Brockengespenst

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DREIMAL BROCKENGESPENST lf)3 und Mädchen bestieg ich von Brienz aus das Rothorn. Wir hatten den Weg bis zur Oberst Staffel bei schönstem Wetter zurückgelegt. Unversehens trieb ein frischer West eine Nebelschwade nach der andern an uns vorbei, in der Richtung gegen das Wilerhorn. Es schien, als würde in der Mulde zwischen dem Dürrgrind und dem Brienzer Grat immer mehr « gekocht », und nach kurzer Zeit staken wir derart im Nebel drin, dass wir uns weder am Rückblick über den zurückgelegten Weg noch an den auftauchenden « Berner Riesen » erfreuen konnten. Dafür sollte uns der Anblick von etwas weit Seltsamerem beschieden sein! Einige Minuten unter dem Hotel Rothorn-Kulm berührt der Weg ein Grätchen, das sich vom Rothorn herunter in südlicher Richtung erstreckt. Kurz nach 5 Uhr abends langten wir an dieser Stelle an, als sich plötzlich der dicke Nebel im Westen auflockerte und den Sonnenstrahlen freie Bahn gewährte. Rasch stellten wir unsere Rucksäcke auf den Boden und liessen unsere Blicke noch einmal in der Richtung des zurückgelegten Aufstieges gleiten. « Ob wohl die Sicht gegen den Brünig auch noch frei wird? » fragte ein Kind. Wir wandten uns um und... « das Brockengespenst! » entfuhr es nach einigen Sekunden des Staunens meinem Mund. Auf einem dunkeln Schatten schien ein hell leuchtender, leicht ovaler Ring zu stehen, der die Regenbogenfarben auffallend deutlich zeigte. Unten, wo diese « Gloriole » verschwommener erschien, gewahrte ich meinen eigenen, ziemlich kleinen Schatten. Eigenartigerweise sah jedes von uns nur einen einzigen, eben seinen Schatten im Regenbogenring drin! Die Erscheinung dauerte ungefähr eine halbe Minute, um dann zu verschwinden und hierauf nochmals, und diesmal sogar etwas länger, aufzutauchen. Plötzlich zerriss die « Nebelleinwand », die Hohe Gumm und das Wilerhorn traten an ihre Stelle, und das Nebelbild verschwand. Wir waren alle tief beeindruckt, und als ich meinen jungen Begleitern noch all das erzählte, was ich vom unglücklichen Ausgang der ersten Matterhornbesteigung wusste, war der jugendliche Übermut für einige Augenblicke merklich eingedämmt. Kann man es mir verargen, dass ich von nun an vielleicht etwas allzu ängstlich über Schritt und Tritt der kleinen Berggänger wachte?

Dessenungeachtet empfand ich eine grosse Freude — nicht nur darüber, dass der Anblick solch einer traumhaft schönen Erscheinung kein Privileg derer ist, die ihn mit harter Arbeit in Fels und Eis verdienen, sondern vielmehr, weil mir wieder einmal so recht bewusst wurde, dass die Natur jedem etwas gibt, sei er arm oder reich, kühner Berggänger oder « nur » Voralpentourist, sei er Erwachsener oder Kind.Richard Jeck ( Zürich ) III 10. September 1945. Der heutige Tag war trotz dem Wolken- und Nebeltreiben herrlich und brachte von den schönsten Eindrücken und Erlebnissen. Von der Cabane de Thyon stiegen wir kurz vor 8 Uhr bergan gegen die Crête de Thyon, wo für den Flugplatz von Sitten eine meteorologische Beobachtungsstation erstellt wird. Übrigens führt bis zu dieser Höhe die Seilbahn des Dixens-Werkes längs der Druckleitung, so dass ziemlich viel « Kultur- nähe » vorhanden ist. Wir trafen ausser den Arbeitern — Nidwaldnern und einem Urner aus Bristen — keinen Menschen. Gegen 8.30 Uhr waren wir auf der Crête de Thyon, wo Wind und Winter eine nordische Vegetationsdecke geschaffen haben: flache Wacholderbüsche und ein dichtes Nardetum mit reichlicher Flechtenbeimengung. Die Ausblicke nordwärts waren zauberhaft schön: Wolken und Nebelballen, zwischen denen blaue Berge, blaugrüne Lehnen und im Talboden grauweisse Dörfer und Rebberge sich zeigten. Vom Hochgebirge war südwärts wenig zu sehen, wenn auch ab und zu ein Stück Himmel hervorschaute und die Sonne ihre Strahlenpfeile durch den Nebel warf. Wir folgten dem Höhenzug über die Punkte 2399, 2421, 2469, Mont Carré 2-472, Mont Rouge 2493 und 2583 und Mont Leuveray. Auf dem Mont Rouge erlebten wir das « Brockengespenst » in herrlichster Form: Wir hatten die Sonne südostwärts im Rücken, aus dem Talkessel der Alp Grand Combyre brodelten die Wolkennebel herauf. Da sahen wir, als wir auf dem Grat vom Mont Carré zum Mont Rouge hinüberstiegen, gross die Schatten unserer Körper etwa dreissig Schritte unter uns auf der Westseite des Hanges im Nebel, umgeben vom Regenbogenkreis, der zeitweilig sogar doppelt sich zeichnete. Beschrieben wir mit dem Pickel die Bewegung des Uhrzeigers, so sah man den Stabschatten im Schattenbild sich ebenfalls bewegen. Gegen zehn volle Minuten konnten wir dieses « Brockengespenst » sehen, in der Intensität ab- und zunehmend, bis es dann im sich lichtenden Nebel erlosch, wobei sich zeigte, dass es sich vom Kern aus auflöste, so dass man in diesem die tiefer liegende Alp erkannte, derweil der Regenbogenkreis noch eine Weile fortbestand.m Qe

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