Albergo Monte Zucchero

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Von Max Koenig ( Zollikon-Zürich )

Aus der Val d' Iragna zwischen der Punta del Rosso und der Cima da Bri hindurch und die Val Piancascia hinaus war ich am 21. Juli 1945, nach einer etwas knappen Schlafsacknacht in der Alpe Repiano, endlich in mein Verzascatal gekommen. Schon der Anmarsch über San Bernardino, Passo Passetti, Val Calanca, Passo Giumello, Val Pontirone-Biasca war lang geraten. Abgekämpft hatte mich in Lavertezzo das Postauto aufgenommen und zu meinem Standquartier in Frasco gebracht. Aber nach 2 Tagen Siesta und Baden im kühlen Sprudel der Verzasca riefen die Berge wieder übermächtig, und die Schönheit des Wetters und der klaren mondhellen Nächte schien unabsehbar.

So wanderte ich am Nachmittag des 24. Juli mit Pickel und leichtem Gepäck, mit Schlafsack und der Regenpelerine, als Extrasicherheit, rüstig und beschwingt neuem Ziele zu. Ich hoffte, um etwa 9 oder 10 Uhr abends auf dem 2732 m hohen Monte Zucchero zu sein, die Nacht dort unter freiem Himmel zu verbringen und den jungen Tag in seinem Werden zu sehen und zu grüssen. Schon oft habe ich an der 2000er Grenze die Erhabenheit und Schönheit milder Tessiner Bergnächte in der Geborgenheit des Schlafsackes bewundert, nun sollte sich auch mein Traum stiller Ruhe auf einsamer Bergeszinne verwirklichen. Der Besuch des Zucchero, den ich nur als fernen Gipfel gesehen hatte, würde mir zudem die Bekanntschaft der beiden Verzasca-seitentäler Redorta und Osola vermitteln.

Bald nach Sonogno hört auch das neue steinige Strässchen auf, und die Welt der Alpen, die Welt des zeitlosen Zustandes beginnt, und das Herz weitet sich. Schon steige ich gegen die Monti di Pescitnegro hinan, für eine kurze Weile mit einer schmalen, schwarzen jungen Frau, sie mag 20, sie mag aber auch 40 Jahre alt sein, ruhig, ausgeglichen und doch von einem fühlbaren Frieden und einer fühlbaren klaren Stärke umgeben, ganz wie die nahen, ragenden, schweigsamen Berge.

Zum Passo Redorta werden mich hoffentlich später einmal Ferientage bringen, jetzt folge ich dem guten kleinen Bergpfade nach links und erreiche auf 1515 m die untere Hütte der Alpe Mugaglia. Es ist ein gut und fast reich gebautes Haus, das eher im Vorarlberg stehen könnte. Ein schöner voller Quell bietet Labung und gibt mir neuen Schwung. Die nachfolgenden Ställe auf 1788 m Höhe sind schon wieder ganz Tessiner Typus, und zwar fast über-ärmlich und klein. Sie stehen aber auf freier Weidkuppe mit weitem Blick gegen Sonogno und den Cramosino. Doch ach, die Weide ist rot und verbrannt, schwer lastet dieses Jahr die Trockenheit auf Tal und Alpen. Am Sonntag wallfahrte das ganze obere Tal und bat um das erlösende, belebende Nass des Himmels.

Etwa auf 2000 m lagere ich in einer Mulde geruhsam zur Abendverpflegung. Fast plötzlich stehen Geissen da, und neugierige Zicklein wollen an allem knappern. Das Licht des Tages ist schon am Schwinden, und leider scheint die Nacht ungewiss zu werden, Gewitterwolken haben sich um den Gipfel des Zucchero und die umliegenden Berge gelagert. Erstaunt blicken drei Alpigiani der westlichen Mugaglia auf den abendlichen Wanderer, den « visiteur du soir », und vermuten, dass er wohl um ein Lager fragen werde. Sie bieten es mir auch sofort an und wollen den schmalen Raum mit mir teilen. Ich bringe Grüsse von den jungen Ferrini und erkläre meine Absicht, noch vor Nachteinbruch den Passo Mugaglia und — sollte es hell bleiben :— den Monte Zucchero selbst zu erreichen. Etwas befangen mir gute Nacht und mit Besorgnis gutes Wetter wünschend, lassen sie mich ziehen. Sie fühlen, dass ich nicht leichtsinnig mit Gefahr und Abenteuer spiele; sie haben meine vorsorgliche Ausrüstung und Höhenbarometer und Kompass bewundert und freuen sich, dass ich gerade ihre Berge und Täler kenne und liebe. Der Melker begleitet mich mit munterem Plaudern über seine Erlebnisse in der deutschen Schweiz noch etwas höher hinauf, wo auf einer kleinen Weide die Herde ohne jeden Schutz die Nacht verbringt. Er trägt zwei Eimer für die Arbeit des frühen Morgens dorthin. Wir jauchzen uns noch ein paarmal zu, dann dränge ich dem Mugagliapass zu. Trotz rasch sich verdichtender Dunkelheit erkenne ich bereits seinen Einschnitt zwischen dem Zucchero und dem östlichen Ausläufer des Pizzo Rasia. Die Hoffnung auf eine helle Nacht ist dahingeschwunden, ich will zufrieden sein, wenn ich nur schon den Pass trocken erreiche! Mit gespannter Aufmerksamkeit und Eile muss ich nun für ein Obdach bedacht sein.

Da bin ich auf dem Pass! 2500 m. Schon der stossartig einsetzende Wind, der von der Valle d' Osola ungehindert herüberbläst, verrät den Grat. Es ist nun dunkel geworden, die Wolken streichen zum Teil als Nebel durch die Passlücke, das Wetterleuchten ist zum nahen Donner und grellen Blitz geworden, einzelne Tropfen fallen. Santa Lucia, ich muss in der knappen Frist, welche mir das sich majestätisch nahende Gewitter lässt, einen und wenn noch so kärglichen Unterschlupf finden. Schon im letzten Teil des Auf- stieges hatte ich leider feststellen müssen, dass weder Geländeform noch Felsstruktur zu Höhlenbildung oder Überhängen sich eigneten. Doch ich habe Glück t Etwa 3 m unterhalb des Passes, gegen die Alpe Sambuco hin, ertaste ich mir eine Felsspalte, eine « Sprüga ». Mit dem Soldatenmesser und mit den blossen Händen schneide und reisse ich noch vom dichten rauhen Gras zwischen den Passfelsen soviel ich kann ab und schiebe es als Unterlage und Füllmaterial in den Felsenriss. Dann aber Tempo, aus den Schuhen, in den Schlafsack, über alles die Regenpelerine, und nun mit Humpeln und Sack-gumpen und Rutsch um Rutsch hinein. Das Gröbste mit dem Pickel räumend, kann ich mich wirklich fast ganz unterbringen, nur der Kopf, auf dem Rucksack ruhend, aber geschützt durch die Regenkapuze, ragt hinaus.

Es war höchste Zeit, ein Gewitter, wie ich es in seiner Unmittelbarkeit nie erlebt habe und wohl kaum wieder erleben werde, hatte nun alle Register gezogen: greulich zuckende Blitze und in den Felswänden schauerlich widerhallende, grollende Donnerkanonaden bildeten mit dem scharfen Trommeln des wolkenbruchartigen Regens einen wahren Hexensabbat. Nach einigen Wiederholungen war es aber doch stiller geworden und der Regen feiner; sein gleichmässiges Rauschen schläferte mich ein, ich vergass Raum und Zeit und musste eingeschlafen sein. Irgend etwas Unangenehmes weckte mich: es war Wasser, das über den Fels und die Pelerine seinen Weg mir in den Hosensack und von dort weiter gefunden hatte; das Logis war ungemütlich geworden. Nun ich wieder ganz wach war, hörte ich es von meinem Felsen tropfen, und sonst war eine grosse Stille. Also raus an die Frühlingsluft. 23 Uhr, ich hatte über 2 Stunden in der Spalte gelegen! Jetzt funkelten, wenn auch etwas glasig, am grösseren Teil des Nachthimmels Sterne. Über einen schneeig weissen Mond zogen gespenstische Wolkenfetzen. Es war kühl geworden. Regen und Wind hatten starke Abkühlung gebracht, ich fröstelte. Im fahlen Licht des Mondes ragte der Gipfelaufbau des Monte Zucchero vor mir, trotz neuer Wolkenwand war bald der Entschluss gefasst, zusammenzupacken und den Gipfel zu erreichen. Ich konnte nicht mehr fehlgehen. Noch einmal auf halbem Wege musste ich die Pelerine überstülpen und vor einem Regenschauer mich in eine Felsennische kauern, aber kurz nach Mitternacht stand ich auf dem Berg. Der Himmel war wieder grösstenteils überzogen, unter mir lag eine Nebelwolkendecke. Eine Rekognoszierung des schmalen, länglichen Gipfelgrates nach passender Unterkunft verlief ergebnislos, und so bereitete ich mir kurzerhand im Windschatten des grossen Steinmannes, auf einer einigermassen ebenen, anstehenden Felsplatte meinen Lagerplatz en plein air. Mit Reservesocken, Lismer und Rock komplet montiert, kam ich im treuen Daunensack bald zu einigen Stunden Schlaf.

Um 5 Uhr war ich wieder auf den Beinen, der Tag war da, aber nur ein bleicher Lichtstreifen im Osten zeigte mir die Stelle, wo ich über den Kämmen des Mezzogiorno und des Cramosino eine junge strahlende Hochsommersonne in ihrem Aufgang ersehnt und erträumt hatte! Unter mir lag noch eine Wolkenschicht, allerdings immer mehr in Bewegung; zeitweilig überflutete sie auch den Gipfel oder riss auf und gab Blicke in nahe Täler, Schluchten, Berge und Gräte frei. Ich war trotz allem glücklich und froh, Berg und Natur und das All erfüllten mich ganz.T.ief und unauslöschlich prägte sich mir die Weihe der Stunde ins Herz!

Meta und der kluge .Feldflaschenkocher verhalfen mir zu einer heissen, dicken Ovomaltine. Als nach 6 Uhr eine baldige Besserung der Wetter- und besonders der Sichtverhältnisse mir nicht wahrscheinlich schien, stieg ich über die Gipfelplatten wieder zum Mugagliapass hinunter und sah dort bei Tageshelle, wie prekär und doch wie einzig mein Nachtquartier gewesen war.

Auf der Alpe Sambuco spielten Kinder, und eine Frau sass vor der Hütte^ Während wir sprachen, trat ein rothaariger Senne hinzu; mit seinen blauen Augen hätte er Christian der Käser aus dem Emmental sein können. Felice und ich sind gut befreundet geworden, er ist ein typischer Verzasca-Nomade, den Winter verbringt er mit Familie, Vieh und Habe in der Pian Magadino, wo ich ihn später mit meiner Frau in seinem sauberen Häuschen besuchte und seinen vorzüglichen Nostrano kostete. Im Frühjahr wandern sie das Verzascatal hinauf zu ihrer Behausung in Brione, dann zu den Monti im Valle d' Osola, und endlich, etwa Mitte Juni, ziehen sie für zwei bis drei Monate auf die Alpe Sambuco. Zug um Zug geht es dann wieder zurück, bis mit dem Ablauf des Jahres der Kreis geschlossen ist. Es ist ein Leben von biblischer Einfachheit und Genügsamkeit. Aber Glück und Zufriedenheit wird ja nicht mit Komfort gemessen!

Felice und seine Frau bekreuzigten sich fast, als ich auf ihre Frage meine nächtliche Unterkunft verrate, das Gewitter hatte sie ja sogar in ihrer Hütte erschreckt. Bei einem Stück Brot und einem Liter unbehandelter Vollmilch liess ich mir die nahen Übergänge der Bocchetta d' Apigno und der Forcarella Cocco ins Lavizzara und nach Bignasco beschreiben. Wird es mir noch vergönnt sein, zurückzukehren und wieder den Wohllaut der Namen zu hören und erwartungsvoll über blumige Matten und die Kleinwelt der Geröllhalden hinzuschreiten zum Scheitel der sanften Sattellinie der Bocchetta oder zur felsigen Scharte'der Forcarella? Schneller und schneller fliehen die Jahre, kürzer scheint der süsse Frühling, und des Sommers Nächte weichen so bald dem Herbst, hinter dem der Winter dunkler und herber wird.

Langsam und lang wie das Valle d' Osola selbst, das in seiner Gradheit und Dürftigkeit für mich von einer gewissen Melancholie erfüllt ist, klingt mein Tag aus. Von den reichen Heidelbeer-und Himbeergründen des Tales schiebe ich mir einen Tribut zu, und in unerschöpflichen, Auge und Sinne fesselnden Variationen begleitet mich der zum Flüsschen wachsende Bergbach.

Brione ist ein kleines Dorf im rauhen Verzascatal, wenn man es aber nach einem Solokantonnement auf dem Passo Mugaglia und dem Monte Zucchero und nach vielstündigem Marsch aus dem Valle d' Osola herkommend betritt, scheint es gross und der Eingang in das laute, von Betriebsamkeit erfüllte Leben des Werktages... Ai nostri monti ritorneremo...

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