefangen. Endlos schien der Weg zum Col, und gleichzeitig bewegten wir uns beide vorwärts, was eher einem hoffnungslosen Einsacken gleichkam, ohne weitgehende Seilsicherung. Wie eingepanzert stacken wir nach jeder Bewegung im Schnee. Alles Ziehen und Scharren war vergebliche Mühe, liess nur die Kräfte schwinden. Der Pickel hatte sich als Helfer und Befreier einmal mehr erwiesen; ich werde es ihm nie vergessen. Höhnisch züngelten die Blitze um uns - es musste sein - wir pflanzten die Pickel tief in den Schnee und gruben uns dann ein Stück weiter unten auch leicht ein. « Occupe-toi du Weisshorn und lass uns nun endlich in Ruhe », schrie mein Begleiter dem Gewitter zu. Ein riesiger Nebelkessel schien sich über die ganze Welt unter uns zu entleeren, und wir hofften nur, dass alles so schnell, wie es gekommen war, auch wieder vorüber sein würde. Da stahl sich auch schon ein Fetzen blauen Himmels durch die grauen Wolkenwände hindurch. « Die Sonne leuchtet uns zum Siege », war mein begeisterter Ausruf. Wir blickten uns glücklich und erlöst an. Mein Führer hatte wieder sein aufmunterndes Lächeln und fragte herzlich: « Magda, le moral est toujours bon? » Ganz durchnässt und todmüde ( ich wenigstens ), jedoch überglücklich, erreichten wir die Moräne und sprangen über die Blöcke, was für meinen Teil eher mit Schwanken zu bezeichnen wäre.Dann lugte uns plötzlich ein schwacher Schein entgegen; es war eine Laterne, mit der Armand uns den Weg erleichtern kam. In der Hütte angelangt entpuppte endlich auch der brave Oscar seine Heldenseite, indem er Gläser und Gemüter nicht zur Ruhe kommen liess und unsere Fahrt auf eine Weise kommentierte, die mich oft vor Entrüstung aufspringen liess. Der alte Fuchs hatte uns nämlich während der ganzen Tour mit seinem Teleskop von A bis Z verfolgt und fand nun seinen Spass daran, mich nochmals die Gipfelkletterei erleben zu lassen, und tischte uns, mit seinem trockenen Humor gewürzt, all jene Momente auf, wo ich, wie er meinte, die Geduld meines Führers auf eine harte Probe gestellt hatte.

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