Zu den Zeichnungen von Gottfried Strasser

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Von Max Irmige..

Es steht nirgends geschrieben, dass der Künstler nur das Erhabene, das Gewaltige der Alpennatur schildern dürfe. Ebensowenig, dass er durch strengen Aufbau und durch Rhythmisierung im Sinn Hodlers das Typische der Berglandschaft herausarbeiten müsse. Unsere Berge sind reich an grossartigen Erscheinungen, aber sie sind es nicht minder an idyllischen Ruhepunkten, braunen, an den Hang hingeklebten Dörfern, sonnigen Matten, reizvollen Baumgruppen. Und diese Vorwürfe sind es, die Gottfried Strasser mit Vorliebe gestaltet. Nicht dass ihm die Kraft mangelte, um einen Gebirgsstock in seiner ganzen Grösse und Unnahbarkeit wiederzugeben. Eine ganze Reihe von Blättern mit Motiven aus dem Wallis ( Festihorn, Barrhorn ) und aus den Berner Alpen ( Jungfrau, Steghorn, Gadmenflühe ) beweisen es. Aber immer wieder zieht es ihn zur Idylle hin.

Vor allem hat es ihm Grächen angetan, jenes hoch über der Zermatter Visp zwischen Stalden und St. Nikiaus gelegene Walliser Dörfchen. Von allen Seiten hat er es darzustellen versucht, bald von oben, um die braune, vom Kirchturm überragte und zusammengefasste Häusergruppe zu zeigen, bald von unten, um die Häuserreihe mit ihrer zackig-lebendigen Silhouette gegen den Himmel abzusetzen. Einmal wieder zeigt er es eingebettet in Matte und Wald, überragt von steilen Bergen, ein andermal führt er uns in ein kleines Nachbardörfchen, nach Binen, wo aus den dunklen Häusern die kleine Kapelle hell hervorleuchtet. Auch ins Innere der Häuser und Hütten führt er uns. Da sehen wir in die Ferienküche Grächen hinein, dort lässt er uns einen Blick in die Cabane Bordier am Riedgletscher tun.

Mit feinem Strich, mit gutem Gefühl für starke Schwarzweisswirkungen gestaltet er diese im Format anspruchslosen und gerade darum so reizvollen Blätter, denen sich andere aus der Gegend von Haudères, von Gadmen etc. beigesellen. Und mit demselben feinen Gefühl für intime Stimmung, mit derselben Ehrfurcht vor dem Naturvorbild zeichnet er Arven, Föhren, Lärchen, lässt er einen einsamen Heustadel über einem stillen Tümpel aufsteigen. Mit zu des Zeichners köstlichsten Schöpfungen gehören jene Blätter, auf denen er ein wildes Bergwasser zwischen Felsblöcken sich hindurchzwängen lässt. Wie gesagt: es sind keine heroischen Landschaften, die uns Strasser zu bieten hat, es sind kleine, zumeist idyllische Ausschnitte aus der Riesenwelt der Alpen. Aber sie sind mit sicherm Können gestaltet, von warmer Liebe zum Vorwurf erfüllt und erscheinen uns deshalb als zarte, liebenswerte Meisterwerke.

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