Bergliebe und klassische Artung

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Im ersten Jahrgang der « Alpen » ist ein Aufsatz von Werner Graf erschienen, ein echter und echtkünstlerischer Aufsatz, der das Gesetz « Alpiner Musik » zu umschreiben versucht. Er ist köstlich und mehr als das, einmal in der Abweisung flacher Gefühlsergüsse über die Berge, sodann in der Kritik instinktlos-stofflicher Zusammenschau von Musik und Alpen, schliesslich in der Scheu und dem Bedacht eigener Deutung.

Diese eigene Deutung bemüht sich, eine geheime Verwandtschaft von Musik und Bergen herauszuheben. Sie erscheint, sie lebt und wird glaubhaft. Wir reihen diesen Tiefenblick unserm dunklen Wissen um die grossen Mächte dieser Welt ein. Aber es sei erlaubt, zu fragen: Ist dies die einzig mögliche Zusammenschau von Berg und Seele?

Werner Graf hat dies sicherlich nicht gemeint, um so lieber werden wir sagen, was unser Auge uns schenkt. Und es darf füglich noch hinzugesetzt werden, dass die hiesige Meinung keineswegs eine Entgegnung sein will, kaum ein Vergleich, ja nur wenig durch jene Arbeit ihre Anregung empfangen hat.

Setzen wir musikalisches Erleben bildhaftem gegenüber, wie es ja häufig geschieht, und wir haben den Boden unserer Betrachtung. Man will damit nicht ein äusserliches Einteilungsprinzip der Künste geben, sondern eine Unterschiedlichkeit des Lebensatems bezeichnen und verbindet musikalisches Erleben mit romantisch-nordischer, bildhaftes mit südlich-klassischer Art. So unmittelbar und tiefgegründet diese Auffassung ist, enthält sie doch sicherlich eine Problematik. Aber die Hinneigung dieser Künste nach der dunklen und der hellen Weltseite darf wohl als wahr gelten.

Stellt man also die Berge mit Musik in einen Kreis oder aber mit den bildenden Künsten, so ist nicht nur ein anderes künstlerisches Organ herangezogen, sondern ein anderer Ton angeschlagen. Diese Verschiedenheit soll hier hervorgehoben werden.

Es sei behauptet: Nicht nur für den unendlichen, schweifenden, « faustisch » steigenden, tragisch gestimmten Menschen hat die Bergwelt ihren unmittelbaren Zauber, sondern gerade auch für den hellen und plastischen. Der Seelenort, an dem solcher Menschenschlag den Bergen verschrieben ist, heisst: Reinheit. Künstlerisch — genauer ausgedrückt: die reine Linie. Die Liebe zur reinen Linie ist etwas, was tief mit klassischem Geblüt verhaftet ist. Man kann es auch Klarheit nennen. Die reine Linie und die Klarheit begegnen uns bei jeder klassischen Zeichnung in der Betonung ihres Umrisses, bei jedem klassischen Bildwerk in seiner Plastizität, bei jeder klassischen Skulptur in ihrer Markanz und Festigkeit, bei jeder klassischen Architektur in ihrer Übersichtlichkeit und Monumentalität. Diese Klarheit und reine Linie begegnen uns — in einer ganz bestimmten Begrenzung — nun gerade auch in den Bergen.

Das ist der Bezirk, wo Bergwelt und klassische Welt aneinandergrenzen. Man spricht so häufig von der Klarheit der Mittelmeerländer, sie ist — wenn man unter Klarheit den festumrissenen Begriff Sichtigkeit versteht — gering im Vergleich zur Klarheit der Berge. Die Alpen sind im höchsten Masse das Reich der klaren Umrisslinie, des reinen Kontrastes, der leuchtenden Flächen, der scharfen Schatten. Die Farben treten zurück, und so verliert dieser weite, künstlerische Bezirk mit seiner abtönenden, aufhöhenden aber auch verun-klärenden Macht seine Bedeutung. Und dieses Zurücktreten gilt sowohl für das Gelände wie den Himmel. Dafür gewinnt das Licht — Apollo war der Lichtgott — eine allbeherrschende Bedeutung.

Diese selige Welt der Klarheit bemächtigt sich nun unserer Herzen. « Ihr wandelt droben im Licht », beginnt Hyperions Schicksalslied. Ganz gewiss ist hierbei nicht an die Alpenwelt gedacht, aber gerade die Alpen können Gefühle erwecken, wie die Alten sie mit dem Olymp verbanden.

« Ein breites licht ist übers land gegossen. Heil allen, die in seinen strahlen gehn. » Dieses harte und strenge Reich, das von den fruchtbaren Gefilden klassischer Landschaft so unendlich weit entfernt ist, ist aber auch von dem mitternächtigen Dräuen polarer Eisregion grundlegend verschieden. Die Alpen sind in ihrer Eigentümlichkeit keine Welt des Grauens und der Nacht, sondern des Glanzes und der Freiheit. Für Nietzsche war Höhe und Gipfel Widerklang seines freien, furchtlosen, fliegenden Glaubens. Und Hauptmanns « Glocke », die auf hohem Kamm so herrlich geläutet, stürzt zu Tal, versinkt und verstummt. So erleben wir in den Bergen ein Glück, das an die Vollendung klassischer Sehnsucht glauben machen könnte. Die Kälte und Härte, die uns in der Höhe begegnen, machen uns nicht zusammenschrecken und schaudern, sondern straffen und dehnen und weiten uns, machen uns jauchzen und glänzen und leuchten, dass wir uns Göttersöhne dünken. Eine neue Anmut und Würde dringt in unser Gehaben, eine ungewohnte Leichtigkeit beseligt uns, und etwas von der Wonne der Erfüllung spüren wir, die den spornenden aber auch niederdrückenden, jedenfalls wechsel -mütigen und erdenschweren Weg des Kampfes überwunden hat. Eine Zone der Gnade scheint so eröffnet, in der das reine Gesetz der Klarheit leuchtet und in uns sich widerspiegelt.

« In meinem Wesen und Gedicht Allüberall ist Firnelicht, Das grosse stille Leuchten !» Aber auch die Berge haben ihr Dunkel, ihre Nebel und Gewitter, die kahlen Hänge ihre Öde, die Moränen ihre Wüstenei, die Felsen ihre Spröde. Die Welt der Berge, die über die Enge des Fachinteresses hinaus in der neu-gierlosen Brust keuschen Dranges ihren Platz hat, ist die Welt des Schnees und Firns, der ewigen Gletscherregion.

« Aber im Lichte Blüht hoch der silberne Schnee. » ( Hölderlin. ) « Die Schneegebirge, süss umblaut, Das grosse stille Leuchten! » ( Meyer. ) Diese Welt an einem Lichttag, gerade auch an einem leuchtenden Wintertag, kann an die schöpferische Seele pochen, dass sie in urgültigem Klang erzittert. Hier schweigt alle bloss sportliche Anteilnahme, aller erhitzter Gefühlsüberschwang, ja auch alle gut gemeinte, aber belanglose Begeisterung. So nur, so vermag die Bergeslichtwelt in die Seelenlage hinabzureichen, wo in strenger Notwendigkeit die menschlichen Kräfte gären und die Bilder weiser Einsicht zutage fördern. Das ist das höhere Recht der Eis- und Schneewelt der Schweiz und Tirols über die Felsenwelt. Sie reicht zu den Müttern und erlöst die Gemeinde der Bergfreunde aus der Gemeinschaft mit einem profanen Zweckverband. Nur in solcher Haltung besteht die Seelenweite, die in der Liebe zu den Bergen die grossen Weistümer, Bekenntnisse und Denkmale des Menschen umfassen kann. Bieten die Felsen den verwegensten Sportgenuss, so gewähren die Flächen ewigen Schnees die edelste Naturfreude.

So erleben wir in den Bergen ein beschwingtes Schreiten, kein « faustisches » Steigen; Werner Graf ist mehr ergriffen vom « Hinauf », wir mehr vom seligen « Oben »; er sucht in den Bergen mehr eine Erlösung, wir eine Erfüllung. Wir fühlen uns in der Höhe gesegnet von Freiheit und Anmut, und das ist uns das schönste Geschenk der Berge, dass sie uns für eine Weile über das Schicksal zu erheben scheinen. Es ist uns so nahe, was Hyperion in seinem « Schicksalslied » singt: Die Götter wandeln oben schicksallos, wir aber fallen von Klippe zu Klippe geworfen ins Verhängnis hinab.

Das Licht war es, das die selige Klarheit der Berge schuf. Das schneebedeckte Gebirge ist das Reich, wo das Licht am vollkommensten regiert. Wie aber das Licht nur von aussen scheint, eine Welt beleuchtet, die « an sich » eigene Gesetze hat, die ganz andere sein mögen, so vermag die Lichtfülle der Berge ihr Wesen nicht zu erschöpfen; so vermöchten die Berge vollgültig klar und ein klassisches Reich zu sein, wenn sie in sich die Gesetze der Klassik erfüllten. Diese Bedingung aber ist nicht gegeben. Dem Gebirge fehlt die Ordnung, das planmässig Gebaute, wenn man will, das in einem höheren Sinn Klare. Die Welt der Berge ist eine Welt bizarrer Türmungen, ungeord-neter Formen, objektiv-künstlerisch ein Chaos — das Gegenteil klassisch-wohlgebildeter Landschaft, wie Italien oder Griechenland sie besitzen. ( Vgl. die neuesten vortrefflichen Ausführungen von Ludwig Curtius über die griechische Landschaft in der letzten Lieferung des Handbuchs der Kunstwissenschaft. ) Aus solchem Grunde scheut der bildende Künstler vor den Bergen zurück: er findet keinen Anhaltspunkt behutsam-formenden Ordnens. Deshalb wirkt auch eine Photographie der Gipfelwelt häufig glücklicher als jedes Bildwerk: sie ist echter und gibt, was die Berge geben können: barocke Klarheit.

Da ist nun der Begriff, der offenbar eine Paradoxie enthält, in Wahrheit aber ein Auseinanderklaffen von nach höherem Recht zusammengehörigen Eigenschaften ausdrückt. Barocke Klarheit — wie unglücklich wirken beide Begriffe zusammen, und doch sind sie das Abbild dessen, wie der Südfreund in aller Liebe die Berge anschauen muss, ein Abbild auch des Auseinander-klaffens seiner Empfindungen. Die Klarheit steigert und beseligt uns, aber das Auge sucht prüfend die klassische Form und findet sie nicht. Wo sind die Harmonien der Linie, die uns einen geheimen göttlichen Sinn verraten? Die Linien sind voll Willkür, und so taucht die Bergwelt, wenn der Tag sinkt, in die Region dunklen Spukes hinab. Der Mensch ist nicht mehr gross, sondern klein, unendlich klein.

Es ist derart die Macht des Lichts, die die Berge an den Süden heranrückt. ( Erhalten wir doch auch so auf den Gipfeln Südbräune. ) Es ist das Wesen der Mittelmeerländer, dass eine Landschaft innerer Ordnung, innerer « Klarheit », von der Klarheit des Lichts verdeutlicht, plastisch gemacht und so in einer Harmonie gleichwirkender Kräfte vollkommen wird. Diese Harmonie fehlt in den Bergen. Die Gnade des Lichts, die allein leben macht, uns wahrhaft da sein lässt, beleuchtet und hebt heraus innerlich ungebildete Gelände. Das aber in einem Mass, welches wir sonst nicht kennen, und so sind wir durch die Lichtfülle an südliches Glück gemahnt. Wir erleben derart fast einen Traum in dieser Klarheit der Alpen. Ist das Erlebnis auch nicht nur innerlich bedingt, so ist es doch eine Art der Anschauung, wie doch das Sehen ohne Licht nicht möglich ist.

Liebt darum ein die klassische Welt verehrender Mensch die Berge, so ist darin etwas von einer Spätliebe enthalten, ein Anzeichen des Versinkens des echten klassischen Bereichs. Der Süden siecht hin, denn er kann nur wirken unter dem begeisterten Leben seiner Bewohner; reine Natur wirkt hier als Verlassenheit, und Museen sind Totenkammern. Dagegen ist es das Gesetz der Berge, gerade ohne menschliche Berührung ewig Denkmal zu sein. Darum schenkt der Südfreund sein Herz in seiner Bergliebe einer ganzen unwelkenden Halbheit, wo die Mittelmeerwelt eine halbe Ganzheit geworden ist. Diese liebt er nicht geringer, eher noch heisser, aber wehmütig, während den Bergen seine naive lebendige Diesseitsfreude gehört.

Es sei erlaubt, zum Schluss an einen Mythus Hölderlins zu erinnern, der Geheim-Verwandtes, wenn auch nicht das gleiche besagt. Der Dichter verkündet uns von den Göttern, dass für die Äonen der Nacht auf den Olymp « aufwärts stiegen sie all, welche das Leben beglückt ».

« Aber Freund, wir kommen zu spät! Zwar leben die Götter, aber über dem Haupt droben in anderer Welt. » Erst bei Anbruch eines neuen Tages werden die Götter die Erde wieder bewohnen, sie heilig belebend. Darum aber suchen wir sie heute auf den Bergen.Ernst Heilbrunn.

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