Bergsteiger und Bergwild

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Albert Schmidt, Engi GL

In der Frühe eines Herbstmorgens befinden wir uns auf dem Weg zum Kar, über dem sich unser Ziel, die Wand mit ihren glatten Kalkfluchten, aufbaut. Beim Queren eines steilen Hangrückens prescht plötzlich ein Rudel kohlschwarzer Gemsen davon; in horrendem Tempo rasen jung und alt das Geröllfeld hinab, Steine spritzen auf und bald kündet nur noch verhallendes Geräusch von der kurzen Begegnung. Im Weitersteigen schauen wir dem fliehenden Trupp vielleicht noch kurz nach, kaum aber verlieren wir einen Gedanken über die Lebensweise dieses Wildes, denn unsere Aufmerksamkeit gilt bereits der nahen Kletterroute.

Ein andermal steigen wir an einem heissen Sommernachmittag im Berner Oberland zu einer SAC-Hütte empor. Aufblickend erkennen wir nur 50 Meter über uns im senkrechten Fels die mächtigen Gehörne einiger Steinböcke. Ungeachtet der unten vorbeiziehenden Zweibeiner, haben sie sich hier auf einem verdeckten, schattigen Band hingelagert. Doch uns bleibt keine Zeit zu verweilen, sie in Musse zu beobachten und abzuwarten, bis sie uns ihre Kletterkunst zeigen. Wir wollen - müssen -schnell hinauf zur Hütte, um bei dem schönen Wetter noch einen Platz zu ergattern.

Am folgenden Morgen fliegt im Blockgewirr des Gletschervorfeldes schnarrend eine Schar Schneehühner auf, um sich irgendwo im Gelände zu verstecken. Wissen wir, wie und von was diese scheuen Wildhühner hier oben leben? Wie oft schon sind wir nach einer langen, anstrengenden Tour gegen Abend durch den Bergwald ins Tal hinuntergeeilt, um noch gleichentags nach Hause zu gelangen! In unserer Eile haben wir im Föhrengeäst das seltene Auerhuhn nicht entdeckt, die patzigen Fuchswelpen nicht vor ihrem Bau, dort unter den dicken Wurzeln einer alten Wettertanne. Auch das Rudel Rotwild nicht, das sich soeben anschickte, zur Abendäsung auf die Waldlichtung auszutreten. Vor unseren schweren Schritten und dem laut geführten Gespräch haben sich diese Tiere zurückgezogen, lange bevor wir sie in unserer Unaufmerksamkeit überhaupt hätten wahrnehmen können.

Was ich damit sagen möchte? Wir Bergsteiger, fast alle von uns, kennen die Tiere im Gebirge nicht. Auf langen oder schwierigen Touren bleibt uns auch keine Zeit, sie in Ruhe zu beobachten. Wir wissen wenig oder nichts über ihre Existenz, ihr Tun und Treiben, über gute oder schlechte Bedingungen ihres Lebensraumes . Und doch sind wir durch den besonderen Charakter unserer Aktivität auf eine Art mit ihnen verbunden; denn für die kurze ( Frei-)Zeit unseres Hierseins bewegen wir uns in ihrer Welt, in ihrem Revier. Im Gegensatz zu uns suchen sie diese hochgelegenen Regionen, wo Fels und Firn vorherrschen, nicht zur Entspannung, nicht zu ihrem Vergnügen auf - und kehren bei ungünstiger Witterung nach zurück. Sie bleiben vielmehr während des ganzen Jahres und müssen fähig sein, bei Wind, Regen, eisiger Kälte und Schneetreiben zu überleben. Wie die Bergflora gehören sie zum anmutigsten Teil der Natur. Deshalb scheint es mir angebracht, diesen Geschöpfen einmal ein Sonderheft zu widmen.

Die Autoren dieses Heftes sind auch Alpinisten, doch stehen bei ihnen nicht die bergsteigerischen Zielsetzungen im Vordergrund. Sie begeben sich vor allem wegen der Tierwelt ins Photo Josl Schneider Gebirge - der Jäger und der Wildhüter, der Jagdaufseher und der Tierphotograph, der Wildforscher und der Ornithologe. Sie alle möchten Ihnen mit dem vorliegenden Heft das Tierleben der Alpen ein wenig näher bringen. Mit diesem unserem primären Anliegen verknüpft sich unversehens noch ein psychologischer Aspekt. Viele passionierte Bergsteiger, die allein aus alpinistischen Gründen in die Berge ziehen, haben Mühe, andere Motivationen anzuerkennen. Nur der eigentliche Alpinismus scheint die richtige Form zu sein, nur der Gipfel das erstrebenswerte Ziel.

Diese ( keineswegs kritisierte ) Haltung wird auf den folgenden Seiten mit den Beobachtungen, Empfindungen und Gedanken von Menschen konfrontiert, die nicht in erster Linie über das Bergsteigen als solches, sondern über die Existenz der Wildtiere eine tiefe, oft sogar intensivere Beziehung zur Natur gewonnen haben. Und so kommt es auch nicht von ungefähr, wenn durch alle vertretenen Richtungen hindurch der Schutz der Tierwelt heute allen andern Anliegen voransteht. Dies gilt ebenfalls im Bereich der Wissenschaft, wo viele Forschungsprojekte darauf hinauslaufen, Entscheidungsgrundlagen zu schaffen, um der untersuchten Tierart eine Zukunft zu ermöglichen. Ich hoffe, dass Sie diesen Hintergrund aus diesem Heft herausspüren können.

Vom Val Languard gegen Piz Palü Photo: Jost Schneider Meinen Mitautoren und Redaktor Etienne Gross danke ich herzlich für ihre Bereitschaft, meine Idee zu unterstützen und ihren Beitrag daran zu leisten. Es war für alle eine schöne, begeisternde Arbeit. Wegen der notgedrungen beschränkten Mittel mussten wir uns um-fangmässig allerdings stark einschränken. Wir konnten im vorliegenden Quartalsheft deshalb lange nicht allen Stoff verarbeiten, der aus der Fülle des Themas zur Verfügung gestanden hätte. Interessante Beiträge wie ( Tiernamen in der Namengebung alpiner Lokalitäten, ein Rückblick in

Dennoch hoffen wir, das Heft werde auch in der vorliegenden Form Erkenntnisse über die alpine Tierwelt vermitteln und etwas mehr Verständnis für deren freies, aber oft schwieriges Leben bewirken können.

Literaturhinweis Wer sich als Laie, aber naturverbundener Mensch näher mit Wildtieren und der Wildforschung befassen möchte, dem empfehle ich das günstige Abonnement der Artikelserie ( Wildbiologie für die Praxis ), die von der Schweizerischen Dokumentationsstelle für Wildforschung, Universität Zürich, Strickhofstrasse 39, 8057 Zürich, herausgegeben wird.

Begegnung auf einer winterlichen Skitour: Gemsrudel am Südhang der Hochalp ( Appenzell )

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