Bergfahrten um Engelberg

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Von Adolf Gehrig.

Das Gebiet um Engelberg bietet viele Möglichkeiten zur Ausführung von leichten bis schweren Fahrten in Fels und Eis. Der Titlis ist schon im Juli 1744 von vier Klosterleuten erstmals bestiegen worden. Vor 100 Jahren noch wurde empfohlen, für eine Titlisfahrt wenigstens drei Führer mitzunehmen. Und heute wird er im Sommer und Winter jährlich von Hunderten meist ohne Führer begangen und befahren. So ändern sich Zeiten und Auffassungen.

Ich will aber nicht vom Titlis erzählen, sondern von seinem westlichen Nachbarn, dem Reissend Nollen, der im Verbindungsgrat zwischen Titlis und Wendenstöcken als weniger markante Gestalt steht und relativ selten bestiegen wird.

Wer einmal seine in der Sonne glitzernde Eisflanke gesehen hat, dem macht er als trotziger Berg einen nachhaltigen Eindruck. Dies war auch der Grund, weshalb Franz Widmer und ich beschlossen, im Sommer 1933 vom Reissend Nollen 3012 m aus einen Blick in die Tiefe und Weite zu tun. An einem günstig scheinenden Morgen verliessen wir gegen 9 Uhr das Hotel Trübsee und stiegen gemächlichen Schrittes in einer Stunde auf den Jochpass, 2208 m. Ohne Rast schritten wir in südlicher Richtung zum untern Ende des Eishanges und gelangten just in einem Moment an, als auftauchende Nebelschwaden uns vollständig einhüllten. Der Aufstieg glich einem ewigen Treppengang. Die führige Schneeschicht über dem Eis gewährte sichere Tritte und ersparte uns jene Steigeisen, welche in Engelberg drunten auf ihre Verwendung warteten. Nach einstündigem steilem Anstiege standen wir auf dem Grate, und wie gewünscht gab der Nebel den Blick frei, wenigstens nach dem Sustenhorngebiet, welches in brodelndem Wolkenmeer bald diese, bald jene Spitze offenbarte. Packend ist der senkrechte Absturz nach dem Gadmental. Leider verhinderte die stark überhängende Gwächte den vollen Blick in die Tiefe.

Nach kurzer Gipfelrast verfolgten wir den Grat in nördlicher Richtung und gelangten nach einer Viertelstunde in eine Scharte, von welcher der Abstieg über die Nordflanke hinab geschehen sollte. Wieder hob das Nebeltreiben an und narrte uns gründlich, denn wir glaubten uns in der richtigen Scharte zu befinden, während wir offenbar noch ziemlich weit davon entfernt waren. Was nun kam, war alles andere als ein geordneter und systematischer RückzugVorerst kamen wir leidlich gut über Felsrippen und kurze Klettereien erfordernde Absätze. Dann aber standen wir plötzlich auf blankem Eis. Alle frommen Wünsche für dessen humane Beschaffenheit waren umsonst und alle Gedanken an die drunten gelassenen Steigeisen unnütz. Hackarbeit begann und führte nur langsam in die Tiefe. Nach drei Stunden erst wich das Eis einem weichen Schnee, und der Rest des Steilhanges ward nun bald überwunden. Wir glaubten, in gemütlichem Gange nach dem Jochpasse zu ge- langen, doch bei der schlechten Sicht hatten wir uns im Abstieg zu weit rechts gehalten und befanden uns nun in einem Labyrinth von Felsbändern, Runsen und Geröllhalden, welche alle die unangenehme Eigenschaft hatten, an einer senkrecht abfallenden Wand zu enden. Doch wir packten die Sache kräftig an, und nach einer weitern Stunde befanden wir uns endlich auf gutem Boden. Bis zum Jochpasse gab es allerdings noch manche Verwünschung über die Einrichtung von Geröllhalden.

Die nächste Fahrt führte in das Gadmental und galt der Gruppe der Fünffingerstöcke. Obwohl wenig bekannt, bieten diese Kalkberge mittelschwere und schwere, aber durchwegs schöne und kurze Klettereien. Der 22. Juli versprach einen schönen Tag. Fünf Mann stark stiegen wir von Gadmen im Morgengrauen gegen den Sustenpass an und nahmen nach dem Hotel Stein in nördlicher Richtung die steilen Grashalden in Angriff. Je höher wir kamen, desto unwirscher überzog sich der Himmel mit Föhnstreifen, und schon hatte das Sustenhorn eine dicke Nebelkappe angezogen. Am Fusse des Obertalgletschers mussten die Steigeisen angeschnallt werden, da er in einer jähen Wand abfällt. Der Einstieg auf den Firn dürfte weiter westlich bedeutend leichter sein.

Der Gang über den Gletscher verlangte wegen der vielen Spalten Zeit und Kraft, und mehr wie einmal gab es gewagte Sprünge. Zwischen dem dritten und vierten Fünffingerstock erkannten wir, dass ein Abstieg auf den Firn unter dem westlichen Obertaljoch wegen stark vereistem Fels nicht ratsam sei, und so entschlossen wir uns zum Anstieg gegen das Ostobertaljoch. Inzwischen hatte das Wetter sich gebessert, und nur allzu warm brach plötzlich die Sonne durch, als auf dem Joch grosser Kriegsrat abgehalten wurde über den Abstieg. Auf Klettereien an einem der Fünffingerstöcke hatten wir längst verzichtet. Die topographische Aufnahme dieses Gebietes ist sehr mangelhaft, und der nach der Karte leichte Gang nach dem Wendengletscher erwies sich heute als unmöglich. Grosse Schründe und teilweise offenes Spaltengewirr verboten, dort einen Weg zu erzwingen. Und so wendeten wir uns nach links, um zwischen P. 2909 und P. 2993 den Abstieg nach Westen zu suchen. Auch hier war der Gletscher arg zerschrundet. Und als Freund Hans mit einer Schneebrücke durchbrach und sich dabei ein Knie verknaxte, schritten wir mit doppelter Vorsicht zwischen Vorderuratstock und P. 2890 dem untern Gletscherende zu. Fast volle drei Stunden kostete uns der Abstieg vom Ostobertaljoch. Und der Gang über Urat zum Wendenwasser hinab war auch sehr ungemütlich, bald längs eines rauhen Bachbettes, bald in ihm selbst, bald über Blöcke, bald durch wildes Gesträuch. Etwas spät und müde zogen wir in Gadmen ein.

Die Heimreise brachte ein letztes Hindernis. Am Lopperberg bei Hergiswil waren grosse Rüfinen niedergegangen und versperrten uns bis um Mitternacht die Strasse, doch nicht die Zunge und den Humor, denn nach getaner Bergfahrt, und sei sie auch nur bescheiden, ist jedem Widerpart im Unterlande leichter zu begegnen.

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