Zum 100-Jahr-Jubiläum in den Gelmerhörnern

Noch immer attraktives Klettergebiet

Wandten sich die Alpenpioniere anfänglich den hohen Bergen im « ewigen Schnee » zu – das Finsteraarhorn wurde 1829 und das Lauteraarhorn 1842 erstbestiegen –, wurden im Einzugsgebiet der jungen Aare die niedrigeren, aber technisch anspruchsvolleren Gipfel der Gelmerhörner erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erschlossen. Die Erstbesteigungen ab 1901 können 100 Jahre später als Freikletterei im wahren Sinn des Wortes bezeichnet werden.

Nähere Einsichten in das Bijou Gelmergebiet im zentralen Aaregranit sind nur zu Fuss in zwei- bis dreistündigem Aufstieg zu gewinnen. Von Chüenzentenn-len an der Grimselstrasse führt der Bergweg durch ein reiches Pflanzenschutzge-biet zum Gelmersee. Der Betonriegel des Staubeckens ist einmal mehr stummer Zeuge der polarisierenden Spannung zwischen Natur und Technik. Ein Rundweg um das schimmernde Gewässer lässt die Wahl, das Undrist Diechter auf dem einen oder andern Pfad zu erreichen. 560 Meter über dem Seespiegel steht die Gelmerhütte. Mit jedem Schritt bergwärts setzen sich über schäumenden Wasserfällen die Gelmerhörner immer eindrücklicher in Szene: eine herrliche Plattenlandschaft so weit das Auge reicht. Hoch über dem massigen Sockel beeindruckt das Chlys Gelmerhorn mit seinem überhängenden Gipfelblock; rechts schliesst das Grosse Gelmerhorn an, und der folgende lange Grat mit seinen kühnen Zacken und Türmen wird in die Gelmerspitzen 7 bis 1 unterteilt.

Chlys Gelmerhorn Inmitten einer schönen hochalpinen Szenerie bietet das Chlys Gelmerhorn – normalerweise im Rahmen der Überschreitung zum Grossen Gelmerhorn – eine klassische abwechslungsreiche Genusskletterei alpinen Zuschnitts, die auch beherzte Anfänger/innen begeistern kann. Die Schwierigkeiten liegen im 3. und 4. Grad, am Gipfelblock in luftiger Höhe bei 4+. Bis vor wenigen Jahren steckten kaum Haken in der Route. Seitdem auch hier Bohrhaken anzutreffen sind, lässt sich heute umso besser nach-empfinden, wie die nagelschuhbewehr-ten Pioniere an der Gipfelplatte buchstäblich « auf Granit gebissen » haben.

Erster Versuch – knapp gescheitert Nach der vorletzten Jahrhundertwende tat sich dank erstklassiger Führer unter anderen Helene Kuntze aus Deutschland als Neulanderschliesserin hervor. Eine ihrer ersten Fahrten mit Ulrich Fuhrer, Innertkirchen, und Kaspar Streun, Guttannen, hatte das Chlys Gelmerhorn zum Ziel. Die wagemutige Seilschaft stieg Anfang Juni 1901 vom damals natürlichen Gelmersee über den « Jägerstein » gegen P 2451 und querte östlich unterhalb des Grates zur südlichen Gelmerlücke hinauf. Am Südgrat gelangte sie glücklich bis auf den letzten Stand

Unterwegs zum Gelmersee; im Hintergrund das Ritzlihorn. Legföhren und Zwergsträucher helfen mit ihrem Wurzelwerk, die steile Flanke vor Erosion zu schützen.

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vor der Gipfelplatte. Fuhrer und Kuntze – Familienvater Streun war fürsorgli-cherweise von diesem Wagnis ausgeschlossen – schoben sich nacheinander auf Händen und Knien noch ein wenig höher mit dem vollen Bewusstsein, dass auf diesem höchst exponierten Block jede Hilfe durch das Seil illusorisch wurde. Wenige Meter vor dem ersehnten Ziel rutschten sie wieder zurück. Die ganz grossen Stunden und Tage von Helene Kuntze und ihrer Führer schlugen in den Gelmerspitzen und Engelhörnern dann erst in den folgenden Jahren.

Die Erstbesteigung Die entscheidenden letzten Schritte an der « wirklich grifflosen » Gipfelplatte waren in den damaligen Nagelschuhen offensichtlich nicht zu machen. Albert Weber, SAC Bern, stolzer Besitzer von Kletterschuhen, tat sich mit Führer Alexander Tännler, Innertkirchen, zusammen. Die beiden wagten sich als Erste an den vom Gletscher glatt geschliffenen Plattensockel im Diechtertal. Weber berichtete über das Abenteuer vom 9. Juli 1901 im SAC-Jahrbuch XXXVII. Leider besitze nur ich die hier absolut notwendigen Kletterschuhe. Mein Kamerad zieht die Schuhe aus, um in den Strümpfen nachklettern zu können. Das Seil wird angelegt... Glatte Felsplatten stellen sich uns entgegen. Die grösste Vorsicht ist notwendig, denn von Griffen und Halten für die Füsse ist sehr oft keine Spur, und öfters mehr klebend und zeitweise rutschend, alle Viere von sich streckend, wird Platte um Platte genommen. So fanden die beiden Kletterer ihren Weg in die südliche Gelmerlücke und weiter bis zu dem von der Partie Kuntze erreichten Stand am Gipfelblock. Wahrhaftig ein luftiges Plätzchen für zwei Mann. Auf drei Seiten der gähnende Abgrund, vor uns der Gipfel steil und wirklich grifflos. Die Sache scheint uns etwas heikel, aber sie sollte doch wenigstens probiert werden... Von unserem Standort aus zieht sich eine Art stumpfe Kante, immer steiler werdend, zum obersten Punkt. Nach dem ersten Drittel der Kante verflacht sich dieselbe auf eine Länge von 15 cm und mag dem Kletterer einen kleinen Ruhepunkt gewähren. Etwas Ruhe, einige Reserveatemzüge, und die Kletterei beginnt. Auf dem Bauche rutschend, mich mit Händen und Armen durch Andrücken haltend, mit den Knien und Füssen emporstemmend, gelange ich zu oben erwähnter Stelle. Wieder einige gute Atemzüge, und in gleichem Stile wird weiter geklettert; die Reserveatemzüge hatten Gutes geleistet, denn ich gebe meinen letzten aus, als ich die obere Kante erfasse und mich hinaufschwinge. Mein Kamerad folgt mir rasch nach und wir stehen beide glücklich auf dem Gipfel.

Die Gelmerhörner aus der Froschperspektive. Der helle Gipfelblock ist Wahrzeichen des Chlys Gelmerhorns Blick auf Gelmerhörner ( r. ), Gelmerhütte SAC und Gelmersee Fo to :W er ne r Sc hil d DIE ALPEN 6/2001

Der Abstieg erfolgte auf dem gleichen Weg in die südliche Gelmerlücke zurück und von da der abfallenden Rinne entlang kletternd und abseilend hinunter zur Gelmeralp. 17 1 / 2 Stunden nach ihrem nächtlichen Aufbruch in Guttannentrafen die beiden um 2O.30 Uhr in fröhlicher Stimmung im Grimsel-Hospiz ein.

Überschreitung Chlys Gelmerhorn, erster Abstieg in den Gelmersattel Nach der Ersteigung des Chlys Gelmerhorns war es nur eine Frage der Zeit, bis die Schwindel erregende Abseilfahrt in den Gelmersattel zum Lokalthema wurde. Eine eigentliche Abseiltechnik gab es damals noch nicht; Muskelkraft und mentale Stärke mussten dieses Handikap wettmachen. Gustav Hasler hatte von einem gescheiterten Versuch gehört und wusste, dass ohne Seil gar nichts zu machen war. Darum wurde in Guttannen unter anderem ein 20 mm dickes ge-meindeeigenes Seil erworben.

Schwer beladen brach die Seilschaft Gustav Hasler mit Führer Fritz Amatter, Grindelwald, am 19. August 1905, in mondheller Nacht von der Gelmeralp via die heikle Garwydiflanke zu ihrem Abenteuer auf. An der Gipfelplatte wurden auch sie auf eine harte Probe gestellt und mussten ihre Stiefel ausziehen, nachdem die « mutschen » Nägel ihrer Bergschuhe gar nicht « einhenken » wollten. Das Hinunterlassen auf der Nordostseite in gähnende Tiefen ging dank dem einem Tau ähnelnden Seil und ihren Bärenkräften gut vonstatten. Der Blick in die grosse Verschneidung zehrte allerdings an ihren Nerven, entglitt ihnen doch im Stress das mit einem halben Dutzend Knoten versehene Gemeinde-seil; zum Glück blieb es tief unten an einer zugänglichen Stelle liegen. Statt des bequemen dicken hatte nun ein höchst unbequemes dünnes Seil an Stelle des Ausreissers zu treten, und es blieb nichts anderes übrig, als dass sich einer von uns, überdies vom andern am Seidenseil gehalten, hinunterbegab, worauf unser entwichener Freund wieder emporgezogen wurde und einen grossartig bequemen Abstieg gestattete. Hinter dieser grossartigen Bequemlichkeit, die in der österreichischen Alpenzeitung vom Februar 1906 beschrieben wurde, verbarg sich ein riskantes Manöver, das einem heute die Haare zu Berge stehen lässt. Der weitere Abstieg durch die plattigen Kehlen der Diechter-flanke erheischte nochmals stete Aufmerksamkeit. Nach 12-stündiger Rundtour schlürften dann Hasler und Amatter unermessliche Quantitäten köstlicher Milch auf der Gelmeralp.

Grosses Gelmerhorn Das Grosse Gelmerhorn wird heute vor allem im Anschluss an das Chlys Gelmerhorn überschritten, entweder direkt vom Gelmersattel ( 5 ) oder über die leichte Westflanke, mit problemlosem Abstieg über den Nordgrat ins Mittlere Diechter.

Die erste Besteigung gelang Karl Knecht und Paul Montandon, SAC Bern, mit den Führern Heinrich Fuhrer, Innertkirchen, und Kaspar Streun, Guttannen, am 2. Juni 1902, und zwar von

Die Gelmerhütte, 2412 m, steht auf einem Felsvorsprung unterhalb der Moräne des Diechtergletschers. Auch sie ist Jubi-larin: Die Sektion Brugg SAC kann heuer das 75-jährige Bestehen ihres Clubheims feiern.

Fo to :R ob ert B ös ch Foto: Werner Schild DIE ALPEN 6/2001

der Garwydiflanke her über den Nordgrat. Der bequeme Zugang vom Mittleren Diechter in die nördliche Gelmerlücke war damals noch nicht bekannt.

Gelmerspitzen Die Süd-Nord-Überschreitung der Spitzen 7 bis 5, eine relativ lange Tour, ist an sich nicht viel schwieriger als die Traversierung der beiden Gelmerhörner, vorausgesetzt, dass die leichtesten Durchstiege gefunden werden. Klettertechnisch und orientierungsmässig stellt

« Völlig glatt und grifflos », wie die Pioniere sie sahen, ist die Gipfelplatte nach heutigen Begriffen auch wieder nicht. An ihrer Luftigkeit hingegen hat sich in 100 Jahren nicht allzu viel geändert.

NE-Seite Chlys Gelmerhorn. Etwas rechts der Gipfelfalllinie verlaufen die Abseilstellen, die erste auf die ausgeprägte Schulter, die zweite durch die markante Verschneidung in den Gelmersattel.

Am Gipfelblock Gelmerspitze 6. Idyllische Sicherungstechnik in den Sechzigerjahren mit – nach heutigen Begriffen – viel Selbst-und Gottvertrauen Fo to s:

W er ne r Sc hil d DIE ALPEN 6/2001

der Grat aber trotzdem einige Anforderungen; er wird heute mit S+ ( schwierig, obere Grenze ) eingeschätzt.

Die erste Überschreitung durch Helene Kuntze mit dem Führer Josef Lochmatter aus St. Niklaus und einem Träger am 25. September 1902 war jedenfalls eine Respekt erheischende Leistung. Frau Kuntze hat das Unternehmen in ALPINA 1902 leider nur mit einem einzigen Satz kommentiert: Der Grat bietet streckenweise eine sehr schwierige Kletterei und ähnelt darin am meisten den Aiguilles im Montblanc-Gebiet. Weitere Erschliessung in Stichworten 1938 erkletterten Hans Baumgartner und Hermann Wäffler die NE-Wand des Chlys Gelmerhorn vom Gelmersattel aus. Vermutlich in den Vierzigerjahren führten W. Rübenstahl und Gefährten die erste Nord-Süd-Überschreitung der Spitzen 5 bis 7 aus. Und ab 1963 begann eine junge Kletterergeneration Hand an anspruchsvolle Pfeiler und Wände zu legen.

Die meisten sich noch im Urzustand befindenden älteren Wege sind von gut abgesicherten Sportklettereien heutiger Prägung weit entfernt. Aber auch die neuen alpinen Routen strotzen nicht von Bohrhaken. Je nach Felsstruktur bleibt einiger Freiraum für individuelle Risiko-begrenzung – « Plaisir » kann auch aus dem Anbringen der eigenen Absicherung wachsen.

Als Haupterschliesser eröffneten Hannes Stähli von 1976 bis 1995 zehn neue Routen und Erik Detmer ab 1990 – ohne seine Neutouren an der « Burg » – zwölf neue Routen, darunter Klassiker wie der « Dornröschenschlaf ». 1

So sind die Gelmerhörner heute – mit den Klettergärten und Routen in Hüttennähe und an der « Burg » – für den alpinen Felsgänger vom Anfänger bis zum fortgeschrittenen Hobbykletterer ( bis zum 7. Grad ) ein faszinierender Spielplatz, der viel bietet und je nach Umstand auch einiges fordert. Zum Jubiläumsjahr 2001 werden zudem neue, gut abgesicherte Routen eingerichtet, in denen sich auch kleine Einsteiger/innen von den ersten Kletterschritten bis zum Vorstieg steigern können. Das Chlys Gelmerhorn, als 100-jähriger Gastgeber in der Runde, ist ungebrochen attraktiv ge-blieben. a

Werner Schild, Hasliberg 1 Nähere Angaben siehe SAC-Führer Urner Alpen 2, E. Detmer Gelmer-Auswahlführer Gelmerspitzen ( 5wilder Charme einer Urlandschaft in alpin-tektonischer Scherzone. Grate, Türme und Wände aus schönstem Granit wechseln mit vergneisten, veschieferten Felspartien.

Klettern: Ein Lebenselixier für jedes Alter! Mit 63 Jahren die Gipfelkante fest im Griff, und das auf der ersten Klettertour im Leben DIE ALPEN 6/2001

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