Bitterer Kedarnath

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Kedarnath

Ermes Borioli, Locarno

Gedanken zum Bergsteigen Ist der Wunsch des Bergsteigers, den Gipfel zu erreichen, berechtigt?- Eine bange Frage, die vor Antritt jeder Tour immer wieder auftaucht; denn mannigfaltig sind die Umstände, die den Ausgang eines Unternehmens bestimmen. Dies ungeachtet, ob es sich um die Wanderung auf einen harmlosen Voralpengipfel oder um eine Expedition zu den Himalayariesen handelt. Natürlich hängen dabei gewisse Faktoren immer auch von unserer verstandesmässigen Bewertung ab: so etwa die Wahl des Zieles, das unseren Neigungen, den körperlichen Fähigkeiten und unseren anderweitigen Vorbereitungen ( wozu auch eine zweckmässige Ausrüstung gehört ) entsprechen muss.

Nicht abwägbar sind hingegen Einflüsse, die sich unserer Voraussicht entziehen wie akute Schwächung durch Störungen im gesundheitlichen Befinden oder plötzliches Versagen lebensnotwendiger Ausrüstungsgegenstände.

Als ausschlaggebend erweisen sich jedoch stets die Wetterverhältnisse: Kälte; die uns abstumpfende, gnadenlose Hitze der Sonneneinstrahlung; Nebel, der das Orientierungsvermögen zum Versagen bringt...

Die Anmut der natürlichen Umgebung kann rasch in rauhe Feindlichkeit umschlagen: der donnernd zu Tale stürzende Felsblock, das plötzliche Gewitter, das uns auf exponiertem Grat überrascht, die Lawine, die längs ihrer unerbittlichen Bahn alles auslöscht - sie alle bergen tödliche Gefahren.

Dennoch bricht der Mensch, dem Ungestüm der Naturgewalten ausgesetzt, oft in seinem Streben enttäuscht und manchmal dann auch tatsächlich in seiner Existenz bedroht, immer wieder auf, um weitere, ihm unbekannte Höhen kennenzulernen, zu erforschen und zu bezwingen.

Sein Ziel sind die sich wandelnden, stets neu ihm begegnenden Berge. Berge, die sich als markante Silhouetten gegen den dunkelblauen Himmel abzeichnen oder als wuchtige Gestalten einem Nebelmeer entsteigen. Berge, im Schnee versunken oder vom dunklen Grün der Wälder überzogen, im Sonnenschein leuchtend oder vom Mondlicht liebkost. Berge, die in der Morgendämmerung einen strahlenden Tag versprechen oder im milden Licht des Sonnenuntergangs nachdenklich stimmen. Berge, die sich oft feindselig zeigen, aber nach der ersehnten Besteigung in der Erinnerung unschätzbare Bereicherung schenken. Berge, diese Wächter kostbarer Naturschätze, denen die Hand des Menschen zusätzlichen Wert verleiht. Berge, die uns mit ihren gastfreundlichen Unterkünften empfangen. Berge, wo jahrhundertealte Transportsysteme neben den kühnen Mitteln moderner Technik weiterleben. Berge, tausendfältig blumengeschmückt bis zur Grenze des ewigen Schnees. Berge, über denen sich der unendliche Raum wölbt. Berge, mit ihrer völkerverbindenden Kraft, wo sich unvergängliche Bande der Freundschaft und Zuneigung anbahnen.

Den einen zieht es dort hinauf mit dem Wunsch, eine sportliche Leistung zu erbringen, andere hingegen möchten ihr Wissen und ihre Kenntnisse über die uns hier umgebende Natur vertiefen.

Im Unterbewusstsein sucht wohl jeder Mensch nach der Erfüllung eines inneren Bedürfnisses, nach einer — wenn auch kurz anhaltenden - Erhebung im unendlichen Raum der Schöpfung.

Die Expedition zum Kedarnath Von solchen Gedanken beflügelt, melde ich mich mit meiner Ehegattin Amalia zur skialpinistischen Expedition auf den Kedarnath ( 6940 m ) in Garwahl an, die, organisiert durch Beppe Tenti vom ( Alpinismus International ), für September 1983 angesetzt ist.

Ein 1947 veröffentlichter Bericht von Alfred Sutter in der Sammlung ( Berge der Welt ) Band II, hat uns in unserer Überzeugung bestärkt, dass es sich dabei um ein unseren be- Kedernath Dome ( 6813 m ) und Peak ( 6940 m ) scheidenen Fähigkeiten angemessenes Ziel handelt. Nach unserer Vorstellung soll es die Krönung einer intensiv erlebten Bergsteigerlaufbahn werden. Mit vorbehaltlosem Einsatz stürzten wir uns deshalb in die Vorbereitungen.

Training durch Skiaufstiege über viele Tausende von Höhenmetern: allein 6500 Meter zwischen dem 2. und 5. Juni, mit vier Gipfeln über 4000 Meter, zwischendurch Eis- und Felsklettereien, einschliesslich der Überquerung der Crast d' Alva am Piz Bernina. Daneben wird mit Vita-Parcours und Schwimmen aber auch die athletische Vorbereitung nicht vernachlässigt.

Die Ausrüstung steht ebenfalls bereit. Einzige Anschaffung in letzter Stunde: zwei Tassen aus emailliertem Metall, eine Seltenheit im Zeitalter der Kunststoffe.

Dann endlich stehen wir im Basislager auf 4500 Meter Höhe. Es liegt am Rande der Riesenmoräne des Gangotri-Gletschers, im Tal des Bagirathi-Flusses. Letzterer bildet einen der drei Zuflüsse des Ganges, des heiligen Flusses der Hindu, dessen Quellen ständig Scharen gläubiger Pilger anziehen. Wir fühlen uns in blendender Verfassung.

Die Akklimatisierung wird nun methodisch und gründlich durchgeführt: mit Märschen ins Lager I auf 4800 Meter, Aufstiegen mit schweren Lasten bis zur Schneegrenze auf 5200 Meter und Vordringen mit den Skiern bis ins Lager II ( 5600 m ). Dies abwechselnd mit jeweiliger Rückkehr zu tiefer gelegenen Standorten zwecks Ruhe- und Erholungspausen.

Alberto Re, Bergführer aus Bardonecchia und Expeditionsleiter, bestimmt die Zeitspanne von Donnerstag, 22. bis Samstag, 24. September 1983 für den Angriff auf den Vorgipfel, den

In seiner langen und reichhaltigen Bergsteigerlaufbahn, die ihn vom Himalaya bis zu den Anden führte, gelingt ihm damit seine 40. erfolgreiche Expedition.

Am selben Tag begeben sich die vier amerikanischen Bergsteiger ins Lager III ( 6300 m ), während Schweizer und Franzosen ( wirklich ein sympathischer internationaler Cocktail !) ins Lager II nachrücken. Ausgezeichnete Wetterverhältnisse, die unser Unternehmen von Anfang an begünstigt haben, schüren natürlich die Begeisterung für unseren bevorstehenden Gipfelangriff.

Nach Verschwinden der Sonne, deren Einstrahlung sich auf der Moräne in Höchstwerten von über 50 °C äussert, vergraben wir uns in dem auf ein paar Felsbrocken errichteten Zelt, um uns hier vor der plötzlich hereinbrechenden beissenden Kälte zu schützen.

Vom Tal ziehen die gewohnten abendlichen Nebelschwaden auf, die die stille Dämme-rungsatmosphäre gespensterhaft beleben. Der Sternenhimmel ist von der nahezu vollen Mondscheibe beleuchtet, und die über die Eisbastionen herausragenden Gipfelpartien der umliegenden Bergriesen scheinen wie von unsichtbaren Fäden gehalten am Firmament zu schweben.

Wir können uns auf die Nachtruhe vorbereiten, ohne die gewohnte Taschenlampe in Betrieb zu setzen, derart gleissend ist der Widerschein des Mondlichtes. Wer nicht am Nachmittag auf den beharrlich kreisenden Gleitflug des vorsorglich nach Nahrung suchenden Königsadlers geachtet hat, wird von keiner Vorahnung dessen berührt, was sich in diesem entfernten Erdwinkel zusammenbraut.

In den ersten Morgenstunden vernehmen wir ein ungewöhnliches, feines Rascheln. Schlaftrunken öffnen wir nur spaltbreit den Reissverschluss des Zeltes: eine bleigraue Kappe lastet auf der Landschaft und es schneit in dichten Flocken. Noch geben wir uns aber der Hoffnung hin, dass es sich lediglich um eine vorübergehende Störung handelt. Später, beim Aufstehen, müssen wir den Kocher bereits aus dem Pulverschnee ausgraben, um uns ein wärmendes Getränk zubereiten zu können. Eine kurze Aufhellung ermöglicht es dann den Amerikanern, sich zu uns ins Lager II zu begeben. Anschliessend steigen wir gemeinsam zum Lager I ab, bevor die Lage auf den steilen Flanken bedrohlich wird.

Sind wir wirklich am Ende unseres ehrgeizigen Traumes? Wir weigern uns, daran zu glauben. Am 30. September wollen die Träger für den Rückmarsch eintreffen. Somit könnte das Programm den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Inzwischen steigen aber aus dem Tal schwere, purpurfarbene Wolken auf. Und der prasselnde Regen, der in der kommenden Nacht auf das Zelt niederhämmert, versetzt unserer Zuversicht den Gnadenstoss - die Freude, den Gipfel zu erreichen, wird uns versagt bleiben.

Nachdem sich die Elemente 48 Stunden lang ausgetobt haben, wird der Himmel wieder heiter. Vom Basislager aus beobachten wir mit dem Fernglas die von gewaltigen Lawinenzügen durchfurchten Flanken des Weissen Doms und jederzeit drohen weitere Entladungen der vom Wind auf dem Grat angehäuften Schneemassen.

Aus New Delhi treffen nun fünf Freunde ein, die ihr Glück am selben Berg versuchen wollen. Aufrichtigen Herzens wünschen wir ihnen, dass die Wetterlage und günstigere Verhältnisse als sie uns beschieden waren, zum Gelingen ihres Unternehmens beitragen mögen. Für uns hingegen fliessen die letzten Tage eintönig und in resignierter Stimmung dahin.

Wir wandern in die Seitentäler, um die kühne Kante des Meru ( 6672 m ), die vor kurzem von einer Expedition polnischer Frauen bezwungen wurde, sowie den einzigen Siebentausender der Gegend, den Satopanth, zu photographieren. Zeit zum Nachdenken. Unsere Blicke schweifen zum Shivling, einem der majestätischsten Berge des Himalaya, dessen kühne Silhouette hoch über uns in den Himmel ragt.

Ihr Berge!

Berge, die vor unseren Augen wie auf einer unwirklichen Bühne vorbeiziehen, die dem Menschen die Unwesentlichkeit seines Seins ins Bewusstsein rufen, die Sehnsucht nach Weiterschreiten, Überwindung und Verinnerlichung wachsen lassen.

Die Rückkehr ins Tal ist stets deprimierend, denn sie bedeutet eine vorübergehende Trennung von der geliebten Bergwelt.

Bei einem letzten Blick zurück auf den Kedarnath haben wir Mühe, unserer bitteren Enttäuschung Herr zu werden.

Aus dem italienischen Teil. Übersetzt von Eva Feistmann, Locamo

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