Zürcher Sportkletterszene im Rückblick. Vom Bockmattli zur Zuma Beach

Zürcher Sportkletterszene im Rückblick.

Vom Bockmattli zur Zuma Beach

Rückblicke sind immer mit Veränderungen gekoppelt, so auch im Klettern. Für den Autor des folgenden Beitrags liegt der Wechsel von schweren Bergschuhen und Trittleitern zu profillosen Kletterfinken und Inox-Bohrhaken noch kein Vierteljahrhundert zurück. Sein persönlicher Rückblick skizziert die Entwicklung von Klettergebieten im Sog der Grossstadt Zürich.

Klettergeschichte kann an verschiedenen Aspekten aufgezeigt werden, beispielsweise anhand der Ausrüstung: Als ich 1974 erstmals vom Kürzel KCÜ Kenntnis bekam, gehörten schwere Bergschuhe und Trittleitern zur Standardausrüstung. Der Kletterclub Üetliberg ( KCÜ ) mit Thomas Götz, Michi Wyser, Roland Heer und Martin Scheel absolvierte als leistungsorientierte Gruppe in den Nagelfluhfelsen am Üetliberg, auf der Westseite des Uto-Kulm, wöchentlich ein hartes Klettertraining. Ich schloss mich dieser Gruppe an und erstand mir 1978 die ersten profillosen Kletterfinken – ein Riesenschritt in Richtung der einfacheren Bewältigung schwieriger Routen wie des Brown-Risses ( VI+ ) an der Aiguille-Blaitière-Westwand ( Mont-blanc-Gebiet ). Durch unser regelmässiges Training verbesserten wir die Ausdauer, erhöhten die Maximalkraft und konnten immer schwierigere Einzelpas-sagen bewältigen. Und so gelangen uns zunächst anspruchsvollste Boulder-Rou-ten im Klettergarten. Damit war aber auch die Zeit gekommen, das erreichte Können in hohe, noch unberührte Wandbereiche der Alpen zu übertragen. Es war dann Martin Scheel, der im September 1978 an der Nordwand des Bockmattli-Föhrenturms eine kühne Neutour realisierte, die den Namen « Superlative » erhielt. In der Schlüsselseillänge galt es, im Grad VI+, in einer absolut senkrechten, feingriffigen Rinne, zehn Meter über den letzten Haken zu klettern und dabei die Nerven nicht zu verlieren.

Die Nordwand des Grossen Bockmattliturms. Die Route « Supertramp » führt durch die glatte Platte rechts der Verschneidung in der Wandmitte.

Martin Scheel im Nachstieg in der 9. Seillänge der Route « Supertramp » anlässlich der Erstbegehung Der Autor beim Bouldertraining in den Nagelfluhfelsen des Klettergartens Üetliberg bei Zürich Fo to :G rego r B eni so w its ch Fo to :A rc hi v Beni so w its ch DIE ALPEN 9/2002

Bockmattli – Free Trip, Supertramp und Andromeda Wir beschlossen, im Bockmattli weitere Erstbegehungen zu versuchen. Bis anhin hatte es niemand gewagt, in die gewaltige zentrale Platte der 400 m hohen Nordwand des grossen Bockmattliturms, westlich des Klassikers der Altmeister Max Niedermann und Peter Diener, einzusteigen. An der rechten Begrenzung dieser Platte eröffneten Martin und ich die Neutour « Free Trip », bevor wir uns an der eigentlichen Direttissima abmühten. An einem Tag konnten wir höchstens ein bis zwei Seillängen einrichten. Akkubohrmaschinen existierten noch nicht, und so mussten wir die Bohrhaken von Hand schlagen, was ein rasches Vorankommen erheblich erschwerte. Beim oberen Quergang ging es dann nur noch mit Seilzug-Unterstützung weiter. Der Name « Supertramp » mit mehreren Seillängen im siebten und achten Grad ( UIAA ) war 1980 zutreffend, galt sie doch als die schwierigste Sportkletterroute im gesamten Alpenraum. Die zweite freie Begehung wurde von Wolfgang Güllich und die dritte von Beat Kammerlander realisiert. Wegen der grossen Hakenabstände – Güllich soll infolge eines Griffausbruchs 20 Meter gestürzt sein – ist die Route bis heute ein ernsthaftes Unternehmen geblieben. Gegenüber dem kleinen Bockmattliturm lockte die beeindruckende Nordkante des Schibergs, die sich direkt über dem « Kletterhüttli » senkrecht bis überhängend in die Höhe schwingt. Eine Herausforderung, die sich dann in der Schlüsselstelle zwar leichter als erwartet herausstellte, aber trotzdem noch den siebten Schwierigkeitsgrad erreichte:

Erstbegehung der Route « Supertramp » am Grossen Bockmattliturm: im grossen Quergang der 1O. Seillänge Fo to :Ma rt in Sc heel Foto: Gregor Benisowitsch DIE ALPEN 9/2002

« Andromeda » wurde sehr bald zu einem Klassiker und gehört nach wie vor zu den beliebtesten Sportklettereien im Gebiet.

Chöpfenberg – Via Grischa und Isenburg Die Wege der KCÜ-Mitglieder begannen sich zu trennen: Martin hinterliess an den Kirchlispitzen im Rätikon seine Spuren und stiess am Mount Arapiles ( Australien ) als erster Sportkletterer mit « Punks in the Gym » in den oberen zehnten Schwierigkeitsgrad vor, obwohl schliesslich Güllich die Rotpunktbegehung dieser Route für sich verbuchen konnte. Thomas Götz realisierte meist zusammen mit Michi Wyser zahlreiche äusserst anspruchsvolle Neutouren, viele davon im 9. und 1O. Schwierigkeitsgrad, und Roland Heer machte mit spektakulären Kletteraktionen in der Schloss-berg-Westwand auf sich aufmerksam. Mich selber lockte in unmittelbarer Nachbarschaft des Bockmattlis der Chöpfenberg, ein mächtiges, nur selten besuchtes Kalkmassiv, mit direktem Blick auf den schönen Zürichsee, mit dem westlichen, noch vollkommen unberührten Bereich der breiten Nordwand und dem auffälligen Risskamin. Diese Passage erreicht man nach zwei Seillängen über eine Bilderbuch-Ver-schneidung und eine griffarme Platte. Der schulterbreite Risskamin ( Schwierigkeitsgrad 7+ ) zieht sich leicht überhängend und abdrängend bis zu einer ersten Verengung nach oben. Die Route « Via Grischa » beendete ich erst 1986. Zehn Jahre später sanierte ich diese Linie mit zusätzlichen Bohrhaken und konnte anschliessend die erste Rotpunktbegehung realisieren.

Der gewaltige, auf der Westseite liegende Wandabbruch des Chöpfenbergs, Isenburg genannt, liess die Türme des Bockmattlis bezüglich Steilheit weit hinter sich. Auf einer Länge von gut 100 m hängt die Wand mehr als zwanzig Meter nach aussen. Die Erstbegehung mit Georg Furger verkam schliesslich zur Materialschlacht mit handgeschlagenen Bohrhaken, Fixseilen und Standplätzen an umgebauten Gartenstühlen, um das endlose Warten im stark überhängenden Fels für den Sicherungspartner erträglicher zu gestalten. Die Route hat auch aus heutiger Sicht viel zu bieten, denn jede der fünf Seillängen besitzt ihren unverkennbaren Charakter: Risse, Verschneidungen, Piazschuppen, Quergänge, plattige Stellen, Überhänge und Dächer. Die enorme Steilheit der Route liegt absolut im Trend, und da mindestens der 9. Grad gefordert wird, kommt auch bei Spezialisten keine Langeweile auf. Was neben der Rotpunktbegehung bis heute noch fehlt, ist die durchgehende Absicherung mit Inox-Bohrhaken.

Vorder Mattstock – Zuma Beach Traditionell ausgerichtete Kletterer mieden anfänglich die Kletterhallen wie der Teufel das Weihwasser – und auch die Sportkletterwettkämpfe. Wer die Hallen aber entdeckte, hatte ungeahnte Möglichkeiten, seine Kletterfähigkeiten weiterzuentwickeln und neue Projekte in Angriff zu nehmen. Das galt auch für eine mehr als 15 Jahre nach dem « Supertramp » noch unberührte Wand bei Amden, am Fusse des Vorder Mattstocks. Das Gebiet « Zuma Beach » ist voll nach Süden ausgerichtet und bietet eine einmalige Aussicht auf den Walensee und die Glarner Alpen. Die Routen sind zwischen 20 und 35 Meter lang. Die Kletterei ist anspruchsvoll, erfordert Bewe-gungsfantasie und eine gute Fusstechnik. Die Schwierigkeiten liegen zwischen 6a+ und 7b/c. Vielleicht erreicht die schwierigste Route ( « Orco » ) sogar den französischen 8. Grad. Der bekannte Spitzenkletterer Boris Häusermann hat mir zu-

Abendstimmung am Chöpfenberg. Die Route « Via Grischa » verläuft durch den mittleren Teil der Nordwand. Beim Gratab- bruch auf der rechten Seite handelt es sich um die stark überhängende sonnenbeschienene « Isenburg ».

Blick auf den Vorder Mattstock ( r. ) und die Felsen der Zuma Beach ( l. ), im Vordergrund Alp Hasenboden Fo to :G rego r B eni so w its ch Fo to :T horn as Sutt er DIE ALPEN 9/2002

gesichert, « Orco » einmal näher anzuschauen.

Das Einrichten des Gebietes wäre beinahe – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Auge gegangen. Wieder einmal war ich alleine vor Ort, hing am Toprope-Seil und fixierte mich an einem Cliff in der leicht überhängenden Wand. Als ich die Bohrmaschine gegen den Fels drückte, erhielt ich einen fürchterlichen Schlag ins Gesicht. Benommen hing ich im Seil und realisierte, wie mir das Blut übers Gesicht rann. Zuerst glaubte ich, ich sei von einem verirrten Gewehrprojektil eines Jägers getroffen worden. Doch dann wurde mir klar, was vorgefallen war. Der Cliff war infolge der Zugbelastung ausgebrochen und wie ein Geschoss – knapp unterhalb des rechten Auges – gegen mein Gesicht geprallt. Zum Glück begegnete ich beim Abstieg ins Tal keiner Wandergruppe. Eine Platzwunde musste später vom Arzt, der meine Erklärungen über den Unfall ungläubig zur Kenntnis nahm, genäht werden. Dass die Rotpunktbegehung des Gebietsklassikers « Zuma » ( eine harte 7a+ ) nach solchen Erlebnissen zur Pflicht wurde, versteht sich beinahe von selbst.

Isenburgs Berggeist Zur Klettergeschichte gehört – wie zu jeder Geschichte – das Kommen und Gehen. Aber immer gibt es Wände, die einen nicht loslassen. Für mich ist es die überhängende Linie an der Isenburg, die mir als hellgraues Dreieck in die Augen springt, wann immer ich in der Region Zürichsee unterwegs bin. Manchmal ists, als ob der « Berggeist » dieser Wand mich direkt herausforderte. Und wer weiss, welche Kletterer diesem « Berggeist » trutzen werden – sicher nicht mit Trittleitern und schweren Bergschuhen, sondern top ausgerüstet mit Kletterfinken, Expressschlingen und Magnesiabeutel. Mir jedenfalls bleibt die noch anstrengende Arbeit, die letzten Inox-Bohrhaken dort oben anzubringen. Vielleicht wage ich dann doch noch einen Rotpunktversuch, obwohl meine Erfolgsaussichten gering sein werden. a

Gregor Benisowitsch, Hütten Erstbegehung der « Isenburg » am Chöpfenberg: Rast im bequemen Gartenstuhl am zweiten Standplatz Das Klettergebiet Zuma Beach an der untersten Felsbastion des Vorder Mattstocks oberhalb des Walensees In der Route « Rastaman » ( 7b ) im Klettergebiet Zuma Beach in der Region Vorder Mattstock oberhalb des Walensees Foto: Thomas Sutter Foto: Thomas Sutter Foto: Georg Furrer DIE ALPEN 9/2002

ie Schweiz und Nepal sind auf den ersten Blick ähnliche, gebirgige Länder. Bei genauerer Betrachtung werden aber enorme Unterschiede sichtbar. Vielleicht ist es gerade dieser Spannungsbogen, der den Ausschlag gab, dass für die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit Nepal seit Jahren ein Schwer-punktland bildet.

Die Gemeinsamkeiten

Die Schweiz und Nepal haben viele Gemeinsamkeiten: Beide verfügen über eine alte staatliche Tradition, sind gebirgig, Binnenländer ohne Rohstoffe und können als primär agrarisch geprägte Transitländer sowie als Puffer-staaten im politischen Sinn gelten. Für beide Länder ist das Söldnerwesen keine Unbekannte – in Nepal lebt es mit den Gurkhas noch weiter. Was die Walser für die Alpen sind die Sherpas im Himalaya: Siedler, die höchstgelegene Vegetationsstufen kultivieren. Beide Länder verfügen über bedeutende Wasserkraftreserven und sind die Wasserschlösser für Millionen von Menschen. Die Schweiz und Nepal sind multikulturelle Staaten, die in

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Bernhard Rudolf Banzhaf, Saas Fee

T E X T / F O T O S

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