Zur Erinnerung an J. J. Weilenmann

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a ) Weilenmann und das ßautejöchl.

Auf Seite 166 des letzten Jahrbuches ( 1905 ) spricht Hr. Dr. Walder über den Ort, wo Weilenmann 1865 aus dem Moostale ins Paznaun überstieg ( Jahrbuch 1866, Seite 53 ). Es war zweifellos das weglose Rautejöchl ( vgl. die Karte der Ferwallgruppe des D. & Ö.A.V. ), welches zwischen der Küchlspitze und dem Eautekopfe westlich von der von Herrn Dr. Walder benutzten Doppelseescharte liegt. Diese entbehrte übrigens früher auch eines gebahnten Zugangweges, so daß von ihr als der „ richtigen Übergangsstelle " damals kaum die Rede sein konnte. Während Weilenmann über steile Schneefelder unschwierig aufstieg, wird sein Weg der starken Auslagerung halber heute mühsamer sein, indessen wird er bei der Besteigung der Küchlspitze häufig betreten.

Da Herr Dr. Walder von seinem Zusammentreffen mit Pöll erzählt hat, so mag auch über die weiteren, leider nicht erfreulichen Schicksale des „ Passeirers ", Jakob Pfitscher, des zweiten Führers Weilenmanns bei seinen Besteigungen des Piz Buin und der Crast'Aguzza berichtet werden. Pfitscher ließ sich einige Jahre später in Schönau, dem aus drei oder vier Höfen bestehenden obersten Weiler seines Heimattales, nieder, wo er das größte Anwesen, das auch wirtete, erworben hatte. Um 1890 herum wurde mir dann im öetztale erzählt, der kürzlich Gestorbene sei unglücklich verheiratet gewesen und allmählich an den Trunk gekommen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch etwas zu Weilenmanns Biographie im Jahrbuche von 1896 nachtragen. Er hat, wie er mir 1887 sagte, seine letzte Bergfahrt 1886 von dem Partnunhotel aus auf die Sulzfluh gemacht, nächtigte aber vorher, um den Weg zu kürzen, in einer Heuhütte. Seine Bedürfnislosigkeit kommt in origineller Weise in einem Histörchen zur Geltung, das mir einer der i Brüder Siegen in Ried erzählt hat. Als er mit Weilenmann auf das Bietschhorn gehen sollte, bat er um Vergrößerung des Brotvorrates, was jener mit den -, *,-.~-.

Worten zugab: „ Ihr Walliser wollt doch den ganzen Tag fressen und saufen. "

b ) Allerhand Etymologisches.

Der Name der Alp Fermunt, auf der die Hütte des „ P'seirers Jok's " Weilenmann Gastfreundschaft bot und heute das Madienerhaus des D. Ö.A.V. schon manche Mitglieder der nordöstlichen Sektionen des S.A.C. aufnahm, bietet dem Schweizer nicht allein philologisches Interesse. Man schrieb früher Vermunt, indem, wie in den übrigen durch Vorarlberg und Osttirol verbreiteten ähnlich anlautenden Talnamen, „ Ver " als „ Val " aufzufassen ist. Es hat aber klügere Leute gegeben, die damit nicht zufrieden waren. Staub schrieb einst ( Zeitschrift des D.. A. V. 1876, Seite 274 ) darüber so: „ Man bemüht sich schon seit ein paar hundert Jahren, in dieses Fermont, wie es zu diesem Zwecke geschrieben wird, einen Eisenberg ( übrigens ein lucus a non lucendo ) hineinzudeuten. " Er fährt dann fort, ein Eisenberg müßte dann monte di ferro geheißen haben; sprachwidrige Bildungen, wie z.B. ferrovia, seien früher nicht vorgekommen, die Bedeutung des Namens sei einfach val de monte, und es hätte wahrscheinlich einst ein Adjektiv, wie etwa nero, bei monte gestanden. Letzteres ist wohl unrichtig; für die früheren Eigentümer der Fermuntalp, die Leute von Ardez, war das Tal, in dem sie liegt, im vollsten Sinne des Wortes eine vai montana, ein Tal in den Bergen. Vor zwei Jahren hat übrigens die Gemeinde Ardez ihren Besitz an die Galtürer Bauern verkauft, und so ist die letzte handgreifliche Erinnerung an die Zeit, wo das obere Paznaun den Engadinern gehörte, erloschen.

Nicht allzuweit vom Vermunt liegt als Leidensgefährte das Ferwall, das früher Verwall hieß und jetzt zu einem Eisentale umgetauft wurde. In Wirklichkeit ist Verwall mit Verbell, .vai bella, identisch. Auch heißt der südliche Zugang zum Tale noch immer das Verbellner Jöchl, und eine Alp am Eingange des Tales hat den pleonastischen Namen Schönferwall.

Ein als rätselhaft geltender Ortsname, anscheinend schweizerischen Ursprungs, findet sich in den Lechtaler Bergen. Zwei Seitentälchen werden Appenzell genannt. Die Vermutung, daß dieser Name mit den Appenzeller Kriegszügen ins Vorarlberg zu tun hätte, ist von ihrem Aufsteller selbst löblicherweise als unmöglich zurückgewiesen worden. Es handelt sich um weiter nichts, als um eine Verdrehung eines romanischen Diminutivs von Alpe.

Entschieden schweizerischen Ursprungs ist aber ein anderer Name, der an verschiedenen Örtlichkeiten Vorarlbergs haftet. Im Jahrbuche des S.A.C. ist oft der Walliser Einwanderungen in Vorarlberg gedacht. Es hat aber die Söhne des Goms nicht allein der heilige Theodul mit Glocke und Teufelchen begleitet, sondern es ist ihnen auch der böse Botz, von dem Stebler in seinen Beschreibungen des obern Wallis ( Jahrbuch 1901 und 1903 ) erzählt, nachgeschlichen und dann im fremden Lande aufs beste gediehen. Jetzt scheint der Fremdenverkehr seine zahlreiche Nachkommenschaft aus ihren Schlupfwinkeln vertrieben zu haben; aber noch vor 30 Jahren gab es in Vorarlberg überall Butze: in den Wäldern, auf den Alpen, in den Tobein, und selbst in Schlössern und Häusern. Ein Butzenwald, mehrere Butzenberge, die Butzenkammeralp und ein Butzenbrünnele zeugen unwiderleglich von ihrer früheren ^Gegenwart. Soviel man übrigens weiß, waren sie, mit wenigen unrühmlichen Ausnahmen, manierlicher als ihre Vettern in der alten Heimat. Wer sich für die Gesellschaft interessiert, findet Näheres im Bande 1873 des Jahrbuches des Österr. Alpenvereins, woraus u.a. zu ersehen ist, daß es eine Art Knigge für den Umgang mit Butzen gab.

Zuletzt noch ein Kuriosum. In einem alpinen Blatte deutscher Zunge, in dem neben den Schilderungen allerkühnster Bergfahrten gelegentlich noch kühnere etymologische Leistungen sich finden, hat vor nicht allzulanger Zeit eine Dame ihre harmlose Besteigung des Piz Julier geschildert. Sie deutet nun den zweiten Namen des Berges Munteratsch als Berg des Eratsch, eines Hirtenjünglings, der nach einer alten Engadiner Sage aus Liebesgram am Morteratsch, d.h. toten Eratsch, endete. Diese „ alte Sage " dürfte wohl ganz aus einer Autosuggestion der Er-zählerin stammen, wenigstens läßt nichts darauf schließen, daß sie der Dame von dem begleitenden Führer aufgebunden worden ist.

J. Lüders ( Sektion Basel ).

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