Acht ungereimte Kapitel aus meinem Leben.

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Ruth Müller, Thun

oder Report einer Verhinderten Kapitel i berichtet von der Geburt meines dritten Kindes, die mir viel Mühe machte. Es war Samstagnachmittag, und die Zeit drängte. Mein Mann, der Bergsteiger, meinte, es sei ein träges Kind, denn es war bestes Kletterwetter - keine Wolke am Himmel -, und es wollte und wollte nicht kommen. Wie haben wir gelitten, damals, mein Mann und ich!

Nun, das Kind kam, schrie und war ein Knabe. Ein Sohn, endlich! Nach zwei Mädchen. « Endlich » im doppelten Sinn: ein Klettergefährte, ein künftiger! Und alles richtig an ihm. Mutter und Kind wohlauf; alles bestens!... Demnach konnte man endlich los, mit dem Seilgefährten, der in der guten Stube ungeduldig gewartet hatte, und wenn mich nicht alles täuscht, bestimmt mit dem Rucksack am Rücken.

Sie schoben ab, die Glücklichen, mit der Beteuerung, dass ich die Liebste und Beste sei, sie in Anbetracht der Umstände gehen zu lassen; aber die Tour sei eben schon lange abgemacht, ja... und dann dieses Wetter... und das Kind fast eine Woche zu früh und so fort.

Nun, was wollte ich noch mehr? So ein lieber Mann und soo ein Kind in der Wiege! Konnte ich da noch kleinlich sein? Etwa verlangen, dass der Angebetete zu Hause bleibe und Händchen halte? Meine Hebamme schien das zwar anders zu sehen, sagte sie doch über diese Bergfanatiker einige üble Dinge...

An diesem Abend schrieb ich wieder einmal eine Notiz in den Taschenkalender: « Geburt von Sohn Heinz. Mühsam, endlos. Alles gut. Glücklich! Schöner Tag, Wetter einmalig, P. u. D.: Sal-bitschijen-Süd... ».

Das 2. Kapitel könnte nun besagen, dass seit diesem Sommertag einige Zeit vergangen ist. Drei Kinder hatte ich nun und einige beschriebene Agenden. Auch einen Mann, der immer noch in die Berge ging, treu ergeben. Zusammengefasst: eine grosse Familie und viel beschriebenes Papier. Ich frage mich, warum ich all die Jahre diese Miniatur-Tagebücher geführt habe? Was sagt wem schon etwas, wenn zu lesen ist, dass es am I4.Juni im Jahr X bis in die Niederungen geschneit habe und die Windeln des Jüngsten nicht trocknen wollten? Dass am 2. November XY der Zweitjüngste den ersten Stockzahn ausgestossen habe? Ist es denn wichtig zu wissen, nach Jahren, dass am 27. Mai der Nebel in den Wäldern hing, das Wetter trist war und die Laune der Hausfrau dito? Ist es weltbewegend, wenn geschrieben steht, die ersten Schwalben seien da, das Haus-haltsgeld lange nirgendshin und man komme aus dem Sockenstopfen nicht heraus? Jedenfalls sitze ich nun da, lese und schaue zurück in diese herrlich verrückten, nie langweiligen Zeiten.

Meine Familie wuchs laut Tagebüchern und Gedächtnis langsam und stetig. Sieben zu Tisch, eingerechnet meine Schwiegereltern, acht, wenn man den Hund dazuzählt. Das Tischoberhaupt wandte sich vermehrt den Gipfeln und Graten zu. Nicht, dass er wegen Kindergeschrei, nassen Windeln und dergestalt männervertreibender Dinge das Haus und uns verlassen hätte, vielmehr war der legendäre, berüchtigte Lockruf der Berge schuld daran. Im übrigen hatte er es mir ja schon vor der Eheschliessung schriftlich beurkundet, dass die Berge vor mir, vor allem andern kämen. Schriftlich!

Wir waren dennoch eine glückliche Familie. Ich hatte die Kinder - er hatte die Berge. Meine bergsteigerischen Ambitionen waren längst untergegangen in meinem Hausfrauen- und Mutter- dasein. Nach jedem Kind hatte ich zwar mit einem « Comeback » gerechnet, musste aber einsehen, dass ich mit meiner Gluckenmentalität nicht mal mehr einen « unteren Zweier » angehen konnte. Wenn es mich an einem schönen Sams- tagmorgen doch « verjagte », wenn das Kind oder die Kinderchen an Wohlmeinende abgegeben waren, mit den üblichen Beteuerungen, waren meine Gefühle meistens schon gemischt — mit Freude am Kommenden und schlechtem Gewissen wegen meines Ausbruchs! Und mit gemischten Gefühlen sollte nicht geklettert werden. Mit einem Fuss am Berg, mit dem andern zu Hause bei den lieben Kleinen. Das konnte nicht gut gehen. Ich sah es ein und blieb « vorläufig » zu Hause. Nach so einer Tour hiess es dann im Büchlein: « Mit P. u. A. gr. Lobhorn. Wetter miserabel. Schon beim Einstieg Halluzinationen von warmer Stube und Windelgeruch. Später Kühe gesichtet durch Nebelloch, winzige Kühe, daher komisches Gefühl im Hinterkopf. Ich geb'es auf! » Mein Leben « normalisierte » sich, floss in ruhigeren Bahnen. Ich lebte mein Hausmütterchenle-ben, strickte unzählige Strumpfhosen, kochte immense Portionen, flickte öfters und nicht so gerne grosse Löcher in kleinen und grossen Socken, verbrachte auch hie und da einen Abend im Kino, eingeladen von meinem « Besten ». Dachte zwischendurch auch an Gipfel im Alpenglühen oder an sonnige Skihänge, an gemütliche Aufstiege und an stiebende Abfahrten. « Es wird schon wieder », dachte ich. « Einmal muss es auch für mich das alles geben. Drei Kinder haben wir jetzt, sechs wollten wir ursprünglich; aber das war noch in der herrlichen Phase der kalten Füsse und des Brettes vor dem Kopf! » Der Hausherr, unser Fixstern, erweiterte seine Kenntnisse und Fähigkeiten in den höheren Regionen. Anders gesagt, er war in dem Stadium, wo man die Sechs in diverse Skalen aufteilt. Oder in Schwierigkeitsgrade. Er befand sich erneut in der Extremphase. Was mir nicht so recht gefiel und bewirkte, dass ich ihn nur umflorten Antlitzes ziehen liess. Wir andern, ich und meine Schar, zogen auch los. Mit Kinderwagen, Taschen, Regenschirmen und Hund - ins gastliche Elternhaus. Was mein Tagebuch so sieht: « Samstag, 4.Juni: grosser Aufbruch! P.u.D. Steingletscher, Ziel unbekannt - der Rest Flurweg 9. Schöne Tage und fast harmonisch, ohne grossen Stimm-verschleiss meinerseits. » - Die Übersetzung würde lauten: « Wieder mal Samstag, wieder mal organisieren und packen packen. Was für Kleider nehmen wir mit? Heute ist es heiss, morgen ist es vielleicht kalt oder kühl oder noch schlechter — nass. Das Hundefutter nicht vergessen und den « Nuggi » für den Jüngsten! Haben wir alles, was wir brauchen? Nichts vergessen? Sind die Fenster alle zu? Morgen regnet 's sicher. Den Kinderwagen noch ölen, sonst erregen wir Aufsehen -wie auch schon, bei unseren Um- und Aufzügen durch die Stadt. Vielleicht sollte ich den Hund nicht mehr am Kinderwagen anbinden; es ist einfach zu riskant. Aber wohin sonst mit ihm? Auf den Rücken kann ich ihn nicht auch noch laden. Ach, lieber Gott, was für eine Bagage! Ein Kind im Wagen, eins rechts, eins links davon, der Hund im Vorspann; all die Taschen, hol 's der...! Komm, komm, sei nett! Hätte ich z.B. vier Kinder, das wäre eher ein Problem, da müsste ich wohl noch den Wagen aufstocken. Also dann, haben wir alles, muss noch jemand? Niemand -aufgeht's!... » Je nach Ziel, Berg und Route mussten wir -Kinder, ich, Hund, Wagen und Gepäck - den Heimweg zu Fuss antreten, oder das Glück war gross, und wir wurden vom Ersehnten abgeholt. Es wurde auf- und verladen, verstaut und hineingequetscht und Abschied genommen. Vier Räder, ein Motor, ein Dach über dem Kopf; was für eine gute Erfindung! Und dann, das grosse Erzählen, das für mich ein kleiner Ersatz fürs etwas eintönige, besser gesagt, einseitige Leben war. Ein imaginäres Miterleben der Besteigungen, ein Hauch von Bergluft - einfach ein wenig Ichsein!

So gingen die Wochenenden dahin, die Tage, das Jahr. Kapitel 2 meinte es noch gut mit mir, konnte ich doch Kinder, Hund und Gepäck einigermassen unterbringen, daheim und auf unseren Samstagtourneen. Was in Kapitel 3 schon nicht mehr gut möglich war. Ein Ende machte dem Kind vier, Tochter, mit vorwurfsvollem Blick schon, kaum da, wahrscheinlich ahnend, dass Platz in Betten, Wagen und am Tisch vergeben. Der gewohnte Vorgang ging rasch vonstatten, ohne Komplikationen, ohne Umstände, obschon wir diesmal Zeit genug gehabt hätten, denn es war erst Freitag, der Rucksack gepackt, der Freund verständigt. Die Hebamme diesmal mit versöhnlicherem Blick, obschon ihr der erneut werdende Vater vorgeschlagen hatte heimzugehen, da er die erforderlichen Handgriffe auswendig kenne und somit das Kind, wenn soweit, allein undsofort...

Am Samstag regnete es ein wenig, die letzten Blätter hingen trübe, war es doch November -zwar milde für die Jahreszeit und Schnee auch in höheren Regionen noch keiner zu sehen... Deshalb nahm er auch diesmal von Frau und neuer Tochter Abschied und trollte sich Richtung Südosten...

Wir drückten uns nun zu acht um den Tisch. Es wurde eng. Nicht nur am Tisch, auch die Betten-frage und der Raum darum herum wurde « prekär ». Etwas musste geschehen. Geschehen musste auch etwas, was die kommenden Wochenenden betraf. Denn auch der härteste, zäheste Berggänger muss einsehen, dass die Rollen nun doch zu schlecht verteilt waren. Selbst die duldsamste und verständnisvollste Frau hat etwelche Rechte und nicht nur Pflichten. Etwas war faul in unserem Verein; es war an der Zeit, die Statuten zu ändern. Deshalb redete ich einiges mit meinem Gründungspartner, und ich meinte es diesmal ernst. Die Einsicht kam, wenn auch langsam und mit Vorbehalten; verständlich, wenn man weiss, dass es für ihn kein Leben ohne Berge gab. Die weise, typisch männliche Lösung kam: Warum nicht die Behausung tauschen übers Wochenende? Zum Berge, wenn der Berg nicht zu uns kommt! Der Gedanke war geboren, die Suche begann. Die Suche nach einer Berghütte!...

Ein stilles, abgelegenes Tal, ein Ort, der zuwenig Häuser hatte, um Dorf zu sein, mit, je nach Bedarf und Jahreszeit, vorhandenen « Skimug-gel » und Kletterbergen, einem verzauberten Bergsee und einem gemütlichen, verräucherten Wirtshaus, dies also war das Ziel unserer Suche. Es war schon beinahe Winter, als die Hütte gefunden wurde. Mit einigen Jahrzehnten auf dem Dach und zu baufällig, um umzufallen.

Ein neues Kapitel begann, und es fiel ins Gewicht! Dieses 4. und ins Gewicht fallende Kapitel gaukelte mir vorerst und ohne Warnung vor dem Kommenden einige erfreuliche Tagträume vor. Da sah mein innerstes Auge die trauliche Hütte, renoviert schon, mit Rauch, der aus dem Kamin « räuchelt », den plätschernden Brunnen, die grünen Matten mit etwelchem Vieh darauf, den Wald, den nahen, mit Bergbach darin, der nicht zu reissend, und all meine Kinder in diesem Paradies herumtollend. Oder: die wiederum bergsteigende, skifahrende Hausfrau, vorerst die verschiedenen « Disziplinen » nur übend, an den nahen Felsblöcken und kleinsten Hügeln. Wie schnell man aus solchen Träumen gerissen wird! Noch war es nichts mit hehrem Gipfelglanz. Die Zeit des Kleinkindergeschreis war noch nicht vorbei -meine Zeit noch nicht gekommen!... Es folgten nun Jahre, die man Bau- und Wanderjahre nennen könnte. Die Wochenenden waren, abgesehen von wiederholt verständlichen Ausbrüchen des Hüttliherrn, dem gemieteten Objekt gewidmet. Wir wanderten am Samstag aus, mit Kind und Kegel, frohgelaunt und zusammengepfercht zwischen Dachpappe, Zementsäcken und anderen Baumaterialien. Das heisst: wir wurden gewandert, als offene Ladung, im alten, klapperigen « Delage ».

Laut meinen Kalenderchen war es eine lustige Zeit, und es « passierte » allerhand: « Arbeitstage im Hüttli. Meine Arbeit: rostige Nägel aus morschen Schindeln ziehen, Kinder trocknen ( der verflixte Brunnen !), den vom Dach gefallenen Mann verarzten, mich schämen, weil den lebenswichtigen Käse vergessen. Bleibe nächstes Mal mit den Kindern zu Hause. Ist besser so! » — Was alle Beteiligten fanden, denn ein schwer arbeitender Mann, und wenn es noch so vergnüglich ist für ihn, wird zum rasenden Berserker, wenn ihm wegen plötzlichen durchdringenden Kinderge-schreis vor « Chlupf » der Hammer aus der Hand und in die Tiefe fällt, d.h. vom Dachfirst herab, auf dem er gerade steht. Auch dass er danach, aus, unerklärlichen Gründen, stehenden Fusses dem Hammer nachsaust und in eben diesen Schindeln landet, macht die Sache nicht besser. Und wenn zu guter Letzt die nachlässige Hausfrau noch den Emmentaler vergisst, ohne den besagter Gefalle-ner nicht in die richtige Arbeitsstimmung kommt, ist halt der Zapfen ab...

Auf ein 4. folgt meist ein 5. Kapitel, und auf die meist hektische, wegen Zeitmangel, schlechten Wetters, Bauerholungstouren und anderen Widerwärtigkeiten verlängerte Bauzeit folgte dann langsam und immer sicherer die verdiente Wohn- und Erholungszeit. Die Berg-, Wald- und Wiesen-Ära begann. Es war manchmal zu schön, um wahr zu sein. Die Kinder tummelten ( wie einst erträumt !), der Bach rauschte, der Wald grünte, der Rauch räuchelte, die Kühe fehlten nicht, und vom Brunnen wurde schon gesprochen... Die Berge waren da, bei uns, und meine Träume hätten Wirklichkeit werden können -nur meine euphorische Stimmung von damals fehlte. Hatte sich ins Nichts aufgelöst. Was war mit mir los? Tagebuch XY gibt Auskunft darüber. Schauen wir einmal in den Wintermonaten nach. Hier, anfangs Februar: Links eine Zeichnung von unkundiger Hand, die Hütte mit vielen schüttelnden Kindern darstellend. Rechts eine armeverwerfende, schreiende Frau, darunter ein Text, den ich nicht wiedergeben möchte... Wenn ich mich recht erinnere, war es nicht nur eine schöne, eine erholsame Zeit. Vielmehr, besonders winters, eine strenge und, je nach Kinderzahl, nervenverschleissende. Denn es hatte sich herumgesprochen. Dass die Hütte einiges fasse. Die Luft gut sei. Für Kinder eine absolut ungefährliche Gegend. Die Kost einfach und nährend. Die Hüttenmutter geduldig und meist guter Laune. Man konnte nicht nein sagen; warum überhaupt sollten nur wir all das Herrliche geniessen? Manchmal waren auch die Mütter der andern Kinder da, um diesen Herrlichkeiten nachzugehen. Sie waren abends auch erschöpft und zu müde, um über Rumpelstilzchen hinauszukommen. Denn es gab allda einiges zu tun am Tag, manchmal auch nachts, mit vier bis sechs oder mehr Nachkommen. Stellen wir eine Rechnung auf: Vier bis sechs Kinder im Vorschulalter werden am Morgen ausgelassen. Die Vorarbeit dazu wurde meist noch gelassen und gestärkt vom etwaigen Schlaf getan. Weil meistens Neuschnee gefallen nachts, auch Nass- oder Pappschnee genannt, wurden vier bis sechs Schuhe mal zwei nass oder füllten sich mit eben dieser Materie.Vier bis sechs Mützen machten sich selbständig, von den Handschuhen nicht zu sprechen. Item, x-mal des Tages werden unsere Sprösslinge aussen und gelegentlich auch innen nass. Also, wie manchmal bückt sich die liebe Mutter pro Tag, hebt und stellt Kinderchen wieder auf die Beine, sucht verlorengegangene im Tiefschnee? Schält sie aus den nassen und steckt sie in trockene Kleider? Tischt Speis und Trank auf, wieder und wieder? Putzt ewigrinnende Nasen und reibt tröstend Hände und Füsse warm? Vom Holzschleppen, Spänehacken, Öfen-heizen, Stillem-Örtchen-Auftauen, Brunnen-röhre-Enteisen und dergleichen Lebensnotwen-digem nicht zu sprechen. Sportlich betätigen konnten wir uns höchstens beim täglichen Nah-rungseinholen, unten im Ortsladen. Natürlich auch beim Stampfen der Schlittelbahn oder Kleinstpiste für die Jungmannschaft, auch beim Vormachen von Stemmbögen und Herzeigen von mütterlichen « Hoch-Tiefs ». Die verbliebene Zeit und Energie langte nicht mehr für sportliche Höhenflüge...

Die Sommer- und Ferienzeit war ein Genuss von fast reinster Form. Mit Ausnahmen. Dann, wenn die Regentage mit den Jauchetagen zusammenfielen. Der Bauer war ein Lieber; er hatte nichts gegen Kinder auf seinem Pferd und Jau-chewagen. Sonst war es lehrreich. Auf diesen zum Himmel stinkenden Zeitabschnitt folgten die Hitze-, Gewitter-, Pilz-, Heubeeren-, Sturm- und Holztage. Nicht zu vergessen die Klettertage!

Denn es waren die eindrücklichsten. An Kletter-blöcken in jeder Grosse und von allen Schwierigkeitsgraden wurde geübt. Fielen diese vergnüglichen Stunden in die Regenzeit, so wurde kurzerhand die Szenerie gewechselt. Auch über eine Hüttenwand vom Fenster aus lässt sich das Abseilen lernen. Würde es für mich wohl noch einmal etwas anderes, Grösseres geben als diese Felsbrok-ken-Hauswand-Kletterei? Ich zweifelte daran, wo es mir schon hier schwindelte. Keine Übung mehr! Hatte ich jemals eine gehabt? Ich nahm 's gelassen; schliesslich kam ich auch ins Alter. So um die Dreissig-herum-Notiz aus jenen Tagen: « Mit P.P.s ( Mann und Freund)Kl.Gelmerhorn. Bin tatsächlich bis zum Einstieg gekommen! Dann aus! Aus! Angst hatte ich, Angst!... » Kapitel 6 berichtet immerhin noch von einigen Bergen mit « Hündelistellen » ( was « anbinden » heisst ), von Töchtern, die jetzt mit Vater an einem Seil ziehen. Vom Sohn, der nicht das wurde, was seine Geburt versprochen hatte, weil er käsig wurde beim Anblick eines Seiles. Auch bekundet dieses Kapitel der erstaunten Umwelt und mir die Geburt eines weiteren Kindes. Meine Zukunft war gesichert. Fünf Kinder, davon ein Säugling, ein Mann und ein zoologischer Garten am Hals waren Grund genug, auf sicherem Boden zu bleiben. Zum Kinder- also noch einen Tiergarten! Neun bei Tisch - und dem, was sich darunter tummelte! Es kreuchte und fleuchte. Wir verloren einige Bekannte und Verwandte, meist weibliche. Es kreuchte in Form von harmlosem Schlangen-getier, vorzüglich in den Innereien des alten Sofas geringelt. Wir hatten stehende Gäste und kurze Besuche. Jedermann schien nur auf einen « Sprung » zu kommen. Wir hatten viel Kurzweil. Besonders ich, wenn das Kaninchen riesige Löcher in diverse Textilien frass und seine Visitenkarte grosszügig verteilte. Der Katzen hatten wir acht, und kein Ende war abzusehen. Igel und Hund sorgten für nächtlichen Betrieb. Dass wir in der privilegierten Lage waren, so viele Tiere halten zu können, entsprang dem Expansionsbedürf-nis von Geschäft und Familie. Wir bewohnten nun ein Haus mit Garten. Auslauf genug für Tier und Mensch. Dank eigenwilliger Konstruktion, Materialbeschaffenheit und vor allem Höhe konnten wir ein ureigenes Kletterzentrum eröffnen. Schon bald waren einige gutgängige Routen erschlossen, mit festen Haken im schönen Sichtbe-ton. Für mich nur noch ein Zuschauen, Begutach-ten und Kritisieren, von sicherem Stand aus. Ich gedachte, diesen « Abfall » in winterlichen Sportarten wettzumachen. Gute Vorsätze werden aber selten eingehalten. Alles blieb « beim alten. » Die « winterlichen Sportarten » erwiesen sich erneut als geduldiges Schneestampfen für den Jüngsten, derweil meine Schar mit Vater auszog, um den Pisten zu huldigen. Ich führte auch erneut meine Stemmbögen vor und wurde entsprechend bewundert.

Naturgemäss und fast zu schnell verging diese Phase des Zweimannglücks, denn der « Kleine » entwuchs den Hügelchen und den Stemmbögen der Mutter. Jetzt hätten meine Sternstunden beginnen können, denn es gab nun keine Gründe mehr, um nicht mit meinen Lieben auf die verhasste Piste zu ziehen. Also zogen wir - und es war grauenvoll. Alles zu kalt, zu eisig, zu schnell. Wahrscheinlich hatte ich die falsche Jahreszeit erwischt. Ich brauchte dann das Experiment nicht zu wiederholen, denn ich fiel im dunklen Kuhstall dem — immerhin sauberen — Schorgraben zum Opfer. Es war eine peinliche und schmerzvolle Angelegenheit. Da lag ich nun, mit Gips, den obligaten Nelken und sehr unnütz.

Von dieser Stunde an, Jahr um Jahr, brachen sich meine Familienmitglieder die Beine oder was man sich sonst noch so bricht bei diesem Sport. Es war die reinste Epidemie.

Diese Jahre gingen vorbei wie die andern, Tränen und Schmerzen waren längst vergessen; nur einige lieblose Notizen geben noch Auskunft darüber, wie: « Julie hat das Bein gebrochen; arme Julie -glücklicher Michael. » - Sehr lieblos, aber aufschlussreich. Nun, der Jüngste war einfach selig, dass die Grosse soo viel Zeit für ihn hatte, wenn auch nur in der Horizontalen. Ich kann sagen, mein Mutterherz wurde in diesen Fall- und Bruchjahren arg strapaziert...

Strapaziert wurde später, im 7. Kapitel, nicht nur das Herz, sondern die ganze Frau samt Familie. Denn ein Leiden, das sehr verbreitet ist und zudem infam, hatte mich ohne besondere Genehmigung angefallen. Eines schlechten Tages war es einfach da und nahm von mir Besitz. Der übliche « Leidensweg » begann. Jahr für Jahr. Mit den obligaten Hoch und Tiefs, diesmal ohne Bretter an den Füssen. Ich büsste allerlei ab in diesen Jahren. Schliesslich machte ein kunstvoller Eingriff von Meisterhand dem allem ein Ende...

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