Zwischen Mondmilchloch und Laufsteg Janine Heini, Model und Bergbuchautorin

Zwerge, Drachen, Geister: Der Pilatus ist ein Berg der Sagen. Ein Buch und eine geführte Wanderung bringen Touristen die faszinierenden Geschichten um den Luzerner Hausberg näher. Geschrieben hat es keine Lokalhistorikerin, sondern eine 22-jährige Studentin.

Fast unscheinbar steht sie am Kiosk im Bahnhof Luzern. Turnschuhe, Kaschmirpulli, alles schlicht, viel Schwarz. Sie ist eben zurück aus Paris. Dort studiert sie an der Sorbonne, dort modelt sie für internationale Zeitschriften, von dort muss sie auch mal nach Milano. In der Mitte ist Luzern. Und der Pilatus. Der Berg, der sie schon als junges Mädchen fasziniert hat und über den sie mit 19 ein Buch geschrieben hat.

Eigentlich ging es darum, eine Ma­tura­ar­beit zu schreiben. Doch die Geschichten, die sie rings um den Luzerner Hausberg fand, gaben viel mehr her. Bald verbrachte sie jede freie Minute in den Archiven von Stadt und Kanton Luzern. Dort fand sie Texte wie jene des Luzerner Stadtschreibers Renwart Cysat, der im 16. Jahrhundert aufzeichnete, was man sich in seiner Stadt über den Berg erzählte: dass dort die Seelen der Verstorbenen hausten, Drachen ihre Horte und Zwerge ihr Reich hätten. Und dass im Pilatusseeein schreckliches Ungeheuer hause: der Geist des Pontius Pilatus, der hier für alle Ewigkeit für seine Sünden büssen müsse. Wer das Wasser des Sees störe, beschwöre seinen Zorn herauf. Fürchterliche Gewitter seien die Folge.

Mode oder Literatur

Die Arbeit wurde ein Erfolg. Die Stiftung Schweizer Jugend forscht zeichnete sie mit dem Prädikat «hervorragend» aus, das Eidgenössische Departement des Innern verlieh der Autorin einen Sonderpreis. Am Ende publizierte der Luzerner Verlag Pro Libro die Arbeit als Buch.

Schlagzeilen machte Janine Heini aber nicht mit ihrem Buch, sondern mit ihrem Äusseren. 2011 nahm sie am Elite Model Look teil, schaffte es auf Anhieb in den Final und erklärte den verblüfften Journalisten, dass sie ihre Zukunft als Chefredaktorin eines Modemagazins sehe – oder als Schriftstellerin. Da war sie gerade 18 geworden. Heute schreibt sie Kolumnen in Modemagazinen und denkt über ein weiteres Buch nach. Wenn sie nicht am Pilatus unterwegs ist und Touristen an die Schauplätze der alten Sagen führt: Zusammen mit einem lokalen Tourismusunternehmen hat sie eine geführte Wanderung lanciert. Mittlerweile kennt sie den Berg wie ihre Handtasche.

Denn im Archiv hielt es sie nicht lange. Zusammen mit ihrem Vater Kurt, selbst begeisterter Alpinist, Panoramazeichner und lange Jahre in der SAC-Sektion Pilatus aktiv, erkundete sie den Berg. Abseits der Wanderwege, auf der Suche nach Zeugnissen der Geschichten aus den Archiven.

Spuren der ersten Forscher

Zusammen stiegen sie in das Mondmilchloch, dessen feuchten Kalkablagerungen, der «Mondmilch», der Zürcher Universalgelehrte Conrad Gessner 1555 heilende Kräfte zuschrieb. Die wilden Sagen um den Berg hatten damals das Interesse der ersten Naturwissenschafter geweckt. Sie suchten nach Erklärungen, machten den Berg berühmt und brachten so schliesslich den Tourismus nach Luzern.

Tief in der Höhle fand Janine Heini morsche Baumstämme, offensichtlich von Menschen geschlagen und in den Berg getragen. Sie erinnerte sich an die Texte im Archiv: 1756 erkundete der Naturforscher Franz Ludwig Pfyffer von Wyher die Höhle – mit «Fackeln, Laternen, und Stricken und kleinen Bäumen, um im Notfalle Brücken daraus zu bauen», wie er berichtete. Heini wollte es genau wissen. Sie nahm Proben und liess sie vom archäologischen Institut der Stadt Zürich datieren. Das Resultat war eindeutig: Die Bäume waren im 18. Jahrhundert gefällt worden. Just zu der Zeit, als von Wyher in die Höhlen vordrang.

Bauernhof und Grossstadt

Die Geschichte der Janine Heini ist eine, wie es viele gibt in der Schweiz. Der Grossvater Bauer, der Vater konnte als Erster in der Familie studieren, etwas mit Hand und Fuss: Maschinentechnik. Als Kind verbrachte sie viel Zeit auf dem Bauernhof Huob in Ruswil, im Luzerner Hinterland, wo man der Milch «Möuch» sagt, nicht wie in der Stadt Luzern, wo es «Melch» heisst.

Sie sitzt da und spricht auch heute noch so, sagt «Möuch», wenn sie vom Mondmilchloch erzählt. Sie trägt Brille, die grünen Augen dahinter schauen weder sanft noch streng, weder selbstbewusst noch schüchtern. Sie schauen neugierig. Als ob alles jenseits dieser Brille eine Herausforderung wäre, etwas, das sie noch nicht kennt, etwas, das erforscht werden will.

Das Ross des Pilatus

So wie die Sage um den berüchtigten Statthalter Pontius Pilatus, der dem Berg den Namen gab. Jahrhundertelang hatten sich die Älpler hier erzählt, dass auf einem Stein beim Pilatussee noch der Hufabdruck von Pilatus’ Ross sichtbar sei. Akribisch suchte Heini die Felsblöcke rund um den See ab, und tatsächlich: Auf einem fand sich unter Moos und Heidelbeersträuchern eine hufeisenförmige Vertiefung.

Heute ist der Pilatussee nicht viel mehr als eine moorige Pfütze, im Mittelalter sei der See aber grösser gewesen, sagt Janine Heini. Ob es tatsächlich Unglück bringt, die Ruhe des Wassers zu stören? Auch das untersuchte sie vor Ort: Sie warf ein Stück Holz in den See, beobachtete und notierte: «Nach dem Hineinwerfen von Holz blieb der Abend am 6. Juli 2012 gewitterfrei, hingegen gewitterte es 25 Stunden später über ­Kriens heftig mit Hagelschlag.»

«You and your mountain»

Preisträgerin, Bergbuchautorin, international gefragtes Model, Sorbonne-Studentin. Wie kommt man dahin? Die 22-Jährige, die immer Klassenbeste war, kennt die Fragen. Nicht immer ist es Anerkennung. Und wenn, dann entweder wegen ihrer intellektuellen Leistung oder wegen ihrer Modelkarriere. Fast nie wegen beidem. Die Idee, dass Frauen entweder gescheit oder schön, aber nicht beides sein könnten, lebe in vielen Köpfen bis heute fort. Sie sagt es und wirkt etwas ratlos.

«Ich stosse eigentlich nie auf Ablehnung. Eher auf Unverständnis.» Das sei in Paris nicht anders. Wenn sie dort vom Pilatus erzähle, heisse es bloss: «You and your mountain.» «Das ist okay für mich», sagt Janine Heini, «ich trenne diese Welten.»

Die Geschichte der Geschichten

Paris und Ruswil. Instagram und alte Sagen. Laufsteg und Mondmilchloch: Vielleicht ist es ihr Interesse für das scheinbar Gegensätzliche, das Janine Heinis Arbeit auszeichnet. Das Frühmittelalter, die Zeit, als die Sagen um den Pilatus entstanden, beschreibt sie als ein grosses Nebeneinander der Gegensätze. Eine Zeit, in der Frömmigkeit und Aberglaube, Heidentum und Christentum, mediterrane Legenden und nordische Sagen sich zu einem wilden, magischen Gebräu vermischten. Und in der der Berg zu einem Mythos wurde, der später zuerst die Naturforscher und in der Folge die Touristen nach Luzern locken sollte.

Der Berg selbst stand denn auch nur am Anfang ihrer Arbeit. Eigentlich sei es ihr um die Geschichte der Geschichten gegangen: «Der Berg war immer da, die Menschen haben immer anders über ihn gedacht», sagt sie. Jede Generation habe die Mythen neu interpretiert und zu neuen Geschichten verarbeitet. Das sei auch heute nicht anders.

Janine Heini, die den Touristen nun die alten Sagen näherbringt, ist da keine Ausnahme. Das Holzstück, das sie am 6. Juli 2012 in den Pilatussee warf, diente nur vordergründig der Forschung. «Das Foto musste ich einfach haben», sagt sie und lacht.

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