Bergfahrten im Dauphiné

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Les Rouies — Les Bans — Pic d' Olan.

Von Hans Gertsch.

I.

Es war namentlich noch ein Berg, der uns 1927 wieder ins Dauphiné lockte, ein prachtvoller Berg — Les Bans. Nebstdem wünschte Max da ein gewisses Couloir am Glacier du Chardon wiederzusehen. Allein war er vorigen Sommer aus dem Valgaudemar ins Vénéontal herübergekommen und hatte, von Nebel und Regen überfallen, in der Nähe des Vaxivier einen bösen Abstieg zum Glacier du Chardon ausgeführt. Diese Gegend wollten wir uns näher ansehen, und da passte es uns vortrefflich, die aussichtsberühmten Rouies mitzunehmen.

Mein Freund weilte seit einer Woche in St. Christophe in den Ferien. An einem klaren Sonntagvormittag treffe ich dort ein. Max ist nach der Alp du Pin gegangen und noch nicht zurück. Planlos durch das Dörfchen schlendernd, lenke ich meine Schritte nach dem kleinen Friedhof.

Hier schlummert Emil Zsigmondy, das erste Opfer der Meije. Über 40 Jahre sind es her, dass ein grausiger Sturz in der furchtbaren Südwand den kühnen Berggänger mitten aus seinem Siegeszug gerissen. Da sind die Gräber von E. Thorant ( f 1896 ), G. Bertani und E. Moraschini ( f 1907 ), alle abgestürzt an der Meije. Hier ruhen die Gaspard, die Rodier, die Ture — die wetterfesten Söhne und Führer des Dauphiné. Vorn in der Mitte steht ein schlichtes Grabmal, ein Granitblock in den Umrissen der Grande Difficile. Der Club Alpin Français hat es dem grossen Führer und Meijestürmer Pierre Gaspard gestiftet. « Ce ne sont pas des guides étrangers, qui arriveront les premiers! » hatte er an seinem schwer erkämpften Siegestag auf dem herrlichen Berg ausgerufen. Was mochte da sein Herz bewegt haben!

Derweil ich noch zwischen einfachen Grabsteinen und schmucklosen Holzkreuzen hin und her schreite, klingt über die Mauer ein bekanntes « Hallo ». Wir mögen eigne Käuze sein, Max und ich —zu Hause schreiben wir uns — wenn wir uns wiedersehen, ist es allemal im Dauphiné.

Nach dem Mittagessen schreiten wir gemächlich gegen Champhorant. Dann geht es steil hinunter zum Vénéon und jenseits fast ebenso steil wieder bergauf. In waldumschatteter Schlucht tost und leuchtet ein prächtiger Wasserfall. Die Wucht des Sturzes wirft die auf mächtige Blöcke peitschenden Fluten stiebend in grossem Bogen zurück. Bald haben wir die Höhe des Unandetälchens erklommen und schlendern nun talein. In stillem Abendfrieden erreichen wir das Refuge de la Lavey. In den nebenstehenden Sennhütten holen wir frische Milch und lassen uns das Nachtessen schmecken. Muntere Ziegen tummeln sich herum, die Viehherde lagert friedlich um die Hütten.

VII19 Allmählich verlöschen die Gletscher, und die Schatten der Nacht steigen an träumenden Bergen hinan.

3 Uhr morgens verlassen wir die Hütte. Zunächst geht es taleinwärts, dann schwenken wir nach links ab, dem Col de la Lavay zu. Kein Wölkchen steht am Himmel, aber die Luft ist föhnlau. Im Tagen zieht finsteres Gewölk auf. Die Gletscher leuchten in einem sonderbar fahlen Licht.

Ob den Eiskaskaden und Spalten des Sellettesgletschers steigt, mit unheimlicher Steilheit, ein schwarzer, schneegesprenkelter Berg in die Luft, ein wildaufbäumendes Pferd mit fliegender WTolkenmähne — der Pic d' Olan.

Auf dem Glacier de la Lavay begegnen wir einem reizenden kleinen Naturwunder: wie ein künstlicher Springbrunnen quillt ein fingerdicker Wasserstrahl aus blauem Eis empor. Ab und zu vermag die Sonne einen schwachen Strahl durch die Wolken zu senden. Grauer Nebel hängt an den Bergen herab. Während leichte Rieselschauer, Regenspritzer und Aufhellungen miteinander wechseln, langen wir allgemach auf dem Col de la Lavay an, 3330 m. Eine Weile wird es abermals lichter. Der Weg dünkt uns heute endlos. Auf dem grossen Rouiesplateau verlieren wir wieder jede Sicht, es wird kalt, und flaumiger Schnee beginnt zu fallen. Für einen Moment teilen sich die Nebel, gerade genügend, um die Richtung festzustellen. Der Bergschrund ist nahezu geschlossen. Über ein leichtes Schneegrätchen und unschwierige Felsen erreichen wir um Mittag Oisans einzigen grossen Skiberg, le sommet des Rouies, 3634 m.

Wir sind nicht umsonst gekommen. Treibender Nebel entschleiert ein Bild um das andere, worunter der Sirac, der malerische Chaillol unddie schlanke, formenschöne Aiguille du Plat die eindrucksvollsten bleiben. Der Abstieg erfolgt auf der La Bérarderoute.Vom Glacier du Chardon gelangen wir dann auf dem hübschen Forstweg um den Fuss der Tête de Chéret herum zum Glacier de la Pilatte und steigen in der Abenddämmerung zu der vor zwei Jahren neu eröffneten Pilattehütte, 2550 m, auf.

Am folgenden Morgen früh um 2 Uhr verzichten wir ohne weiteres auf die Bans. Ein La Berardeführer mit zwei Herren, die gegen Morgen aufbrechen, kommt nach kurzer Zeit zurück. Den Vormittag verbummeln wir in der Umgebung der Hütte. Um Mittag hängt wieder trüber Nebel in den Bergen und in die weite Bucht des Pilattegletschers herein. Max legt sich schlafen. Ich drücke mich noch eine Weile in der Hütte herum, dann treibt es mich hinaus. Zum Zeitvertreib streife ich auf aperem Eis den Gletscher hinan. Sachte hebt sich zuweilen der Nebel, und die Sonne macht kräftige Anstregungen, ihn mit ihren Strahlen zu durchbohren. Jetzt schlängle ich mich zwischen Eisbrüchen und grossen Spalten wohl steile aber ungefährliche Hänge empor, dem Col du Sélé zu. Eine reizende Kletterei zum Schluss führt mich um 15 Uhr auf den Pass, 3302 m.

Der Nebel hat sich in die Ferne gezogen. Es ist eigentlich ein ganz schöner Tag geworden — nur deckt den Himmel, dünn wie ein Spinngewebe, ein eigenartiges, gestrichenes Grau, und von derselben Farbe sind die wenigen Wolkenballen. Immerhin, wenn auch schwach, so leuchtet doch die Sonneschade, dass wir nicht an die Bans gegangen!

II.

Den Bans war ich verfallen, vom erstenmal an, da ich sie geschaut. Das war von oberhalb der Carrelethütte, gegen Abend in sinkender Sonne. Der schmale Talschluss des Vénéon lag bereits im Schatten. Die Hänge und Brüche des Pilattegletschers prangten in fleckenlosem Weiss. Drob schwang sich ein Berg trotzig hoch in den blauen Himmel. Gletscher brandet an seinen Klippen empor, und blauschillernde Eisschuppen schmücken seine Flankender wilde Felsberg des Dauphiné und lichtes Eis der Zentralalpen bezaubernd zu einem vereinigt.

Heute, vom Col du Sélé, sind es andere Bans. Das Eis ist fast ganz zurück, der Felsberg aber hervorgetreten. Aus zerborstenen Eis- und Firnhängen steigen in jäh gestrafften Linien fürchterliche Wände. Langgestreckt spannen sich die Grate in schwindelnder Höhe von Gipfel zu Gipfel. Der nordwestliche, 3620 m, steht etwas zurück. Eine felsige Kante sticht lang und schnurgerade von seiner Spitze bis in den Gletscher herunter — dort werden wir den Aufstieg machen. Zum Nordgipfel herüber scheint der Weg wohl luftig aber nicht bösartig zu sein, allerdings verschwindet der Grat hinter dessen himmelhohem Eckpfeiler und lässt dort allerhand vermuten. Eine wilde, phantastisch gezackte Schneide jedoch führt vom Nord- zum Südgipfel, 3668 m. Bis dahin ist der Weg so gut wie gegeben, aber nicht ganz klug werd' ich aus dem Abstieg zum Col des Bans. Da soll ein Grat herunter führen —ein Ostgrat —den Col des Bans seh'ich wohl, aber drob nur finstere, wie es scheint fast senkrechte Abstürze. Und in der Tat — von sehr steilen, abschüssigen und glatten Platten hatte ich von Kennern mit Respekt sprechen gehört.

So liege ich lange da, an warme Blöcke gelehnt. In der sonderbaren Beleuchtung sieht der dunkelfelsige Berg noch finsterer aus, und die bizarr zerklüfteten Gletscher zu seinen Füssen starren in unheimlicher Totenblässe. Über dem Ganzen liegt eine seltsam eigene Stimmung, etwas Unerklärliches — fast wie düstere Vorahnung.

Früh abends bin ich in der Hütte zurück.

Wieder 2 Uhr morgens, wie am Tag vorher ist der Himmel mit einer grauen Schicht überzogen. Zum Überfluss streicht heute noch ein unruhiger Süd um die Hütte. Also wieder nichts — Herrgott, ist das ein Wetter diesen Sommer!... Übellaunig schlüpfen wir wieder unter die Decken. Erst um 6 Uhr stehen wir auf. Am Himmel ist es lichter geworden, die Luft ruhig und die Temperatur beinahe frisch. Während wir uns unschlüssig hin- und herdrücken, gesellt sich der Führer zu uns«nous y allons », sagt er entschieden und geht eine Weile später mit seinen Herren ab. Jetzt hält uns nichts mehr, selbst die späte Stunde nicht. Voller Hoffnung stürmen wir den Pilattegletscher hinan, an mächtigen Schrunden und blauen Seraks vorbei. Je näher wir dem Berg kommen, desto wuchtiger, steiler türmt er sich ob uns auf. Dann forschen die Augen wieder nach Wetter und Wind, und von einem Mal zum andern sagen wir uns zuversichtlicher: « Heut'wird's noch ein Tag! » So sind wir unmittelbar unter den Abstürzen des Berges angelangt. Die Führerpartie schreitet auf dem üblichen Weg dem Col des Bans zu. Wir verlassen hier ihre Spuren in entgegengesetzter Richtung und queren hinüber an den Fuss des zum Nordwestgipfel emporstreichenden Grates. Der Bergschrund hält uns weiter nicht auf. Gutgestufter Fels ermuntert zu raschem Steigen. Später stellt sich hie und da ein kleineres Türmchen entgegen, und brüchiges Gestein will mit Aufmerksamkeit angefasst sein, aber ernstliche Hindernisse begegnen uns nirgends. Wir klettern unangeseilt und geraten unwillkürlich immer wieder in ein flottes Tempo. Der Pilatte-gletscher sinkt zusehends tiefer. Berge, die uns erst noch himmelhoch überragt, fangen an sich zu ducken. Fernen tun sich auf. Das ist ein Klettern! ein Steigen! Das Herz jubelt vor Freude, die Augen sind trunken vom Schauen. Es ist die Erfüllung der Träume, geträumt tief drunten, im dumpfen Alltag, und im Rausche des lichtvollen Zaubers mag es wohl wie ein vermessener Wunsch die Sinne umnebeln: « Nie wieder heruntersteigen.»Der Grat verliert sich in der Dachfirst des Berges, und wir stehen auf dem Nordwestgipfel.

Hingerissen schauen wir uns um und um —vom Sirac zur Meije, von den Ecrins zum Olan, aus dem malerischen aber vegetationsarmen Talschluss des Vénéon hinüber in den lieblichen Wiesengrund des Gaudemartales. Barhaupt lasse ich mir wohlig ein frisches Lüftchen um den Kopf flattern. Auf einmal zwickt es mich heftig an allen Haaren, knisternd wie sengendes Feuer im Reisigbusch, und im Pickel tönt ein feines Zischen, ein leicht anschwellendes Klingen. So rasch wie der Spuk gekommen, so rasch ist er wieder verschwunden.

Max und ich sind zugleich aufgefahren, und zwei Augenpaare tasten das Himmelsgewölbe ab. Gewiss ist dieses wieder spinnwebdünn mit einer eigentümlich lichtgrauen Hülle überzogen, aber von Gewitterwolken auch in weitester Ferne keine Spur. Einen Augenblick wird mir fast unheimlich zumute. Eine leise Stimme mahnt dringlich und warnend: « Bedenke, dass du auf einem grossen Berg bist. » Doch schon hebt eine viel kräftigere zu revoltieren an: Hat uns nicht gestern ein bisschen Nebel und Wind genarrt, folgte nicht dem trüben Morgen ein sonnenleuchtender Nachmittag? Vor uns lockt kühner schwindliger Grat — weg sind die Bedenken.

Siegesgewiss turnen wir den luftigen Steg entlang, zur Linken in mächtiger Tiefe das weite hellschimmernde Gletscherbecken, rechts nicht minder tief ein schauerlicher Fels- und Schuttkrater. Vor der Bresche zwischen Nordwest- und Nordgipfel seilen wir uns an und klettern an einem an Steilheit nichts zu wünschen übrig lassenden Turm hinunter in die Lücke. Hier schneiden unzugängliche Zacken den Gratweg glatt ab. Links schiesst ein breites blauschwarzes Eiscouloir in einer Flucht zum Pilattegletscher ab. So steigen wir in die Valgaudemarflanke hinunter, queren diese ein Stück weit auf abschüssigen Felsleisten und klettern dann wieder aufwärts. Dabei gibt es wohl einige ernstere Arbeit: erst ein griffloses Wändchen, wo Schulterstand gerade ausreicht, eine enge Rinne zu erreichen, dann die Rinne selbst, glatt ausgehöhlt und etwas steil. Doch der Fels ist schön trocken, und leichteres Gelände führt uns rasch wieder auf den Grat.

Im Eifer des Kletterns haben wir gar nicht bemerkt, dass sich Nebel herangeschlichen. Woher wissen wir nicht, er ist einfach da. Immerhin scheint er nicht in schlimmer Absicht zu kommen. Friedfertig wallt er hin und her, verhüllt zuweilen den Grat und gibt ihn wieder auf Entfernung hin frei. Derweilen lassen wir Turm um Turm, Lücke um Lücke hinter uns. Von der Harmlosigkeit des grauen Gesellen doch nicht ganz überzeugt, halten wir zur Eile an, soviel die zackige Schneide dies erlaubt.

Ganz plötzlich wird das Gebaren des Nebels ein anderes. Er wird unruhig und fängt an zu schnauben. Die Pickel summen, erst nur leise, dann aber heben sie an zu singen, laut und anhaltend. Unheil liegt in der Luft. Wir haben nur noch Augen für Griffe und Tritte. Doch schon ist die Vorhut des Sturmes uns auf den Fersen, das Tageslicht droht zu entschwinden, und ein Gemisch von Riesel und Hagel prasselt auf uns ein. Zur gleichen Zeit stossen wir auf einen Miniatursteinmann. Eine Flasche mit Zetteln und Visitenkarten bestätigt uns, dass wir uns auf dem Süd-, auf dem Hauptgipfel befinden. Die Uhr zeigt die zweite Nachmittagsstunde.

Mir ist 's, als höre ich wieder die Stimme —ernst und drohend: Die Warnung habt ihr in den Wind geschlagen, nun schaut zu, wie ihr mit dem Berg fertig werdet. Stillschweigend zieht jeder die Handschuhe über die erstarrenden Finger, die Kappe tiefer über Augen und Ohren, das Seil fester um die Brust. Das wird ein böser Gang werden hinunter zum Col des Bans. Bereits machen Nebel und Sturm jede Orientierung unmöglich. Um im « Dauphineführer » wenigstens noch einige Anhaltspunkte festzustellen, kauern wir uns in den Windschatten eines Felsblocks.Ich vermeine mich eben noch auf den Knien in den Winkel geduckt, da entschwindet mir sekundenlang Hören und Sehen, auf halbe Seillänge entfernt kollere ich auf dem Rücken, Kopf nach unten, dem Abgrund zu. Neben mir fliegen grosse Steine und Geröll vorbei. Der erste Gedanke: Max hältst du! entfährt mir als gellender Schrei. Ein verzweifeltes Drehen und Windendas Seil strafft sich, ich stehe auf den Füssen und fast ebenso schnell wieder beim Freund. Ein Höllenlärm von aufschlagenden Steinen vermischt sich mit dem brausenden Rollen des Donners.

Das mag sich in einer halben Minute abgespielt haben — noch hält Max mit dem linken Arm krampfhaft einen Felszacken umschlungen, die Rechte umspannt nervig das Seil. Mit einem wuchtigen Schlag auf den Kopf ist er davon gekommen, mich hat der Blitz gut drei Meter weit durch die Luft geschleudert.

Nun aber fort von hier, vor allem vom Gipfel fort! Anhaltend huscht um den Kopf das gespenstische Zischen, die Pickel klirren und surren, und schon wieder durchschneidet ein metallener, ohrenbetäubender Knall die Luft, als spränge irgendwo der Berg entzwei. Dazu zwickt feinkörniger Hagel bissig ins Gesicht, und Schneewirbel verdunkeln den Tag. Sekundenlang kreuzen sich unsere Blicke: Diesmal geht 's ums Leben.

Indessen beginnen wir mit kalter Ruhe zu klettern, im Bewusstsein, dass alles andere zur Katastrophe führen muss. Die Angaben des « Dauphiné- führers » haben wir uns eingeprägt: «... einen Felsturm auf dem Ostgrat über eine Schneehalde entweder auf seiner Nord- oder auf seiner Südseite umgehen und von da an näher dem Ostgrat zum Südgipfel. » Also an einen Grat oder wenigstens in dessen Nähe hätten wir uns zu halten.

Schon deckt ein Schneebelag den Fels, und immer dichter, toller tanzen die Flocken daher. In dem Chaos lässt sich auf drei, vier Meter hin nichts mehr unterscheiden, und die Augen sind durch den Sturm fortwährend halb geblendet. Wir vermögen nur zu erkennen, dass der Grat mit zunehmender Steilheit in die Tiefe führt. Einmal glauben wir unter uns ein Schneefeld wahrzunehmen. Das wird wohl die erwähnte Schneehalde sein? Eine Weile später stehen wir an deren Rand — auch das mit dem Felsturm kann zur Not stimmen, und wir klettern weiter abwärts. Da erblicken wir beide, zwar bloss wie ein Trugbild nur einen Moment lang, beinahe senkrecht unter uns, einen Schneesattel.der Col des Bans! Aufatmend schlagen wir uns die verschneiten Felsen hinunter. Sicher, einer bösen Gefahr so gut wie entronnen zu sein, fühlen wir kaum noch Kälte und Schnee, hören kaum noch das Pfeifen und Johlen des Windes.

Wir landen richtig auf einem Schneesattel, aber der Col des Bans ist das nicht. Noch folgen wir dem, nunmehr horizontal verlaufenden Grat -kein Zweifel mehr — wir sind den Südwestgrat abgestiegen und befinden uns auf der Wasserscheide zwischen dem Valgaudemar und der Vallée d' Entre-les-Aigues. Die Erkenntnis ist niederschmetternd.

Es ist 4 Uhr nachmittags und so dunkel wie bei anbrechender Nacht. Wohl wissen wir, dass man diesen Grat sowohl aus dem Valgaudemar wie aus dem Entre-les-Aiguestal erreicht. Aber das sind wenig begangene Wege und, was noch schlimmer, so kompliziert und schwer zu finden, dass wir hier die wenigsten Aussichten haben, dem Berg und den Elementen zu entrinnen. Indessen ist die Wahl nicht gross. Ein Biwak auf dem sturmgepeitschten Grat kann uns erst recht zum Verhängnis werden, so bleibt nur noch: wieder zum Gipfel hinaufzuklettern und den Abstieg zum Col des Bans zu versuchen.

Wir klettern uns warm trotz Schnee und Wind; wo wir im Abstieg zwei Stunden gebraucht, das legen wir im Aufstieg in einer zurück.

Wir befinden uns bereits auf Wurfweite dem Steinmann nahe, rittlings auf scharfer Gratschneide. Mein Freund auf Seillänge ( 5-6 m ) voraus, ich vermag ihn gerade noch zu sehen, wie er, gebückt nach Griff und Tritt suchend, den Schnee ab den Felsen wischt. Eben bin ich im Begriff, Seil nachzugeben, daseh'ich Max mit zuckenden Gliedern von rasender Kraft in die Luft geschleudert, im selben Moment trifft ein heftiger Schlag mich auf den Kopf. In jähem Schreck — ich seh'den Gefährten stürzen — stemm'ich mich auf die entgegengesetzte Seite des Grates, gefasst auf den entsetzlichen Ruck am Seil... der Bruchteil einer Sekunde, nein, Minuten! ein Arm und Bein hackt sich an die Kante, Max hängt am Grat, richtet sich auf, und im markerschütternden Rollen des Donners klettern wir weiter.

Diesmal hat kein Knistern in der Luft, kein Singen des Pickels die Nähe des Todes verraten. Aus dem Hinterhalt hat er die Sense nach uns geschwungen, zum zweitenmal hat ihr eiskalter Stahl uns gestreift.

Wenige Minuten später stehen wir wieder auf dem Gipfel. Den Abstieg zum Col des Bans geben wir kurzentschlossen auf. Das Toben der Elemente scheint mit erneuter Wut einzusetzen, und wer je einmal in Sturm und Nebel sich auf unbekanntem Weg an schwierigem Berg befand, weiss, was wenige Meter Irrens an Zeit und Kraft kosten können. Noch fühlen wir unsere Kräfte unerlahmt — der Weg über die drei Gipfel zurück wird fürchterlich werden, aber er bietet uns Gewähr, dass wir uns zutal finden, denn — wer weiss, wie lange das Unwetter anhalten wird. 5 Uhr abends schicken wir uns an, zum zweitenmal den Bansgrat zu überschreiten, in Sturm und Schnee, in Blitz und Donner.

Den ersteren sind wir gewillt, noch lange standzuhalten, das sind offene Gegner, aber ein anderer ist dieser sengende Todesstrahl in der Luft. Grausam spielt er mit uns. Tückisch umlauert er seine Beute, bereit, Minute um Minute, Sekunde und Sekunde uns in den Abgrund zu schleudern. Derweil — an eisigem Fels hangend, darunter das Nichts — die Finger in glitschigem Griff sich krallen und der eine Fuss tastend nach neuem Halt sucht, zischelt er in nervenaufreizender Nähe. Kalt greift 's ans Herz —trifft's? dann ist 's aus... mit furchtbarem Krachen platzt die bleierne Schwüle. Auf ausgesetzter Gratschneide fasst uns heulend der Sturm, ein Kampf ums Leben für sich allein. In der Luft schwebt ein hauchschwaches Flimmern und Zittern — das Verderben —wir spüren 's,... ganz nahe flitzt ein blechernes Knallen, und im Rollen des Donners glaubt man den Berg unter sich zittern zu fühlen. Da wird der Mensch bescheiden und klein. Da hilft, um ruhigBlut zu bewahren, nur eins: der Wille zum Leben und dem Tod furchtlos ins Auge schauen.

So geht es in Scharten hinunter und wieder hinauf, an Zacken empor und wieder hinab, um Zähne herum. Kaum dass je ein Wort gewechselt wird, es sei denn ein kurzer Zuruf, und dieser verhallt öfters ungehört im Sturm. Dennoch glaube ich, dass wir nie besser Hand in Hand gearbeitet haben. Allmählich dürfen wir immerhin etwas freier atmen, das Gewitter scheint sich zu verziehen, geraume Zeit ist schon verstrichen, dass in der Ferne der letzte Donnerschlag verhallt. Dafür fällt der Schnee wenn möglich noch dichter, peitscht ihn der Wind noch heftiger um den Grat. Manchmal klatscht er mit solcher Wucht ins Gesicht, dass man ihn erst wegkratzen muss, nur um die Augen wieder öffnen zu können. Nach der Uhr schaut keiner mehr. Jeder weiss, dass die Nacht uns früh genug begegnen wird und denkt im geheimen wohl mit Bangen daran. Es mag schon tief in den Abend gehen, da uns ein Gratabbruch Halt gebietet. In dem Tumult haben wir denselben erst auf wenige Schritte wahrgenommen. Es ist die Einsattlung zwischen Nord- und Nordwestgipfel. Phantomen gleich tauchen unter uns aus dem nachtdämmernden Grau die Spitzen der Türme, welche wir am Morgen in der Valgaudemarflanke umgangen.

Also sind wir dem Grat zu weit gefolgt. Schräg nach links abwärts kletternd, stossen wir wieder auf die richtige Fährte, gerade ob den schlimm- sten Stellen. In diesen Abstürzen liegt der Schnee knietief und rieselt in kleinen Lawinen unter den Füssen davon. Die enge Steilrinne, heute morgen bei trockenem Fels schon glatt genug, schiesst wie ein Sägemühlenkanal durch haltlos abschüssigen Fels hinab und bricht mit dem Wändchen, welches wir vermittelst Schulterstand genommen, in schauerliche Abgründe. Selbst der Nebel vermag darüber nicht hinwegzutäuschen. Noch zögert Max im Auslauf der Rinne: ohne Sicherung kannst du nicht nachfolgen! —Des Sturmes Auf brüllen erstickt seine Stimme. Hinunter! Hier gehn wir sowieso zugrunde!... Seilsicherung lässt sich nirgends anbringen, es bleibt mir nichts anderes, als mich fahren lassen und fast zwei Mann hoch hinunterspringen auf eine kaum fussbreite Leiste, das Ende eines schmalen Bändchens. Was kann man nicht, wenn einem das Verderben im Nacken sitzt!

Nachdem wir leidlich sicher stehen, verschnaufen wir einen Moment. Mit Schrecken gewahre ich, dass Max sich erschöpft an den Fels lehnt. Verwundern tue ich mich nicht darob, vom Süd- bis zum Nordgipfel hat er eine Arbeit getan, wie sie sobald nicht jeder tut. Das Biwak, dem wir um jeden Preis entrinnen wollten, steht unabwendbar vor uns. « Das halten wir nicht aus !» wehrt Max, arg mitgenommen, « die Nacht in dieser Wand zubringen in eisstarrenden Kleidern, durchnässt bis auf die Haut!... » « Ja, aber der Wiederaufstieg zum Grat allein, für frische Kräfte schon ein hartes Wagnis, ist in unserem Zustand ein verzweifeltes Beginnen. » Noch queren wir ein abschüssiges Gesimse — ich selbst fühle es unerbittlich, so dürfen wir nicht weiter gehen, sonst ist das Unglück da.

Inzwischen hat sich schwarz und schwer die Nacht herabgesenkt. Immerzu fällt der Schnee, heulend jagt ihn der Sturm in der Wand umher, dass wir zuweilen wie in Staublawinen gehüllt sind. Wie wird da der Morgen werden? Beklemmend legt sich der Gedanke an die Lieben zu Hause ums Herz.

Doch jetzt heisst es handeln, die Kälte fängt an tückisch zu werden. Oberhalb inmitten glatter Felsen scheint sich etwas wie eine Nische zu befinden. Es erweist sich als eine Vertiefung, teils Überhang, teils nach unten auslaufender Riss. Ein Ansatz von Eis und hartgefrorenem Schnee ermöglicht, für die Füsse etwas Platz zu schaffen. Von drei Seiten sind wir leidlich geschützt, wenn wir uns recht klein an den Fels drücken. Fürs erste bearbeite ich meinen Freund, bei welchem sich die Überanstrengung besorgniserregend auszuwirken beginnt. Dazu suchen wir uns mit allem Erreichbaren gegen die Kälte zu wappnen. Das Hantieren auf dem exponierten Postament von kaum 1 X ½ Meter im Geviert ist keine einfache Sache und kostet Gliederverrenkungen wunderlichster Art, aber es gibt warm, und die Zeit vergeht. Als es uns nach langer Mühe gar noch gelingt, für jeden einen Becher lauwarmes Wasser herzustellen, mit einem Bouillonwürfel darin, schleicht beinahe ein leises Behagen in unsere Glieder. Doch es ist das Behagen der Ermattung. Schlaf und Müdigkeit bedrängen uns hart. Nach den Strapazen des Tages, Stunde um Stunde — stehend — auf ein und demselben Fleck zu verharren, stellt die Nerven auf eine harte Probe. Unaufhörlich frottieren und klopfen wir unsere Glieder, rütteln und bearbeiten einander mit harten Schlägen. Gegen Mitternacht legt sich der Sturm, und es hört auf zu schneien.

Das gibt uns neuen Mut; es ist nötig. Die Arme und Handgelenke schmerzen, doch dürfen wir nicht erschlaffen — nur wenige Minuten der Ruhe, und die Kälte frisst sich heimtückisch in uns hinein. Die Zeit scheint stillezustehen. Nach 1 Uhr wird es ganz erträglich. Mit Singen und Jodeln wehren wir dem Schlaf. Aber der Gesang klingt heiser und unnatürlich.

Um 3 Uhr singen wir nicht mehr. Von neuem rücken Sturmnebel heran, der Wind erhebt sich wieder und kommt zum Überfluss diesmal von Süden. Fauchend greift er den pulvrigen Schnee und bläst ihn in ganzen Wolken daher. Kaum haben wir ihn abgeschüttelt, sind wir wieder dick überstäubt. Die Kälte wird eisig. Arme und Beine drohen zu versagen. Bleiern senken sich die Lider über die Augen. Je länger je öfter ertappe ich mich, dass ich die Arme nur noch mechanisch im Halbschlaf bewege, und rufe ich Max an, so ist nur ein schlaftrunkenes Brummen die Antwort. Dazu ist nicht einmal die Möglichkeit der Seilsicherung vorhanden, eine Bewegung, ein Schritt seitwärts führen ins Verderben. Wir kämpfen mit dem Mut der Verzweiflung — nur jetzt nicht nachgeben! Doch fühlen wir 's und verhehlen es uns nicht, wenn der Sturm aufs neue einsetzt, dann sind wir verloren.

Es bleibt bei der Drohung. Als endlich, unendlich langsam, die brütende Finsternis dem jungen Tage weicht, da wölbt sich blauer Himmel über Berg und Tal, aber wir schauen in eine Winterlandschaft.

Noch zögern wir aufzubrechen; der Morgen ist bitter kalt und zu Anfang wartet unser ein Stück Weg, das mit klammen Fingern nicht anzugehen ist. Ungeduldig blicken wir immer wieder zum Sirac hinüber, ihn muss der erste Strahl der Sonne treffen. Seine gestern noch so finstern Wände sind heute blitzblank. Jetzt haucht ein schwaches Hellgelb über den zackigen Kamm und gleitet langsam tiefer.

Gegen 8 Uhr verlassen wir den Horst, dem wir zeitlebens ein gutes wie ein böses Gedenken bewahren werden. Ein kurzer Quergang bestätigt uns, dass wir das Schlimme der Situation nicht überschätzt haben. Max ist wieder der alte. Ich stehe auf schmalem Gesimse an den Fels gestemmt, sichere und friere. Aus steilem morschem Fels herunter rieseln anhaltend kleine Schneelawinen. Kaum merklich wickelt sich das Seil ab, bis die 20 Meter ausgegeben sind. Unmittelbar unter dem gefürchteten grossen Turm stehen wir wieder beieinander. Wieder rieselt pulvriger Schnee auf mich herab. Mit eiserner Zähigkeit schiebt sich der Freund höher und höher. Jetzt hängt er an glattem eisigem Fels ob der schaurigen Leere der Nordflanke... Die Minuten werden zu Stunden, die Kälte droht mich aus haltlosem Stand zu werfen... Endlich erscheint Max grad über mir auf dem Grat. Bravo, das war ein Meisterstück.

Auf dem Grat treten wir in die Sonne, aber es ist die Sonne des Dezembers, färb- und kraftlos. Trotz der schneidenden Kälte bleiben wir wie gebannt stehen. Zum erstenmal seit gestern vormittag sehen wir wieder die grossen Berge im Norden. Auch hier ist es seither Winter geworden, der Schneemantel hängt tief in die Talflanken des Vénéon hinunter.

Die Ailefroide, die Barre des Ecrins, die Meije leuchten in unbeschreiblicher Pracht, und ob all der wundersamen Herrlichkeit strahlt heute unschuldig blauer Himmel.

Es ist 9 Uhr. Auf unserem Aufstiegsweg über den Nordwestgipfel und dessen Nordostgrat gelangen wir in ununterbrochenem Klettern um 115 Uhr nachmittags am Fuss des Berges, auf dem Pilattegletscher, an. Zwischen Spalten und Brüchen hinunter lavierend, versinken wir oft bis an die Hüften im Neuschnee. Jetzt fragen wir uns nicht mehr, wo der Schnee, welcher während dem Nachmittag und der Nacht unaufhörlich gefallen, hingekommen sei.

Spätabends baden wir bei Rodier in La Bérarde in eiskaltem Vénéon-wasser unsere doch etwas mitgenommenen Finger und Hände.

Wahrnehmungen und Beobachtungen über die Blitzschläge auf Les Bans.

Das erstemal, unmittelbar auf dem Gipfel, fühlten wir wohl die Gefahr und beeilten uns daher, so rasch als möglich den Abstieg anzutreten. Über das Weitere sagt mein Kamerad Mäglin:

«... eben will ich den Riesel vom Blatt wischen, als ganz nahe, urplötzlich, ein heftiger, unendlich kurzer, aber um so gewaltiger, metallener Knall unsere Eintracht auseinanderschlägt. Instinktiv ergreife ich mit der Linken einen Halt, während die Rechte das Seil anzieht. Denn mein Kamerad ist einige Meter weggeschleudert worden und beginnt gegen den Überhang zu kollern. » Einen Knall habe ich nicht gehört, was sich jedoch durch meinen Sturzflug erklären lässt. Zwischen dem Felsblock, vor dem wir knieten, und dem Punkt, wo ein menschlicher Körper durch sein Eigengewicht ins Rollen kommen konnte, bestand eine Entfernung von mindestens 3 m; so weit musste mich der Blitz — und wahrscheinlich nach rückwärts — geschleudert haben. Nur während dieses ersten, äusserst kurzen Momentes war ich meiner Sinne beraubt. Unmittelbar nach dem Aufschlagen sah ich mit der grellsten Deutlichkeit, was mit mir und um mich her vorging, und erfasste mit furchtbarer Klarheit die Situation. Doch fühlte ich alles andere als lähmenden Schreck in den Gliedern, im Gegenteil — mit einer nie gekannten, aufs äusserste berechnenden Behendigkeit und Kraft wehrte ich mich gegen den Absturz. Dagegen — obschon ich das Rollen des Donners hörte — war ich mir im ersten Moment gar nicht bewusst, dass mich der Blitz getroffen. Ich wähnte, ich hätte durch irgendeine Bewegung meinen Absturz selbst herbeigeführt, stieg mit möglichster Schnelligkeit wieder das steile Schutt- und Felsbord herauf, sagte wie entschuldigend zu Max: « I weiss bim Difel nid, was i gstürmt ha », kniete wieder vor den Block und wollte mit der unterbrochenen Lektüre fortfahren. Diese Vorgänge waren aber das Werk weniger Sekunden, mein Kopf mag von dem Aufschlagen — eine Beule hatte es immerhin abgesetzt und ein paar schmerzende Stellen am Rücken — wohl etwas wirr gewesen sein, und es war auch mein erstes derartiges Erlebnis. Ich fand mich jedoch gleich wieder zurecht, und die weggebürsteten Steine redeten eine deutliche Sprache.

Das zweitemal, auf dem Gipfelgrat, befanden wir uns in winterlichem Sturm, aber Blitzgefahr ahnten wir nicht. Mein Gefährte schreibt dazu:

«... Vorgebeugt greife ich nach vorn. Da plötzlich nehme ich im nebligen Schneetreiben, in unbestimmbarer Entfernung einen purpurroten Punkt wahr. Gleich einem Irisauge erweitert er sich augenblicklich, riesengross. Die Glut wird feuriger, betäubend, unentrinnbar. Mit ungestümer Gewalt reisst es mich in den Flammenrachen, packen mich unsichtbare Krallen rücklings, heben mich und werfen mich kopfüber in den Höllenschlund.

So schien es. In Wirklichkeit aber muss sich mir die Flamme mit unheimlicher Schnelligkeit genähert haben und durch mich gefahren sein. Denn ich fiel bergwärts auf dieselbe Stelle, wo ich vorher stand, ohne jedoch verletzt zu sein. Im Gegenteil, diese Feuertaufe hatte meine Spannkraft eher erhöht. Aber diesmal hatte es sich absolut geräuschlos abgespielt. Vorhin hatte es geschossen, ohne Feuer zu geben; jetzt feuerte es, ohne zu knallen. Möglicherweise aber knallte es im Augenblick, als ich den unfreiwilligen Überschlag machte und im Momente Hören und Sehen unterbrochen sein mochte. Anderseits dürfte die fehlende Akkustik daran Schuld sein, dass Hans, der sich einige Meter hinter mir befand, einen Schall nicht wahrnehmen konnte.

Gewiss handelte es sich hier jeweilen um kurze Augenblicke, den Hundertstel einer Sekunde. Aus eigener Erfahrung jedoch weiss ich, dass selbst die kürzesten Zeiten — es war beim Absturz in den Bergschrund — genügen, um tausend Gedanken zu verarbeiten, Überlegungen anzustellen, Beobachtungen zu machen und, im Zusammenhang all dessen, Entschlüsse zu fassen. Hier aber versagte im Momente des Überfalles der Intellekt vollständig. Vor Angst, vor Schrecken? Unmöglich, denn der Absturz bedrohte nicht minder das Leben als eine andere, plötzlich auftretende Gefahr. Die Ursache des momentanen Betäubtseins wird in diesem Falle darin liegen, dass man sich vor einem Phänomen von unerhörter Wucht und brutaler Gewalt befindet. » Ich habe einen Knall auch diesmal nicht gehört und auch keinen Feuerschein wahrgenommen. Übereinstimmend waren unsere Beobachtungen darin: dass wohl jeweilen im Moment des Schlages die Sinne schwanden ( wie bei heftigem Aufschlagen des Kopfes ), dass aber unmittelbar darauf jeder sich fühlte wie aufgepeitscht, elastischer, kräftiger, entschlussfähiger und vereint mit dem Selbsterhaltungstrieb instinktiv sich in der einzig richtigen Weise seines Lebens — gegen den Absturz — wehrte. Das kam namentlich diesmal bei meinem Gefährten zum Ausdruck.

Er wurde — um nicht zu übertreiben — mindestens 2 Fuss hoch, es kann aber auch nahezu 1 Meter gewesen sein, senkrecht in die Luft emporgeschleudert, von einem furchtbaren Element, mit zuckenden Gliedern — es war anzuschauen wie der Sprung eines angeschossenen Wildes. Dennoch erwischte er im Fallen mit einem Arm und einem Unterschenkel die Gratschneide und kletterte weiter, als wäre nichts geschehen.

Derweilen hatte mein Gehirn fieberhaft gearbeitet. Meinen Kameraden in die Luft schnellen sehen — mir sagen: der Blitz — er fällt nach rechts ( inzwischen hatte ich selbst einen Schlag wegmich auf die linke Seite des Grates ducken: ich halt ihn — aber er wird bös aufschlagen — ja, nach der Länge des Seils ermass ich die Sturzhöhe, und wieder Max am Grat hängen sehen — das war alles eins. Das alles raste mit ungeheurer Schnelligkeit durchs Gehirn; mit unverminderter Klarheit spielte sich diese Szene vor meinen Augen ab, nicht als ob es nur Sekunden gewesen, sondern als hätte sich das in gemessener Ruhe abgerollt.

Es waren furchtbare — aber Augenblicke der unbeschreiblichsten Eindrücke.

III.

Wenn in der Runde der Dauphinéberge der Pic d' Olan kaum je erwähnt wird, so ist das hauptsächlich auf seine Lage zurückzuführen. Vor-geschoben im linken Flügel des Vénéontales, steht er schon ausserhalb des strahlenden, allen Glanz an sich reissenden La Bérardezentrums. Überdies sind ihm im Norden namhafte Berge vorgelagert, so dass man ihn aus dem tiefeingeschnittenen Vénéontal gar nicht zu Gesicht bekommt und mancher, ohne zu ahnen, welch kühner Recke sich da in vornehmer Zurückhaltung hinter den Kulissen verborgen hält, an ihm vorbeischreitet, talauf der Meije und den Ecrins zu. Dagegen ist der Pic d' Olan der grosse Berg des Valgaudemar und, mehr noch, des Valjouffrey. Wer den « Cervin du Dauphiné » sehen will, muss dieses letztere Tal hinauf wandern bis in den Fond Turbat.

Sein leichtester und meistbegangener Weg führt von Süden aus dem Gaudemartal zum Glacier d' Olan, von welchem durch die Südwand der Nord-und Hauptgipfel, die Cime Coolidge, 3578 m, erreicht wird. Der Weg der Erstersteiger von Südwesten, vom Vallon du Clot über den Süd-1 ) und den Mittelgipfel2 ), scheint fast ganz verlassen zu sein. Sehr zu Unrecht! Wie an der Meije die « traversée des arêtes », so gibt auch hier die Überschreitung der drei Gipfel einer Olanbesteigung erst die rechte Würze. Im Jahrbuch des französischen Alpenklubs 1877 schliesst Coolidge über diese Bergfahrt mit den Worten: «... mit Ausnahme der Meije ist die Besteigung des Olan, selbst bei günstigen Verhältnissen, unstreitig die schwierigste Tur im Dauphiné. » Die Zugänge von Süden und Südwesten aber sind lang und rauh. Will man im Freien oder in einer der halb und ganz zerfallenen Schäferhütten übernachten, so muss man von La Chapelle-en-Valgaudemar, 1050 m, ausgehen oder von der Turbathütte, 2175 m, erst über den Col de Turbat herüber kommen. Die dritte Route führt von Norden aus dem Tal der Merande, einem Seitental des Vénéon, über den Sellettesgletscher und durch die Nordflanke ebenfalls direkt auf die Cime Coolidge. Mit dem Refuge de la Larey, 1800 m, als Ausgangspunkt mag sie als die kürzeste gelten, ist jedoch immerhin ein 6—8-stündiger Aufstieg, und die finstere unheimlich steile Wand gehört zu den erstklassigen Sachen im Dauphiné.

Auf diesen Wegen zusammen zählte Henri Ferrand von der Erstbesteigung 1875 an bis und mit dem Jahr 1913 insgesamt 64 Bestei-gungen3 ). Angenommen, dass selbst der aufmerksamen Chronik der Société des Touristes du Dauphiné einige Partien entgangen wären, so entfielen dennoch auf ein Jahr durchschnittlich nur knapp zwei Besteigungen.

Die « Muraille Ouest » ist ein noch ungelöstes Problem, was im Zeitalter, da Neuanstiege und Varianten wie Stecknadeln gesucht werden müssen und gesucht werden, gewiss etwas heissen will.

Mit dem Plan, den Olan von Südwesten zu überschreiten, kampieren wir — nach einem sang- und klanglos abgebrochenen Versuch — an einem herrlichen Augustabend im Vallon du Clot in einer dem Zerfall anheimgegebenen Schäferhütte.

Mein Freund ist schon vor einigen Tagen ins Dauphiné gereist. Nachdem für mich die Hauptschwierigkeit, die Beschaffung der freien Zeit mit sechs Tagen, glücklich überwunden ist, ergreife ich stracks von der Arbeit weg die Flucht und komme nach schlaf- und ruhelos durchreister Nacht in Grenoble an. Ein Sprung vom Zug ins Auto und über Viziile und das Laffreyplateau, an glitzernden Seen vorüber in die wilden Tobel der Bonne und das fruchtbare Valbonnais hinauf erreiche ich um Mittag La Chapelle-en-Valjouffrey. Das Dörfchen liegt 980 m ü. M. in lauschigem Grün, im reizendsten, im Gegensatz zum nördlichen Dauphiné, geradezu reich bewaldeten Alpental. In Mutter Fégés einfachem Wirtshaus mache ich Mittagsrast und ziehe alsdann in sengender Hitze bergwärts.

Ein wundervoller Sonntag strahlt im Tal. Alles ruht in Haus und Feld. Ein altes Mütterchen in feiertäglicher Haube guckt wundernd durchs Fenster, als der schwere Bergschuh durch die Gasse hallt. Die Bonne allein, das wilde Bergkind, bricht die Stille, bald mit kosendem Rauschen, bald aufbrausend und donnernd. Das Milde, Anmutige weicht jedoch rauhern Tönen und Farben. Das erste Gletscherchen leuchtet entgegen, in stolzer Höhe der erste grosse Berg, von aufziehenden Gewitterwolken umlagert, die Aiguille des Arras. Nach zwei Stunden erreiche ich Le Désert, das oberste Dörchen des Valjouffrey. Kümmerliche Birkenhaine vermögen sich noch zu behaupten, die Talufer aber strotzen kahl und felsig zum Himmel.

Ob Le Désert rücken die Berge noch näher zusammen und der Baumwuchs bleibt ganz zurück. Mittlerweile ist auch der Himmel immer ernster geworden. Während ich in die öde Wildnis des Turbatvallons einbiege, senkt sich der Nebel unaufhaltsam an dem Berg hernieder und bald kühlen Windstösse und Regenschauer merklich ab. Missmutig folge ich dem Weglein durch Felstrümmer und zwischen Blöcken jeden Ausmasses. Jede Sicht ist benommen. In der Nähe tost ein Wasserfall — munter kreuzt der Pissebach meinen Weg. Jenseits steigt der Pfad stark bergan und wendet sich dann rechts, anscheinend taleinwärts. Schneidender faucht hier der Wind. Da — fast mit einemmal — beginnt es lichter zu werden, der Nebel wie von Riesenfäusten gefasst sich zu hebenim Hintergrund eines engen, rauhen Hochtals steigt eine Flucht glatter Felsen und praller Wände jäh empor. Der Nebel schiebt sich höher und höher, in demselben Masse wächst die abschreckende Mauer. Ein letztes Zögern — rauchend segeln die grauen Schleier davon, und frei steht der Olan da, seine Spitzen in schwindelnder Höhe von einem verirrten Sonnenstrahl umspielt. Nach kurzer Zeit brechen Wolkenknäuel von neuem in das Tal. Endlos zieht sich die Spur eine Wüstenei ent- lang. Es wird 7 Uhr abends, als ich ein kleines Steinhüttchen vor mir auftauchen sehe.

Die Turbathütte steht im hintersten Winkel des Vallons auf einem Moränendamm im rechten Talufer. Eingeschlossen von finsterem Felsenzirkus, ist der Ausblick sehr beschränkt, doch an Grossartigkeit ersetzt die Mauer des Olan allein ein Panorama. Mit Max treffe ich eine Anzahl deutscher Jungens im reifern Gymnasiastenalter, mit Zupfgeigen und dergleichen Dingen und dito Begriffen vom Zweck eines engen, inmitten ernster Hochgebirgsnatur erbauten Refuge.

Der einen ruhelosen Nacht folgt eine zweite. Als ich mich aus dumpfem Halbschlummer zerschlagen und gerädert erhebe, fühle ich mich zu allem andern als zu grossen Taten entflammt. Doch, über den majestätisch in die Nacht ragenden Konturen des Olan wölbt sich zauberhaft glitzernder Sternenhimmel, und da wir nichts Besseres tun können, brechen wir auf nach dem Col de Turbat. Mühsam klimmen wir Hänge und Felsen empor. Auf dem Col angekommen, ist es längst Tag geworden, golden steigt die Sonne an den Gipfeln hernieder. Dass uns für heute am Olan die Trauben zu hoch hängen, haben wir freilich bald heraus. So schlendern wir auf der Südseite des Passes hinunter, bis wir von einem hügelig vorspringenden Belvédère ins Clottälchen hinabsehen. In mageren Rasenplätzchen zwischen Geröll- und Blockfeldern weiden Schafenein, Kühefür sicher erkennen wir nur einen Esel und, zwischen mächtigen Blöcken halb in die Erde geduckt, ein Hüttendach. Gerade das, was wir suchen, und damit erachten wir unser Tagwerk getan. Höhen und Tiefen erstrahlen in der Lichtfülle der Sonne, in Einsamkeit und Stille träumen wir Stunde um Stunde in diese wundersame Bergwelt hinein.

Tief drunten im Tal mögen die Mittagsglocken längst verklungen haben, da wir uns von dannen trollen, ins Clottälchen hinunter, mit Gelüsten nach Milch und Obdach. Von all dem aber bleibt schliesslich nur der Esel Wirklichkeit. Die Kühe entpuppen sich als Galtvieh, die Sennhütte als ein verlassenes Schäferhüttchen, vier rohe Mauern mit ein paar morschen Brettern als Dach. Wir mustern unsern nicht eben reichlichen Proviant. Zu Feuer und Lager ist Wacholdergesträuch in der Nähe, und einen Quell stöbern wir nach einigem Suchen auch noch auf.

Damit wird es Abend. Frisch und mit Sternengefunkel senkt sich die Nacht. Das karge Mal ist beendet, ein Pfeifchen schmauchend kauern wir vor einem knisternden, traulich qualmenden Feuerlein. Während die letzte Glut verlischt und ein Schönwetterlüftchen zaghaft an den losen Brettern rüttelt, kommen wir zu dem einmütigen Schlüsse, dass dies eigentlich einer der schönsten Bergtage gewesen sei.

Das Lager ist immerhin etwas kühl, und mit einem Gefühl der Erleichterung lausche ich dem Schnurren des Taschenweckers. Indessen eilen wir nicht, die Nacht ist pechfinster, und vor Tagesanbruch können wir in den Felsen kaum Erspriessliches leisten. So brechen wir erst gegen 4 Uhr auf, und noch im Laternenlicht geht es Geröllhalden und Rasenschöpfe hinauf. Auf der Höhe des Pas d' Olan erscheint in dessen schwafzumrissenem Ausschnitt der Sirac in geisterhafter Blässe des erwachenden Tages, und als wir die Moränen- hänge des Clotgletschers erklommen haben, ist es eben hell genug, um einige notwendige Feststellungen machen zu können.

Ein Berg für sich, eine einzige wilde Felsenmauer, erhebt sich der Südgipfel im Morgengrauen... an seinem Ostf uss werden wir in die Felsen gehen. Die erste Etappe führt nach links in eine Einbuchtung in halber Höhe des Gipfelaufbaues. Schliesslich soll der Südwestgrat erreicht werden — in einer Schneelücke. Damit wäre die Hauptrichtung, eine stark ansteigende Diagonale, gegeben und theoretisch der Aufstieg einfach genug. In der Praxis wird es wahrscheinlich schon ein bisschen anders werden? Mit diesem Ergebnis schreiten wir das Gletscherchen hinan und gehen über einen Bergschrund, in welchem Gelegenheit, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, ebensogut geboten ist wie bei irgendeinem berühmten Gletscher der Alpen.

Der Berg lässt gar nicht erst zur Besinnung kommen, gleich zu Anfang beginnt er sich unwirsch und abweisend aufzurichten. Die Felsen sind brüchig und locker, ein Trümmerhaufe, dabei von einer Steilheit, dass man sich fast wundert, dass nicht ganze Fassaden in sich zusammenbrechen. Wir tun nur das Notwendigste zu unserer Sicherung, und doch knattern immer wieder Steine allen Kalibers zum Clotgletscher hinunter. Dieser liegt schon in beträchtlicher Tiefe, da wir in die Einbuchtung gelangen. Grad ob uns gewahren wir die Mündung irgendeines Couloirs, welches der Sammelkanal der ganzen Flanke zu sein scheint. So eilig als dies in abschüssigen und glasierten Platten tunlich ist, suchen wir dem Bereich dieser fürchterlichen Geschossbahn zu entkommen und steigen seitwärts auf einen Erker hinauf, auf welchem sich ein winziges Schneefeldchen seines Daseins wehrt. Einen Schluck Tee meinen wir verdient zu haben. Zwischen zwei Türmen öffnet sich, wie durch ein schmales Fenster, ein reizender Blick hinunter ins Gaudemartal, glitzernd wie Silber schlängelt das Band der Séveraisse durch die Mitte. Die nähere Umgebung lässt an Übersicht nach wie vor zu wünschen übrig, immer dieselben schroffen Klippen recken zu einem blauen Himmel hinan; das einzige worüber wir im klaren sind, ist, dass hier unsere Diagonale zu Ende ist und der Grat noch hoch ob uns sein muss. In Ermangelung eines Bessern versuchen wir es mit dem kürzesten Weg und klettern an einem turmartigen Bollwerk direkt empor. Hin und her lavierend gewinnen wir immerhin an Höhe, doch die Felsen beginnen sachte unkommod zu werden, und schliesslich sehen wir uns nach rechts abgedrängt, dem Couloir zu, welches uns drunten in der Einbu chtung einige unbehagliche Momente verursacht hat. Auch jetzt noch betrachten wir diese Gegend durchaus ohne Sympathie, aber ob uns glänzt ein Wall von geradezu höhnischer Glätte, und die Zeit fängt an kostbar zu werden. So queren wir zunächst einmal an die Mündung hinüber. Während ich noch gespannt Maxens Gliederverrenkungen folge, wie er sich anstrengt, das Innere zu ergründen, schwingt er sich mit triumphierendem « es geht » um die Kante. Wenig später stehen wir beide in einer jäh herabschiessenden Rinne in licht-blauem Eis. Oft kaum drei bis vier Meter breit schwingt sich ein aalglatter Kanal mit unangenehmer Steilheit die Flanke empor. Die Ufer schliessen sich beinahe zur Klamm, rechts — hohe Wand, links — nicht minder abweisendes Felsenbord. Die ersten Seillängen sind heikel genug. Das Eis fällt wie ein Sturzbach herunter, ist spritzig wie Glas, und der Rückblick auf den Glacier du Clot ist nicht dazu angetan, das Sicherheitsgefühl zu erhöhen. Wie wir einmal in dem Hohlweg drinnen sind, schlägt der Pickel in zuverlässigeren Grund, und mit einiger Vorsicht geht es auch ohne nennenswertes Hacken. Schlimmeres lauert in der Höhe, in den furchtbar verwitterten Wänden. Nach einiger Zeit lichten sich die Ufer, die Schuhnägel greifen flott in hartem Schnee — im Eifer landen wir letzten Endes fast unversehens auf dem Grat und blicken mit einemmal wie aus der Vogelschau an die 1200 Meter in den Trümmerkessel des Turbatvallons und auf das Dach der Hütte hinunter.

Es ist einer jener Augenblicke, da Worte verstummen, da man, auf den Pickel gelehnt, sich umschaut. Die finstern Klippen, das frostige sonnenlose Couloir hatten auf die Dauer einer gewissen Düsterkeit nicht entbehrt, und dieses urplötzliche Heraustreten auf schwindelnder Höhe, in jubelndes Licht ist von unbeschreiblicher Grossartigkeit.

Von nun an bleiben wir auf dem Grat, luftig aber ohne Schwierigkeit geht es zum Südgipfel hinauf. Während hinter uns Berg und Tal versinkt, der Blick über sanftere Ketten, über allmählich verflachende Kämme und Furchen in dunstige Fernen streicht, weit in Frankreichs Lande hinein, steigen im Osten, in wunderbarem Kontrast, die Grossen des Vénéontals herauf.

Der Punkt 3510 ist allerdings kein selbständiger Gipfel, sondern, wie er auch genannt wird, die Schulter des Berges, welche als horizontal verlaufender Grat zum Mittelgipfel führt. Unmittelbar vor dem letzteren reisst eine Scharte den Grat entzwei. Rasch wird das Bild wieder ein anderes. Wir klettern in den Riss hinunter, und dieser weist uns in die rechtsseitigen Abstürze. Es ist, als steigen wir von oben ins Innere einer verwunschenen gigantischen Burg. Abgründe, schauerliche Fassaden, phantastische Türme und Erker überbieten einander an Wildheit. Den Grat haben wir aus den Augen verloren, der Gipfelbau scheint ob uns hereinzuhängen. Immerhin ist wohl manche Wand, mancher Turm mit grösserem Unrecht « senkrecht » getauft worden als diese Felsen, durch welche wir nun wieder zum Grat hinaufklettern. Auf schneidiger First, neuerdings ob den magischen Abgrundtiefen des Turbatkessels, erreichen wir dann die Cime Pendlebury.

Hier waren im Jahre 1875 die Erstbesteiger, R. Pendlebury mit den Tirolerführern Gabriel und Joseph Spechtenhauser, umgekehrt, im guten Glauben, den Olan besiegt zu haben — infolge dichten Nebels hatten sie den Nordgipfel gar nicht zu Gesicht bekommen1 ). Als zwei Jahre später W. A. B. Collidge mit den Christian Almer Vater und Sohn die zweite Besteigung ausführte, klärte sich dieser Irrtum auf, und ihnen blieb es vorbehalten, des Olans höchste Spitze als Erste zu betreten.

In der Tat trennt keine blosse Lücke die beiden Gipfel, zwischen ihnen ist der Berg entzwei gespalten. Aus sonniger Höhe tauchen wir mehr und mehr in schattiges Dunkel. Die Felsen, erst noch trocken, werden schlüpfrig und glatt, und schwarzes Eis klebt zähe wie Pech in heiklen Rinnen. Die Neigung nimmt stetig zu, bereits sind wir der Kante des Nordgipfels so nahe, dass jede Ritze zu erkennen ist, aber noch sind wir nicht auf dem Grund der Kluft. Ein eisiger Hauch umfängt uns darin. Wären nicht die schmalen Ausblicke zur Seite, so könnte man sich in das Grabesdüster eines grauenvollen Bergschrundes versetzt glauben. Der Aufstieg ist so ziemlich derselbe wie an der Cime Pendlebury, das erste Stück womöglich noch steiler, aber solider, ideal geschichteter Fels. Klimmzug um Klimmzug schwingen wir uns abermals wieder zum Grat hinauf und stehen wenig später — 2 Uhr nachmittags — auf der Cime Coolidge.

Der Vorhang ist gefallen. Von den Rouies in weitem Halbkreis bis zur Aiguille du Plat entfaltet sich der Hauptkamm der Dauphinéalpen wie ein offenes Buch. Klar und scharf hebt sich eine wilde Zackenlinie von Bergen und Cols vom tiefblauen Himmel ab, kein dunstverschleierter Hintergrund schwächt die Bildwirkung ab. Hinter den klotzigen Rouies trotzt die Ailefroide riesengross empor, und über der Unzahl finsterer Pics und kühner Aiguilles erheben sich zwei mächtige Herrschergestalten: die Barre des Ecrins, ihre Südwand im Profil und, ihrer faszinierenden, furchtbaren Macht wohl bewusst, die Meije — von Süden.

Volle anderthalb Stunden verweilen wir in den warmen Gipfelfelsen. Mit etwelcher Überraschung haben wir schon bei Ankunft festgestellt, dass die Nordwand geradezu winterlich in Schnee und Eis steckt, und haben uns in Anbetracht der späten Stunde und des föhnig unsichern Wetters für den Abstieg ins Valgaudemar entschieden. Daher glauben wir, mit der Zeit nicht kargen zu müssen, indessen mahnen uns aus fernem Tiefland heranwälzende Wolkenmassen zum Aufbruch.

Auf dem Herweg kehren wir nur ein paar Schritt den Grat zurück und klettern dann direkt hinab in das schmale Couloir zwischen den beiden Gipfeln. Dessen Neigung ist eine respektable, in Eis und beinhartem Schnee hackt Max eine Stufenreihe hinunter. Einem unübersichtlichen Absturz weichen wir nach links aus, über bauchige Felsen in ein zweites und leichteres Couloir, welches uns seinerseits ein beträchtliches Stück abwärts fördert. Noch liegt der Olangletscher tief unter uns. Einen Moment erwägen wir, grad hinunter zu forcieren, doch die Öffnung des Bergschrundes lässt allerhand vermuten. Um sicher zu gehn, wenden wir uns vollends nach links, queren, immer abwärts steuernd, die ganze Flanke entlang und erreichen so den östlichen Rand des Glacier d' Olan. Ein unschwieriger, aber langer und nicht zu unterschätzender Gang, jeder Schritt unter ungeheuren, vom Zahn der Zeit zerfressenen Mauern. Auch hier hat der Bergschrund alle Anlagen, in nächster Zeit bösartig zu werden, heute tun 's einige Schliche noch. Und mit Skitechnik Spalten und Brüche umfahrend, sausen wir die Hänge des Gletschers hinab. Leider ist das Vergnügen von kurzer Dauer, allzu rasch landen wir auf Gletscherschliffen und Moränengeröll. Drei Stunden haben wir immerhin für den Abstieg gebraucht.

Unterdessen ist das Blau des Himmels verschwunden, schwere Wolken ballen sich zusammen. In der schwermütigen Stimmung eines regendrohenden VII20 früh anbrechenden Abends hat der Olan etwas Dräuendes, unsagbar Wildes angenommen.

" Wir rasten nur, um das Seil aufzurollen — La Chapelle im Gaudemartal liegt noch mindestens 1600 m unter uns. Steile Hänge stellen die Knie auf eine harte Probe. Aber den Höhepunkt erreichen diese Reize, die eben mit zu einer Olanbesteigung gehören, in den Trümmerhalden am rechten Ufer der Combe Froide entlang. Am Fuss einer hohen Felsstufe, in einer von Eisenhut-stengeln überwucherten Mulde, stossen wir auf zerfallene Schäferhütten, Zeugen des einstigen ausgedehnten Schafweidegangs. Heute ist wenig mehr davon zu sehen, wie man auch in der altern Literatur angeführte Schafwege öfters vergeblich sucht. Arg hausen hier die Naturgewalten. Das Älpeli liegt übrigens wunderhübsch auf einem malerischen Vorsprung zwischen der Combe Froide und dem Vallon du Clot.

In der Dämmerung zum Clotbach hinunter. Einem vermeintlichen Pfad nachstreichend, lassen wir uns verleiten, ins rechte Ufer hinüberzusetzen. Es ist bereits finstere Nacht, als wir uns eingestehen müssen, dass wir irre gegangen. Die Hänge werden je länger je ungangbarer und verengen sich zur Schlucht. Unter uns tost der mit dem Combe Froidewasser vereinigte Torrent du Clot. Auf gut Glück klettern wir glitschige Felsen hinab, das " Wasser überbrüllt jeden Zuruf, Gischt spritzt ins Gesicht, doch mit abenteuerlichen Sprüngen und die Schuhe voll " Wasser gelangen wir zurück ans linke Ufer. Hier finden wir denn auch Spuren, die sich zur Not als " Weg ansprechen lassen. " Während wir diesen schluchtabwärts folgen, grollt zur Seite der Clotbach nur noch hohl und dumpf, anscheinend aus tiefer Klamm herauf. Plötzlich, um eine Ecke biegend, geht die Wegspur wiederum aus, ja, schlimmer noch — von links her donnert von hohem Fels herab ein zweiter Bach, und ein breites Wasser flitzt glucksend und gurgelnd vor uns vorbei in den unsichtbaren Schlund. Teufel! sind wir in eine Sackgasse geraten? Aus der greulichen Finsternis ist rein nichts herauszubringen, als dass wir in einem schauerlichen Felsenkrater stecken, bei Tag zweifelsohne von ungemein grossartiger Szenerie. Doch zu dieser Stunde entbehrt der Ort jeder Romantik, dazu knurrt der Magen, und in der Luft riecht es nach Gewitter. Also suchen wir noch einmal mit der Laterne das Ufer ab. Geisterhaft zittert der Schein in den Fluten. Da siehe — spannt sich ein dünner, etwas behauener Baumstamm über den Bach. Die Brücke federt zwar unheimlich ob dem reissenden Wasser, aber in gehobener Stimmung schreiten wir drüber hin, denn « wo ein Steg ist, da muss auch ein Weg sein! » Mit diesem Wahlspruch kommen wir schliesslich zu der Schlucht hinaus und in die Talsohle hinunter.

Es ist bald 11 Uhr, als wir in La Chapelle um Unterkunft anklopfen. « D' abord vous mangerez, mais pour coucher, faudra vous coucher à la grange » — meinen unsere Wirtsleute bedauernd. Eine Stunde später schlafen wir traumlos in duftigem Heu.

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