Alantika

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EIN BERGLAND IN NORDKAMERUN VON RENÉ GARDI, BERN

Mit 6 Bildern ( 136-141 ) Alantika heisst ein recht unbekanntes Bergland in Nordkamerun. Es liegt etwas südlich des Benuéstromes an der Grenze zwischen dem französischen Protektorat Kamerun und der britischen Kolonie Nigeria. Es sind schroffe, von gewaltigen Granittrümmern übersäte Berge am Ende der Welt, in denen in verstreuten, in den Felsen und unter Bäumen wohl versteckten Siedlungen un-zivilisierte Bergler hausen, die bis heute selten mit dem weissen Manne in Berührung gekommen sind. Vor uns streiften höchstens ein Dutzend Kolonialeffiziere oder Beamte durch die kleinen Dörfer, und ein paar Burschen, die aus Nigeria herübergekommen waren, uns zu besichtigen, erzählten, in ihrem Dorfe sei in den letzten sieben Jahren kein Weisser erschienen.

Wir haben während unsern Wanderungen durch das Bergland, das kaum die 2000-Meter-Höhe erreicht, wohl unbewusst « Erstbesteigungen » vollbracht, aber alpinistische Kunststücke waren dabei nicht zu leisten. Die Alantikas sind erfüllt von den wunderlichsten Felsfiguren, Produkten der Trockenerosion in einer unbarmherzigen Natur, wo die Hitze Schale um Schale von den Felsen sprengt, so dass der massive Granit sich in ein Puzzlespiel auflöst, das dem phantasiebegabten Auge Burgen und Schlösser, Riesen und Ungeheuer vorgaukelt. Ein Bildhauer der modernen abstrakten Richtung, welcher der Phantasie des Beschauers mehr Spielraum gewährt als der eigenen, müsste in den skurrilen Trümmerfeldern der Alantikas Anregungen für ein Lebenswerk finden, und wir blieben manchmal vor den wie von Riesenhänden hingeworfenen Blöcken in den Trümmerfeldern staunend stehen und ergötzten uns an den Fabelwesen, die wir darin zu erkennen vermeinten.

Besonders eindrücklich war eine freistehende vierkantige Säule, an einen Riesenobelisk erinnernd, deren Höhe wir mit primitiven Messmethoden auf etwa siebzig Meter schätzten. Sie stand wirklich allein an einem gegen Osten und die Ebene hinaus gerichteten Hang, und wir konnten uns nicht erklären, wie dieses « Wunder der Natur » entstanden sein konnte. Für uns und einen befreundeten Administrator wurde die « Aiguille de Saptou » ( das nächste Eingeborenendörfchen heisst Saptou ) zum Wahrzeichen der Alantikas. Immer wieder bekamen wir auf unsern Wanderungen diesen Klotz bald von der obern Seite, bald unten vom Tale her, bald von Gipfeln im Osten oder im Abendlicht aus Westen zu Gesicht, und wir fanden, es handle sich um eine für Zentralafrika einmalige Erscheinung.

Am Fusse dieses vollständig isolierten überaus schlanken Quaders in der Farbe des gelben Jurakalkes hütet in einer fast theatralischen Landschaft ein mächtiger Zauberer eine Quelle. Frauen, denen die Götter Kinder versagten, pilgern auf mühseligen Pfaden dorthin, und gegen gute Worte und Geschenke aller Art lässt sich der Zauberer dazubewegen, aus der heilkräftigen Quelle in Vollmondnächten Wasser zu schöpfen. Hat der Zauber gewirkt, ist die Frau zur glücklichen Mutter geworden, so bringt sie ihm noch eine Ziege, wenn es ein Knabe war, oder ein Huhn, wenn ihr ein Mädchen geboren wurde.

Manchmal kletterten wir mit Eingeborenen durch Trümmerhalden, die aus fast haushohen Granitblöcken gebildet sind, und sie zeigten uns die kaum auffindbaren Höhlen und Löcher unter den Blöcken, in denen sie sich mit Frauen, Kindern und Tieren versteckten, wenn sie sich bedroht fühlten. Da dort unten auch da und dort ein Bächlein plätschert, war es möglich, während Tagen zu vegetieren, bis die Sklavenjäger wieder abgezogen waren. Bei einer ersten Wanderung war einer unserer Begleiter Hamman Jadschi, der Herrscher über die islamisierten Talbewohner am Fusse der Alantika und gleichzeitig die heidnischen Koma, die nur widerwillig und selten die Berge verlassen. Er ist ein junger, aufgeklärter Mann, der ordentlich Französisch spricht, gut mit der Kolonialverwaltung zusammenarbeitet und als fortschrittlich gilt. Deshalb war ich über das folgende Erlebnis so erstaunt: Hamman Jadschi schickte einen seiner Leibeigenen in eines dieser tiefen Löcher zwischen den Blöcken, um dort unten von einem im Dämmerlicht stehenden dürren Strauch ein paar Zweige zu brechen.

« Was willst du mit diesen trockenen Ästchen? » frage ich ihn, und der recht zivilisierte Chef, der von den Franzosen sogar einmal zu einem Besuch per Flugzeug nach Frankreich eingeladen worden war, erklärte mit ernsthaftem Gesicht, man könne sich mit Hilfe dieser Zweige unsichtbar machen. « Ich habe es gesehen », sagte er, « der Zauberer hat sich mit dem Fett einer schwarzen Ziege eingesalbt und ein Ästchen dieses Strauches dazu in der Hand gehalten. Dann verschwand er. » Das berichtete also der Herrscher über ein paar tausend Neger, der zur Schule gegangen war. Es zeigt, wie dünn meistens der Zivilisationsfirnis doch ist. Hamman Jadschi erzählte auch von einer Pfeife, die aus der Erde spricht, wenn man sie begräbt. Diese Leute denken anders als wir, deshalb ist es so schwer, ihnen näherzukommen Vielleicht hat es ihn eben gar nicht gestört, dass der Körper des Zauberers doch noch da war. Diese Sichtbarkeit hat sein Gemüt einfach ignoriert, wenn er doch wusste und glaubte, dass des Magiers Seele nun unsichtbar und verschwunden war. Als ich wegen der sprechenden Pfeife meine Zweifel äusserte und ihn bat, das Experiment auszuführen, erklärte er seelenruhig: « Bist du dabei, dann geht es nicht, weil du nicht daran glaubst. » Die Einbildung ist bei den Negern viel stärker als bei uns. Deshalb erleben sie transzendente Erscheinungen, die wir nüchternen Weissen einfach nicht miterleben können.

In einem dieser gewaltigen Trümmerhänge über zerborstene, wild übereinandergetürmte Blöcke kletternd, stiessen wir auf den hier abgebildeten « Runenstein », der noch heute ein unerklärtes Kuriosum darstellt. An der senkrechten Fläche eines Riesenblockes befindet sich, reliefartig her-vorstehend, ein ungefähres Sechseck von fast drei Meter Kantenlänge, in das ein Netz von sich kreuzenden parallelen Linien tief eingeschnitten ist. Die ganze ornamentale Figur erscheint von einer merkwürdigen Regelmässigkeit, so dass man sofort an Menschenwerk denkt, diesen Gedanken aber gleich wieder verwirft, weil man unter Negern Zentralafrikas nie etwas Ähnliches gefunden hat, noch weniger sich vorstellen kann, dass die heutigen Bewohner der Berge, primitive Hirse-bauern vom Stamme der Koma, mit ihren einfachen Geräten imstande wären, an der unzugänglichen Wand solch ungewohnte Skulpturen anzubringen. Ob sie angebracht worden sind, als der Block noch in einer andern Lage war, bevor er eventuell herunterkollerte, wissen wir nicht.

Nun, ich habe diese hier abgebildete Photographie heimgebracht und noch einige dazu und fragte die Spezialisten nach der Lösung des Rätsels. Der Völkerkundler und Urgeschichtsforscher lehnte rundheraus und ohne Zaudern die Annahme ab, dass dieses Ornament von Menschen stamme, es müsse sich um eine natürliche Form von Verwitterung handeln. Worauf ich zum Petrographen und Mineralogen wanderte, der sich mit Assistenten und Kollegen beriet und mir erklärte, ihnen sei eine ähnliche Verwitterungsform im Granit oder ähnlichen Gesteinen weder je begegnet noch bekannt. Er neigte dazu, wie ich eigentlich auch, es müsse sich um ein Menschenwerk handeln, so dass ich nun also so klug war wie zuvor. Haben wirklich afrikanische Ureinwohner dieses Netzwerk ausgemeisselt, so handelt es sich um etwas durchaus Unbekanntes. Ist es ein Spiel der Natur, weiss man offenbar ebensowenig, wie es entstanden ist.

Mein « Runenstein » aus den Alantikas ist seinerzeit in einer deutschen Monatszeitschrift abgebildet worden, und dann erhielt ich die seltsamsten Deutungsversuche, die alle einer wissenschaftlichen Prüfung kaum standgehalten hätten. Ein Leser nahm an, es sei ein Dokument vorgeschichtlicher Astronomen, eine Dame glaubte, der Stein sei von einem heute verschwundenen zweiten Erdenmond zu uns heruntergesaust, jemand behauptete, es sei ein durch eine Naturkatastrophe herausgebrochenes und geschleudertes Stück aus einer vorsintflutlichen Kultstätte mit astrologischen Feststellungen, die Idee von einem Siedlungsplan tauchte auf, und in einem der Briefe dieser gutgesinnten Helfer wurde auch auf das verschwundene, sagenhafte Land Atlantis hingewiesen. Ich machte mir damals ein Gewissen darüber, die naseweise Bitte um eine Erklärung gestellt zu haben, aber eine wissenschaftliche Deutung ist bis heute noch nicht bekannt. Sind diese Linien im Sechseckschild künstlich angebracht worden oder handelt es sich um eine Verwitterungs-erscheinung? Ich wäre immer noch erpicht darauf, von einem, der es weiss, die Erklärung zu erhalten.

Der erste Weisse, der die Alantika-Berge erwähnte, war der deutsche Afrikaforscher Barth, der 1851 mit schwarzen Sklavenjägern vom Tschad her südwärts bis zum Benué reiste. Dort, vom südlichsten Punkt seiner Unternehmungen, zeichnete er aus 75 Kilometer Distanz die Bergkette und erfuhr auch den noch heute geltenden Namen. Merkwürdigerweise werden die Alantikas auch in einer der abenteuerlichen Geschichten von Jules Verne erwähnt. ( Fünf Wochen im Ballon, Entdeckungsreise dreier Engländer in Afrika. ) Jules Verne wusste natürlich nichts darüber zu berichten, bloss dass sie geheimnisumwittert noch nie von eines Menschen Fuss betreten worden seien. Aber erst 1923 ist dann der erste französische Kolonialoffizier wirklich in die Berge gestiegen, und es dauerte noch bis in die vierziger Jahre, bis die ungebärdigen Koma einsahen, dass sie nicht mehr von Zeit zu Zeit heruntersteigen durften, um die Dörfer der ackerbauenden Talbewohner, der Tschamba, zu plündern und zu brandschatzen. Aber noch heute geht Hamman Jadschi, der Chef, dem die Koma auf dem Papier Untertan sind, nicht ohne bewaffneten Schutz bergwärts.

Für das Wort Alantika gibt es dortzulande eine hübsche Erklärung, die vielleicht nicht ganz stimmt, aber doch so hübsch klingt, dass ich sie gerne erwähnen möchte: Alantika nannten die mohammedanischen Nachbarn im Tale, vornehmlich Fulbe, das unwirtliche Gebirge, das von ungebärdigen Wilden bewohnt ist, die jeweils wie unsere Schweizer am Morgarten Eindringlinge an passenden Stellen mit talwärts gerollten Felsbrocken empfingen. Man sprach nur mit Verachtung und Furcht von diesem Lande. Alantika soll also entstanden sein aus Allah n'tika ( ungefähr und phonetisch dem Erzähler nachgeschrieben ), das bedeutet: « Selbst Gott steigt nicht dort hinauf. » Alantika würde demnach ungefähr « gottverlassenes Land » bedeuten, und als wir damals schwitzend hinter unsern Trägern her im trocken-heissen Land über die steinigen Pisten stolperten, fanden wir den Namen nicht so unpassend.

Afrika entwickelt sich zum Touristenland, aber die meisten Reisenden begnügen sich mit Autofahrten auf sichern Strassen oder Pisten, und sie treffen dabei überall auf Neger, welche durch die Einflüsse der Zivilisation längst verändert sind und Cocacola schlürfend oder Konservenbüchsen öffnend in den Europäern nachgeahmten Liegestühlen vor ihren mit Wellblech gedeckten Hütten dösen. Fussmärsche mit Trägerkolonnen wie zu Stanleys Zeiten sind gegenwärtig nicht sehr gefragt.

Die Alantikas erreicht man aber nur zu Fuss, und falls ein zukünftiger Afrikafahrer, angeregt durch meinen Aufsatz, durch jenes gottverlassene Land ziehen möchte, wird er dazu robuste Marschschuhe benötigen und, da es weder Europäer noch Rasthäuser oder gar Hotels gibt, seine ganze Haushaltung mitnehmen müssen. Wir landeten mit einer viermotorigen Verkehrsmaschine in Garoua, dem Hauptort und Verwaltungszentrum Nordkameruns, und kauften dort unsere Aus- rüstung für die Wildnis. Wir eilten von der KING zur SCOA, von der SCOA zur FAO, von der FAO zur SCIAHO und wieder zurück zur KING. ( Schrecklich diese Sucht zu Abkürzungen, es sei doch so einfach, behaupten zwar die Einheimischen, SCIAHO heisst schlicht « Société Com-merciale Industrielle et Agricole du Haut Ogoué », und die bankneuen Noten, die in der Wildnis höher im Kurse stehen als abgegriffene, handelten wir bei der CCDLFOM ein, wo draussen nur der Buchstabenwirrwarr angeschrieben steht und nicht Caisse Centrale de la France d' Outre-Mer. ) Fanden wir bei den grossen Handelsgesellschaften nicht, was wir suchten, so gingen wir zum Syrier oder zum Griechen oder Haussaneger, der auf dem Markte am Boden hockte. So kauften wir Feldbetten und Moskitonetze, Küchenausrüstung und ein Sack Reis, ein Fass Mehl fürs Brot ( die Levure dazu haben wir vergessen ) und neun Pfund Glasperlen nebst einem Doppelzentner Salz und einem Kistchen Tabak für die Eingeborenen. Dann fuhren wir zuerst südwärts auf der grossen Strasse, die nach Südkamerun führt und bald westwärts rund 70 Kilometer weit nach dem kleinen Posten Poli. Poli heisst « Land der Tauben », und dort gurrten wirklich zahlreiche Turteltäubchen von allen Dächern, und die grosse kupferbraune Guineataube rief heiter von allen Kapokbäumen « Barbara, Barbara, Barbara » durchs Land. In Poli leben, die Kinder inbegriffen, keine zehn Europäer, und weiter westwärts sind keine mehr ansässig bis weit nach Nigeria hinein hinter den Alantika.

In Poli herrschte für uns unter dem Kommando meines Freundes, des Administrators Relly, einen Tag lang regste Tätigkeit: Der Schreiner verstärkte Kisten und versah die Deckel mit kräftigen Scharnieren, der Schmied klopfte ein dickes Blech flach, das später dem Küchenboy als Herd zu dienen hatte, der Schneider verwandelte das Tuch, das wir gekauft hatten, in Säcke, in welche das Kochsalz zu Traglasten von etwa 15 Kilogramm abgefüllt wurde, und ein anderer Spezialist reihte die neun Pfund Perlen zu vielen hübschen bunten Colliers, die wir später den jungen und ältlichen wohlgeölten Damen oben in den Bergen um den ungewaschenen Hals gebunden haben.

Der Administrator brachte uns auf einem kleinen Lastwagen über eine grasbewachsene Piste durch sanftes Hügelland etwa vierzig Kilometer weiter westwärts bis an einen Fluss namens Faro, und dann begann die Wanderung mit den angeheuerten Trägern, welche all unsere Lasten auf dem Kopfe trugen, hinter einem Flötenspieler her in Einerkolonne durch eine mit dornigen Sträuchern und staubigen Bäumchen besetzte gelbe Savannenlandschaft. Es waren etwa zwanzig kräftige, spärlich bekleidete Bergler, die uns Hamman Jadschi, der Chef, gestellt hatte. So kamen wir nach einem Marsch von etwa dreissig Kilometer nach Wangai, einem grossen Dorf unmittelbar am Fusse der Alantikas, die sich sehr schroff ganz unvermittelt rund 1000 Meter hoch aus der Ebene erheben.

« Yau, Yau, Yau - schnell, schnell, schnell » schrie am andern Morgen und später jedesmal, wenn wir ein Dörfchen nach ein paar Tagen Aufenthalt wieder verliessen und weiterzogen, Ala-birra, der Capita, mit heiserer Stimme. Unsere Träger verliessen ihre Feuer, sie kamen, ihre Arme frierend vor die Brust gedrückt, zu uns zum Bukaru, der Strohhütte, in der wir übernachtet hatten, und ordneten ihre Lasten. Es war jeweils kurz vor 6 Uhr, und rasch eroberte sich die erste Morgendämmerung die Berge.

« Yau, Yau, Yau, wir wollen marschieren, solange es noch kühl und frisch ist, dem Ziele schon nahe sein, wenn die Luft heiss über den Felsen zu zittern beginnt. » Husseini, der mir den ganzen Tag zu folgen hatte wie ein Schatten, hängte meine Photoapparate um, und den Rucksack mit der Filmkamera, den Ersatzfilmen und dem Blitzlichtzeug setzte sich der Bursche auf den Kopf. Er fand es unbequem, den schweizerischen Rucksack am Rücken zu tragen. Jakobu, ein Serviteur des Chefs Hamman Jadschi ( Serviteur, um das üble Wort Sklave zu vermeiden... ), blieb auch stets in unserer Nähe, denn er war der Betreuer der Flaschen mit dem Filterwasser. Das sind zwei faustdick in Bänder eingenähte Flaschen, die Jakobus bei jedem Wasserloch eintauchte, so dass sich das Tuch vollsaugte. Dieses Wasser verdunstete stets rasch und sorgte für eine vortreffliche Abkühlung des Flascheninhaltes. Dann bezahlte ich noch dem Dorfchef das Huhn, die Eier, Holz und Wasser und auch die Hirse und die Ziege, mit denen sich die Träger ihre Bäuche gefüllt hatten. Und so zogen wir in einer langen Kolonne durch die Berge, der Flötenspieler und der Capita voraus, die Träger, die sich mit heitern Rufen anfeuerten, hinterher dann wir zwei Europäer, mein Freund Franz und ich, die beiden Dolmetscher, der « Optiker » mit dem Photozeug, der Träger der Wasserflaschen, der Boy, dann am Schluss unser Koch und sein Pfannenputzerbub, der die Petrollaterne über Berg und Tal trug.

So kamen wir nach Bimleru und Dekiba, von Bakiba nach Batu, Kengelu, Mayilba und Bimba, und wie die kleinen Dörfer alle hiessen, die stets etwa einen Vormittagsmarsch weit auseinander lagen, und stets wurden wir auf ähnliche Weise empfangen wie im ersten Dorfe der Koma, in Bimleru:

Bereits eine halbe Stunde vor unserer Ankunft widerhallten die Felsen vom Klange der Hörner und Pfeifen - stets ein tröstliches Zeichen, dass das Dorf und der Schatten nicht mehr weit weg sein können. Ich ging, nicht besonders rasch, von Stein zu Stein wie über eine Turmtreppe bergauf. Die Sonne brannte, denn 10 Uhr war schon vorbei. Ich wischte mir den Schweiss von der Stirne, stützte mich auf meinen harten Hirsestengel und fuhr plötzlich erschreckt zusammen, denn hinter einem Felsblock hervor sprang mir ein schwarzer Teufel grässlich schreiend fast ins Gesicht. Es war einer der jungen Dorfzauberer, der nun um uns herumtanzte, mit unwahrscheinlichen Sprüngen Felsbrocken überhüpfend, schrill lachte und uns mit einer verstellten Weiberstimme verhöhnte. Es tauchte ein zweiter Bursche auf, wie der erste uns mit einer komischen Fistelstimme verspot-tend. Beide trugen eine Haube aus Raubvogelflügeln, ihre schwarzen Gesichter waren mit Russ und roter Erde bestrichen, und so wurden wir nun von den beiden betriebsamen Kobolden ins Dorf geleitet. Bei den Koma spielen die Zauberer eigenartigerweise gleichzeitig die Rolle von Hofnarren, und so war es eben ihr gutes Recht, sich über unsere bleiche Haut, über den Schweiss und den Durst lustig zu machen.

Foksi, der Dorf häuptling, kam uns breit grinsend entgegen, und auf dem Tanzplatz schlug einer bereits die mit Ochsenfell bespannte Trommel, einige Burschen begannen auf ihren Flöten zu blasen, aber da jeder nur einen Ton zustande bringt, jeder einen andern, brauchte es einige Zeit, bis daraus eine rhythmische Melodie entstand. Wir hockten nun bereits unter einem Schattenbaum, hatten den ersten brennenden Durst gelöscht, der den Hunger tötet, als nun die rotgeölten Frauen auftauchten und zu tanzen begannen. So sind wir also jeweils mit Musik und Fröhlichkeit eingezogen.

Wer sich die Mühe nimmt, in die Alantikas zu klettern, wird reich belohnt. Er trifft hier noch ein Stück des alten Afrikas an, er findet ein Naturvolk, das ungestört von den guten und den schlechten Kräften moderner Zivilisation sein urtümliches Eigenleben führt. Dort gibt es noch keine Halbzivilisierte, noch keine jungen Gecken mit Fensterglasbrillen und grünen Filzhüten, dort durchziehen noch keine mohammedanischen Händler mit europäischem Tand die Dörfer, und jedermann kennt noch die Kunst des Feuerschiagens oder -bohrens. Aber wie lange noch? Die neue Zeit erobert sich ungestüm auch die abgelegensten Gegenden, und in einigen Jahren werden auch meine Koma der Alantikaberge verändert sein. Nicht nur zu ihrem Vorteil, denn der Zusammenprall mit der Zivilisation, der ohne Behutsamkeit vor sich geht, wirkt heutzutage bei diesen Menschen wie ein Schock und ist mit einer bergsturzähnlichen Naturkatastrophe zu vergleichen. Alte Sippenbindungen werden zerstört, und lange bevor eine neue Kultur oder das Christentum -die ja beide aufgedrängt werden - segensreich wirken können, degenerieren die armseligen Bergler zu rat- und haltlosen Nihilisten. Das ist nicht zu ändern, sondern nur zu bedauern, aber der Kontakt mit dem weissen Mann, behaftet mit seinem grössten Fehler, der Überheblichkeit, birgt viele Gefahren. Noch ist es in den Alantikas nicht so weit, noch werden meine Koma ein paar Jahre ihr Eigenleben führen dürfen.

Unsere Tage waren mit Arbeit wohl angefüllt. Wir krochen durch die Hütten, fanden immer Dinge, die wir nicht kannten, nahmen Anteil am werktätigen Leben der Menschen. Dort baut ja noch jeder Mann sein Haus, er sucht Holz für den Herd und holt Wasser ( der Mann, nicht die Frau wie andernorts ), er bestellt seinen Hirseacker und klettert nach Früchten auf die höchsten Bäume. Die Frau fabriziert aus Sumpfpflanzen das seltene Salz, sie töpfert, schneidet dürres Gras und flicht Matten, sie mahlt in der Schabmulde mit dem Rollstein die harten Hirsekörner zu Mehl, der Mann pflückt die wilde Baumwolle, spinnt und färbt und webt auf einem horizontalen Webstuhl breite Bänder, mit denen man Frauen « kauft » und in welche man die Toten wickelt.

Hauptziel meiner Reise war übrigens das Studium dieser primitiven Färbe- und Textiltechniken, nicht nur bei den Koma, sondern auch bei den ähnlich lebenden Doayo und Voco, die in der Nähe leben.

Überall stiessen wir auf geheimnisvolle Fetische, auf Schädel geschlachteter Ziegen und Ochsen, die an der Hauswand oder über dem Herd in der Hütte aufgehängt sind. Zum Fleischgenuss kommen die Menschen nur, wenn bei kultischen Gelegenheiten den Geistern Blut geopfert wird. Wir fanden merkwürdige Ansammlungen von Töpfen, Krügen und geweisselten Kugeln. In den Hütten, in denen mit Hilfe der magischen Sprüche des Zauberers Hirsebier gebraut wird, fanden wir an den russigen Wänden seltsame Reliefs: Frauenfiguren mit Fledermausgliedern, Fruchtbarkeits-symbole und undeutbare Fabeltiere. Jedes Weglein war mit blutbespritzten Steinen gegen Krank-heitsgeister gesichert, jeder Acker mit geflochtenen Strohfiguren gegen Missernte und anderes Ungemach, und am Rande der Dörfer standen von einem Wächter behütete Hütten, welche die Fe-tischfiguren enthielten, Töpfe mit aufgesetzten menschlichen Köpfen, Krüge, welche Männer oder Frauen darstellten.

Die Koma sind also wie alle ihre Nachbarn in den Bergen Nordkameruns Fetischisten und Ani-misten. Sie leben in einer beseelten Natur, sind bedroht von allen möglichen Naturkräften, guten und bösen Hain- und Wassergeistern, und so versuchen sie stets, sich mit Zauberei, Fetischkult und Opfern zu schützen. Weg und Haus und Feld sind gegen die bösen Dämonen gesichert, Unwissenheit und Aberglauben aller Art beherrschen das Leben. Was ich hier erzählte, sind nur Andeutungen von all dem Neuen, das wir gesehen und gefunden haben. Wir füllten unsere Tagebücher, ich filmte und photographierte, ich machte meine Tonbandaufnahmen von einfachen Gesängen und Tanzrhythmen und brachte das Gekreisch der Zauberer heim. Über die Koma der Alantika gibt es noch keine Darstellung, aber sie wären es wert, von einem Ethnologen studiert zu werden.

Schön war es, dazusitzen und zuzuhören, schön war es, dem Milan nachzublicken, der im Abendsonnenschein über dem Dorfe kreiste. Da sass ich zufrieden des Abends vor unserer Strohhütte und schaute zu, wie die Dämmerung rasch das Licht erwürgte. Ziegen leckten dort die Erde wo wir nachmittags Salz verschenkt hatten. An der einsamen Ronierpalme schepperte ein hartes dürres Fächerblatt laut im Abendwind an den Stamm. Drüben bei der Feuerstelle schmort seit einer Stunde das zähe Huhn. Tauben gurren, geheimnisvolle Vögel flöten mit tiefer Stimme, der schwarzweisse afrikanische Schildrabe schreit heiser über einem Boptikobaum, bis ihn ein Knabe vertreibt, der mit Steinen nach den olivenartigen Früchten wirft.

Um 9 Uhr lagen wir jeweils in der offenen Hütte unter dem Moskitonetz. Jeder Panther, jeder Dieb und jeder Krieger konnte ungeniert hereinspazieren, aber je länger wir dort lebten, um so unmöglicher und absurder wurde der Gedanke, dass uns in diesem Lande etwas zustossen könnte.

Wir lebten in einem Lande ohne Diebe. Nichts war verschlossen, die Hütten hatten keine Türen, unsere Kisten keine Schlösser. Jeder sah und wusste, wo ich die Bündel mit den Kleingeldnoten aufbewahrte, weil ich ja die Säcklein vor aller Augen hervorholte, wenn ich Träger, Eier oder Sammlungsgegenstände bezahlte. Unsere Lebensmittelvorräte, die Dinge des Alltags, die Kleider lagen offen herum, ob wir zu Hause waren oder nicht. Nichts wurde uns unter den « Wilden » gestohlen, und mit Bitternis denke ich daran, dass die Zivilisation eben nicht nur Gutes bringt, sondern neben der Begehrlichkeit auch die dunklen Kräfte der gewöhnlichen Unehrlichkeit.

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