Bergmusik

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Jederzeit hat man es vorzugsweise geschätzt. Man lese — nein, lieber nicht 1 — die Lyrik gefühlereicher Bergpoeten; man betrachte — nein, lieber nichtdie Himbeersaft-Sonnenauf- und -Untergänge der Pinsler: das Alphorn hat es ihnen allzuoft « angetan » und sie es ihm. Meister der Gebirgslandschaft könnten wohl den Alphornbläser gross mit dem grossen Gelände verbinden; aber Landschaftsmaler wollen meistens keine « Staffage », einen Alphornbläser erst recht nicht, weil er vermutlich durch Eigenwert zuviel Aufmerksamkeit auf sich zöge. Zeichner und Kupferstecher haben ihn echt « idyllisch » in ein Stücklein Älplerleben hineingestellt oder -gesetzt. Ganz mitten im länglichrunden Bildchen steht er da auf einem vorspringenden Felsen, das Alphorn ragt mächtig über das tiefer liegende Seegelände in den Himmel hinein, wo es den energisch gezeichneten Strahlenbündeln der untergehenden Sonne begegnet; auf ihn, den Alphornbläser, schauen lauschend Kuh und Ziege: das ist das Titelbildchen von G. Lory und F. Hegi zur « Sammlung von Schweizer Kuhreihen und Volksliedern » von 1826. Mitten in den Vordergrund ragt das lange Alphorn auf einer Zeichnung von G. Lory als « Hauptsache », obwohl die « Hauptperson » ein jodelnder Appenzeller ist, auf den aller Menschen und Tiere Augen und Ohren eingestellt sind. In eine zeichnerisch schön gebannte Naturfülle von Gebirg und Getal, Gefels und Gewächs zaubert F. N. König das Älplerfest von Unspunnen ( 1805 ) hinein. Hunderte von zugreifend oder zuschauend beteiligten Menschen: in den Vordergrund stellt er fast übermenschlich gross — wenzwei Alphornbläser, die Alphörner so stark gebogen, als bögen sie sich eben jetzt vom mächtigen Geblase. In den untern Ecken des Blattes ist rechts ein Rund-bildchen mit der Inschrift: « Hirtenfest der Schweizer Älpler zu Unspunnen im Canton Bern. » Was ist das gleichgewichtige Gegenstück links? Ein Alphornbläser steht da, umgeben von der Inschrift: « Zur Ehre des Alphorns. » Über das Alphorn ist Feinstes zu lesen in einem-fast vergessenen Bergbuch, das, mit einer freundschaftlichen Widmung an meinen Grossvater, in meiner Bücherei neben Friedrich von Tschudis Tierleben der Alpenwelt ( 6. Auflage 1861 ) steht: H. A. Berlepsch, Die Alpen in Natur- und Lebensbildern ( 1861 ). Die zwei Bücher sind mir von Kindsbeinen auf lieb, stimmen übrigens auch zeitlich zusammen: die Männer, auch mein Grossvater, gehörten zu einem St. Galler Freundeskreis « Chrysostomus » ( nach E. Bächlers Buch über F. v. Tschudi war es « ein exklusiver Freundschaftsverband », Tschudis « Kreis der Engeren » ); auch der Maler Ernst Rittmeyer war dabei, der für Tschudis wie auch Berlepschs Buch die naturhaft romantischen Bilder geschaffen hat. Ein Alphornerlebnis Berlepschs soll unsern dürftigen Erfahrungen nachhelfen: « Wir stiegen eines schönen Sommermorgens aus dem Lauterbrunnen-Tale gegen die Hütten und Speicher des Wengenberges, auf steilem Pfade, durch uralte Tannen mit langzottigen Ästen, empor. Rechts drüben strahlte die herrliche Jungfrau, die hohe stille Königin des Alpen-reiches, in unvergleichlicher Pracht und Klarheit; von der Höhe und aus dem Talgrunde herauf tönte das melodische Glockengeläute der Herden. Da drang an unser Ohr ein langgehaltener Ton von den Felsenwänden der Jungfrau herüber. ,Ein Alphorn'rief freudig überrascht einer dem andern zu, und alle standen still, in vollen Zügen geniessend, was selbst eine Beethovensche Symphonie nicht zu bieten vermag. Der Hirt begann seine Künste und wir lauschten atemlos den sympathie-entzündenden Tönen, die aus den Gletschern der Jungfrau herüber zu wehen schienen; den Bläser vermuteten wir in einer Entfernung von mindestens einer halben Stunde, und beeilten uns, denselben aufzusuchen. Wie gross aber war unser Erstaunen, als wir um eine Waldecke biegend den Alphornisten, links ob dem Wege, ganz in unserer Nähe erblickten, ihn, den wir weit entfernt geglaubt und dessen Felsen-Jodler jetzt breit und derb ertönten. » Im 4. Jahrbuch ist der Rat gegeben, mit dem Urteil über das Alphorn zurückzuhalten, wenn man es nur auf Touristenwegen gehört habe, wo es Bettelzwecken diene: « Der Alphornton aber in unmittelbarer Nähe gehört, verliert vollständig seinen Charakter; es bleibt nichts übrig als ein heiserer Ton », nichts mehr von der Tonfülle, dem Tonglanz, von der « Weichheit, welche den Alphornton unvergleichlich schön und eigentümlich bildet ». In den Bergen allein kann er sich entfalten und am schönsten und am reichsten mit dem Echo. Wie gerne beriefe ich mich auf eigenes Erleben — ich muss das 4. Jahrbuch reden lassen ( wer hat die frühen Bände noch zur Hand ?): « Wenn die geheimnisvollen Geister des Echos auf seinen Ruf geweckt werden und die Luft mit ihren vielfach verschlungenen Tonwellen erfüllen, feiert das Alphorn den Triumph seiner Bestimmung. Der Wanderer lauschter wird 's nimmer vergessen, wie der Alphornton aus des Tales Tiefe emporzitterte und an den gewaltigen Felsenwänden hinschleichend sich murmelnd zwischen den starrenden Felsenzacken und in dunkeln Schluchten verlor! Seinen Erinnerungen wird es ewig treu eingeprägt bleiben, wie wunderbar es ihn ergriffen, in der tiefsten und lautlosesten Hochgebirgseinsamkeit plötzlich vom Alphornton von entfernten Höhen her berührt worden zu sein, als trete ein Bote herzu des wärmsten Lebensodems I In den Donner der stürzenden Wasserfälle, in das wilde Singen des Sturmwindes, in das vieltönige Klingen der Herdenglocken mischen sich des Alphorns Töne. » Auch Berlepsch hebt in seinen Betrachtungen über das Alphorn durch besondern Druck den Satz hervor: « Das Echo ist sein Ziel. » Und wie verschieden sind die widerhallenden Felsenstimmen des Echos! « Drei-, viermal können sie zurückkehren, voller anschwellen, als werde der Ton gekräftigt vom festen, körnigen Wesen der Granitwände. An andern Orten jauchzt das erste Echo hell und lebendig in reiner, freudiger Fülle, ermattet dann, hallt aus, verklingt. Wenige Schritte rechts oder links, auf-oder abwärts verändern oft auffallend den Gegenschall. Auch die Tonhöhe wird umgestaltet: das erstemal kommt das Echo in gleicher Tonhöhe zurück, rein, scharf; das zweite Echo ist schon fast einen Viertelton gesunken. » Berlepsch erzählt dann über genaue Beobachtungen am Echo unterhalb des Faulhorns und kennzeichnet als ganz andersartig ein bestimmtes Echo zwischen Grindelwald und Wengern-Scheidegg: da « scheint der Itrammen-wald die ganze Tonsumme der Alphornmelodie aufzufangen und in seinen Tannenhallen tausendfach-reflektierend zu vermengen; denn das Echo kehrt, wie die rollenden Orgelklang-Massen aus den majestätischen Gewölben eines Münsters, in mächtig-ergreifenden, grossen, vollen Wogen, rund ineinander verflossen, zurück, ein gewaltiger, erschütternder Hymnus, den Alpendom durchflutend. » Wie oft, wie selten wird uns dergleichen zuteil? Gern lassen wir unsern spärlichen Alphornerlebnissen aufhelfen, von den erfahrenen Vorfahren uns Ohr und Herz öffnen für den Glücksfall, dass auch wir Alphorntöne im Gebirge hören dürfen. Auch einem Vertreter der Musikwissenschaft von heute, A. E. Cherbulliez, geht des Alphorns « mächtiger, fast urweltlicher Ton » zu Herzen; es klingt « majestätisch, getragen, aber auch wehmütig entrückt » ( Bündnerisches Haushaltungs- und Familienbuch, 1929 ).

Unsere Gewährsleute aus den ersten Jahrzehnten des Alpenclubs erzählen uns auch, wie man, meistens die Sennen selber, damals noch ein Alphorn aus einem Tännchen herstellte.Verlieren wir uns vorsatzgemäss nicht in Instru-mentengeschichte! Nicht das tönende Horn soll uns beschäftigen. Die Töne des Horns sind unsere Sache, genauer: die Alphornmelodien. Sie bezaubern uns nicht minder, viel, viel seltener freilich, als die Bergsteiger vor einem Jahrhundert.

Ein Stück Lebensgeschichte oder Sterbensgeschichte des Alphorns hat man vor Augen, wenn man in Briefen liest, was der Forscher und Sammler damals im Gelände gefunden und von Gewährsleuten erfahren hat, und einiges dazufügt, was sich heute feststellen lässt.

Von Ferdinand Huber hat H. Szadrowsky sich erzählen lassen, dass er in Unterwaiden ums Jahr 1826 viele Alphornbläser angetroffen habe; aber vier Jahrzehnte später war es dort fast verschwunden. Es niste sich allmählich in den Luftkurorten ein, schreibt der Volksschriftsteller August Feierabend 1866 in einem Brief, sei aber nicht einheimisch. Über das Wallis bekam mein Grossvater im selben Jahr Bescheid von Kantonsforstinspektor Anton v. Torrente ( Mitgründer der Sektion Monte Rosa, Festpräsident des 11. SAC-Jahresfestes in Sitten, 1874 ) in einem Brief, der als ein Stück Geschichte der Bergmusik des Druckes würdig wäre.Von den Tönen des Alphorns heisst es da, sie seien « von ferne äusserst lieb zu hören. Sogar die Kühe kehren gemütlich zu ihren Hütten zurück, wenn abends der Hirt sein Instrument hören lässt ». Im übrigen entnehme ich dem reichhaltigen Brief von 1866 nur, Alphörner seien sehr zahlreich im Oberwallis, besonders im Bezirke Goms, seltener im Mittelwallis, im Unterwallis fehlen sie wohl ganz. 1950 berichtet mir Dekan A. Briw, das Alphorn sei im Goms « nicht mehr im Gebrauch. Es existieren noch privat einige davon, werden aber nur mehr selten benützt ». Aus dem Lötschental schreibt mir Prior Siegen, « dass Hirten der Gugginalp am Steg der Lonza gelegentlich das Alphorn blasen ». Im Berner Oberland stirbt das Alphorn kaum aus. Die musikfreudigen Appenzeller haben es ganz oder fast ganz vergessen, übrigens schon um 1800. In Graubünden kann einer das halbe 20. Jahrhundert hindurch Grund und Grat bewandert und bewundert haben ohne ein einziges Alphornerlebnis. Immerhin bläst man etwa noch im Prättigau und im Oberland eine kurze Art Alphorn. Ob die Alphornmelodie aus Safien in Otto Barblans Calvenmusik ( 1899 ) noch dem Leben abgelauscht worden ist? Im Safiental habe ich mit Paul Zinsli Sommer für Sommer bei den ihm durch vielfache Sippschaft verbundenen Leuten gesucht, schliesslich einmal ein Alphorn gefunden, aber keinen, der es hätte blasen können, und er selber huldigt zartfingrig der feineren Flöte.Von Glück kann die Bergstadt Chur sagen: ein paar Jahrzehnte hindurch hat Jacob Stucki, kein Bündner, auch noch fast 80 Jahre alt, in der Sonntagsfrühe am Berghang oben sein Alphorn geblasen. In welcher Kantonshauptstadt sonst darf man von Alphornklängen geweckt werden? Auch in Chur sind sie jetzt mit dem treuen Mann gestorben ( 1950 ).

Durch einen einzigen Alphornbläser, der frühmorgens am Berg von Herzen bläst, ist mehr getan als durch ein Dutzend, die nachmittags sich in einer Halle zusammentun und tuten. Die Wiederbelebungs- und Stär-kungsversuche eines Jahrhunderts an Alphorn und Jodel in Ehren! Es Hesse sich von Wiedergeburt reden und von Verjüngung, aber auch von Missgeburten und von Mord durch Missgriffe. Misslich und schädlich ist die verblüffend grossartige Steigerung ins Massenhafte. Lässtmanzu einem Schwinger-und Ringerfest einen Alphornbläser kommen oder zwei, sogar ins Flachland: sie können herzliche Freude und dem Alphorn Freundschaft wecken, zwischenhinein auch von Herzen jodeln, alles im Freien. 3000, dreitausend Jodler jodeln an einem eidgenössischen Jodlerfest gesamthaft in einer Festhalle, wo der Präsident des Organisationskomitees « Tausende von Jodlern und Jodlerinnen, Alphornbläsern und Fahnenschwingern » begrüsst, nachdem am Festzug durch die Stadtstrassen « gegen 4000 Teilnehmer, 104 Pferde, 28 Einzelwagen, 12 Autos und eine Viehherde » mitgewirkt haben ( Zeitungs-bericht 1949 ). Leid tut einem die Viehherde. Die allzu menschliche Entweihung des Tieres durch festlichen Missbrauch ist immer ein wehmütiger Anblick.

Zum Erbarmen ist auch der Alphornklang im geschlossenen Raum: ein Adler im Käfig, im Zimmer, im Saal, in der Halle — alles zu eng, was Wände von Menschenhand hat. Felswände müssten es sein, Himmel und Luft darum und darüber: da kann er die Flügel ausbreiten, der Adler und der Alphornklang.

Zu beachten und zu achten ist der begeisterte Ernst, mit dem etwa ein Jodlerchor sein Jodellied darbietet und auf Schönheit ausgeht, Wohlklang zustande bringt. Zum Glück führt jede Strophe wieder zum eigentlichen Jodel, zum geliebten Jodel. Freie Luft begehrt er. Ausnahmen seien aber grossmütig, weil tatsächlich, und vorsichtig zugestanden. Hat uns doch als Studenten in der Zürcher Zofingia ein angehender Zahnarzt manchmal mitten in Rauch und Bierbrodem gejodelt, dass es eitel Wohlklang und Lust war, allerdings ein Berner und Bergsteiger. Ein Berner, der feinfühlige Volkslied-erwecker Otto von Greyerz, hat kühn launig behauptet: « Jeder Schweizer hat einen Jodel im Herzen und ein Paar Bergschuhe bereit. » Es ist trotzdem besser: meistens im Herzen, nicht im Mund. Wenn Städter jauchzen oder jodeln, wirkt es oft bestialisch, tierisch, stierisch, sogar in der Bergluft. Aber der Jodel kommt immerhin mit dem Leben davon.

Erwürgt wird das Naturgeschöpf, wenn der Erkünstler sich an ihm vergreift, der Fabrikant des Unterhaltungskitschs, des angeblich patriotischen Gedudels mit Platten, mit Draht und ohne Draht. Schütten wir den Zorn aus dem Herzen! Fluchen muss man an Sonntagen über das staatlich repro- duzierte und transportierte Gejodel. Ist das « lokalisierte » Alphorn als Adler im Käfig zum Erbarmen, was ist denn das Erbärmliche an der « land-gesendeten » Ländlermusik? Erbärmlich ist sie doch, wenn sie einen langen Sonntag lang in die Häuserreihen von Dorf und Stadt « nationalgesendet » wird! Die bricht sich zwar keine Schwingen. Sie ist ja nicht geflügelt, nur ge-beint. Auf Beine hat sie es auch abgesehen. Darf sie nicht in Tanzbeine fahren, dann wird es ihr langweilig und sie selber langweilig. Ohne Tanz ist sie ohne Sinn, also unsinnig, wird durch endlos verlängerten Unsinn sogar blödsinnig. Da hilft ihr kein auf Bestellung jodelndes Plattenzischgeli oder Studiovreneli. Leibhaftige Jungmannschaft und junge Weibschaft will die Ländlermusik um sich tanzen, stampfen, hopsen, sich winden und schlingen sehn, am liebsten auf der Alpweide bei der Alpstubete. Wirklich zum Tanze spielen sie da auf, der Geiger und der Hackbrettspieler, dazu etwa ein Bass, unter dem grossen Sonnenschirm aus rotem Baumwolltuch. Ernst Rittmeyer hat es im Appenzellerland gemalt. Er ist auch meinem Grossvater behiflich gewesen beim Suchen nach urwüchsigen Appenzeller Tänzen. Fast ein Stücklein Bergmusik-geschichte ist es, wenn der Maler im Mai 1867 dem Musiker über zwei Appenzeller Brüder Kegel schreibt ( sie wohnen oberhalb der gedeckten Brücke halbwegs Weissbad ): « Sie sind in den 70 und ganz ausser Mode, da sie keine neuen Tänze können; denn Du musst wissen, dass die Leute da droben ma-surken. » Der sammelnde Musiker hat dort laut Jahrbuch « eine verhältnismässig schöne Anzahl » Tänze « von der eigentümlichen Art der Appenzeller aufgeschrieben ». Sie ist auch heute noch nicht ausgestorben, obwohl schon vor fast hundert Jahren die zwei Kegel und ihre alten Tänze von neuer Mode bedroht waren. Möge es denn auch an der Schanfigger Landsgemeinde noch durch Jahrhunderte hin tönen: Gezogen am Bogen, der Landammann tanzt! Aber noch einmal: nur « in Wirklichkeit » geniessbar ist solche Tanzmusik, beim leibhaftigen Glück der Bergler, als Weckerin und Verkünderin dieses Glückes: das ist da vorhanden, vor Augen, vor Ohren, das spürt man mit allen Sinnen, spürt mit den Sinnen den Sinn solcher Musik. Der ist, wenn ich Kant als Zeugen zur Tanzmusik rufen darf, « das beförderte Lebensgeschäft im Körper, der Affect, der die Eingeweide und das Zwerchfell bewegt, mit einem Worte das Gefühl der Gesundheit das Vergnügen, welches man daran findet, dass man dem Körper auch durch die Seele beikommen kann und diese zum Arzt von jenem brauchen kann. » Geistlos tölpelt Ländlermusik einher, wenn man sie zu selbständigem Auftreten verdammt. Das geht ihr wider die Natur. Zum Tanz aufspielen will sie, nicht sich selber aufspielen und abspielen. Bei Tanz und Taumel kann sie sein und sagen, was sie ist. Nichtssagend laut zu werden, dazu sollte man sie nicht zwingen, die schlicht Gute.

Das Alphorn ist von den Alpen und Voralpen ins Flachland heruntergekommen und doch nicht ganz « heruntergekommen ». Im Baselbiet und im Aargau leben scheint 's Alphornbläser, die es im Wettspielen mit Berner Oberländern aufnehmen können. Aber ein Sennenhosenlupf auf einer Alp an der jungen Aare ist besser als ein Preisringen in einer Stadt am breiten Unterlauf des Flusses. Die Gefahr ist übrigens nicht gross, dass das Alphorn unter Städtern Mode würde. Der Atem reicht nicht aus. Hingabe und Ausdauer wären auch nötig. Schweres aus dem Gebirge übernimmt der Städter nicht.

Aber wehe! Das Leichte tragen Winde und Windige in die Höhe. Schauderhaft bedroht ist die Stille der Berge durch den Quiekkasten, den man Handharmonika oder gar Handorgel nennt. 0 Orgel, o Johann Sebastian! Besagter Lärmbalg ist auch schon im 4. Jahrbuch gebührend heruntergemacht worden. Fluchen wir auf eigene Faust!

Wahrhaft fluchenswert ist es, wenn man schallerzeugende Gemäche ins Gebirge bringt. Bewahre der Himmel mit dem einhelligen Alpenclub unsere Klubhütten vor allen tönenden Apparaten und vor tönenden Gegenständen, die wie Musikinstrumente aussehen! Was ein mehr auf Wirtschaftliches als auf Bergsteigerisches eingestellter Hüttenwart oder Hüttenwirt in einer von ihm fröhlich gestalteten Hüttennacht uns Bergsteigern, die der Ruhe bedurften, zur Entschuldigung vorbrachte: jeder Alpenklub ( er meinte jede Sektion ) bringe auf Klubtouren eine Handorgel mit: das ist zum Glück er-stunken und erlogen. Aber Abscheuliches droht. Schützen wir das Gebirge bei Tag und Nacht vor aller quiekenden Gemütlichkeit! Eine Oper mit schöner Musik, aber minderwertiger Handlung veranlasste Goethe zu der Bemerkung: « Ich bewundere wirklich die Einrichtung eurer Natur, und wie eure Ohren imstande sind, anmutigen Tönen zu lauschen, während der gewaltigste Sinn, das Auge, von den absurdesten Gegenständen geplagt wird. » Kehren wir den Anteil des Auges und des Ohres um: Wie können Menschen beim Anschauen des Gebirges absurden Tingeltangel aushalten?

2.

Warum gehen Alphorntöne uns zu Herzen?

Mit einfacher Musik bezaubert in Goethes « Novelle » ein Knabe hochgebildete Erwachsene. Er spielt auf der Flöte eine « Melodie, die keine war », eine « Tonfolge ohne Gesetz » und doch eine « liederartige Weise ». Emil Staiger ( Meisterwerke der deutschen Sprache ) deutet den Zauber: « Das Gesetz ist nicht erkennbar; doch in einer Ordnung bauen sich auch diese Töne auf, denn sonst ergäben sie keine Musik. Und eben deshalb, weil die Ordnung unergründlich bleibt, ergreift die Melodie so zauberhaft, gemäss dem Wort des Heraklit: ,Die verborgene Harmonie ist mächtiger als die offenbare. ' » Die einfachen Flötentöne des Kindes bezwingen sogar einen Löwen. « Des Waldes Hochtyrannen » bannen « frommer Sinn und Melodie » an das zarte Knie des Knaben. Auch Werther hört eine Melodie, « so simpel und so geistvoll » und wird « von der alten Zauberkraft der Musik » ergriffen. Goethe fühlt in der Musik « etwas Dämonisches », etwas aus den beängstigenden und beglückenden Tiefen des Lebens. In einem Gespräch sagt der alte, weise Dichter über Musik: « Sie steht so hoch, dass kein Verstand ihr beikommen kann, und es geht von ihr eine Wirkung aus, die alles beherrscht und von der niemand imstande ist, sich Rechenschaft zu geben... sie ist eins der ersten Mittel, um auf die Menschen wunderbar zu wirken. » Von der wunderbaren Wirkung des Alphorns uns Rechenschaft zu geben: das versuchen wir.

BERGMUSIK Was lässt uns das Alphorn « eigentlich » hören? Was kann es hervorbringen? oder eben er, der Alphornbläser mit Lunge und Lippen? Der Grundton ist durch die Länge des Rohrs bestimmt ( es ist 1,2 bis 4 Meter lang ), und aus der Obertonreihe bringt der Bläser etwa ein Dutzend Töne zustande. Die hohen sind zum Umkippen geneigt. Anderes, was der Hörer als « falsch » empfindet, gehört zum Charakter des Alphorns. Die Septime ist ein eigenartiger Zwischenton, zum Beispiel von C aus gerechnet ein Ton zwischen B und H. Noch ohrenfälliger ist die zu hohe Quarte; von C aus gerechnet ist sie Fis anstatt F; es tönt, wie wenn man in C-dur immer Fis anstatt F spielt. Beim Alphorn ist dies beileibe kein Fehler. Ureigenart ist es. Dem Alphorn hat es alle echte Alpenmusik abgelauscht und nachgemacht.

Hören wir das Alphorn-Fa mit der urtümlichen Dreiklangsmelodik in einer Alphornmelodie, die F. Huber um 1818 aufgezeichnet hat:

Wechsel bewegter Tongänge mit langsamen und mit langen feierlichen Halten, der Schluss langsam und weit ausklingend: das kennzeichnet diese Melodie und wie manche ihrer Schwestern! Ohne Takteinteilung hat F. Huber die schöne Tonfolge aufgeschrieben. Sie geht eben tatsächlich in keinem Takt, sondern in frei atmenden Rhythmen. Dessen ist man eingedenk, wenn man trotzdem eine taktmässige Darstellung versucht und dann « verwirklicht ». In einer Alphornweise vom Rigi ( 1820 aufgeschrieben ) hören wir zweimal die über das Alphorn-Fa ansteigende Tonleiter, die zu tiefatmenden Ruhetönen führt, dazwischen wiederholte Rufe aus der Höhe, Musik und Landschaft innig verbunden, wie es Walter Rüsch in einer später zu nennenden Schrift eindringlich dargetan hat:

langsam Sind die sich wiederholenden Tonfolgen ein Spielen und Wetteifern mit dem Echo? Oder gehören sie « eigentlich » dem Kuhreihen, welcher Kuhnamen aneinanderreiht? Wohl beides! Dem grossen Gebaren der Gebirgslandschaft entstammen die mächtig ausholenden, langgehaltenen, weithin schwebenden Töne, die schönsten des Alphorns.

Warum gehen uns diese einfachen Tongebilde zu Herzen? Sicher kommt ihnen zustatten, dass sie zur Bergwelt gehören. Wir schliessen sie in unsere umfassende Bergliebe ein. Auch das Wort « Alphorn » steuert Gefühle bei, ist aber seinerseits mit dem Klang des Horns beschenkt. Seine Töne berühren und rühren uns aus kräftigen Eigengründen. Ein urtümliches Instrument ist es, nein, eben kein Instrument, keine Klappen, keine Ventile, kein Mechanismus, kein Instrument, sondern eben ein Alphorn. Die Baukunst der Alp-hornbauer in Ehren; aber beim Hören denken wir nicht an den Bau. Er mutet so einfach an: da ist nichts zum Fingern, Fausten, Fuchteln, Fegen. Es könnte gewachsen sein. Es lässt sich am Mund Adams im Paradies vorstellen ( welches Instrument sonst ?). Meistens ist es dem Auge überhaupt nicht gegenwärtig, als Erinnerungs- oder Phantasiebild erst recht ureinfach, das ausgehöhlte Tännchen aus Urvätertagen und -sagen. Urtümlich ist vor allem die Melodie, wie aus der Hand des Schöpfers, naturhaftes Geschöpf wie der Kristall, das Edelweiss, die Gemse, schöpfungsgemäss, unverstellt, unverderbt, unverdorben. Das alles ist der Mensch nicht mehr. « Erstlingsparadieses-wonne » ( E. Mörike ) ergreift ihn, wenn es ihm als Wildtier, Blume, Stein vor Augen, als Urmelodie zu Ohren kommt. Was urtümlich, urkräftig ist, das muss tiefe Wurzeln haben in den Gründen der Welt. Ein Kristall sagt mehr vom Wesentlichen als ein Wolkenkratzer. Ein Bär der Wildnis ist wahrer als ein Tanzbär. Tausend Scheinwerfer sind nichts gegen einen Stern. Wagen wir uns in die Höhe — wir sind ja Bergsteiger — in die kühle Luft der Philosophie; wir behalten trotz Höhe die grüne Wiederkäuerweide im Auge. Schopenhauers Gedankengänge über die Metaphysik der Musik weisen einen Weg. Kein Wort steht da freilich über Alphornmelodien. An solchen bewährt sich aber, was er über das Wesen der Musik weiss. Eine grosse und überaus herrliche Kunst ist ihm die Musik. Mächtig wirkt sie auf das Innerste des Menschen, wird dort ganz und tief von ihm verstanden als eine ganz allgemeine Sprache, deren Deutlichkeit sogar die anschauliche Welt übertrifft. Das tiefste Innere unseres Wesens drückt sie aus. Stärker, schneller, notwendiger, unfehlbarer ist ihre Wirkung auf uns als die der andern Künste. Unmittelbar bildet sie eben das Grundwesen der Welt ab, « das Herz der Dinge ». Die Musik ist die Melodie, zu der die Welt der Text ist. Die andern Künste reden vom Schatten, die Musik vom Wesen. Das Grundwesen der Welt ( das kein Philosoph ohne sprachliches Bild kennzeichnen kann ) ist für Schopenhauer am ehesten als Wille zu bezeichnen, « Wille zum Leben ». Der verwirklicht sich in der Natur und eben auch, und zwar unmittelbar, in der Musik, im bedeutungsvollen Gebaren von Harmonie und Melodie. Alphornmelodien vollbringen in urkräftiger Einfachheit das, was Schopenhauer als Wesen der Melodie mit dem Wesen des Menschen vergleicht: « Wie nun das Wesen des Menschen darin besteht, dass sein Wille strebt, befriedigt wird und von neuem strebt: so ist das Wesen der Melodie ein stetes Abweichen, Abirren vom Grundton... aber immer folgt ein endliches Zurückkehren zum Grundton, auf allen jenen Wegen drückt die Melodie das vielgestaltete Streben des Willens aus, aber immer auch durch das endliche Wiederfinden einer harmonischen Stufe, und noch mehr des Grundtons, die Befriedigung. » Von den tausend Wegen, welche das schöpferische Musikgenie seine Melodien wandern lässt, wandert das Alphorn nur ganz wenige, und die wenigen führen nie weit weg, immer und immer bald wieder, nicht erst « endlich », auf harmonische Stufen, zum Grundton, zur Befriedung. Er ist sogar immerfort da, in den andern Tönen, im Ohr, im Echo, im Gemüt. Das klingt friedlich. Alphornmelodie: ein Suchen, das des Findens gewiss ist; Regung, die von Ruhe weiss; da kann einem wohl und wehe werden. « Die Musik... redet nicht von den Dingen, sondern von lauter Wohl und Wehe... darum spricht sie so sehr zum Herzen, während sie dem Kopfe unmittelbar nichts zu sagen hat », nach Kant « durch lauter Empfindungen, ohne Begriffe », aber « in ihrem ganzen Nachdruck ». In den einfachen Gebilden der Bergmusik ist ganz bescheiden und stark verwirklicht, was Schopenhauer am Ende seiner tiefsinnigen Gedankengänge über Musik schreibt: die Musik schmeichelt dem Willen zum Leben, indem sie sein Wesen darstellt, sein Gelingen ihm vormalt und am Schhiss seine Befriedigung und sein Genügen ausdrückt. Die Freude, die Betrübnis, den Schmerz, das Entsetzen, den Jubel, die Lustigkeit, die Gemütsruhe selbst, das Wesentliche derselben, ohne alles Beiwerk, also auch ohne die Gründe dazu gestaltet sie tönend, eine « abgezogene Quintessenz » des Lebens. Geschieht dies nicht auf allereinfachste Art in der Alphornmelodie? Und erhellt es nicht den Ursprung des Jodeis und des Jodelliedes aus der Alphornmelodie, wenn der Philosoph fortfährt: « Hieraus entspringt es, dass unsere Phantasie so leicht durch sie erregt wird und nun versucht, jene ganz unmittelbar zu uns redende, unsichtbare und doch so lebhaft bewegte Geisterwelt zu gestalten und sie mit Fleisch und Bein zu bekleiden »? Als mächtigste der Künste bedarf die Musik eigentlich nicht der Worte. Für sie ist die Menschenstimme « ursprünglich und wesentlich nichts anderes als ein modifizierter Ton, eben wie der eines Instruments ». Das trifft und betrifft trefflich den Jodel, seinen Ursprung aus dem Alphorn. Auch der Weg weiter vom Jodel zum Jodellied ist gewiesen. Menschenstimme hat gegenüber Instrumenten das Besondere, dass sie anderweitig als Werkzeug der Sprache dient. Das kann die Musik nutzen, den Tönen Worte beifügen. Aber — das gilt fürwahr mit aller Wucht gerade vom Jodellied — aber « die Worte sind und bleiben für die Musik eine fremde Zugabe von untergeordnetem Werte » — warum«da die Wirkung der Töne ungleich mächtiger, unfehlbarer und schneller ist als die der Worte ».

Die « Allgenügsamkeit » der Musik ist auf bescheidene Art in der einfachen Bergmelodie verwirklicht. Vom Alphorn vernehmen wir die « bilderlose Sprache des Herzens », ganz naturnah « die heilige, geheimnisvolle, innige Sprache der Töne », « ihre so unglaublich innige Sprache », in der Bergluft ist uns Musik « die heilsame Kunst ».

Wie lange noch werden Menschen Alphorntöne innig hören und lieben? Die Antwort soll Friedrich Rückert geben:

Was uranfänglich ist, das ist auch unanfänglich Und Unanfängliches notwendig unvergänglich.

( Fortsetzung folgt ) ( FortsetzungVon M. Szadrowky ( Chur ) 3.

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