Zu den Gletschern Westnorwegens. Hardangervidda und Jostedalen

Foto: Jürg Alean

D I E A L P E N 7 / 2 0 0 3 uf der Fahrt durch den Oslofjord schüttet es wie aus Kübeln. Die Fähre bahnt sich durch trüb- graue Regenschleier auf dem engen Meeresarm ihren Weg nach Norden. Wir fragen uns, ob unsere Freunde Recht behalten würden mit ihrer Prophezeiung:

« Sommerferien in Norwegen? Da ist es doch nur kalt und nass !» Doch bereits am ersten Morgen in Oslo erwartet uns ein strahlend blauer Morgenhimmel. Ein kräftiges Hochdruckgebiet hat sich über Skandinavien installiert, und Sonnenschein werden wir in den nächsten Tagen noch reichlich geniessen.

Erdbeeren statt Packeis

Wetter und Klima in Norwegen sind für Vorurteile, aber auch für angenehme Überraschungen gut. Ein dauerver- regneter Sommer ist möglich, doch keineswegs garan- tiert. Geradezu bemerkenswert sind die Temperaturver- hältnisse: Bergen mit seiner durchschnittlichen Jahres- temperatur von +7,. " " .8 °C ist praktisch gleich warm wie Zürich – bei einer nördlichen Breitenlage von 60° und immerhin fast 1400 Kilometer näher beim Nordpol! An geschützten Lagen landeinwärts, zum Beispiel am Hard- angerfjord, stehen prachtvolle Obstbäume, und in den Gärten reifen Erdbeeren und Himbeeren. Nirgends auf der Welt ist es auf 60 Grad nördlicher Breite milder als in Westnorwegen. So liegen die Temperaturen auf der an- deren Seite des Atlantiks, an der Südspitze Grönlands, rund sieben Grad tiefer. Diese klimatischen Vorzüge ver- dankt Norwegen dem Golfstrom, der die gesamte Küste des Landes bis weit nördlich des Polarkreises auch im strengsten Winter eisfrei hält, während anderswo auf gleicher Breite Packeis die Küsten monatelang ver- schliesst. Und doch gibt es hier Gletscher, von denen einige sogar mächtig vorstossen sollen. Klar, dass also die norwegischen Gletscher ihre Existenz mehr den reichlichen Schneefällen als den tiefen Temperaturen verdanken.

Nährboden der Eiszeitgletscher

Zunächst geht unsere Fahrt von Oslo Richtung Westen zur Hardangervidda. Nachdem wir die Waldgrenze beim Wintersportort Geilo unter uns gelassen haben, errei- chen wir die bei norwegischen Wanderern äusserst be- liebte Hochebene. Auf 1000 bis 1200 Metern erstreckt sich über Dutzende von Kilometern eine sanft gewellte Landschaft mit Hunderten von kleinen und grossen Seen T E X T / F O T O S Jürg Alean, Eglisau

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Den Gletschersee Nigardsvat- net gab die Zunge des Nigrads-bre erst in der Zeit von 1942 bis 1953 frei.

D I E A L P E N 7 / 2 0 0 3 WISSENSCHAFT UND BERGWELT Der Wasserfall Vøringsfossen am Westrand der Hardangervidda stürzt sich in ein glazial geformtes Trogtal, das in den Hardangerfjord mündet. Mit der Fähre unterwegs im Nærøyfjord, dem schmalsten und steilsten Nebenarm des Sognefjords Fotos: Jürg Aleanq D I E A L P E N 7 / 2 0 0 3 und flach geschliffenen Rundhöckern aus Gneis, unter- brochen von vereinzelten kantigen Felsbrocken. Vor gegen hunderttausend Jahren « begann » hier die letzte Eiszeit. Mehrmals verschlechterte sich das Welt- klima innerhalb der letzten zwei Jahrmillionen derart drastisch, dass die Schneegrenze um mehrere hundert Meter sank. Auf den Hochebenen Skandinaviens ver- mochte der im Winter gefallene Schnee im Sommer nicht mehr vollständig abzuschmelzen. Grosse Firnflächen breiteten sich rasch über das Land aus, wuchsen zu Glet- schern und Eiskappen, die unter ihrem eigenen Gewicht langsam, aber unaufhaltsam sowohl nach Westen zum Atlantik als auch nach Osten und Süden Richtung Ostsee zu fliessen begannen.

Auf dem Höhepunkt der jeweiligen Kaltzeiten lag ganz Skandinavien unter einem Eisschild, ähnlich wie heute noch Grönland. Das letzte Mal erreichte die eiszeitliche Vergletscherung ihren Höhepunkt vor rund 18 000 Jah- ren. Fast viertausend Meter dick war damals die Eismasse dort, wo sich heute der Bottnische Meerbusen erstreckt.

Eisströme trugen Felsblöcke bis nach Dänemark sowie nach Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpom- mern in Deutschland, wo sie heute als Findlinge aus nor- wegischem und schwedischem Granit liegen. Abgelager- Auf der Fahrt zur Hardangervidda: Stabkirche im Hallingdal Blutschneealgen verfärben im norwegischen Sommer diesen Schneerest auf der Hardanger- vidda rot.

D I E A L P E N 7 / 2 0 0 3 WISSENSCHAFT UND BERGWELT tes Moränenmaterial bildete in diesem Gebiet sowie im Norden Polens idyllische Seenlandschaften, die sich nach Osten bis in die Baltischen Staaten fortsetzen.

Vor etwa 12000 Jahren stiegen die Temperaturen wie- der an, und der baltische Eisschild schmolz rasch ab. Die zuvor durch die enorme Last der gewaltigen Eismasse buchstäblich eingedrückte Erdkruste « federte » gleichsam zurück. Noch heute, nachdem die eiszeitlichen Gletscher längst verschwunden sind, hebt sich das Land, insbeson- dere in Schweden, weiterhin jedes Jahr um mehrere Milli- meter, weshalb die Ostsee laufend kleiner wird.

Gleich von der Strasse aus sieht man den Hardanger- jøkulen, eine Eiskappe, die sich sanft über die höchsten Bergzüge erstreckt. Diese, wie auch die weitaus grössere des Jostedalsbreen, ist aber keineswegs ein Überbleibsel aus der Eiszeit! Vor rund 8000 bis 6000 Jahren wurde nämlich ein Klimaoptimum erreicht, bei dem wahr- scheinlich alle Gletscher Norwegens vollständig abge- schmolzen sein dürften. Es gibt ja auch keine sehr hohen Berge, auf denen sich kleine Eismassen über Wärme- perioden hinweg hätten retten können – der Glittertind mit 2570 m ist der höchste Punkt Norwegens. Vor rund 5000 Jahren verschlechterte sich dann das Klima wieder, und es bildeten sich erneut erste kleine Gletscher. Ihre maximale Ausdehnung erreichten sie während der so genannten Kleinen Eiszeit vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Algen, die ersten Immigranten

Auf der Hardangervidda wandern wir über Rundhöcker und Tundra und treffen gelegentlich auf Schneereste aus dem letzten Winter – teilweise rot gefärbt! Wie bemalt sehen jene Schneeflecken aus, auf denen sich Blutschnee- algen ( Chlamydomonas nivalis ) breit machen. Sie gehö- ren zu den wohl merkwürdigsten Pflanzen, die man sich vorstellen kann, existieren aber auf allen Gletschern und Schneewehen Norwegens und kommen auch im Alpen- raum vor. 1 Die Algen sind einzellig und bewegen sich mit Hilfe von schwingenden Geisseln. Bei der Schneeschmel- ze erwachen sie aus der Winterruhe und « schwimmen » im Schmelzwasser zur Oberfläche. Dort beginnen sie mit der Fotosynthese, schützen sich aber gleichzeitig mittels roter Pigmente vor dem prallen Sonnenlicht. Wird die Sonneneinstrahlung zu intensiv, schwimmen sie weiter in den Schnee hinein, was dazu führt, dass sich die roten Flächen täglich ändern können. Im Herbst kapseln sich die Algen mit einer dicken Schale ein und halten bis zum nächsten Frühjahr Winterruhe. Wahrscheinlich gehören sie zu den ersten Pflanzen, die am Ende der letzten Eiszeit die hohen Lagen Skandinaviens besiedelten und dabei – wie heute noch – die Nahrungsgrundlage für andere kleine Organismen wie Insekten, Hohlwürmer, Krebs- tiere und Pilze bilden. Die Blutschneealgen stehen am untersten Ende der Nahrungskette als wichtiger Teil des Ökosystems auf und um Gletscher.

1 Vgl. ALPEN 5/1998 Wasserkraft wird in Norwegen auch in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gletschern ge- wonnen. Dadurch entstehen für die Gletscherforschung nützliche Impulse. Ende August schwimmen auf dem Stausee Styggevatn noch immer Eisschollen.

Nigardsbre Absperrseil Wanderweg Nigardysvatne Foto und Skizzen: Jürg Alean Kartenskizze der Situation an der Zunge des Nigardsbre zum Zeitpunkt des im Text beschrie- benen Beinahe-Unfalls: Von Norden her rückt die Zunge des Gletschers zwischen steilen Bergflanken ( grau ) über den Talboden ( hellbeige ) vor. Gletscherbäche ( dunkelblau ) gelan- gen über mehrere Kaskaden in den See Nigardsvatnet. Ein Absperrseil soll Touristen daran hindern, sich der gefährlichen Eisfront zu nähern. Der rote Punkt bezeichnet die Position der im Text beschriebenen zwei Personen, die bei einem Wasser-taschenausbruch beinahe ums Leben kamen.

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Fjell und Fjord

Westnorwegens Tälern und Fjorden nähert man sich am besten von der Landseite her, um so die Überraschung am Rand des sanft gewellten Hochlandes, dem Fjell, zu erleben: Von der Hardangervidda senkt sich das Gelände westwärts zunächst nur zögernd. Doch unverhofft er- reicht die Strasse den Rand einer jäh abfallenden Steil- stufe. Tosend stürzt sich der prachtvolle Vøringsfossen zu Tal. In schauriger Tiefe leuchtet ein Regenbogen. Die eiszeitlichen Gletscher waren auf der Westseite, sozusa- gen in Sichtweite des offenen Atlantiks, besonders aktiv.

Damals wie heute luden die Westwinde hier am meisten Schnee ab, gleichzeitig waren die Temperaturen eher höher als weiter landeinwärts. Die Folge waren schnell fliessende Eisströme mit grosser Erosionskraft, die im Verlauf der verschiedenen Eiszeiten – inzwischen weiss man, dass es viel mehr als vier gewesen sein müssentiefe Trogtäler ausschliffen. Gletscher können, ganz im Gegensatz zu Flüssen, sich unter den Meeresspiegel einfressen. Nirgends wird dies offenkundiger als am Sognefjord, dem « König der norwegischen Fjorde »: 1243 Meter misst seine tiefste Stelle, rund 200 Kilometer weit greift er ins Land hinein.

Fährschiffe und Katamarane sind in einer Gebirgsland- schaft unterwegs, als würden sie von Lugano aus die Alpen durchqueren, um in Schaffhausen vor Anker zu gehen.

Grösster Gletscher Europas

Über eine Länge von 80 Kilometern und eine Fläche von 487 Quadratkilometern erstreckt sich nördlich des Sognefjords die grösste zusammenhängende Eismasse ganz Festlandeuropas, der Jostedalsbreen – noch grös- sere Gletscher gibt es nur auf den allenfalls Europa zuzu- rechnenden Inseln Islands und Spitzbergens. Vom ziem- lich flachen Gletscherplateau – zwischen 1750 bis knapp -4000 -3800 -3600 -3400 -3200 -3000 -2800 -2600 -2400 -2200 -2000 -1800 -1600 -1400 -1200 -1000 -800 -600 -400 -200 0 200 191019201930194019501960197019801990 Fåbergstølsbreen Austerdalsbreen Nigardsbreen Stegholtbreen Briksdalsbreen Norwegen 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 -4000 -3800 -3600 -3400 -3200 -3000 -2800 -2600 -2400 -2200 -2000 -1800 -1600 -1400 -1200 -1000 -800 -600 -400 -200 0 200 Gr. Aletschgletscher Steingletscher Morteratschgletscher Schweiz 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 Zungenveränderungen ausgewähl- ter westnorwegischer und schweizerischer Gletscher. Null bezeichnet die Position der Gletscherzungen im Jahr 1910. Nach unten führende Kur- ven zeigen einen Rückzug der Zunge in Metern, ein Ansteigen einen Vor- stoss. Beim Nigardsbre und dem Steingletscher sind die Kurven für jene Zeiten unterbrochen, während deren der Gletscher in einen See mündete. Mit beinahe vier Kilometern Rückzug im 2O. Jahrhundert übertrifft der Nigardsbre den grössten Zungenrückzug aller Schweizer Gletscher, nämlich jenen des Grossen Aletschgletschers. Allerdings stossen in den letzten Jahren einige der vermessenen norwegischen Gletscher wieder vor.

WISSENSCHAFT UND BERGWELT 2000 Meter – strömen auf alle Seiten « Auslassgletscher » talwärts, wobei einer bis auf eine Höhe von nur noch 100 m ü. M. hinunterreicht. Einige überwinden den Hö- henunterschied über spektakuläre Eisfälle, so zum Bei- spiel der prächtige Bergsetbreen. Eine besonders schöne Wanderung führt aus einem Nebental des Jostedalen zu seiner Zunge, vorbei am Weiler Bergset, wo im Juli fleis- sig Heu eingebracht wird. Dies spricht für seine ge- schützte Lage im Lee des Jostedalsbreen. Weiter gehts über ein geradezu klassisch schönes Gletschervorfeld zu einem von einem Birkenwald überwachsenen Trümmerfeld spätglazialer Moränen und dann in ein offenes Gelände, das in der Kleinen Eiszeit zweifellos noch eisbe- deckt war. Darauf stösst man auf eine Gletscherzunge, wie sie in den Alpen zur grossen Seltenheit geworden ist:

Mächtig aufgewölbt und mit steiler Front signalisiert die Stirn des Bergsetbre, dass dieser am Vorstossen ist.

Der Bergsetbre hat einen kleinen, aber gefährlichen Nachbarn. An der orografisch linken Talflanke « klebt » die steile Zunge des Baklibre, von der 1989 unerwartet rund 150 000 Kubikmeter abbrachen und als Eislawine ins Vorfeld des Bergsetbre hinunterrasten und eine nieder- ländische Familie töteten. In Form und Aussehen er- innert der Baklibre ein wenig an den Allalingletscher und seinen verheerenden Gletschersturz im August 1965. 2 gesetzt, der schon bald durch die vorstossende Gletscherzunge überfahren werden wird.

Von der steilen Stirn des Nigardsbre abgebrochene Eisblöcke. Eistrümmer haben bereits dem kleinen Baum zuq

Vorstoss und Rückzug

Gut bekannt sind die Zungenveränderungen des Ni- gardsbre, wird doch seine Stirne seit 1908 jährlich vermessen. Dank historischen Dokumenten kann sein Verhalten sogar bis ins frühe 18. Jahrhundert rekonstru- iert werden. Allein von 1710 bis 1735 stiess er um 2800 Meter vor und zerstörte dabei einen Grossteil der Weiden des Hofes Nigard. Einige Jahre stagnierte dann die Zunge kaum 100 Meter von den Wohn- und Wirt- schaftsgebäuden entfernt. Dann stiess sie erneut vor und zerstörte sowohl Nigard als auch einen weiteren Hof. Wie in den Alpen erreichten auch die norwegischen Glet- scher im Verlauf der Kleinen Eiszeit einen Hochstand, von dem sie sich Ende des 19. und während des 2O. Jahr- hunderts zurückzogen – als Reaktion auf eine Klima- erwärmung um mehrere Grad Celsius. Von 1942 bis 1953 gab die sich zurückziehende Zunge des Nigardsbre den schönen See Nigardsvatnet frei, zu dessen Ufer heute eine Fahrstrasse führt. Dort stehen Touristenboote bereit, die zum eigentlichen Gletscher- rand fahren. Die anstrengendere, aber reizvollere Vari- ante führt über einen Wanderweg entlang des orografisch linken Seeufers, wobei dieser fast einstündige Marsch be- sonders eindrücklich den Gletscherrückzug innerhalb der letzten Jahrzehnte zeigt. 2 Vgl. ALPEN 9/2001 Foto: Jürg Aleanq D I E A L P E N 7 / 2 0 0 3 WISSENSCHAFT UND BERGWELT Weil in Norwegen, ähnlich wie in den Alpen, die Be- völkerung ihren Siedlungs- und Wirtschaftsraum bis in unmittelbare Nähe der Gletscher ausgedehnt hatte, war man sich der von den Eismassen ausgehenden Gefahren stets bewusst. Die Veränderungen wurden sorgfältig beobachtet und beschrieben ( vgl. Skizzen S. 33 ). Diese Tradition begründet die heute wichtige internationale Stellung der norwegischen Gletscherforschung. Insbe- sondere die Technik der so genannten Massenbilanz- messungen 3 wurde durch norwegische Glaziologen per- fektioniert und auf mehreren Gletschern Norwegens Jahr für Jahr durchgeführt.

Beinahe-Drama am Eisrand

Zum Abschluss unseres Aufenthalts im Jostedalen werde ich Zeuge eines denkwürdigen Ereignisses mit dem Nigardsbre in der Hauptrolle. Nach einem eher wolken- verhangenen Nachmittag klart der Himmel auf. Da die Tage hier im Sommer viel länger sind als in der Schweiz, breche ich noch spät auf, um die Gletscherzunge zu besuchen. Im Gletschervorfeld halten sich auch noch andere Touristen auf. So komme ich zu einigen aussage- kräftigen Aufnahmen, weil dank Personen im Bildvor- dergrund die Grösse der Eismasse besser nachvollzogen werden kann. Blau leuchtet das klare Eis der steil aufge- wölbten Gletscherstirne. Sie endet hier auf blank ge- schliffenem Granituntergrund, über den sich der Glet- scherbach in mehreren Kaskaden zum See Nigardsvatnet hinunterstürzt ( vgl. Skizze S. 32 ). Das Gelände unmittel- bar vor der Eisfront ist abgesperrt. Trotz Hinweistafeln können viele Touristen die Gefahren nicht abschätzen – später zeigt sich, dass auch ich falsche Prioritäten im Kopf habe. Plötzlich steigt eine Gruppe Jugendlicher über das Absperrseil. Von Felsbuckel zu Felsbuckel springend überwinden sie den reissenden Gletscherbach, um an den Eisrand zu gelangen. Zwei von ihnen kehren 3 Vgl. ALPEN Gletscherbericht 10/1998, 10/1999 Frontalansicht der Zunge des Nigardsbre Anfang August 1999 Über der Hardangervidda und ihrer Seenlandschaft erheben sich Felsbuckel, die während der Eiszeit vom Inlandeis rund geschliffen wurden. Die weisse Fläche im Hintergrund sieht aus wie eine tief liegende Wolke, doch handelt es sich dabei um die Eiskappe des Hardanger-jøkulen.

Fotos: Jürg Aleanq D I E A L P E N 7 / 2 0 0 3 bald um, da ihnen der Bach doch zu breit ist, zwei andere schaffen mit weiteren Sprüngen die gefährliche Passage.

Als schliesslich jeder von ihnen auf einem winzigen Inselchen steht, schwillt der Gletscherbach plötzlich mächtig an. Schätzungsweise vervierfacht sich die Wasserführung innerhalb weniger Minuten. Den wag- halsigen Jugendlichen ist der Rückzug abgeschnitten, und ihre Inselchen werden kleiner und kleiner. Bald steigt ihnen das Wasser über die Schuhe, und es sieht ganz danach aus, als würden sie nächstens fortge- schwemmt. In aller Eile lasse ich meine Fotoausrüstung liegen und renne flussabwärts, um nach Stellen zu su- chen, wo ich sie allenfalls herausziehen könnte. Zum Glück hat die Natur ein Einsehen, und buchstäblich in letzter Sekunde steigt das Wasser nicht mehr weiter an.

Die zwei jungen Männer können sich in ihrer prekären Lage halten. Und als der Pegel langsam sinkt, können sie – sichtlich unter Schock stehend – den Rückzug auf trockenes Gelände wagen. In der ganzen Aufregung und im Bemühen, Hilfe zu leisten, habe ich nicht mehr ans Fotografieren gedacht.

Was ist geschehen? Zum plötzlichen Anschwellen des Gletscherbachs hat wohl der Ausbruch einer Wasser- tasche geführt. Immer wieder werden unter oder im Eis mehr oder weniger grosse Schmelzwassermengen ge- staut, zum Beispiel wegen eines vorübergehend verstopf- ten subglazialen Kanals. Völlig unerwartet kann dann dieses Wasser die unsichtbare Sperre überwinden und als Flutwelle aus dem Gletscher hervorbrechen. Grosse Wassertaschenausbrüche haben auch in den Alpen schon zu Katastrophen mit Todesopfern geführt, nicht zuletzt deshalb, weil man dem Gletscher oberflächlich nicht das Geringste ansah. Nie hätte ich gedacht, dass ich je selber Zeuge eines derartigen, eher seltenen Ereignisses werden würde. Einmal mehr ist mir bewusst geworden, dass Naturgefahren dort die grössten Risiken mit sich bringen, wo sie nicht als solche erkannt oder von Menschen be- wusst ignoriert werden. a Literatur Faugli P. E., Rye N. und Lund C.: Gletscherflüsse, Wasserkraft – Jostedalen in Norwegen; Norges vassdrads- og energiverk. Universität Bergen & Statkraft 1998. ISBN 82-410-0340-4 Wold B., Ryvarden L.: Jostedalsbreen – der grösste Gletscher Norwegens.

Boksenteret Forlag 1996. ISBN 82-7683-091-9 Kjøllmoen B. ( ed. ): Glasiologiske undersøkelser i Norge 1999; Norges vassdrads- og energidirektorat ( und vorhergehende Jahrgänge ) 2000.

Konvex aufgewölbte Zungen wie die des Bergsetbre sind charakteristisch für vorstossende Gletscher. Rechts oben ist der gefährliche, kleine Hängegletscher Baklibre erkennbar. Einer der zahlreichen, von der Jostedalsbreen-Eiskappe herunterfliessenden « Auslassgletscher » ist der eher unschein- bare Stegholtbre. Typisch ist die geringe Bedeckung mit Moränenmaterial, die darauf zurückzuführen ist, dass sich in seinem Akkumulationsge- biet wenig apere Felspartien befinden, aus denen Gesteinsmaterial auf die Eisoberfläche stürzen kann.

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