Barberine 1956

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VON S. WALCHER, WIEN

RUDOLF STÖCKER1, DEM FREUND DER SCHWEIZER BERGE, ZUM GEDÄCHTNIS Mit 2 Bildern ( 4, 5 ) 1909. « So schliesst sich der Ring meiner Fahrten vom Buet bis zur Tour Sallière.Vielleicht werde ich diese Berge nicht wiedersehen. Das Abenteuer, das ich hier aus allen Winkeln gescheucht, wohnt 1 t 7. April 1957. 12 auf anderen Zinnen in anderem Kleide. Neue Tage wollen neue Taten. Und es ist der Sehnsucht letzter Sinn: Zu suchen an allen Orten und niemals das Letzte, das Höchste zu finden 1. » Mit diesen Sätzen schliesst Oskar Erich Meyer den Bericht über seine Fahrten « Zwischen Sixt und Barberine ». Welcher Bergsteiger kennt ihn nicht? Wäre es möglich, dass es einen unter den vielen gibt, der nicht mit klopfendem Herzen Seite um Seite dieses Gedichtes in Prosa las? Den nicht die Melodie der Sprache ganz gefangennahm und vor dessen träumenden Blick sich nicht die Märchenwelt von Barberine aufgebaut? Vielleicht, dass die Jungen und Jüngsten unter uns in ihrem Suchen und Denken, in der geistigen Verarbeitung ihres bergsteigerischen Tuns noch nicht so weit vorgedrungen sind, um den köstlichen Schatz, der in « Tat und Traum » versenkt liegt, heben zu können. Möge ihnen einst als Lohn ihres Einsatzes das Glück beschieden sein, den Schlüssel zu finden, der ihnen, nach den äusseren Erfolgen, das Tor zur inneren Schau öffnet.

Barberine, 1922. « Vielleicht werde ich diese Berge nicht wiedersehen. » Oskar Erich sah sie wieder, aber wie! Laut schrie sein Herz! « Was habt ihr getan? Ist die Gier nach dem Golde neu erwacht, das schon Balmat vor hundert Jahren suchen ging auf seinem Todesgang? Was habt ihr getan mit meinem Tal der Jugend und HochgebirgseinsamkeitDu träumst einen bösen Traum. Doch nein, es ist Wirklichkeit. „ Wirklichkeit !" heulten die Maschinen, und „ Wirklichkeit !" prahlte das Licht durch die Nacht... Da ging ich mit schweren Schritten über Eisenschienen, unter Masten mit schwebenden Wagen durch, an Schuppen, Geräten und zerschlagenem Gestein vorbei. » Oskar Erich war wiedergekommen. Und siehe! Hoch über dem Talboden von Emosson auf dem Gipfel der Fenive fand er das Land seiner Jugend wieder. « Ich sass und schaute und war reich vor überfliessendem Besitz. Ich hatte die Heimat wieder gefunden. Jeder Gipfel leuchtete auf vom Glück einer längst vergangenen Stunde. Jeder Zacken schrieb vertraute Zeichen in die Luft. » Und « über Vieux Emosson lag noch der Zauber der alten Zeit ». « Dann kam die letzte Nacht in der Cabane de Barberine. Nur wenige Jahre noch wird sie stehen. Dann werden die gestauten Wasser den Talboden füllen, sie werden steigen und steigen, drei Meter hoch über das Dach der Hütte », und « nichts wird bleiben vom Tal meiner Jugend, als was ich vor Jahren von ihm erzählte. » Lac de Barberine, 1930. Und wieder war Oskar Erich gekommen « Im Regen waren wir über die Ebene von Salanfe gezogen, hatten den Col d' Emaney überschritten und stiegen, begierig, jenseits den See in der Tiefe zu sehen, die letzten Hänge zum Col de Barberine empor. Aber die Höhe hatte den Regen in Schnee verwandelt, den uns ein kalter Wind ins Gesicht trieb. So liefen wir, dem Wetter zu entrinnen, die verschneiten Schieferhänge hinab. Erst als wir den unteren Rand des Nebels erreichten, blieben wir stehen. Unwahrscheinlich hoch sah durch eine Wolkenlücke ein neuschneeschimmernder Gipfel herein. Zu unseren Füssen aber, von Schatten verhangen, düsterte der See. » - « Nordische Landschaft. Schiebt das Meer einen Fjord in das Hochgebirge hinein? Und dehnt sich droben im Nebel die weisse Fläche des Fjeld? » Noch einmal war Oskar Erich heimgekehrt in das Land seiner Jugend, dem er ein Lied sang, wie es noch keiner seinen Bergen gesungen hat, dann nahm er endgültig Abschied. « Es gibt verwunschene Alpen, die unter dem Eise schlafen - Barberine schläft unter dem See: Zum Traumland geworden, das keiner erwandert, zur Sage geworden, die jeder ersehnt, zum rühmenden Hirtenlied. » 1 Dieses und alle folgenden Zitate stammen aus den Büchern: E. Meyer, « Tat und Traum » und « Das Erlebnis des Hochgebirges ».

« Zur Sage geworden, die jeder ersehnt! » Wieviel Jahre sind es schon, dass mir diese Sage im Herzen wohnt und im Ohr erklingt? Kam sie nicht so oft, immer und immer wieder, wenn ich einsam auf einem Gipfel lag und hineinträumte in die blaue Unendlichkeit? War Barberine nicht schon längst mein Traumland geworden, das ich noch nicht erwanderte? Nun war ich auf dem Weg zu ihm. Von Martigny brachte uns die Bahn hinauf nach Châtelard; es war eine wunderbare Fahrt. Freund Stöcker, der einzige, von dem ich wusste, dass er Barberine vor einigen Jahren besuchte, hat mir verraten, dass von Châtelard ein Schrägaufzug um wenig Geld einen Aufstieg von 700 Meter erspart. Schwere Rucksäcke sind kein Vergnügen; auch Oskar Erich wird sie nicht gerne getragen haben. Wir liessen uns also um 3 Franken hinaufziehen, ahnten dabei aber nicht, dass wir uns damit einem der schönsten Wege nahten, die ich je gegangen. « Es sind nicht die schlechtesten Wirkungen, welche die Natur erzielt, wenn sie zu dem Kunstmittel greift, den Beschauer zu verblüffen. » Nicht nur « der Col de la Gueula ist ein „ coup de théâtre " des Hochgebirges », auch der Weg vom Ende des Schrägaufzuges hinein zum Weideboden von Emosson ist ein solcher. Wer unten im engen Tal weiterfährt, ahnt nicht, welche Herrlichkeit sich 700 Meter höher dem Wanderer erschliesst. Auf einem breiten Fahrweg, fast eben, schritten wir dahin. Die letzten Tage hatte es viel geregnet, und das Blau des Himmels war selten geworden; nun hing es, hell leuchtend, über uns, und - über die im Neuschnee fleckenlos schimmernden Berge jenseits des Tales. Ein ununterbrochenes Leuchten begleitete uns auf unserem Weg. Von der Aiguille du Tour, zur Chardonnet, zur Argentière, zur Verte spannte sich der flimmernde Bogen und leuchtete das makellose Weiss zwischen dem grünen Geäste der Lärchen und Zirben zu uns herüber. Und dann, bei einer Biegung des Weges, stand er selbst vor uns, der Herrscher dieses Wunderlandes, der Weisse Berg; schattenlos hing seine silberne Kuppel hoch oben am blauen Himmel.

Im seligen Schauen schritten wir dahin, bis uns das Dämmerlicht eines Tunnels umfing. Als wir den letzten durchschritten hatten, waren wir in einer anderen Welt, waren wir auf dem Weideboden von Emosson, aus dem « der erste Gipfel des Perron in jähem Aufschwung seine scharfe Spitze erhebt. Hoch klettert das freundliche Grün an dem schwarz-roten Granit hinauf. Und drüben, am anderen Ufer der Weiden, düstert der graue Kalk der Kette von Barberine: Runde Kuppen mit weissen Bändern von Schnee. » Verschwunden war die Arbeiterstadt, auf die Oskar Erich vor 34 Jahren vom Col de la Gueula entsetzt hinunterstarrte, verschwunden war alles Gerümpel des grossen Werkes. Unberührt, wie einst, lag die graugrüne Weidefläche vor uns; einzelne Maste einer Leitung standen in ihr, die aber wenig störten, und friedlich weidete dazwischen die Herde.

Am Ende des Weidebodens stehen heute einige Holzhäuser; eines davon knapp vor dem Beginn der Gorge de la Rija, der engen, glattgewaschenen Felsschlucht, durch die einst die Wasser der Barberine schäumend herabstürzten; darüber wuchtet die Staumauer. Auch uns mahnte, so wie 1922 Oskar Erich, eine Tafel mit der Aufschrift « Défense de passer », und auch uns wies eine zweite den « Sentier pour Barberine ». Langsam stiegen wir den breiten Weg hinauf, ganz langsam; dann blieben wir stehen. Vor uns lag der See. Wäre nicht die Staumauer gewesen, wir hätten keinen Augenblick daran gezweifelt, dass dieses grosse Wasser seit eh und je zu diesen Bergen gehört. Da lag der See vor uns, regungslos und glatt. Da stand die Pointe de la Fenive und spiegelte ihre breite, bändergeschmückte Stirne im dunklen Wasser. Da stand die Pointe des Rosses und schob ihren Ostfuss weit herab in das Land hinter dem See, da war der Mont Ruan, breit und mächtig aufgebaut über dem blauschimmernden Glacier des Fonds, und da war sie, die Königin von Barberine, die Tour Sallière. Wir standen und schauten. Alles Wissen um das Men- schenwerk war ausgelöscht. Wir sahen nur die Berge, deren Namen wie Märchenworte in unserem Ohr klangen, wir sahen das weite, stille Wasser und hörten das leise Rauschen der silbernen Bäche, die von den Bergen herabstürzten, dem stillen See entgegen.

Langsam folgten wir dem breiten Weg entlang des Sees, bis wir zwischen mächtigen, abgeschliffenen Granitblöcken das Cabane-Restaurant de Barberine fanden. Nun waren wir da. Kein Jahr-markttreiben hat uns empfangen. Einige junge Mädchen waren uns auf dem Weg zur Hütte begegnet, einige ältere Wanderer standen bereit, nach Châtelard abzusteigen. Freundlich empfing uns der Hüttenwirt, Edouard Gross; abends waren wir seine einzigen Gäste. Schwarz hing der Himmel über den Bergen; aus weiter Ferne kam das Flimmern ungezählter Sterne. Schwarz lag der See zu unseren Füssen; aus seiner Tiefe grüsste uns des Himmels Sternenlicht. Da wussten wir, dass uns morgen für die Tour Sallière gutes Wetter beschieden war.

Tour Sallière, 3218,7 m Es war 5 Uhr 30 Minuten, als wir, Giovanna und ich, am 5. September das Cabane-Restaurant de Barberine verliessen. Der Himmel war wolkenlos, die Luft eisig kalt. Bis zum Ende des Sees brachte uns ein guter Steig; dann war alles Menschenwerk zu Ende. Ich glaube, das Land hinter dem See hat sich seit 1909 nur wenig verändert. Schade, dass Oskar Erich heute das Land seiner Jugend nicht mehr besuchen kann; er würde sich freuen, dass vieles so blieb, wie es war, und würde vielleicht auch dem See verzeihen, dass ihn Menschenwille hierher gebannt. Mir aber möge er da drüben in den ewigen Bergen nicht böse sein, wenn ich bekenne, dass es mir scheint, als hätten die Menschen hier nicht etwas Neues geschaffen, sondern nur wiederhergestellt, was vielleicht einst war, als die Wasser der Barberine und der Eau Noire die Gorge de la Rija noch nicht ausgewaschen hatten.

Nun hob ein langes und mühsames Steigen an. Um den Beginn des Südostgrates zu erreichen, mussten wir vorerst den Punkt 3010 ersteigen; wir betraten seinen schneeigen Rücken nach einem langen Anstieg auf steilen Grashängen und später auf hartem Firn und brüchigem Fels, wobei wir uns immer in der Richtung des Punktes 2968,7 bewegten. Nun stand erst die eigentliche Tour Sallière vor uns. Waren es auch nur mehr zweihundert Meter, die uns vom Gipfel trennten, so mussten sie doch erstiegen werden. Soweit es mir günstig schien, kletterten wir in der Nähe des Grates aufwärts. Später zwangen uns unersteigliche Aufschwünge die Absätze und Rinnen der Südflanke zu benützen. Da gab es nun reichlich Schnee und Eis vom letzten Wettersturz, und der Pickel hatte zu tun. Dann aber war die letzte Rinne erstiegen und der Grat wieder erreicht; sechs Stunden nach unserem Aufbruch von der Cabane betraten wir den Gipfel der Tour Sallière. Noch immer hing der Himmel wolkenlos über uns. Strahlend im Lichte der Sonne lag rundum ein herrliches Land. Aber, wohin immer auch der Blick wanderte, wo immer er auch alte Bekannte und neue Ziele fand, immer kehrte er zurück zur langen Kette der gleissenden Berge des Mont Blanc. Zwei Stunden hielten wir Rast; allein. Ein Führer mit einer Dame, sie kamen von Salanfe herauf, erschienen für wenige Minuten auf dem Gipfel und stiegen nach Barberine ab. Auch für uns kam die Stunde des Abschiedes. Lange blickte ich noch hinüber zur Haute Cime der Dents du Midi und hinab zum Stausee von Salanfe; auch da unten schläft die Alpe unter dem See.

Als wir die Cabane wieder erreichten, war es 18 Uhr. Kein Mensch war anwesend; Gross freute sich, dass wir « oben » waren, und war sichtlich bemüht, uns einen gemütlichen Abend zu bereiten.

1 Landeskarte der Schweiz 1: 50 000, Blatt 282 Martigny.

Le Cheval Blanc, 2830 m, Pointe du Genévrier, 2870 m, und der Mont Buet, 3094 m Der Donnerstag, 6. September, brachte wieder schlechtes Wetter; es regnete fast den ganzen Tag, und graue Nebel erfüllten ganz Barberine. Auch am Freitag, dem 7., war es morgens trüb, und zeitweise regnete es. Als es aber dann nach 7 Uhr lichter wurde, entschlossen wir uns, den weiten Weg zum Buet doch noch anzutreten. Als wir die Cabane verliessen, war es 7 Uhr 10. Wir überschritten die Staumauer und folgten jenseits einem dürftigen Steig, der uns zur Strasse hinüberbrachte, die von Emosson hinaufführt zum Stausee von Vieux Emosson. Leider konnten wir sie zum Aufstieg nicht lange benützen. Eine Tafel machte uns aufmerksam, dass die Benützung der Strasse von 9 bis 18 Uhr wegen Sprengarbeiten lebensgefährlich und deshalb verboten sei. Zum Aufstieg nach Vieux Emosson wurde für diese Zeit der alte Weg empfohlen; der aber war längst von hohem Gras überwuchert und kaum mehr zu erkennen. Wollten wir unsere Fahrt nicht aufgeben, blieb uns nichts anderes übrig, als über die steilen Grashänge bis zum Punkt 2350 anund jenseits nach Vieux Emosson abzusteigen. Also stiegen wir die Hänge hinan; sie waren stellenweise so steil, dass das Gras die Nase kitzelte. Obwohl es eigentlich zum Lachen war, wie wir uns da in dem hohen Gras hinaufmühten, war meine Laune durchaus nicht die beste. Das Wetter hatte nicht die Absicht, wesentlich günstiger zu werden, und die Zeit drängte; mit diesem Umweg hatte ich nicht gerechnet. Die einzige Erheiterung des Gemütes brachten die vielen Sprengschüsse, die allmählich immer tiefer unter uns donnerten. Als wir die Höhe der Kote 2350 erreicht hatten und jenseits hinabsahen, blickte uns aus der Tiefe der ruhige Spiegel eines Sees entgegen. Nun lag auch über Vieux Emosson nicht mehr der Zauber der alten Zeit. « Hirt und Herde hatte der Schutt verdrängt, den die Bäche vielarmig über das letzte Grün gebreitet. Schweigend schliessen die Gipfel den grauen Ring um die weite Fläche. » Nun umschliessen sie den ruhenden See, aus dem die grauen Schutthänge hinaufsteigen zu den Höhen, aus welchen sie gekommen.

Ein schlechtes Schafsteiglein brachte uns hinab in den Kessel, zum Ufer des Sees. Ja, nun waren wir wirklich weltferne; nicht einmal der « Alte von Vieux Emosson » mochte hier noch hausen. Im Hintergrund des Tales erstiegen wir einige Terrassen und erreichten dann in einer steilen Schotterrinne, gefüllt mit Eis und Schnee, den Col du Vieux. Unwirsch fauchte uns der Wind um die Nase und Ohren, und tiefer gesunken war die graublaue Wolkendecke, von der wir doch gehofft hatten, dass sie im Laufe des Tages schwinde. Und weit im Süden noch stand unser Berg, stand der Buet. Was wir von ihm sahen, war nicht erfreulich. Blauschwarz stieg seine Ostwand aus dem fahlen Weiss des Glacier de Tré-les-Eaux steil hinauf zum Rande der düsteren Wolken und verschwand in ihnen; lang war der Rücken vom Cheval Blanc hinüber zu seinem schwarzen Nordgrat. Aber wir hatten beschlossen, zu ihm zu gehen, und so stiegen wir weiter. Der Aufstieg vom Col Vieux zum Gipfel des Cheval Blanc war keine rechte Freude; er vollzieht sich auf steilem grossblockigem Geröll und brüchigem Fels. Als wir oben standen bei dem mächtigen Steinmann, schien es, als würde durch die dicke Wolkendecke mehr Licht fallen. In grossen Sprüngen eilten wir hinab zur Senke des Col du Genévrier. Da öffnete sich plötzlich über uns ein grosses Wolkenfenster. Wir blieben stehen und starrten hinauf. Vom Sonnenlicht umflossen schwebte da oben im hellsten Blau die silberweiss schimmernde Kuppel des Weissen Berges. Rasch war das Schauspiel vorbei, rasch zogen wir weiter. Ein feiner, geschwungener Firngrat führte uns vom Col du Genévrier hinauf zu den dunklen Gipfelfelsen der Pointe du Genévrier. Oskar Erich nannte diesen kühnen Turm Pointe des Entrèves; wie ein Wächter steht er vor dem Aufstieg zum Mont Buet. Nach der Überschreitung dieses Gipfels waren wir bald beim Beginn des Nordgrates, in dessen Ostflanke Steigspuren und sogar Reste von Drahtseilen den Weg zur Höhe wiesen. Langsam stie- gen und kletterten wir auf den schwarzen Schieferfelsen aufwärts und tauchten dabei allmählich in die graue Nebelschicht hinein; bald verschwand jetzt auch der schwarze Felsgrund unter dem Weiss des Neuschnees, mächtige Wächtenbaikone hingen über die Ostwand hinaus und mahnten zur Vorsicht. Auf dem breiten Rücken des Berges stiegen wir weiter an, bis sich aus dem Grau die Gipfelwächte löste. Nun war auch der Buet erreicht. Der Wind sang leise, einzelne Schneeflocken schwebten in der grauen Luft, und weit und einsam war die Welt um uns. Was es an schönen Tagen vom Buet zu sehen gibt, verrät ein Rundbild, das in eine Steinplatte fein säuberlich eingraviert ist; wie wir aber den Berg erlebten, weiss unser Herz allein.

Auf dem Rückweg querten wir auf mehr oder weniger geneigten Schneeterrassen östlich der Pointe du Genévrier hinüber zum Col du Genévrier, stiegen wieder hinauf zum Gipfel des Cheval Blanc, hinab zum Col du Vieux und durch die grausliche Rinne weiter bis zum Ufer des Sees. Als ich bei einem grossen Felsblock vorschlug, einmal zu rasten, war es 16 Uhr. Der Wind fauchte wieder unfreundlich, kalt war es geworden, und so dauerte diese erste Rast des Tages kaum länger als fünf Minuten. Ausserdem trieb uns die Ungewissheit weiter. Ich wusste ja nicht, ob wir nicht wieder über die Grashänge der Kote 2350 zurückkehren mussten oder ob uns das finster gähnende Loch vielleicht freundlich aufnahm, das uns da von der Stirnseite des Sees entgegengähnte.Ver-trauensvoll tauchten wir in den finsteren Schlund. Arbeitslärm drang uns entgegen, und dann standen wir vor den ersten Menschen, die wir heute begegneten. « Können wir die Strasse hinuntergehen? » frug ich. « Ja, das können sie », wurde uns im Schweizer Dialekt geantwortet, « es besteht keine Gefahr. » Als wir den Tunnel verliessen und einen breiten Arbeitsplatz betraten, stellte sich uns ein Mann in den Weg und frug: « Wohin? » « Nach Emosson », antwortete ich lächelnd. « Das können Sie jetzt nicht; es wird noch bis 18 Uhr gesprengt, und da ist der Abstieg lebensgefährlich und verboten. » Ja, das wussten wir schon vom Aufstieg; aber was nun? « Gehen Sie in die Kantine und rasten Sie, ich werde Sie rufen, wenn die Strasse frei ist. » Das war wenigstens nett von dem Sprengmeister, und weil wir schon nicht weiterkonnten, so wollten wir seinem Rat folgen. Wir schritten auf einer breiten Strasse hinunter zum Fuss der Staumauer und fanden unter einem mächtigen Überhang, ausgezeichnet gedeckt gegen Sicht und Steinschlag, den Bretterbau der Kantine. Eine junge, hübsche Schweizerin hantierte in der sauberen Küche, und ein junger Schweizer schnitt einen Berg Tomaten. Wenig später kam der Sprengmeister aus dem Geschlecht der Andermatten aus Saas. « Na », meinte er, « ist es nicht besser, hier im Warmen zu sitzen, als Steine auf den Kopf zu kriegen? » « Sicher », sagte ich und musterte dabei eine Reihe dunkler Flaschen mit verlockenden Etiketten. « Haben Sie Wein? » frug ich dann ganz leise. « Soviel Sie wollen », entgegnete lächelnd der von Andermatten. Und dann tranken wir alle fünf zwei Flaschen dunkelroten Franzosenweins, und im Nu war es 18 Uhr 30 geworden.

Im Abenddämmern schritten wir dann, lachend und scherzend, den Fahrweg hinab nach Emosson. Dort, wo wir im Aufstieg die Strasse verlassen mussten, machte ich einen Knix und sagte: Danke schön. Hätten wir uns nicht entschlossen, den Umweg zu machen, nie wäre uns der Tag des Mont Buet geschenkt worden. Immer dunkler wurde es um uns, immer mehr Sterne leuchteten über uns. Dann stiegen wir von Emosson wieder den breiten, steinigen Weg hinauf zum See. Da gab es nun auf einmal zwei Sternenhimmel; einen über uns und einen neben uns. Und ich glaube, es war noch ein dritter vorhanden: einer in uns. Als wir gegen 20 Uhr die Cabane erreichten, stand Gross mit einer grossen Stallaterne unter der Tür, im Begriffe, uns entgegenzugehen. « Hallo, Madame! ». « Hallo, Monsieur! » rief er. « Hallo, Monsieur Gross », entgegnete ich und trat in den Lichtkreis seiner Laterne. Nun waren seine Sorgen vorbei, und unser Weg zum Buet war zu Ende.

2 Die Alpen - 1959 - Les Alpe17 Pointe des Rosses, 2965 m Wir hätten am Tage nach unserer Fahrt zum Mont Buet zwar eine Rast verdient, aber das Wetter war schön und unsere Zeit kurz. Um 8 Uhr 40 Minuten ruderte uns ein Junge über den See. Langsam stiegen wir auf dem hartgefrorenen Firn des Glacier de la Finive hinauf und folgten dann den dürftigen Steigspuren zum Col de Tenneverge. Es war nicht unschwierig und ungefährlich, die steilen, vereisten Rinnen der Nordflanke des Bas de Balavaux zu queren, und wir waren froh, als wir auf dem Col de Tenneverge in das warme Licht der Sonne traten. Auf einer breiten Schneeterrasse schritten wir dann hinüber zum Beginn des Ostgrates der Pointe des Rosses. Hier gab es nach einem etwas mühsamen Schuttrücken ein fröhliches Klettern im festen Fels, ein Gehen auf luftigem Firngrat, ein vorsichtiges Aufwärtssteigen auf hartem, steilem Eishang, und dann war der Gipfel erreicht. Vom Sonnenlicht umflossen, mitten in einer schönen Welt mit einem Prachtblick zum Weissen Berg, hielten wir kurze Rast. Nahe und doch noch ferne stand der Pic de Tenneverge. Sollten wir hinüber? Rasch entschlossen zogen wir weiter. Vorsichtig stiegen wir vom Grat hinab zu dem sonderbaren Firngebilde, von dem Oskar Erich sagt, dass es das eigenartigste sei, das ihm je in den Alpen begegnet ist. « Ein riesiger, windgebildeter Wall aus Schnee zieht sich halbmondförmig um die Spitze herum bis zum Beginn des Grates, der sie mit dem Pic verbindet. » Auch wir überstiegen den ersten Turm leicht und standen dann, wie Meyer, vor dem grossen Aufschwung, « der den Bergsteiger in eine der Flanken drängt ». Und wie Oskar Erich wollte ich das schmale Band wählen, das in die Nordwand hinauszieht. Aber hier gab es keinen Fels mehr, hier war nur mehr Eis und Schnee. Schon der erste Versuch, hier weiter- und höherzukommen, war aussichtslos; geschlagen kehrten wir um. Wieder auf dem Gipfel der Pointe des Rosses angekommen, holten wir die versäumte Gipfelrast nach, stiegen dann hinunter zum Col de Tenneverge, querten wieder die unfreundlichen Rinnen und folgten der Steigspur hinab zum Firnfeld des Finivegletschers. Noch waren wir nicht unten, als wir sahen, wie vom jenseitigen Ufer des Sees der Kahn geschwommen kam; Monsieur Gross holte uns persönlich zurück.

Dents du Midi. Die Haute Cime, 3260 m Der nächste Tag war ein Rasttag. Zwei Gewitter zogen über den Bergen von Barberine dahin, und es regnete den ganzen Tag. Am Montag, den 10. September, war das Wetter nicht viel besser, aber wir mussten, wollten wir noch die Haute Cime besuchen, hinüber nach Salanfe. Nach einem herzlichen Abschied von Monsieur Gross und seiner Familie stiegen wir bei Regengeriesel hinauf zum Col de Barberine. Als wir den unteren Rand der Wolkendecke erreicht hatten, versank hinter uns der See, versank das Tal von Barberine mit seinen Bergen. Rasch stiegen wir jenseits hinunter zum Weideboden von Emaney und hinauf zum Col d' Emaney. Ein kalter, heftiger Wind trieb uns weiter. Tief unten lag der Stausee von Salanfe. Auf schlechtem Weg erreichten wir sein Ufer, schritten auf der Krone der Staumauer hinüber zu den Arbeiterbaracken und fanden in der einfachen, aber sauberen Kantine gute Aufnahme. Als sich im Laufe des Nachmittages das Wetter etwas besserte, bot sich uns ein selten schönes Bild; über dem dunklen Seespiegel baute sich die Nordostwand der Tour Sallière, die Grand Revers, prachtvoll auf.

Am Dienstag, den 11. September, verliessen wir Salanfe um 7 Uhr 50 bei recht zweifelhaftem Wetter. Schon nach einer Stunde zwang uns ein heftiger Regen vor dem Beginn des Steilanstieges zum Col de Susanfe, unter einem einzelnen, hausgrossen Block Schutz zu suchen; erst nach einer halben Stunde konnten wir weitersteigen; eine Stunde später standen wir oben auf dem Col, im dichtesten Nebel und ärgstem Regen. Was tun? Wir kehrten um und eilten hinab zu unserem Block, der einzigen Möglichkeit, halbwegs Schutz zu finden vor dem strömenden Nass und dem eisigen Wind. Um 12 Uhr mittags verliessen wir zum zweiten Male unseren Unterstand und stiegen wieder hinauf zum Sattel. Eilig folgten wir einer Wegspur, von der wir glaubten, dass sie uns auf den Gipfel der Haute Cime bringen würde. Aber im Nebel rannten wir an der unmerklichen Abzweigung der richtigen Spur vorbei und kamen viel zu weit in die Ostflanke des Berges hinaus. Verbissen kämpfte ich mich aufwärts; irgendwo musste ich ja den Grat erreichen, auf dem der Anstieg vom Col Susanfe erfolgt. Steile Schneefelder querten wir und unangenehme, schiefrige und glitschige Hänge. Wir überschritten steile Schnee- und Felsrinnen, überwanden brüchige Schieferstufen und standen dann plötzlich auf einem schönen Steig, der jenseits des Grates, den wir in einer Scharte erreicht hatten, bequem bergwärts zog. Nun war uns beiden trotz des schlechten Wetters und des mühsamen und unangenehmen Aufstieges wieder wohler zumute. Was tat es, dass der letzte Anstieg zum Gipfel nicht mehr so bequem war wie der Weg zu ihm. Über die steilen, zerrissenen, mit Schotter bedeckten Platten erreichten wir um 3 Uhr nachmittags den mächtigen Steinmann der Haute Cime; er war so ziemlich das Einzige, das wir sahen. Rundum waren die Berge vom Nebel verdeckt, und nur ab und zu öffnete sich unter uns ein Wolkenfenster, durch das dann der glitzernde Spiegel des Sees von Salanfe sekundenlang herauf leuchtete. Als wir aber dann abstiegen, änderte sich das Wetter. Je tiefer wir kamen, um so höher hoben sich die Nebel, und als wir längs des Sees hinausschritten zur Kantine von Salanfe, erstrahlte auf einmal der Gipfel der Haute Cime im zarten Rot des Lichtes der scheidenden Sonne.

Als wir am nächsten Tag bei wolkenlosem Himmel durch das Vallon de Van hinabschritten nach Salvan, versanken hinter uns der See und die Berge von Barberine. Nun haben wir es erschaut, das Traumland, nun war es Wirklichkeit geworden, nun lebt es in uns und wirkt die Sage weiter, bis wir vielleicht eines Tages wiederkommen. « Traure nicht! » sagte ich leise zu mir beim letzten Blick hinauf nach Salanfe. « Traure nicht! Wechsel ist Leben. Und das Vergängliche geht leuchtend ins Künftige ein. »

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