Begleitworte zum Tödipanorama

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Begleitworte zum Tödipanorama

Den „ König der Ostschweiz " hat ein begeisterter Pionier der Alpenwelt — ich glaube, es war Hegetschweiler — den Tödi genannt. Wohl ist er nicht die höchste Erhebung in der östlichen Hälfte unseres Vaterlandes, aber der volkstümlichste Berg, denn seine Formensprache ist, namentlich von Westen, Nordwesten und Norden gesehen, eine darart elementare, eindringliche, daß der Eindruck unauslöschlich im Gedächtnis haften bleibt. So ist der Tödi bei uns im Kanton Zürich neben dem reichgegliederten, breitgeschulterten Glärnisch die bestbekannte Berggestalt. An den lieblichen Ufern unserer drei größeren Seen schweift das Auge über die blaue Wasserfläche empor zu der im Glanz der Sonne weit in die Lande hinausleuchtenden Firnkuppe des Glarnertödi und lenkt so namentlich an den Quais und auf den oberen Brücken in Zürich die Aufmerksamkeit der Fremden in besonderem Maße auf sich, während er von den Quaianlagen in Luzern aus gesehen scheinbar mit dem Kammlistock zusammenfällt und nur Eingeweihten von diesem unterscheidbar ist. Die entferntesten Punkte, von welchen aus der Tödi gesehen werden kann, sind noch nicht mit Sicherheit bestimmt. Auf den Höhen des Schwarzwaldes und der schwäbischen Alb bildet er im Alpenkranze eine markante Erscheinung. Weniger trifft dies für den Jura zu; auf dem Chaumont braucht es schon ein gutes Fernglas, um ihn von den andern Gipfeln unterscheiden zu können. Allgemein bekannt ist der Tödi den Ulmern; sowohl vom Münster wie auch von der Wilhelmsburg aus hebt an klaren Winter- und Frühlingsabenden seine charakteristische Silhouette sich deutlich am rötlichen Horizonte ab, seine Trabanten zur Linken und Rechten, den Piz Urlaun und den Kleinen Tödi, hoch überragend. Die größte mir bekannte Entfernung beträgt rund 250 km, es betrifft dies die Albhöhen bei Alen in Württemberg. Was aber besonders viel zur Popularität des Tödi beiträgt, ist seine Sichtbarkeit in den Tälern. Am imponierendsten präsentiert er sich im Tale, in welchem er ohne Zweifel seinen Namen erhalten hat, im Glarnerlande selbst. 3000 m schwingt er sich über die Station Linthal empor, und eine der schönsten Überraschungen für den Reisenden ist der Augenblick, wo er in der Nähe von Mitlödi zum erstenmal, als gewaltiger Talabschluß, ins Gesichtsfeld tritt. So rief mein erster Träger, ein Italiener aus den Bergen der Provinz Belluno, daselbst begeistert aus: „ Das ist ja wie im Berner Oberland !" Weltbekannt sind die Ansichten des Tödi von der Baumgarten- und der Uelialp, und es ist nur tiefes Naturempfinden, keine Übertreibung, was Professor Theobald vor 51 Jahren schrieb: „ Schauerliche Felswände endlich kehrt der Tödi der Sandalp zu, so daß er von allen Seiten frei und mit majestätischer, erdrückender Größe auf die mächtigen Gipfel seiner Umgebung herabsieht. "

Dieser unauslöschliche Eindruck ist nicht zum geringen Teil auf den natürlichen Rahmen zurückzuführen, denn der Tödi ist, für sich allein betrachtet, wohl eine auffallend charakteristische, doch keine besonders schöne Berggestalt und kann einen Vergleich mit dem Matterhorn, dem Weißhorn, mit dem Bristenstock und der Jungfrau von Norden nicht aushalten. Hierzu fehlen ihm die einheitlichen, großen, schönen Linien an seinem trotzigen Felsgestell, die uns einzig an seiner Firnbedachung zu entzücken vermögen. Als ziemlich symmetrische, wenn auch etwas plumpe Gestalt erscheint der Tödi von Nordwesten, vom Zutreibistock aus, und in ungewöhnlich breiter Basis baut er sich vor den Augen des Beschauers auf dem Sandpasse und der Pianura auf, ein unregelmäßiges Fünfeck bildend, dessen zwei obere Seiten, insbesondere die südlichere, stark gekerbt erscheinen. Von diesem erhabenen Standpunkte aus kommt nun auch der den den Tödi von Norden besteigenden Touristen gewöhnlich unbekannte, weil gänzlich unbeachtete Piz Meilen zur verdienten Geltung. Es fällt dieser namentlich durch seine gelbliche Farbe auf, hervorgerufen durch das für den Tödi charakteristische Rötidolomitband, welches sich in stark gebogenen Falten zu diesem Zwischengipfel emporwindet. Daß das breite Satteldach des Piz de Dor allgemein für den Piz Meilen gehalten wird, so auch von den Glarner Führern und nicht minder von Touristen, welche den Tödi schon öfters bestiegen und sogar beschrieben haben, ist leicht begreiflich, denn der kleine abgestumpfte braungelbliche Gendarm und die sanfte Gratanschwellung, die sich scheinbar an die Südflanke des Piz de Dor anschmiegt, können niemals vom Bifertenfirn aus für einen selbständigen Gipfel gehalten werden, und die Karte bezeichnet als nächsten nördlichen Nachbar des Stockgron den Piz Meilen. Auch ich bin dieser Täuschung zum Opfer gefallen und wurde in meinem Irrtum noch bestärkt durch angebliche gründliche Tödikenner, denn auch auf dem Piz Rusein erscheint der Piz Meilen nur als etwas nach Westen aus der Gratachse herausragende Felsbastion, die unter normalen Verhältnissen im Hochsommer größtenteils aper ist, ebenso häufig eine Schneehaube trägt, wie dies der malerischen Wirkung wegen auf dem Panorama dargestellt ist. Die Farbe der Abstürze des Piz Meilen kann, namentlich in der Abendsonne, garadezu bezaubernde Wirkungen hervorrufen, wie ich dies einmal in besonderem Maße kurz vor Sonnenuntergang vom Grate nördlich des Piz de Dor beobachtet habe. Dieser Grat und die beiden kulminierenden Gipfel, welche den wirklichen de Dor um ein beträchtliches überragen und der den Besteigern des Piz Rusein auf der seit Jahren üblichen Route durchaus als selbständiger und markanter Gipfel erscheint, wurde bisanhin allgemein für den Piz de Dor angesehen. Hoffentlich bringt nun das ja gleichzeitig mit der II. Auflage des Clubführers durch die Glarneralpen erscheinende Teilstück des Tödipanoramas endgültige Klarheit. Da nach persönlicher Mitteilung von Herrn Dr. Täuber de Dor abgeleitet ist von de dora, was „ der äußere " bedeutet, nun aber dieser fragliche Gipfel, sei es vom Piz Rusein aus betrachtet, sei es von Westen oder vom Sandpasse aus, wirklich die äußerste und scharf ausgeprägte Spitze der Südseite der Gipfel- oder Ruseinpyramide ist, welche bei der großen Lücke ob dem Bleisasverdas-Firn anhebt ( Ruseinpforte im Glarner Clubführer ), so ist es sehr leicht möglich, daß die Romanen, die ja ohne Zweifel allen diesen Gipfeln den Namen gegeben, eben diesen Eckpfeiler den „ äußeren " nannten. Warum der breite Felsstock — von Westen gesehen — als nächster Nachbar des Piz Meilen, den schon Simler als Bleisasverdas ( Grüne Hänge ) bezeichnet, zugleich de Dor heißen soll, ist mir durchaus unverständlich; seine Lage spricht direkt dagegen. Professor Heim führt allerdings auf seiner geologisch-instruktiven Steinzeichnung, den Tödi vom Punkte 2820 des Sandalppasses darstellend ( Beilage zu Jahrbuch XIII ), beide Namen an, Dr. Fritz Weber auf dem Panorama vom Bündner-Tödi — auf welchem nun auch der Piz Meilen in bescheidenem Maße sich bemerkbar machtBeilage zu Jahrbuch XLIII ) nennt ihn, wie auch die Karte in 1: 50,000, de Dor, während er auf dem Holzschnitte nach Müller-Wegmann im Jahrbuch I, „ Der Gipfelkranz der Tödigruppe ", einzig den Namen Bleisas verdas trägt. Eine Notiz in „ Über Eis und Schnee ", II. Auflage, pag. 489, läßt die Vermutung aufkommen, daß doch eine Namensverwechslung vorliegt, oder dann ist die Höhenzahl 3520 total unrichtig, denn die Lücke nördlich vom Bleisas verdas kann höchstens 3370 m hoch liegen, vorausgesetzt, daß die Höhenzahl des Piz de Dor auf der Siegfriedkarte richtig ist. Die Zahl 3520 könnte ungefähr stimmen für die auf meiner Zeichnung für den Glarner Clubführer, II. Auflage, links vom ersten Absatze am Südgrat des Piz Rusein eingetragene Route.Von dieser Stelle an benötigt man auf die Spitze zirka 20 Minuten. In wenigen Minuten konnte ich von dieser Stelle zu meinem Biwak gelangen, das, nach dem mittleren Barometerstand zu schließen, zirka 3480 m hoch liegt. Es ist zu wünschen, daß in einer Neuausgabe des Blatt Tödi der erste Eckpunkt nördlich des Bleisas verdas, wenn auch nicht einen Namen, doch eine Höhenzahl erhalte, auch sollten in Übereinstimmung mit Dr. Naefs Clubführer die einzelnen Lücken und der Bleisas verdas-Firn benannt werden. In diesem Falle wäre die beste Lösung vielleicht die, daß man den Glarner Führern zuliebe, bei welchen nun einmal die Bezeichnung Piz de Dor eingewurzelt ist, den bereits erwähnten Außenpfeiler so bezeichnen würde, statt dem Bleisas verdas zwei Namen zu geben. Deshalb benenne ich den Piz de Dor der Karte auf dem Panorama mit Bleisas verdas, und damit nicht leicht Verwechslungen vorkommen können, setze ich überall die Namen der Karte in Klammer. Aus diesem Grunde akzeptiere ich auch die Neubenennung, wie sie Dr. Fr. Weber in seinem Aufsatze: „ Auf der Rückseite des Tödi " im Jahrbuch XLIII vorschlägt. Nicht so leicht konnten Dr. Naef und ich uns mit der Umtaufe des Piz Gliems in Piz Avat einverstanden erklären, hörten wir doch in Truns und Disentis nur ersteren Namen nennen, so vom alten Bergführer und Gemsjäger Schuoler in Disentis und auch von seinem Sohne, in dessen Begleitung ich den Piz Gliems am 9. September 1905 bestiegen habe, bei welcher Gelegenheit ich als einziges Zeugnis früherer Besteigungen die Karte von Dr. Fr. Weber vorfand. Nun hat Dr. P. Karl Hager in Disentis in verdankenswerter Weise jeden Zweifel gehoben, indem er mir eigenhändige Abschriften aus dem Stiftsarchiv Disentis, sowie aus dem Kodex der Kantonsbibliothek in Chur übersandte. Nach ersterer Quelle schrieb Placidus a Spescha: „ Man legte dem Berggiebel diesen Namen bei, weil er einer Abtsmütze gleicht und folglich zweispältig ist; er wird auch Piz Tschenclinas genannt nach einer kleinen unten gelegenen Alp Und im Kodex der Kantonsbibliothek in Chur findet sich folgende Version über die Besteigung des Piz l' Avat: „ Er liegt am Eingang des Seitenthal Lims ( Speschas eigenartige Orthographie für „ Glims " oder „ Gliems " ) und von ihm gehen zwei Reihen Berge: die eine gegen den Stoc gron und die andere gegen den Urlaun hin, aus; und dazwischen steht das Alpthal [Gliems]. Seinen Namen hat er von der Mütze eines Abtes, denn seine zwei Spitzen usw. Sonst wird er auch „ Piz Tschenclinas " genannt. Herr Dr. P. Karl Hager fügt bei: Diese Version bekräftigt noch mehr die Gewißheit, daß Pater Placidus a Spescha unter „ Piz Avat " die höchste Gliemsspitze versteht. Der äußerst gewissenhafte Spescha, dazu sehr kritisch veranlagt, war der beste Kenner der Gebirge seiner Heimat. Seither haben sich manche Unrichtigkeiten eingeschlichen. Man sollte wieder zu der ursprünglichen Bezeichnung wenigstens insofern zurückkehren, als der Name Piz „ Avat " in Klammer unter „ Piz Gliems " zu stehen kommt.

Vom Piz Rusein aus sind die beiden Spitzen nicht zu unterscheiden. Wir beschränkten uns damals auf die südlichere, welche in senkrechten Platten nach Norden abfällt, und es ist ein Übergang zum Nordgipfel ohne Seil kaum ausführbar.

Der Piz Avat bildet einen Glanzpunkt im Mittelgrunde des Tödipanoramas. Die große, gleichmäßig abfallende Linie seiner Westflanke bildet ein äußerst wirksames Gegengewicht zum Rhythmus der Gipfelschar, welche sich zum sanft geschwungenen Osthang des so trotzig nach Norden und Westen abfallenden Stockgron hinüberzieht. Ergreifend ist der Tiefblick ins Val Busein, dessen Fortsetzung nach Süden hin gleichsam das Val Medel bildet, wo auf duftig grüner Sohle sich der gletschermilch-weiße junge Rhein schlängelt. Prachtvoll sind die Überschneidungen der flankierenden Berge, und um das nicht gewöhnliche Bild in Vollkommenheit abzuschließen, baut sich hinter der Ebene von St. Maria die massige Lucomagnogruppe auf, überragt von der imposanten Kette des Campo Tencia mit dem fesselnden Ruhepunkt der Schneekuppe des Hauptgipfels. Einen andern wohltuenden Ruhepunkt für das Auge bildet die breit hingelagerte Pyramide des Scopi mit dem schroffen Vorgebirge des Piz Valatscha. Das Hauptgewicht des Ausblickes nach Süden ruht auf dem Medelsergebirge, das wir von unserer hohen Warte aus in seiner ganzen Schönheit und Ausdehnung überschauen. Auch hier haben wir in denkbar glücklichster Anordnung die durch den sanft nach Norden abfallenden Lavazgletscher ausgefüllte Einsattelung, welche einesteils die beiden Gebirgsgruppen Medel und Gaglianera trennt, anderseits den Gesichtskreis durch die Öffnung des Val Blenio erweitert, bis hinunter zum Gaggio bei Bellinzona, zum Himmel Italiens, der sich hinter dem Generoso wölbt und in welchen hinein der nur mit bewaffnetem Auge wahrnehmbare Felszahn des Pizzo Gordona am Comersee ragt. Als Wächter des Bleniotales erscheint der in mächtigen Wänden abfallende Westpfeiler des Simano, welcher hinter dem Piz Gaglianera kulminiert, in den stolzen Felsbastionen des Torrente alto und des Torrone d' Orza nach Osten gleichsam seine Fortsetzung findet, und zuhinterst sendet uns der durch seinen schönen Aufbau erfreuende Pizzo di Claro einen Gruß aus dem Süden. Es gewährt einen hohen Genuß, alle diese Tessinerberge, welche aus der großen Gneis-decke durch die Erosion herausgeschält worden sind, mit dem Fernglas zu studieren. Zum Entzücken ist auch die Gneispyramide des Piz Vial, dessen scharfgeschnittener Grat sich direkt dem Beschauer zu ins Val Lavaz hinunter senkt. Diese schroffen Felsengrate, die, vom Tödi aus betrachtet, sich radial zu den Alpenweiden hinunterziehen und sechs Gletscherbecken begrenzen, sind ein Charakteristikum des Medelsergebirges. Während diese typischen Grate bei der Gaglianeragruppe als Ausläufer der scharf ausgeprägten Gipfel zu betrachten sind, sind bei der Gruppe, welche dem ganzen Gebirge den Namen gegeben hat, die Gipfelgrate nur kurz, und die Firndecke ist zusammenhängend, welcher Umstand viel zur Schönheit des Ganzen beiträgt. Touristisch beobachtenswerte Gipfel, wie der 3082 m hohe Fillung, die Gletscherinsel Rifugi camotsch, der Miez Glatsche mit dem vorgelagerten deutlich sichtbaren Piz la Buora, die Las Crunas, beginnen am Nordrande des plateauartigen Medelgletschers, der zutreffender Firn genannt werden sollte, und trennen als mächtige Felsrippen die einzelnen Gletscher. Um den Bildeindruck nicht zu sehr zu zerstören, habe ich nicht alle diese Einzelheiten benannt.

Besondere Beleuchtung und Witterungsverhältnisse ausgenommen, ist eine scharfe Grenze zwischen der Medel- und Lavazgruppe nicht wahrzunehmen. Auf dem Panorama habe ich dieselbe stärker hervortreten lassen, als es rein künstlerisch statthaft wäre; doch ist auch in Natura der durch die Einfachheit seiner Gliederung und als Aussichtsberg erwähnenswerte Piz Muraun eine als Typus eines Sericitberges hervorragende Berggestalt.

Ein besonders schönes Beispiel der nagenden Wirkung des „ Zahnes der Zeit ", der Verwitterung und Erosion, ist der Nordfuß des Medelsergebirges, die so mächtige, vorgelagerte Garvera. Ihren durch zahllose Runsen durchfurchten Steilhang verdankt sie den in jähen Böschungen verwitternden Gesteinsarten, in der Hauptsache Verrucano, Sericit, Amphibolit und der mutmaßlichen Fortsetzung des Rötidolomit-bandes vom Tödi, während der sanften Mulde zwischen dem Muraun ein leichter verwitterbarer Bündnerschiefer einesteils als Ursache zugrunde liegen, anderseits diese eine alte Erosionsterrasse bedeuten mag.

Das Medelsergebirg e wird im Osten begrenzt durch das liebliche Somvixertal, dessen Fortsetzung hinter der Gaglianeragruppe die vielgenannte Greina bildet. Der Blick in dieses tiefeingeschnittene, sohlenlose Tal mit seinen saftiggrünen Matten und dunkeln Tannenwäldern ist eine unschätzbare Bereicherung der Rundschau vom Piz Rusein; erhöht wird der Eindruck durch die imposant im Hintergrunde sich aufbauende Adulagruppe, deren firnbepanzerte Gipfel, vor allem Rheinwaldhorn und Güferhorn, zu den schönsten Schneegipfeln der Alpen gezählt werden dürfen.

Wie die Garvera kehrt auch der Piz Terri, diese kühngebaute Pyramide, uns die Schichtenköpfe zu. Das Auge vermag sich kaum von diesem Berge zu trennen, der so ebenmäßig aus der steil aufgerichteten Bündnerschieferfalte herausgeschält worden ist, der so viel „ Stil " in sich trägt. Man beachte die große Gerade, welche sich von der Spitze zum Piz Güda hinuntersenkt, übersehe nicht den scharf geschnittenen Nordgrat. „ Selten hat mir je ein Berg — und war er auch viel höher und größer — einen so gewaltigen Eindruck gemacht, wie der graphitschwarz schillernde Terri vom Schwarzhorn oder Frunthorn aus gesehen. Einen so unnahbaren, düsteren, kühn und scharf geschnittenen Gesellen konnten nur die steil aufgerichteten Bündnerschiefer liefern ", schrieb Professor Heim. Und noch einmal muß ich die Künstlerin Natur loben. Wie hat sie es doch verstanden, in Form und Farbe dem oben beschriebenen Mittel- und Hintergrund die große, horizontal hingelagerte Masse der Stgeina de Glievers als kontrastreiches Gegengewicht hinzusetzen, und welch prächtiger Eckpfeiler der Posta biotta ist! Wirklich, er trägt seinen Namen nicht unverdient.

Gerne hätte ich noch meinem Ausblick nach Süden den höchsten Berg des Tessins beigefügt, um den ersten Sechstel der Tödirundschau mit vollem Recht „ Tessineralpenu nennen zu können, damit aber eventuelle Freunde des Tödi und seines im Bilde wiedergegebenen Panoramas die einzelnen Teilstücke in geeignetem Rahmen jeweils auswechseln können, mußte ich mich genau auf den sechsten Teil des Ganzen beschränken. So wird der Basodino mit den Walliseralpen erscheinen, schwingt sich doch auch die Ostkante des Monte Rosa über der breiten Firnkappe desselben empor, so entbehrt das Ende der rechten Hälfte des vorliegenden Blattes eines Schwerpunktes und des malerischen Reizes. Die Berge an der Westgrenze des Tessins bilden demnach den Abschluß nach rechts, es ist ein sanftes Ausklingen, denn auch Mittel- und Vordergrund vermögen nicht durch reiche Kontraste zu wirken. Das Val Gierm, das den vom Tödi aus gewöhnlich unbeachteten Piz Pazzola vom Kulm Cavorgia scheidet, ist gegenüber dem größeren und tiefer geschnittenen Val Nalps völlig eindruckslos, und die Gipfel, welche wie Soldaten zwischen Piz Blas und Piz Paradis über dem Tale sich aneinanderreihen, haben, im einzelnen betrachtet, wohl ausgeprägte Formen, erheben sich aber nur unbedeutend über dem gemeinschaftlichen Bergmassiv, das die Täler Nalps und Cornera trennt. Die fernen Berge, die sich beinahe mit dem Blau des Himmels vermengen, erheben sich zwischen den Tessinertälern von Bosco, Campo und Onsernone, die fernsten gehören schon Italien an und sind an Hand der Karten, da die Koordinaten der italienischen und schweizerischen Blätter nicht zusammenpassen, nur schwer zu bestimmen. Ohne Exkursionen und Gipfelbesteigungen an der schweizerisch-italienischen Grenze wird dies mir kaum möglich sein. Die Fernglaszeichnungen weisen einen bedeutend größeren Maßstab auf, als dies in der Reproduktion der Fall ist. Die Anwendung eines kleineren Radius für das Panorama als der gegebene = l.185 m, hätte meine mit größter Mühe und Genauigkeit ausgeführten Fernaufnahmen völlig wertlos gemacht.

Der Schweizer Alpenclub kann bald das Jubiläum seines 50jährigen Bestehens feiern. Im Jahre der Gründung fand auch die erste offizielle Clubfahrt auf den Tödi statt. Dem Andenken der idealen Gründer des „ S.A.C. ", den mutigen und begeisterten Pionieren der Alpenforschung im allgemeinen, den ersten Besteigern des Tödi im besondern, ihnen allen zu Ehren sei dieses Panorama gewidmet. Es ist eine erste Probe, bei der die nötige Erfahrung für die beabsichtigten weiteren fünf Teilstücke gesammelt werden mußte. Ich bitte deshalb um ein mildes Urteil. Zum Meister braucht es Übung und Erfahrung, und es ist die erste derartige Aufgabe, die mir zur Lösung übergeben wurde. Ich habe alle Liebe zur Arbeit aufgewendet, um ein der Mühsal und den Kosten entsprechendes Äquivalent zu schaffen. Es war von Anfang an meine Idee, allen den begeisterten Freunden der Alpenwelt, denen es die physischen Eigenschaften oder andere Verhältnisse nicht gestatten, „ von dort aus hinabzusehen auf die Alpenwelt ", ein möglichst getreues Abbild zu bieten von der Großartigkeit und Schönheit der Rundschau vom höchsten Gipfel des Tödi.

Albert Boßhard ( Sektion Winterthur ).

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