Bergerlebnisse in Nordost-Grönland

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Mit 2 Bildern ( 36, 37Von H. R. Katz

( Zürich ) Am 20. Juli 1948, frühmorgens, lagen wir endlich am Eingang zum Kejser-Franz-Joseph-Fjord. Eine Woche früher war die Nordküste Islands im Nebel hinter uns verschwunden, und während mehrerer Tage hatte das Schiff mit grösster Kraftanstrengung und ständigem Zickzackfahren sich einen Weg durch den breiten Packeisgürtel bahnen müssen. Nun also lag die grönländische Küste vor uns, aber wiederum versperrte eine fast kompakte Eismasse die Einfahrt in die riesigen Fjorde. Wirklich riesig, denn als der Nebel sich etwas hob, sahen wir nur an zwei Stellen in grosser Entfernung Land: öde, graue Berghänge mit Schneeflecken. Inseln oder Festland? Sonst ringsherum nichts als Wasser und Eisschollen, auf denen da und dort ein Seehund vor sich hindöste. Sollte hier nun das einzigartige Bergland liegen, von dem wir gehört hatten?

Doch Grönland ist gross, unendlich gross. Fast die ganze Insel ( Kontinent sollte man viel eher sagen ) ist von der gewaltigen Inlandeismasse bedeckt, und nur ein schmaler, gebirgiger Küstenstreifen erscheint auf der Landkarte eisfrei — aber dieser Küstensaum erweist sich hier als ein bis 250 km breites, kreuz und quer von Meeresarmen zergliedertes Bergland. Und dort ganz zuinnerst, noch mehr westlich als das Ende des vor uns liegenden Kejser-Franz-Joseph-Fjordes, der sich, immer schmäler werdend, von mächtigen Eisbergen erfüllt und von immer höheren Bergen und Felswänden flankiert, rund 200 km weit ins Land hineinwindet — dort innen also erheben sich stolz und unnahbar jene Berge, die als Trabanten der Petermannsspitze1 die höchsten und zugleich letzten Vorposten am Rande des Inlandeises bilden.

Dorthin gehen unsere Gedanken, denn in jenem Gebiete sollen wir in den kommenden Wochen unsere Zelte aufstellen.

Magog, 2580 m Am 12. August ist es so weit, dass das Schiff mit all unserer Expeditionsausrüstung den innersten Kejser-Franz-Joseph-Fjord erreichen kann. Wir selber starten am 13. morgens um 1 Uhr 10 mit dem kleinen Wasserflugzeug vor der Ellainsel, wohin wir schon früher geflogen sind. Einwärts geht es nun nach Westen, immer mehr an Höhe gewinnend. Der Fjord gleicht einer gewaltigen Felsschlucht mit fast 2000 m hohen Wänden. Und die Fjord-tiefe? Noch viele hundert Meter 1 Endlich fliegen wir höher als die Oberkante jener Schlucht, so dass glutrote Strahlen der nächtlichen Sonne uns erhaschen. Eine Bergwelt eröffnet sich uns, die nach S und SO in unermessliche Weiten reicht, ebenso 1 Die Petermannsspitze, eine prächtig steile, klassisch schöne Pyramide, ist mit last 3000 m Höhe der höchste Berg nördlich von 70 Grad rund um den Nordpol. Er wurde 1929 von einer englischen Expedition bestiegen.

nach N. Zum Teil ist es fast eine Art Pénéplaine, ein grossartig vergletschertes Rumpfgebirge, in das bis in gähnende, dunkle Tiefen hinab die innersten Fjordarme eingesägt sind. Oft ist es aber ein Meer von prächtigen, feuerrot in der flachen Sonne aufglühenden Gipfeln. Alles Berge, die noch kein Mensch erstiegen, die noch kaum jemand zuvor gesehen hat.

Das hinterste Fjordende unter uns ist erreicht; ein mächtiger, arg zerschrundeter Eisstrom mündet hier ins Meer. Wir folgen ihm aufwärts, nun schon in beträchtlicher Höhe.Vor uns, gegen Westen zu, liegt das Inlandeis — sermerssuaq sagt der Grönländer, das grosse Eis. Eine geheimnisvolle Scheu liegt in diesem Worte. Und ich überlege: Fast 1000 km weit reicht es hinüber bis an die Westküste. Dort liegt Upernavik, eine kleine Eskimosiedelung. Nach 1000 km in dieser Richtung die ersten Menschen — und dazwischen nichts als Eis und Schnee. 1000 km. Und doch wurde auch diese Wüste von Menschen durchquert 1 Da liegt es also vor und unter uns, dieses Inlandeis; unendlich gewaltig, ein starrer, toter Körper. Und bleigrau wölbt sich der Himmel darüber. Kein Leben regt sich dort, nicht einmal ein Sonnenstrahl dringt in diese eisige Einöde. Denn dazu steht gerade jetzt noch die Sonne zu tief.

Wir aber wenden das Flugzeug nach Norden und etwas zurück nach Osten, um neben dem Expeditionsschiff, welches irgendwo tief unten im Fjord zwischen gewaltigen Eisbergen vor Anker liegt, niederzugehen.Seit einiger Zeit haben wir ein prächtiges Zeltlager bezogen; 800 m hoch in einem lieblichen Bergtale gelegen, zwei Tagesmärsche einwärts vom innersten Fjordende. Eben ist eine kurze Schlechtwetterperiode mit Schneefall bis zum Lager herab vorübergegangen, und herrliches Wetter erstrahlt wieder. Von den Bergen in der Kette der Petermannsspitze sieht jeder schöner aus als der andere, doch lässt uns die geologische Arbeit nur wenig Zeit für « nur » Gipfeltouren. Immerhin, einer von diesen schönsten und höchsten wird noch aufs Programm gesetzt. Es ist der Magog, wenig mehr als 20 km nordnordöstlich von der Petermannsspitze, mit seinem Zwillingsbruder Gog zusammen Wächter unseres Lagerplatzes.

Am 25. August, mittags, steige ich vom Sattel zwischen Gog und Magog in die Südflanke des Berges. Ganz allein, denn mein Begleiter hat plötzlich alle Lust verloren und eilt den Firn und Gletscher hinunter, zurück ins Lager. Allein also, aber ich muss es versuchen; es lockt mich riesig stark, und es wird sich lohnen! Schwierig scheint der Aufstieg ja nicht zu sein; und wenn man gut aufpasst, vor allem auch das Wetter ununterbrochen beobachtet, kann wohl nichts passieren. Der Rückweg ist mir sicher.

So steige ich aufwärts, erst über grobe Blockhalden, dann in solidem Fels. Es sind massig gebankte Quarzite, welche gute Griffe gewährleisten. Doch ist es kalt, und ein heftiger Wind bläst. Sorgfältig meide ich die unsicheren Couloirs und halte mich an die gratartigen Vorsprünge in der Flanke. Fast möchte ich sagen, dass sie eine Art moralischen Halt geben. Ich bin zwar oft schon allein gegangen in den Schweizer Bergen, doch hier ist das Gefühl ein ganz anderes. Die Einsamkeit ist fast drückend gross, und man muss eine gewisse Angst überwinden, die nicht von der klettertechnischen Schwierig- keit herrührt. Die Landschaft liegt so völlig tot da hier oben, dass man sich verloren, ausgeliefert vorkommt. Noch niemals haben alle diese Berge ringsum ein Lebewesen gesehen, und doch stehen sie schon Tausende und Abertausende von Jahren. Noch nie, denn es ist eine kalte, leblose Stelle auf unserer Erdoberfläche.

Der Gux peitscht mir Schnee ins Gesicht, wie ich auf eine Gratlücke nahe am Gipfel zustrebe. Nur noch wenige Minuten, und ich bin oben. Überwältigend ist die Aussicht! Trotz unangenehmem Wetter bleibe ich volle anderthalb Stunden auf dem Gipfel, zeichne und photographiere und staune. 2580 m zeigt der Höhenmesser. Ringsum sind die Berge so stark vergletschert, dass sie direkt winterliches Aussehen haben, nach Schweizer Begriffen. Hunderte von Gipfeln ohne Namen, vielfach noch auf keiner Karte richtig verzeichnet. Also richtiges Neuland, den Menschen noch völlig unbekannt.

Das Grösste aber ist der Blick ins Inlandeis von dieser hohen Warte her. Mit dem Feldstecher suche ich alles ab, doch es ist unfassbar, unendlich, nur durch eine ganz feine Linie in weitester Ferne vom Himmel getrennt. Den Maßstab hat man vollständig verloren in diesem zu Eis erstarrten Meere. Ganz flach ist es oder auch etwas wellig, leicht ansteigend gegen Westen, bis es ungefähr im Zentrum Grönlands höher liegt als diese Gipfel hier. Stellenweise ist es aber auch wild zerrissen durch Gletscherabbrüche und schreckliche Eiswülste von riesigen Dimensionen. Es rührt wohl von einer Berglandschaft her, die völlig unter dem Eispanzer begraben liegt. Und wehe, wenn jemand sich dorthinein verirren sollte! So ist der Anblick schön und furchtbar zugleich, doch der Blick bleibt jedenfalls gefesselt. Stundenlang könnte ich dem Licht- und Farbenspiel auf dieser Eisbühne zuschauen; einmal zog auch in Windeseile ein alles verhüllender Schneesturm vorüber, während gleichzeitig an anderen Orten die riesige Fläche glänzte und gleisste im Sonnenschein.

Aber ich muss an den Abstieg denken. Noch ein Gipfelbild mit der am Pickel befestigten, herrlich flatternden Schweizer Fahne, und ich verabschiede mich. Leicht und rasch geht 's hinunter, nur zweimal muss ich wegen Blankeis in den steilen Couloirs die Steigeisen anziehen; ich will nichts riskieren! Dann stehe ich wieder unten im Firnsattel, wo eine goldene Abendsonne mich empfängt. Rasch nehme ich etwas Kondensmilch, Knäckebrot und Schokolade zu mir, und weiter geht es ins Tal hinunter, das schon im tiefen Abendschatten daliegt. Immerhin, eine Nacht gibt es ja noch nicht zu dieser Jahreszeit.

Elisabethsberg Sieben Monate später. Ein kleiner Berg nur, rund 500 m hoch, und doch — wo zählt das Erlebnis nach Metern? Die Dunkelzeit ist vorüber, wir haben wieder Sonne jeden Tag, wenn nur das Wetter schön ist. Drei Monate lang war sie verschwunden gewesen, volle 115 Tage lang konnte man nicht mehr ihre Strahlen auf der Haut verspüren. Die warme Sonne und ihr Licht sind Geschenke, die nur voll würdigen kann, wer sie so lange entbehren musste! So müssen wir uns erst wieder an sie gewöhnen; es ist ja schon März, aber noch tagtäglich kommt es einem wie ein Wunder vor, dass die Sonne aufgeht am Morgen!

Zusammen mit meinem Grönländer bin ich mit dem Hundeschlitten in den Geologfjord gereist. Der 7. März ist für die Besteigung des Elisabeths-berges wie geschaffen. Angenehme Temperatur, ruhiges, klares Wetter. Wir nehmen den Aufstieg durch das Moränental. Prächtig ist es gelegen, mit wuchtiger, bunt gestreifter Felswand rechts oben und mächtigen Gletscherströmen von links aus dem Innern Andréelands. Viele Steine hat es selbstverständlich, das sagt schon der Name. Doch geben Geröllhalden, Terrassen mit buntfarbigen Felsblöcken, Moränenzüge und ein tiefer geleges Flussbett angenehme Abwechslung. Viel Schnee liegt nicht, wie überall im Gebiete von Geolog- und Nordfjord. Die Stürme hier sind allzu zahlreich und heftig, so dass keine zusammenhängende Decke liegenbleibt. Auf Ski zu gehen wäre ganz unmöglich — leider! Nur da und dort gibt es hart gepresste Schneeflecken, im übrigen geht man auf Steinen und trockenem Boden wie im Sommer; nur ist er hart gefroren.

Das Moränental scheint sehr stark bevölkert zu sein. Viele, viele Spuren von Lemmingen, Polarhasen, Schneehühnern, Blau- und Weissfuchs, Moschusochsen. Von den letzteren sehen wir einmal eine ganze Karawane hinter einem Schotterhügel jenseits des Baches hervorkommen. Wir lassen ein lautes Gebrüll los durch die einsame Gegend — sogleich halten sie an und drehen sich wie auf Kommando nach uns um. Nach einiger Zeit versuchen sie ein Karree zu bilden, ihre traditionsgemässe Abwehrstellung; doch wählen sie schliesslich die Flucht. Man denke: elf dieser mächtigen, starken Tiere galoppieren in wilder Hast davon! Von Gewehr wissen sie ja nichts, aber das Wesen Mensch allein, das sie noch nie gesehen, scheint ihnen doch recht gefährlich zu sein. Wenn sie nur wüssten — wie leicht könnten sie uns, mitsamt unserer Bewaffnung, über den Haufen rennen und zertrampeln, die Hörner in den Leib bohren! Sie aber jagen und jagen bis fast zum Gletscher hinauf, prächtig von hinten gesehen die langen Fellröcke schwingend. Tiefschwarz sind ihre Haare jetzt nach der Winternacht. Wir aber lachen aus vollem Halse!

Plötzlich tönen fremdartige Laute durch die Luft — und ein ganzer Schwärm von kleinen Vögeln zwitschert und flattert jubilierend daher! Erstaunt halten sie inne und lassen sich nieder, kommen auf unser Zurufen aber bald näher, umflattern unsere Köpfe und setzen sich rings um uns auf die Steine. Kiviei, kiviei — man kann richtig schwatzen mit ihnen. Es ist eine Art Schneespatz, wohl die muntersten und mir liebsten Bewohner hier. Schon im letzten Sommer hatte ich sie bewundert, noch weit im westlichen Bergland hinten. Manchmal fliegen diese Geschöpfchen einem direkt auf die Hand oder den Kopf, so zutraulich sind sie. Aber ach, sie sind wohl zu früh gekommen, sie vertrauen der Sonne zuviel. Noch sind wir im tiefsten Winter, und kaum eines von ihnen wird die schweren Aprilstürme überstehen.

Von Vögeln, die wirklich den ganzen Winter durch hier geblieben sind, kenne ich übrigens nur vier: tulugaq, der grosse schwarze, räuberische Rabe; ugpik, die weisse Schnee-Eule; kigssaviarssuk, ein weisser, einsamer Falke Die Alpen - 1951 - Les Alpes8 ( übrigens das Wappentier Islands ); und aqigsseq, das Schneehuhn. Die ersten drei sind ausschliesslich Fleischfresser.

So kommen wir immer höher und gelangen durch ein felsiges Couloir hinauf endlich auf das Plateau. Zuvorderst an der Ecke, wo die Felswand senkrecht bis zum Fjord hinunter abbricht, bauen wir einen grossen Steinmann, schreiben auf einen Zettel Namen, Datum und Wetter und verschliessen ihn sorgfältig in einer Büchse. Dann geht es auf die höchste Erhebung des Berges, die etwas weiter zurückliegt. Prächtig frei ist der Blick. Drüben auf Strindbergsland erkennen wir im Feldstecher als schwarze Punkte zahllose Moschusochsen, die auf den weiten Hochflächen weiden, in allen Mulden und auf den sonnebeschienenen Hängen. Zu Hunderten gehen sie dort umher, leben ungestört ein ewig gleiches Leben, genau noch wie in Mitteleuropa während der Eiszeit.

Und uns scheint es heute ein herrlicher Vorfrühlingstag zu sein. Nur —18° C zeigt das Thermometer, währenddem es am Morgen am Fjord unten —26° war. Zufrieden und glücklich steigen wir wieder abwärts. Am Fjord unten warten ungeduldig die Hunde. Nur ein Ding belästigt mich plötzlich wieder sehr: starke rheumatische Schmerzen im rechten Knie. Der Grönländer tröstet mich, das hätten bei ihnen viele Leute. Und ich erinnere mich: während der langen Schlittenreisen zwischen Oktober und Februar habe ich so oft an die Knie gefroren, sie waren viel zu wenig geschützt beim langen Sitzen auf dem Schlitten. So spürt man die Folgen!

Auf dem Heimweg schiessen wir noch zwei Hasen, damit es etwas Gutes in den Kochtopf gibt. Nachmittags 4 Uhr sind wir zurück im Lager. Die Sonne ist schon untergegangen, bereits ist die Temperatur wieder auf —27° gesunken. Noch ist es nicht Frühling!

Bredetop ( Breitstock ), 1450 m Wir haben den 3. Mai, und ich fahre zum letztenmal ans innerste Ende des Geologfjordes, dort wo der breite Nunatakgletscher vom Inlandeis herabkommt. Seine Front drückt so stark gegen den Fjord hinaus, dass das Eis in weite Wellen gelegt ist und wir wie auf einer Berg-und-Tal-Bahn schlitteln. Dumm ist nur, dass durch die überall entstandenen Spalten Wasser heraufdringt und auf dem Eise eigentliche Seen bildet. Denn es gefriert ja nicht mehr viel zu dieser Jahreszeit. So ist es auch schon schwierig, vom Fjordeis her ans Land zu kommen; das Eis ist zerbrochen und übereinandergeschoben, und überall gibt es Wasser dazwischen.

Direkt am Gletscherrand balanciere ich mich über die Schollen ans Ufer. Den Grönländer lasse ich zurück mit den Hunden. Er wird heute den ganzen Tag seinem liebsten Vergnügen nachgehen, der Seehundjagd. Nur am Abend muss er wieder hierherkommen, um mich abzuholen mit dem Schlitten. Denn unser Lager liegt noch gegen 20 km weit weg von hier.

Dann steige ich aufwärts, landeinwärts. Es ist unendlich einsam; nur zwei tote und wenige lebende, uralte Moschus treffe ich. Es gibt fast keine Vegetation hier, denn die Berge bestehen zum grossen Teil aus Granit, dessen leicht in Grus zerfallendes Geröll alle Hänge und Talböden überdeckt. Wie ich etwa 1000 m Höhe gewonnen habe, öffnet sich der Blick hinüber zum Waltershausengletscher. Unvorstellbar gross ist er, ein Eisstrom so breit wie der Aletschgletscher lang! Jenseits liegt Bartholinsland: flache, aus dem Eise aufragende Granit- und Gneisrücken. Oft brechen sie auch in steilen Wänden zum Gletscher ab, aber man ahnt, wie alle diese Berge nur noch mit ihrem obersten Teile aus dem Eis herausragen. Ähnlich ist der Blick über N nach W. So ungefähr muss es im schweizerischen Mittelland ausgesehen haben zur Eiszeit; bei Zürich etwa, als die Gletscheroberfläche auf 600-700 m Höhe lag, und Pfannenstiel- und Albiskette nur noch wenig darüber hinausschauten.

Langsam wird das Wetter schlecht. Der Himmel überzieht sich mit einem dichten Schleier von Hochnebel, und ein kalter Wind weht herüber. Ich muss mich beeilen, denn das unbekannte Wegstück liegt erst noch bevor. Vom höchsten Punkt des Berges gehe ich weiter in nördlicher Richtung, wo unter mir bei vielen abgerundeten Felsbuckeln das Inlandeis auf ungefähr 1000 m Höhe vollständig eben und glatt an das Land anstösst. Viele kleine'Seen gibt es dort ( natürlich dick zugefroren ) und liebliche Tälchen, in deren Hintergrund drohend das Eis zwischen den Sperriegeln herabhängt. Doch wie komme ich da hinunter? Es ist nicht so leicht, denn mein Berg bricht plötzlich nach allen Seiten hin steil ab. Nach meiner Karte scheint es mehr links eine günstige Stelle zu geben, doch was bedeutet das? Maßstab 1: 250 000, hergestellt nach Schrägaufnahmen ( Reihenbildern ) aus 4000 m Höhe — da kann man in Details nicht drauf bauen! Doch schliesslich komme ich über die erste Felsstufe hinunter, und dann geht 's wohl auch weiter. Immerhin, auch leichte Kletterei kann schwierig sein mit Fausthandschuhen und schweren Kleidern, mit Schnee und Eis in den Felsen. Und nicht das Geringste darf passieren, denn kein Mensch würde mich finden hier hinten. Ausser meinem Grönländer, der immerhin eine Ahnung hat, wo ich mich befinde, weiss gar niemand etwas von mir. Und wie rasch wäre man erschöpft und erfroren, auch bei nur leichtem Unfall; vielleicht genügt schon ein Sturm mit heftigem Schneetreiben, dass man nicht mehr weiterkommt!

Solche Gedanken ziehen bisweilen durch den Kopf, auch wenn man sich durch das lange Leben in diesem Lande nachgerade gewöhnt ist, stets nur auf sich allein angewiesen zu sein. Aber eben, ein klein wenig unheimlich ist es bisweilen doch, so ganz allein!

Glücklich bin ich ins enge Felstal hinuntergelangt und wandere nun zurück über einen langen, spiegelglatt gefegten See. Und einige Stunden später steige ich die letzte Steilstufe hinunter zum Fjord, dort neben dem grossen Gletscher. Lang und mühsam ist die Tour gewesen, doch ich bin um ein schönes Erlebnis wieder reicher. Der Grönländer kommt mir entgegen, und auf dem Eise warten die Hunde am Schlitten, zerren an den Stricken und heulen vor Freude. Bald bin ich umringt von den acht starken, zähen Tieren, die an mir hochspringen, mich lecken und auf alle mögliche Hundeart mir schmeicheln. Die Einsamkeit ist vorbei, ich bin wieder in Gesellschaft!

Wir ordnen die Leinen und setzen uns auf den Schlitten; zwei fette Seehunde geben ein weiches Sitzpolster ab. Mit Mühe nur lassen sich die Hunde zurückhalten — taimaitoq, agssut! Und mit einem Sprung legen sie sich ins Zeug, dass ich beinahe vom Schlitten falle. Dann geht 's den Fjord hinaus und quer hinüber, in gutem Hundetrab, zuweilen gar im Galopp, so dass die harten Kufen nur so poltern auf dem Eise. Wie ein roter Faden zieht sich eine Blutspur hinter uns her — natürlich, wir werden ja herrliche Seehundsleber essen heute abend!

Das Leben kann doch schön sein, auch hier im einsamen, kalten Norden!

Agardhsberg, 1850 m Zwei Wochen später gibt es wieder eine besondere Tour, diesmal auf Andréesland vom mittleren Geologfjord aus. Schwerbepackt steigen wir das Tal hinauf — mein schweizerischer Überwinterungskamerad und ich — und erstellen auf etwa 900 m Höhe ein idyllisches Zeltlager. In unübersichtlich hügeligem Gelände befinden wir uns hier, mitten in einer eigentlichen, grossen Steinwüste. Aber prächtige Gletscherströme fliessen zwischen schöngeformten Bergen hervor, und wie in der Nacht plötzlich alle Hänge und Gipfel von Norden her sonnebeschienen werden und die Schatten lang und geradeaus nach Süden fallen, da erhält die Landschaft ein ganz zauberhaftes Aussehen. Denn seit einiger Zeit haben wir ja Mitternachtssonne. Sie geht nicht mehr unter, die Sonne scheint wieder ununterbrochen Tag und Nacht.

Wie wir am nächsten Morgen den Agardhsberg in Angriff nehmen, liegt unten in den äusseren Fjorden ein dickes Nebelmeer über dem Eise. Nicht hoch, nur etwa bis 50 oder 100 m hinauf umschmiegt es die Felswände und Kanten; aber doch, ein ganz seltsamer Anblick. Für uns hingegen weitet sich der Blick von Viertelstunde zu Viertelstunde.Vor allem fesselt der lange, flache Gletscher zu unseren Füssen die Sicht, der weit und offen nach Westen hinein ins Herz von Andréesland führt Immer mehr Berge und Gräte erscheinen, alle gegen 2000 m hoch, zum Teil wohl mehr; Firnkessel und Eiswände, weisse Gipfel von klassisch schöner, einfacher Form — eine unbekannte, nie betretene Bergeswelt.

So erreichen wir die Schulter und den breiten, flachen Rücken, der nach N zur dreigipfligen, höchsten Erhebung führt. Der Wind ist scharf, und er bläst wohl jahrein, jahraus. Selbst an ganz flachen Stellen, wo immer nur ein bisschen Schnee zwischen den Steinen sich festhalten konnte, ist er zu Blankeis verwandelt worden. Nach vier Stunden sind wir endlich vorn, ganz oben. Steil bricht die NO-Wand ab; fast senkrecht zu unseren Füssen, 1850 m tiefer liegt der Geologfjord, dessen Eis nun hier und dort breite Spalten zeigt. Drüben liegt Strindbergsland, das in seiner ganzen Ausdehnung überschaut werden kann. Ein weites, ödes Land! Unendliche Hochflächen mit Steinwüsten, kleine Felsberge, viele Seen, auf höheren Bergrücken mächtige Eiskappen; all das bricht mit gegen 1000 m hoher Steilwand zum Geologfjord hin ab. Durch das Bunte Tal sehen wir quer hinüber bis zum Nordfjord. Auch dort ziehen Nebelschwaden. Wir aber stehen im herrlichsten Wetter, ringsum ist blauer Himmel und Sonnenschein und bis in weiteste Fernen die Sicht ganz klar.

Ein Steinmann wird gebaut und die Schweizer Fahne daraufgesteckt. In einer Büchse verschliessen wir den Zettel mit Namen und Datum. Wann werden wohl die nächsten Menschen hier oben sein?

Und dann ist es Sommer geworden, die Fjorde gingen wieder auf. Ein Flugzeug kam vom Süden und setzte sich zwischen all den kleinen und grossen Eisbergen aufs Wasser, dicht bei unserm Strand. Und später kam auch das Schiff und neue Leute. Die Verbindung mit Europa, mit der Welt war zum erstenmal seit elf Monaten wieder hergestellt.

Noch einmal streiften wir drei Wochen lang durch das einsame Land, gingen über Gletscher und Pässe in abgelegene Täler und auf Berge mit prächtiger Aussicht. Vom Inlandeis bis zu den äussersten Fjorden, gegen das Meer hin, und über mehr als 2% Breitengrade in N-S-Erstreckung überschauten wir das herrliche, weite Bergland. Zum letztenmal flog ich über die altbekannten Fjordstrecken, die alle von den Winterreisen her mit besonderen Erinnerungen verknüpft sind; schaute auf die vielen schwimmenden Eisberge hinab, auf die dunklen Felswände und die mit Eis bedeckten Höhen.

So hiess es Abschied nehmen. Im Motorboot fuhren wir hinaus und wurden vom Expeditionsschiff an Bord genommen. Ein letzter Händedruck mit den neuen Leuten, die uns ablösen und nun wieder für einen langen und einsamen Winter hier oben zurückbleiben sollten, und dann nahmen wir Kurs nach Süden durch eine riesig breite und lange Wasserstrasse. Immer weiter wichen die Berge zurück und wurden immer kleiner. Nur noch einmal trat ein grösseres Massiv mit wilden, steilen Graten und zackigen Gipfeln dicht an die Küste heran. Bald nachher hüllte uns Nebel ein, und Schneetreiben begann. Wir aber gelangten nun ins offene Meer hinaus, das mit grossen Eisschollen dicht übersät war. Wie werden wir den Packeisgürtel passieren? Die Radiostation im Süden meldet uns Sturm von NO mit Windstärke 8.

So bleibt die wild zerrissene Küste Grönlands mit ihren Fjorden, den Bergen und Gletschern, den einsamen, abgelegenen Tälern und träumerischen Seen hinter uns zurück. Bald wird dort alles wieder zu Eis erstarrt sein und der dunkle Winter sich über das Land ausbreiten. Uns aber nimmt das graue, tobende Nordmeer auf; wir fahren nach Süden, der Sonne, dem Licht und der Wärme entgegen.

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