Bergsteiger und Bergschriftsteller

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und Bergschriftsteller

Alfred Graber, Muzzano

In seinen Lebenserinnerungen « All die vergessenen Gesichter » ( Benziger Verlag, Zürich ) schildert Alfred Graber in einem Abschnitt die zwanziger und dreissiger Jahre, in denen sich der Wandel zum modernen Bergsteigen abzuzeichnen beginnt. Wer sich nicht an die Weltberge wagt, muss umdenken, nach andern Werten suchen — und erfindet sie in den seelischen Beweggründen seines Tuns, in der Synthese von « Tat und Traum » ( um einen Buchtitel des damals vielgelesenen Bergschriftstellers Oskar Erich Meyer zu zitieren ).

Wir legen hier unsern Lesern das vom Verfasser für « Die Alpen » gekürzte Kapitel « Der Berg » vor, das uns nicht nur durch eine farbige Schilderung von Begegnungen und Episoden persönlich anspricht, sondern auch einen Überblick über die literarische Bewältigung des Themas in jener Zeit vermittelt. ( Red. ) Ich hatte das elterliche Haus verlassen. Doch was nun? Auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften sah ich kein Weiterkommen. Es drängte mich, schöpferisch tätig zu sein, aber ich glaubte noch nicht an mein Können und das Vermögen, dadurch mein Leben zu erfüllen.

In dieser Zeit des Ungewissen stellte sich der Berg vor mich hin. Er versprach mir Bewährung und Selbstachtung. Ich liess mich von ihm erobern. Mit einem Sonnenaufgang am Lysengrat begann es, nach sechs Jahren eines bedingungslosen Glaubens an die Berge endete die Sturm- und Drangzeit mit einer herbstlichen Kletterei in den Kreuzbergen. Ein junger Mensch, der zur gleichen Zeit wie wir als Alleingänger aufgebrochen war, hatte den Tod erlitten, und dieses jähe Ende rückte mir die hohen Grate in eine blutige Ferne und schloss den Kreis des alpinen Erlebnisses ab. Und wenn ich auch weiterhin den Bergen zugetan blieb, sie waren nicht mehr das Wichtigste, sondern nur noch ein Teil meines Daseins.

Derjüngere Bruder, Freunde, Kameraden und oft auch Zufallsbegleiter kletterten mit mir in diesen turbulenten Jahren. Am Erfolg der Besteigungen mass ich den Daseinssinn. Im Sommer 1920 war ich fast zwei Monate unterwegs, ohne je nach Hause zurückzukehren. Bei dieser Intensität war es schwierig, stets Partner für meine Vorhaben zu finden, und Fahrten mit kaum Bekannten endeten oft enttäuschend oder gar mit einem Fiasko. Deshalb wagte ich zuweilen den Alleingang, der mir manche seelische Emotion bescherte: das Ausgeliefertsein an den Berg, an Steinschlag und Lawinen, Kälte und Hitze, Sturm und Nebel. Das Nur-auf-sich-selbst-Ge-stelltsein in der unmittelbaren Konfrontation vertiefte das Erlebnis.

Bei der Vorbereitung meiner Unternehmungen wandte ich mich oft an einen Mann, der in einem altmodischen soliden Gebäude am Zürichberg hauste, von dessen Höhe er in allen Richtungen der Windrose blicken konnte: Professor Julius Maurer, Direktor der Meteorologischen Zentralanstalt. Zu seiner Zeit wurde man für die Wetteraussichten noch nicht über das automatische Telephon abgespiesen; man konnte, hatte man sich einmal vorgestellt, persönlich in den Adlerhorst vordringen, um zu vernehmen, ob man eine Bergfahrt wagen oder lieber unterlassen sollte. Während ich eine Auskunft erwartete, sass der gütige und hilfsbereite « muratore », wie er sich selbst zu benennen pflegte, vor seinen Instrumenten und wiegte den Kopf, der dem von Wilhelm Raabe, dem Dichter des , auffallend glich. Aufblickend forschte er in meinem Gesicht, ob ich vielleicht selbst an der Gunst des Wetters zweifelte, was ihm seine Aussage erleichtert hätte. Kam er über die Verteilung von Antizyklonen und Depressionen zu keinem eindeutigen Entscheid, pflegte er ein salomonisches Urteil zu fällen: « Wüsset Sie was, händ Si Geduld, wartet Si non'en Tag. » Wie oft habe ich im Lauf der Jahre diese Worte vernommen! Auf solche Weise hat er mich davor bewahrt, in den winterlichen Urner Alpen einen Grippeanfall zu be- kommen. Ich bekam ihn zu Hause, bei makellos schönem, eisklarem Wetter. War ich beim « muratore » zu Gast, fühlte ich mich von Geborgenheit umhüllt, kurz vor dem Aufbruch ins Unbehauste. Und das macht ihn mir unvergesslich.

Zwei voneinander grundverschiedene Bergführer hatten mit ihrer ausgeprägten Persönlichkeit Einfluss auf mich: Der erste, Théophile Theytaz aus Ayer im Val d' Anniviers, war ein Kraftmensch, zwang Grate und Wände unter seine stämmigen Beine, schlau in seinen Berechnungen gegenüber Berg und Tourist, unerschütterlich und hart wie ein Fels, wenn es galt, einen Fehler des Begleiters zu korrigieren. Ihm verdankten mein Bruder und ich eine teilweise neue Route am Grand Cornier, die ihn und uns in die Zeitung brachte, was ihn weitherum bekannt machte und ihm neue Kundschaft zuführte. Sein Leben verlor er jäh in der Vollkraft seiner Jahre und nicht in den Bergen: Bei der Betreuung seines Rebbergs über dem Rhonetal glitt er aus und fiel mit dem Hinterkopf auf eine steinerne Fliese.

Von anderer Art war Simon Rähmi aus Pontresina, mit dem wir durch die Granitnadeln der Albigna und Sciora stiegen. Er war schlank und agil, ein Kletterer auf leisen Sohlen, dem weder Felsprobleme noch Begleiter bange machten. Seine Touristen präparierte er psychologisch, er impfte ihnen die Überzeugung ein, dass unter seiner Führung nichts schiefgehen könne. So hat ihn auch nicht der Berg, sondern eine tückische Krankheit gefällt. Vierzig Jahre nach der Fahrt mit Rähmi bin ich mit Franziska von Maloja gegen die Fornohütte hinaufgewandert, und damit sah ich den abendlichen Heimweg von damals über den weiten Gletscher wieder vor mir, jeder von uns in sich gekehrt und alleingelassen, begraben die Seligkeit des Erfolgs von sieben glanzvollen Tagen durch den ersten Toten, den wir in den Bergen gesehen hatten, einen Bergführer aus Silvaplana, der wenige Stunden zuvor am Piz Bacone abgestürzt war.

Mein erstes literarisches Erlebnis der Alpen wurde mir durch Hans Morgenthalers Buch « Ihr Berge » zuteil, die bedingungslose Liebeserklärung eines Ergriffenen. « Ihr Berge, wisst ihr, was ihr vielen Menschen von heute bedeutet? Dass euer Sein schon ihr Leben inhaltsreich macht. Dass Scharen von besten Männern nichts Edleres und Höheres kennen, als euch, äonenlang trotzende, starke Berge zu lieben, euch zeit ihres Lebens zu dienen, bis zum letzten Atemzug. » So sah es der junge Morgen thaler, bevor er als Ingenieur nach Siam kam, wo sich ihm neue und weitere Horizonte öffneten, die er im Bericht « Mata-hari », Auge der Sonne, niederschrieb. Als ich ihn um Mitarbeit bei einer Berganthologie anging, antwortete er mir, dass ihm die Berge nichts mehr sagten und dass er nicht mehr über sie schreiben werde. Doch als ich mit jugendlichem Übermut in der Zeitschrift des Alpen-Clubs Henry Hoeks These: « Jedes Wandern in die Ferne ist unerlöste Sehnsucht nach dem Weibe » verfocht, da verteidigte er mich gegen die « weiss, aber nicht weise gewordenen » sturen Alpinisten, die mich hart und mit nicht sehr feiner Klinge angriffen.

Hans Morgenthaler, der sich in den Tropen eine unheilbare Krankheit zugezogen hatte, starb jung, die Hoffnung längst von den Bergen weg, den Menschen zugewandt. Er schrieb unermüdlich bis in seine letzten Tage, und sein Vers: « Ich pfeife nicht und pfeife doch, ich pfeife aus dem letzten Loch und muss nun balde sterben » ist mir durch Jahre nachgegangen.

Als Mitarbeiter der « Alpen » verbanden mich mit ihrem Leiter, Dr. Ernst Jenny, freundschaftliche Beziehungen, obwohl er meinen Arbeiten gegenüber nicht unkritisch war.

Bei der Besprechung meines Erstlings « Berge, Fahrten und Ziele » schrieb er abschliessend: « Mitunter, ja, ein Wort zuviel. Aber dazu muss man jung sein. Und jung sein ist schön. » Nach dem Tode Ernst Jennys im Jahre 1940 schrieb mir seine Frau: « Wollen Sie sich nicht um den freigewordenen Posten bewerben? Sie, lieber Herr Graber, wären wahrscheinlich imstande, die von meinem Manne gepflegte Linie beizubehalten. Überlegen Sie es sich. » Wie hätte ich mich noch vor einem Jahrzehnt darum bemüht, die Redaktion der « Alpen » übernehmen zu können. Doch jetzt war es zu spät. Ich hatte inzwischen die mich erfüllende Aufgabe bei der Bücherreihe der « Neuen Schweizer Bibliothek » gefunden. Um Frau Hedwig Jenny nicht zu enttäuschen, verfasste ich ein Angebot von einigen Zeilen. Ich vernahm später, dass ich mit zwei weiteren Bewerbern in die engste Wahl gekommen, aber schliesslich ausgeschieden worden war.

Meine Bergsteigerjahre standen an der Schwelle eines aufkommenden sportlich orientierten Alpinismus, aber noch vor der Erfindung der Schwierigkeitsskala der sechs Grade durch Domenico Rudatis. Wir Bergsteiger, erfüllt vom « Heiligen Feuer », fühlten uns als geheime Bruderschaft, man kannte und erkannte sich gegenseitig und floh die grossen alpinen Organisationen, die eine wesentliche Voraussetzung des Wanderers verkannten: dass er ein Individualist, ein Einzelner ist. Schon vor hundert Jahren hat es Eugène Rambert gesagt: « Der Alpinist ist im Grunde ein Mensch, der das Abenteuer liebt und für den die moderne Gesellschaft und ihre Lebensweise einem Gefängnis gleichen. » Literarisches Vorbild war mir neben Hans Morgenthaler und Henry Hoek vor allem Oskar Erich Meyer, der als erster « Tat und Traum » als gleichwertig nebeneinandersetzte und das Bergsteigen in die grösseren Zusammenhänge des Lebens stellte: « Ein Spiegel ist die Welt der Berge, der jedem die eigene Armut, den eigenen Reichtum zeigt. Was du hinauf in die Berge trägst, die Berge geben es dir getreulich zurück. Was du im Leben verloren, gibt dir die leuchtendste Spitze nicht wieder. Alles Glück aus den Bergen ist unser eigenes Glück, aller Trost der Berge ist unseres eigenen Geistes Trost. » Herbert Cysarz, der nur ein schmales Bergbuch geschrieben hat, drückt das Verhältnis zwischen Berg und Mensch wohl am kürzesten und klarsten aus: « Wir sind ein Nichts vor den Bergen. Dennoch, was wären gerade sie ohne uns? Eine Steinwüste, keine Fanale des Geistes und keine Festungen des Seins, die erstürmt werden wollen. » Als Vorläufer meiner Generation war Guido Eugen Lammer wohl die profilierteste und eigenartigste Erscheinung; sein Werk bezeugt einen schrankenlosen Individualismus, erfüllt von fanatischer Gefahr- und Einsamkeitsekstase. Für ihn war die Todesnähe das Stimulans, das er zum Leben brauchte, für ihn galt wie für den Philosophen Max Stirner nur der « Einzige », er selbst.

Ein überzeugter Bewunderer dieser Bergphilosophie war der Basler Lehrer Jürg Weiss, dessen Fahrtenbuch < Klippen und Klüfte> posthum erschien. Ich begegnete Weiss im winterlichen Sarn am Heinzenberg und fand in ihm einen Menschen, der gründlich über sein alpines Tun nachdachte. Es war ihm wenig Zeit dafür beschieden. Hatte er sich den Bergtod gewünscht? Wie mancher der besten Bergsteiger ist er an einem leichten Berg zu Tode gestürzt. Als er achtlos über die Platten des Strahlegghorns abwärts eilte, kam ein Stein ins Rutschen, ins Kollern und riss ihn mit in die Tiefe.

Es mag sich lohnen, einigen Gedanken nachzugehen, die Weiss in einem Brief an seinen Freund, den Verleger Albert Züst, auseinandergesetzt hat:

« Ich weiss nicht, wieweit wir das Recht haben, uns in die Gefahr zu begeben und die Entscheidung über Leben und Tod bewusst dem Zufall zu unterstellen. Hätten wir es nicht, beruhte Lammers Buch auf einem Irrtum. Aber es ist doch wohl so, dass, wenn einmal der Drang nach der Tat übermächtig in uns wird, wir - sollten wir auch meinen, uns von den Gesetzen der Vernunft leiten zu lassen - die Reflexion über Gut und Böse zurückstellen und uns zu befreien suchen, indem wir unserem Trieb folgen. Das ist, glaube ich, ein notwendiges Gesetz der Natur. Denn uns droht nicht nur die Gefahr, dass wir triebhaft handeln, sondern wir können über zu vielen Reflexionen vergessen, dass alle innere Befreiung im Handeln liegt... » Soll man über Menschen, die einem zu nahen Freunden wurden, überhaupt schreiben? Bei Hans Lauper möchte ich es tun, weil er aus der Entwicklung des Alpinismus in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts nicht wegzudenken ist. Seine Erstbegehungen, aus denen er nie ein Wesen machte, waren vor allem in den Berner Alpen bedeutsam, so die der Nordwände von Jungfrau und Mönch und 1932 der Nordostwand des Eigers. Am Eiger fand er eine Route, wie sie ihm verantwortbar schien, sechs Jahre vor dem Nordwandsieg durch Anderl Heckmair und Genossen. Verantwortungsgefühl im Sinne des klassischen Bergsteigers war das Mass, nach dem er handelte. Er hasste jegliche Art von Publizität über alpine Erfolge wie Katastrophen. So betrachtete er es als Eingriff in die Privatsphäre, als eine Illustrierte zu Anfang der dreissiger Jahre damit begann, ihre Leser durch Reportagen über Leichenbergungen in den Alpen zu unterhalten. Die Sensation hatte damit auf ein Gebiet übergegriffen, das nach seiner Ansicht von ihr ferngehalten sein musste.

Als ich Hans Lauper kennenlernte, hatte er die grössten Fahrten hinter sich; mit ihm kam ich zu zwei Durchquerungen des winterlichen Berner Oberlands, vom Jungfraujoch ins Lötschental und vom Joch über das Studerhorn und das Oberaarjoch zur Grimsel. Laupers Faszination bestand in seiner Geradlinigkeit, seiner herzlichen Kameradschaft und seinem trockenen, treffsicheren und dann und wann auch sarkastischen Humor. Dem Umsichtigen konnten die Berge nichts anhaben; er starb innerhalb von wenigen Tagen, kaum mehr als vierzig Jahre alt, nachdem er noch eine Woche zuvor gewandert war.

Meine freundschaftlichen Beziehungen zu Jus Schätz, dem Buchhersteller des Hochalpenver-lags in München und nachmaligen Leiter der « Deutschen Alpenzeitung » und des « Bergsteigers », waren in meinem Münchner Jahr entstanden. Er hatte die Herausgabe meines Erstlings « Berge - Fahrten und Ziele » betreut. Selten bin ich einem Manne begegnet, der von den Bergen derart ergriffen war und es auch bis an sein Lebensende geblieben ist. Sie allein hoben ihn immer wieder aus einem dumpfen Alltagsleben heraus. Im Laufe der Jahrzehnte edierte er rastlos Buch um Buch, Bildwerke und Führer als Autor und Hersteller zugleich. Kein Wort war ihm zu enthusiastisch, um seine Liebe zum Berg auszudrücken.

Er war denn auch der Anlass, dass ich mich zwei Jahre nach dem Abschluss meiner aktiven Bergsteigerzeit überreden liess, nochmals eine grössere Fahrt zu unternehmen.

« Du magst es vielleicht als eine Zumutung empfinden, dass ich um Deine Begleitung bitte, denn ich weiss, dass Du Deine alpine ,Karriere'als beendet betrachtest, aber ich kann mir keinen andern Kameraden vorstellen, den ich bei meiner Westalpenfahrt zur Seite haben möchte. Mein Wunsch ist bescheiden: ich möchte Matterhorn und Montblanc sehen, nicht besteigen, das will ich gleich hinzufügen. Ich hoffe auf Deine Zustimmung. » Wir kamen gegen Mitte August 1924 nach Zermatt. Das Tal war angefüllt von Nebelschwaden und Regenböen. Es roch nach Herbst, das « Horn » blieb unsichtbar, die Bergführer längs der Dorfstrasse waren unmutig und warteten vergeblich auf Kundschaft. Wir hofften auf einen Föhntag; er hätte uns genügt, um dem Fuss des Matterhorns entlang zu wandern.

Der Tag wurde uns geschenkt. Ein heisser Wind, der von den Bergen fiel, verkündete seine Einmaligkeit. Am Horn, an der Dent d' Hérens, am Monte Rosa lag Neuschnee. Das ersparte Schätz alle zu hohen Träume, die er vielleicht doch hätte verwirklichen wollen. Wir stiegen zum Schwarzsee hinauf. Das Matterhorn hing über uns. Seltsam, ich hatte nie den Wunsch verspürt, es zu erklettern. Sollte ich die Zahl derer vermehren, die sich auf seiner Spitze zusammendrängten? Dennoch, jetzt in der Schau, in all den Fas-zettierungen von Licht und Schatten, wurde es zu einem Erlebnis, das mir reiner erschien als die Tat einer Besteigung. Als wir gegen Abend über den Furggengletscher ostwärts gingen, stand der Riesenobelisk schwarz gegen den gelben Himmel, ein Wolkenfetzen klebte an seinem Gipfel. Schätz war wie ein Traumwandler, der in seiner Ekstase kaum mehr auf den Weg achtet. Erst in später Nacht kamen wir nach Zermatt zurück. Schon in der nächsten Frühe zogen die Nebelschlangen wieder durch das Tal, und es regnete beharrlich. Uns.blieben Strassenbummel und Kaffeehäuser. Abends stiessen wir in einer Schenke auf ein halbes Dutzend abgerissener Gestalten; ihr Schweiss strömte uns vermischt mit Tabakrauch entgegen. Schätz kannte die Leute. Wie er mir sagte, gehörten sie zur Bergsteigerelite seines Landes. Im Gegensatz zu uns hatten sie, wie beschämend für uns, gestern Vollwertiges geleistet, und auch heute, bei dem schauderhaften Wetter, waren zwei ihrer Wägsten unterwegs, sie « machten » die Breithornnordwand und wurden von der Tafelrunde jeden Augenblick zurückerwartet.

Das Gespräch drehte sich um die Berge, die man vor oder hinter sich hatte, von welcher Seite man sie angegangen und welche Zeit man gebraucht hatte.

Plötzlich ging die Tür auf, die beiden Helden der Breithornnordwand erschienen im Rahmen, mit Berg-Heil-Rufen stürmisch begrüsst.

Mein Nachbar neigte sich zu mir hin: « Das können nur unsere Bergsteiger leisten. » Stand nicht der Schatten des tausendjährigen Reichs schon hinter ihm?

« Hier bleibe ich keinen Tag länger », sagte ich zu Schätz. « Wenn du dich denen anschliessen willst, fahr'ich nach Hause. » « Du hast mir den Blick auf den Mont Blanc versprochen », warf er zögernd ein.

« Habe ich und halte ich. Also: morgen früh fahren wir, nur heraus aus dieser Versammlung kriegerischer Helden! » Spät abends kamen wir über Martigny nach Orsières, und um Schätz das Wallis näherzubringen, tranken wir eine Flasche Fendant, die uns nach der Zermatter Begegnung wieder ins Gleichgewicht brachte.

Am nächsten Morgen traten wir einen der längsten Hüttenwege an, den ich je beging: zur Cabane Julien Dupuis, die über dem Plateau du Trient lag. Genau gesagt, wir kamen nicht am selben Tag hin. Schritt um Schritt mühten wir uns über Geröllhalden, die kein Ende zu nehmen schienen. Gegen Abend überzog sich der Himmel mit tiefliegenden Wolken, und aus ihnen brach ein Gewitter, das uns in einem verzweifelten Spurt zu einer höhlenartigen Überdachung flüchten liess, unter der wir abwarteten und froren. Die Sicht war gleich null, die Blitze fuhren über uns in die Felsen, Steinbrocken kamen aus dem Gleichgewicht und kollerten an uns vorbei, und der Donner rollte fast pausenlos zwischen den Wänden hin. Zuweilen glaubten wir Stimmen zu hören, aber es war der Berg selbst, der redete. Wir benützten eine Pause des Schauspiels, um in der kleinen Ornyhütte Unterschlupf zu finden.

Der folgende Tag war von einem frühherbstlichen hellen Blau. In zwei Stunden hatten wir es geschafft, wir standen am Rand des Gletscherbeckens vor der Dupuishütte. Der Nebel war in der Taltiefe zurückgeblieben. Von der nahen Pointe d' Orny blickten wir auf die fernen Zermatter Berge, auf die von Wolkenspritzern umkämpfte Dent du Midi und den weissen Dom des Grand Combin.

Wir waren die einzigen Gäste, für die der Hüttenwart das einfache Nachtmahl bereitete. Er stellte eine Flasche Dole vor uns hin.

« Der Wein gehört in unser Land wie die Berge », sagteer.

Er setzte sich zu uns, führte das Glas, zu dem wir ihn einluden, bedächtig an den Mund und hörte unseren Gesprächen, die sich um die leidige Zermatter Begegnung drehten und danach zu Fragen des Verlags übergingen, den Schätz neu gestalten wollte, nur mit halbem Ohr zu. Erst als wir auf unsere morgigen Pläne zu sprechen kamen, horchte er auf. Der Nachtwind strich um die Hüttenwände, zuweilen erzeugte er seltsame Töne im Kamin, so, als wollte jemand mit uns sprechen, den wir nur nicht verstanden, weil er in einer fremden Zunge redete.

« Was halten Sie vom Wetter? » fragte ich.

« Gut », sagte der Alte. « Der Wind kommt von Osten. Kalt, aber gut », wiederholte er.

« Wie ist das hier oben », fragte ich weiter. « Das Alleinsein? Bedrückt Sie das zuweilen? » Er wiegte den Kopf und stopfte sich die Pfeife.

« Ich bin 's gewohnt, und eigentlich bin ich nie ganz allein. Vielleicht können Sie das nicht verstehen. Der eine oder andere, der bei mir einkehrt, interessiert mich. Ich denke über ihn nach und versuche mir sein Leben dort unten in der Stadt vorzustellen. » Er machte eine Pause und sah vor sich hin. « Und dann sind da die Toten, die im Gletscher oder im Fels umkamen. Ich habe schon manchen bergen helfen, und manch einer ist auch nicht wieder zum Vorschein gekommen. Der liegt irgendwo unten im Eis, für Jahrzehnte oder Jahrhunderte, ganz in meiner Nähe. » Er wischte mit der Hand über den Tisch, als hätte er etwas gesagt, was uns nichts anging.

Der frühe Morgen war wolkenlos. Die beiden Felszähne der Aiguille du Tour standen schwarz gegen den lichten Himmel. Auf dem harten Firn des Plateau du Trient kamen wir rasch voran. Die Spalten waren leicht zu umgehen. Auch die breite Randkluft am Fuss des Gipfels bildete kein Hindernis. Sie war von einer zwar schmalen, aber soliden Eiszunge überbrückt. Ich schlug einige Kerben über der blaugrün schillernden Tiefe. Schätz folgte rasch nach, und schon stiegen wir stampfend und Stufen tretend durch den steilen Firnhang zu den Granitfelsen auf. Auf ihnen zur Spitze zu turnen war ein reines, akrobatisches Vergnügen.

Über der Freude des Kletterns, die auch mich gepackt hatte, vergassen wir, was uns bevorstand: eine Schau auf Berge, wie sie grossartiger nirgends beieinanderstehen, jeder mit Ruhm und Trauer seiner Ersteiger und Toten geschmückt, die ihre Kraft und Begeisterung dareinsetzten, ihn zu erobern: die Chardonnet, die Verte, die beiden Drus, und über ihnen allen gewaltiger, höher ja, möchte ich sagen, feierlicher, als ich ihn mir je ausgedacht hatte: der weisse Berg, seine Kuppe aufragend aus silbernen Gletscherströmen, umbrandet von tausend Tiefen. Für diesen einen Augenblick kamen mir die Jahre des Kampfs zurück: die Zeit war aufgehoben, die Rast vom Gleichmut eines Glücks erfüllt, das nur die Jugend kennt, mit ihrem blinden Glauben, die Rätsel der Welt in Händen zu haben.

Schätz sass in sich versunken neben mir auf einem Steinbrocken. Ich hatte einen Lebenswunsch des Kameraden erfüllt; ich sah es in seinen Augen.

Noch einmal hatte er mich in mein Jugendland zurückgeholt. Doch es war der Abschied, die letzte Gletscherfahrt meines Lebens.

Über Fragen der alpinen Literatur wurde ich mit dem Münchner Walter Schmidkunz bekannt; er war das lebende Lexikon des Alpinismus, von ihm bekam man erschöpfende Auskunft, angefangen im Altertum bis zu eben stattgefundenen Ereignissen. Stets war er von Projekten bedrängt, und dass er wenigstens einige realisieren konnte, war für uns ein Gewinn. So schrieb er eine « Geschichte des Alpinismus in Einzelda-ten » und ein viersprachiges Bergsteiger-Wörter-buch; vor allem sei als einer seiner grössten Funde das Anekdotenbuch « Grosse Berge- kleine Menschen » genannt. Satiren, welche die Kehrseite alpinen Heldentums in Zeugnissen und Selbstdarstellungen beleuchten, die beim Leser eine Skala von Empfindungen auslösen, vom Lächeln bis zum homerischen Gelächter.

Die anbrechende Nazizeit dämpfte Schmid-kunz'ungestümes Temperament; eine nicht durchweg arische Grossmutter brachte seine Stimme zu Beginn des zweiten Weltkriegs zum Schweigen. Eines seiner grössten Verdienste war die Herausgabe von Leo Maduschkas gesammelten Aufsätzen « Junger Mensch im Gebirg », das Buch hat sich in manchen Auflagen bis heute auf dem Büchermarkt gehalten.

Maduschka, wenige Tage nach seinem Doktorexamen und der eben erschienenen Dissertation « Das Problem der Einsamkeit im iS.Jahrhun-dert » in der Nordwand der Civetta in einem Sturm an Erschöpfung gestorben, war wohl die stärkste literarische Persönlichkeit an einem Wendepunkt des Alpinismus. Seine Arbeiten zeigen einen geistig überlegenen jungen Menschen, der, hätten ihn nicht die Berge in der Frühzeit seiner Jahre getötet, nicht nur bergsteigerisch Wesentliches zu sagen gehabt hätte. Lesenswert ist vor allem das Kapitel « Bergsteigen als romantische Lebensform », worin Maduschka den Alpinismus in die allgemeine Unbehaustheit des modernen Menschen einordnet: « Wir müssen wandern, um unsere Sehnsucht zu töten - sonst würde sie uns töten; wir können, da die Sehnsucht unendlich ist, nie aufhören zu wandern; wir wandern ziellos, der Weg ist Sinn und Ziel, Berg um Berg sind seine Stationen; wir geben so der Sehnsucht stets neue Objekte, an denen sie sich beruhigt, an denen sie sich sofort aber auch wieder neu entzündet: eine Bewegung ohne Ende, solange wir wandern. Aber wir müssen wandern. Wandern ist unser Schicksal, unser Glück - unsere Tragik. » Eine erfreuliche Bekanntschaft im Kreise der bei den « alpinen Bücherfreunden » zusammengeschlossenen Münchner Bergsteiger machte ich zu Anfang der dreissiger Jahre mit Willo Welzenbach. Er war für mich die Synthese, die ich mit der Bezeichnung kultivierter Willensmensch benennen möchte. Er hat nicht nur in den Bergen, sondern auch bei der Überwindung einer tückischen Knochentuberkulose, die ihn inmitten seiner Laufbahn befiel, fast Übermenschliches geleistet.

Unser Zusammentreffen war überraschend. Im ersten Händedruck entstand die Erkenntnis: das ist ein Freund, ein Gleichgesinnter. Aber die Zeit reichte nicht dazu aus, diese Freundschaft entstehen zu lassen. Weizenbach fand schon ein Jahr danach den Erfrierungstod im Himalaya, am Nanga Parbat, den die deutschen Bergsteiger ihren Schicksalsberg nennen. Das geschah 1934. Erst vor wenigen Jahren wurden die sterblichen Überreste der drei Männer geborgen, die den hohen Gipfel erstürmen wollten: Willo Weizenbach, Willi Merkl und Ueli Wieland. Sie starben für die Berge, für die « Eroberung des Unnützen », wie es Lionel Terray, der selbst einer Felswand zum Opfer fiel und wohl der grösste Bergsteiger der heutigen Generation war, ausdrückte.

Ein Mann der Tat und nicht des Worts war der Ballonfahrer und Bergsteiger Victor de Beauclair, der als erster im Jahre 1908 mit dem Ballon « Cognac » die Berner und Walliser Alpen überflog. An diesem auf über sechstausend Meter hinaufführenden Höhenrausch nahm auch der Dichter Konrad Falke teil, der de Beauclair einen verlässlichen Freund zu Freunden nannte und seine Wesensart mit den Worten schilderte: « Darum hiess es für ihn ganz einfach seinen Mann stellen und das andere dem überlassen, von dem die Frommen, wo sie wirklich vertrauen sollten, stets das Sprüchlein bereit haben, dass man ,ihn'nicht ,versuchen'dürfe. » Den Höhepunkt des Fluges bildete die anbrechende Morgendämmerung, die die Ballonfahrer « weltentrückt » verlebten. Während Falke niederschrieb: « Da einem hier oben der Tod so ruhig und selbstverständlich umgibt, wie achtete man da das Dasein gering und die Unsterblichkeit hoch. » Gegenüber diesem dichterischen Ausbruch stellte de Beauclair sachlich fest: « Wir kommen hinüber! » Mit diesem nüchternen Realismus ist der Mensch gezeichnet, der uns Mitglieder des Skiclubs Zürich zu einer Fahrt vom Jungfraujoch über Lötschenlücke und Ebnefluh ins Lötschental in seine Obhut nahm.

De Beauclair schrieb nicht, aber er war ein begabter Erzähler, der Anekdoten aus der Frühzeit des Skilaufs und des Fliegens anschaulich vortrug.

In der kleinen Egon-von-Steiger-Hütte, die damals noch auf der Lötschenlücke stand, kam ich mit ihm in ein kurzes Gespräch, als ich ihm sagte: « Sie müssen ein Buch Ihrer Erlebnisse und Abenteuer schreiben, für uns Bergsteiger wäre das ein wichtiges Geschenk. » « Ein Buch? » Er blickte mich spöttisch an, « ich ein Buch? Paulcke hat über unsere gemeinsamen Pionierfahrten in den Berner Oberländern geschrieben, Konrad Falke unsere Überfliegung der Alpen dichterisch gestaltet. Das genügt mir, denn beide konnten das besser als ich. Und Sie, junger Freund », fuhr er fort, « werden über unsere jetzige Fahrt schreiben - auch besser, als ich es könnte. Mir genügt das Plaudern in einer Runde guter Kameraden. » Und so hat denn de Beauclair in seinem aussergewöhnlichen Leben nichts Gedrucktes hinterlassen als eine kurze Anleitung, wie man Sprungschanzen anlegt. Nur zwei Monate nach unserem Gespräch in der Lötschenlücke ist er am Matterhorn zu Tode gestürzt.

Vor allen andern aber war es Henry Hoek, dessen Anschauungen mich in jungen Jahren beeinflussten, zuerst mittelbar durch sein Werk und später durch die persönliche Begegnung.

Hoek hat seine Vorstellung vom Wandern ( « Der Weg ist das Ziel » ) in vielen Schriften verfochten. « Wege und Weggenossen », sein erstes und ursprünglichstes Werk, und die zwei Bände der « Wanderbriefe » verraten seine stoischen Einsichten, die sich aber keineswegs im Pessimismus verlieren.

Vor dem Ersten Weltkrieg besass Hoek ein Landhaus inmitten von steilem Rebgelände bei Freiburg im Breisgau. Um sein Auto wenden zu können, hatte er sich in der Garage eine Drehscheibe eingebaut. Hoeks Einfälle waren skurril; er verwirrte seine Besucher. Waren sie bereit, jetzt gleich mit ihm zu einer Jagd nach Schottland zu fahren? Zur Besteigung der Grossen Windgälle oder des Matterhorns? Mit dem Flieger Ingold eine neue Maschine zu erproben? Oder auch nur von Freiburg nach München einen privaten Autorekord zu chronometrieren?

Doch die Folgerung, Hoek sei ein Mann gewesen, der ein unnützes Wohlleben führte, wäre falsch. Er gehörte zu den Pionieren der Jahrhundertwende, vollführte eine Reihe winterlicher Erstbesteigungen mit Hilfe des damals aufgekom- menen und angefeindeten Ski, er liess sich vom Ballon an den Rand der Erde tragen, er benutzte das Flugzeug zu einer Zeit, als man den noch für wahnsinnig hielt, der es tat. Im hohen Norden jagte er Elche, er durchstreifte die Anden und bestieg dort als Alleingänger den Cerro Tacora, einen Berg mit einer Höhenquote von wenigen Metern mehr als sechstausend. Was war es, das ihn mit letzter Kraft Schritt für Schritt, ohne Sauerstoffmaske durch die dünne Luft in einer unsinnigen Sonnenglut antrieb? Er sagte es, indem er sich über sich selbst belustigte: « Und wie traurig wäre ich, wenn es sich zu meinen Lebzeiten erweisen würde, dass der Gipfel nur 5999 Meterhoch ist. » Die persönliche Begegnung mit Henry Hoek bestätigte den Eindruck, den seine Schriften auf mich gemacht hatten: Ich stand einem Mann gegenüber, der jeder Lebenssituation gewachsen schien. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte er sein gesamtes Vermögen verloren; aber ihm konnte ein materielles Fiasko nichts anhaben, und er vergab sich auch nichts, wenn er Propaganda für Kurorte und Hotels betrieb und als maître de plaisir Skitouren organisierte wie etwa in Davos und auf der von ihm geliebten Lenzerheide. Wo immer auch in der Schweiz ein neuer Winterkurort einen Versuchsstart unternahm, mit Hoeks Präsenz und seiner mithelfenden Werbung konnte man rechnen.

In der Beziehung zum Mitmenschen war Hoek herzlich und distanziert zugleich. Und so gewiss er sich als Individuum auf sich allein gestellt sah ( und es auch nicht anders hätte haben wollen ), mit dem Leitsatz « letzten Endes bist allen du fern », und obwohl er das Wort Freund selten oder nie benutzte, kannte er doch ebensosehr Kameraden und Weggenossen, die vom gleichen Drang beseelt waren, die Welt und sich selbst auf dem Umweg der Wanderschaft zu ergründen. Die Rastlosen, die Abenteurer, die Wanderer hatten in ihm einen Mann gefunden, der für ihren lebenslangen Drang die sinngebenden Worte aussprach.

Wir begegneten uns, oft zufällig auf einem Skigipfel der Lenzerheide, in einer Hotelbar in Davos. Wir führten abendlange Gespräche über das für uns unerschöpfliche Thema der Wanderschaft. Wie herrlich unerschlossen war zu jener Zeit das winterliche Hochgebirge - eine Arena ohne Verbotstafeln, wo jeder für sich selbst verantwortlich war und ihm nicht durch von Walzen präparierte Pisten vorgeschrieben wurde, wie und wo er zu fahren hatte. Es galt eine eigene Spur zu treten und fähig zu sein, in jedem Schnee abzufahren. Hoek sah in der wachsenden Verbreitung des Skilaufs eine unvermeidliche Verflachung, für ihn lagen die erstrebenswerten Ziele nicht in Luftseilbahnen und Liften und auch nicht allein in der Abfahrt, sondern im Erschliessen der winterlichen Bergwelt, die ohne Ski uner-reichbarblieb.

Manche stillen Winterabende verbrachten wir im alten Bodenhaus in Splügen, betreut von Frau Johanna Rageth, der « Bodenhausmutter », die, als Witwe für ihre Kinderschar sorgend, das Gasthaus führte und nicht müde wurde, uns immer wieder als ihre persönlichen Gäste einzuladen, mit dem unerschütterlichen Glauben, wir wären durch unsere Aufsätze in Zeitungen und Zeitschriften imstande, die Splügener Steilhänge sanfter zu machen. Sie glaubte, unser Schuldner zu sein, und übersah, wieviel mehr Grund wir hatten, die ihren zu sein, schon allein durch die Selbstverständlichkeit, mit der sie uns verwöhnte.

Während der langen Abende sassen Hoek und ich in der Gaststube mit der steingewölbten Decke. Draussen wirbelten die Flocken in Böen auf und zerstreuten die Sorgen der Bodenhausmutter, das Jahresende ohne Schnee und Gäste feiern zu müssen. Wir sprachen von ihr, die uns wieder einmal mehr mit ihrer Gastfreundschaft beschenkt hatte.

« Ohne ihren Glauben hätte sie das Haus längst aufgegeben », sagte ich.

Hoek blickte dem Rauch unserer Pfeifen nach und schien auf das Geräusch einer vom Dach rutschenden Schneelast zu horchen.

« Ich beneide die Frau um ihre religiöse Überzeugung, ich habe sie nicht. Zwar glaube ich an eine weltbewegende Kraft, aber nicht an ein Wesen, das sich um jeden einzelnen von uns müht, denn das wäre für mich der Gegenbeweis für eine Allmacht, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. » Nach einer Weile des Schweigens fuhr er fort:

« Es steht bei Jesaja geschrieben, dass die Gottlosen keinen Frieden haben, und das ist die reine Wahrheit. Aber will ich diesen Frieden? Doch nur jenen, den ich selbst durch die Tat verdient habe, wenn mich nach einem langen Wandertag die grosse Ruhe überkommt. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tode. Ich möchte auch nicht wiederkehren. Hier und jetzt müssen wir uns dem Geschick stellen. Wir sollten unser Leben nicht zu sehr lieben, aber ihm die Treue halten. So sehe ich es. » Schon frühzeitig sah Henry Hoek, der Weltbürger, den Ansturm des Unmenschlichen in den extremen Ideologien voraus. Er stand zu seiner humanen Gesinnung und verliess seine deutsche Heimat, um sich in Davos niederzulassen. Einst hatte er Leslie Stephens Bergbuch « The Playground of Europe » ( Der Spielplatz Europas ) übersetzt, zur Zeit des Zweiten Weltkriegs übertrug er das Fliegerbuch des jungen Engländers Richard Hillary, « The Last Enemy » ( Der letzte Feind ), einen Bericht aus der Schlacht um England, in dem sich das entscheidende Geschehen aus der Sicht eines empfindsamen, innerlich erschütterten, klarsichtigen Mannes widerspiegelt, der sich für die Freiheit und Würde des Menschen einsetzt.

Noch erlebte Hoek den « Sieg der Freiheit », jene grosse Wende, deren einmalige Chance die Menschheit verscherzte. Was er dazu dachte, konnte ich mir nur vorstellen, denn wir sahen uns vor seinem Tode nicht mehr.

Mit dem Münchner Jahr wurden die Berge an den Rand meines Lebens gerückt. Bis sie nach fünfundzwanzig Jahren wiederkehrten, nicht mehr zur Tat aufrufend, sondern als Erinnerung. Jetzt war der Weg frei für die drei Wanderbücher: « Melodie der Berge », « Ihr Berge strahlend unvergänglich » und « Immer sind wir unterwegs ».

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