C. F. Meyer, ein Dichter der Alpen

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Von Emil Bebler

Unter dem Titel « Aus den Bergen » hat Conrad Ferdinand .Meyer 31 Gedichte zusammengefasst, die aus einer tiefen Liebe zu den Bergen entstanden sind und zum Schönsten gehören, was die Alpenlyrik in deutscher Sprache hervorgebracht hat. Auch in verschiedenen seiner übrigen Werke, in dem Epos « Engelberg », in « Jürg Jenatsch », im « Schuss von der Kanzel » u.a., finden sich prächtige Schilderungen der Bergwelt. Wohl gebührt dem Berner Dichter Albrecht von Haller das Verdienst, schon im 18. Jahrhundert die Schönheit der Alpen entdeckt und als erster ihre Grosse und Erhabenheit dichterisch besungen zu haben; seine Alpengedichte, so bedeutend sie sind und so aufwühlend sie für jene Zeit waren, sind aber doch vorwiegend beschreibend und belehrend und stehen weit zurück hinter der klaren und tiefen Lyrik des Zürchers.

Conrad Ferdinand Meyers Liebe zu den Bergen war ein Erbe vom feinsinnigen Vater, den er schon als kleiner Knabe auf Sonntagsspaziergängen in die Umgebung Zürichs begleiten durfte: auf den Uetliberg, den Albis, den Gottschalkenberg, den Hirzel; später nahm ihn der Vater auch auf grössere Wanderungen mit: er zeigte ihm das Glarner und Urner Land, den Rigi, die Gipfel und Täler Graubündens und verstand es, eine tiefe Liebe zu den Bergen im Herzen des Sohnes zu wecken. Von den beseligenden Erinnerungen an die Erlebnisse auf diesen Fussreisen, die nur selten durch eine Fahrt im Postwagen unterbrochen wurden, hat der Dichter sein Leben lang gezehrt.

Gestern fand ich, räumend eines langvergessenen Schrankes Fächer, Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebecher. Währenddess ich, leise singend, reinigt ihn vom Staub der Jahre, War's, als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare, War's, als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken, War's, als rauschten alle Quelle, draus ich wandernd einst getrunken.

So schildert er in dem Gedicht « Der Reisebecher » viele Jahre später, als er nach schweren innern Kämpfen endlich zum Dichter herangereift war, alte Reiseerinnerungen.

« Bergluft! » schreibt die Schwester Betsy, die bis zur Verheiratung ihres Bruders im 50. Lebensjahre seine treue und tapfere Gefährtin war. « Wie oft sehnte sich der Dichter schon im Frühling hinaus aus dem Staub und dem Lärm der Gassen über die grünen Vorberge nach den in der Ferne winkenden Schneespitzen. » Und in der Tat: Wenn er daheim sinnend und träumend über seinen Büchern sass, lockten und riefen die geliebten Berge. Dieser tiefen Sehnsucht hat er Ausdruck gegeben in dem Gedicht:

Das weisse Spitzchen Ein blendendes Spitzchen blickt über den Wald, Das ruft mich, das zieht mich, das tut mir Gewalt:

« Was schaffst du noch unten im Menschengewühl? Hier oben ist 's einsam! Hier oben ist 's kühll Der See mir zu Füssen hat heut sich enteist, Er kräuselt sich, flutet, er wandert, er reist.

Die Moosbank des Felsens ist dir schon bereit, Von ihr ist 's zum ewigen Schnee nicht mehr weit! » Das Spitzchen, es ruft mich, sobald ich erwacht, Am Mittag, am Abend, im Traum noch der Nacht.

So komm ich denn morgen! Nun lass mich in Ruh! Erst schliess ich die Bücher, die Schreine noch zu.

Leis wandelt in Lüften ein Herdegeläut:

« Lass offen die Truhen! Komm lieber noch heut. » Und willig folgte er dem Ruf. Unwiderstehlich zog es ihn nach den weissen Höhen, wo er Ruhe und Frieden fand, aber auch Anregung und Kraft zu neuer schöpferischer Arbeit. Die Alpennatur wirkte auf ihn wie ein erfrischendes Bad, sie stärkte Körper und Geist. Und wenn er in einem seiner Gedichte eine Kranke sagen lässt: « 0, bring mich wieder auf die lieben Höhn — sie haben, sagst du, mich gesund gemacht... », so entsprangen diese Worte seiner eigenen Erfahrung; denn er wusste, dass er die Erlösung von schwerer Melancholie nicht zuletzt den Bergen verdankte. Sein Leben lang blieb er ihnen treu, ihre Einsamkeit zog den oft gehemmten Mann mit aller Macht in ihren Bann, hier fühlte er sich näher dem Himmel und näher bei Gott.

Himmelsnähe In meiner Firne feierlichem Kreis Lagr'ich an schmalem Felsengrate hier, Aus einem grünerstarrten Meer von Eis Erhebt die Silberzacke sich vor mir.

Der Schnee, der am Geklüfte hing zerstreut, In hundert Rinnen rieselt er davon, Und aus der schwarzen Feuchte schimmert heut Der Soldanelle zarte Glocke schon.

Bald nahe tost, bald fern der Wasserfall, Er stäubt und stürzt, nun rechts, nun links verweht, Ein tiefes Schweigen und ein steter Schall, Ein Wind, ein Strom, ein Atem, ein Gebet!

Nur neben nur des Murmeltieres Pfiff, Nur über mir des Geiers heisrer Schrei, Ich bin allein auf meinem Felsenriff Und ich empfinde, dass Gott bei mir sei.

Conrad Ferdinand Meyer hat das Hochgebirge auf vielen Reisen und Wanderungen kennen gelernt. Kreuz und quer durchstreifte er die ganze Schweiz, mit besonderer Vorliebe jene Gegenden aufsuchend, in denen er seine dichterischen Gestalten handelnd auftreten liess. Während vielen Jahren verlebte er einige Sommerwochen in den Bergen, « denen ich », gestand er einer deutschen Freundin, « ohne Vergleich meine glücklichsten Tage verdanke »; und wenn er einen Wunsch tun dürfte, so wäre es der, jährlich drei Monate oder noch länger in den Alpen zu verleben. Mit Vorliebe wählte der anspruchslose und bescheidene Mann einsam gelegene Gasthäuser.

Hoch an der Windung des Passes bewohn'ich ein niedriges Berghaus — Heut ist vorüber die Post, heut bin oben allein. Lehnend am Fenster belausch'ich die Stille des dämmernden Abends. Rings kein Laut! Nur der Specht hämmert im harzigen Tanni So schildert er seine « Hohe Station » in Tschamutt am Oberalppass in dem gleichnamigen Gedicht.

Meyer war kein Alpinist, kein Hochtourist im landläufigen Sinne. Während er im Alter von 16 Jahren als verwegener Kletterer geschildert wird, « dessen Waghalsigkeit selbst die der Hirtenbuben übertraf », war der grosse und schwer gebaute Mann zwar ein guter und ausdauernder Fussgänger, aber kein Gipfelstürmer. Nur wenige mit ewigem Schnee bedeckte Berge hat er bestiegen. Sein Wandergebiet waren hauptsächlich die Vorberge der Alpen, die Hochtäler und Pässe. Er liebte, besonders in spätem Jahren, einen bedächtigen und gemütlichen Wanderschritt, wenn er allein oder zusammen mit der Schwester über die Weiden emporstieg nach irgendeinem nahen oder fernen Ziel. Sinnend verfolgte er den Zug und die wechselnden Gebilde der Wolken, schaute den Wassern zu, die mit wildem Getöse von steiler Höhe hinunterstürzten, oder liess seine Blicke emporschweifen an jähen Fels- hängen und hinauf zu den weissen Gipfeln, deren Leuchten ihn immer von neuem entzückte. Was er sah und erlebte, was er als Dichter fühlte und empfand, dem gab er nur selten sofort poetische Gestalt und Form. Die Eindrücke, die er in sich aufnahm, versanken vielmehr, wie Betsy Meyer schreibt, « in die Tiefe seiner Seele, und statt sich zu verwischen, bekamen seine Erinnerungsbilder in der Spiegelung seiner Phantasie, je mehr sie zeitlich in die Ferne gerückt wurden, um so mehr Klarheit und Harmonie. » Lebhaft nahm der Dichter Anteil am einfachen Leben der Älpler, an ihren Sitten und Gebräuchen. Er interessierte sich, wie er sich einmal ausdrückte, für « Fels, Kraut und Tier ». In seine poetischen Schöpfungen hat er manche Erlebnisse und Gestalten hineinverwoben, z.B. in dem feinen, auf dem Jochpass entstandenen « Glöcklein », in der prächtigen, wahrscheinlich im Bergell verfassten « Reisephantasie » und in dem im Fextal niedergeschriebenen Gedicht Die Bank des Alten Ich bin einmal in einem Tal gegangen, Das fern der Welt, dem Himmel nahe war, Durch das Gelände seiner Wiesen klangen Die Sensen rings der zweiten Mahd im Jahr.

Ich schritt durch eines Dörfchens stille Gassen. Kein Laut. Vor einer Hütte sass allein Ein alter Mann, von seiner Kraft verlassen, Und schaute feiernd auf den Firneschein.

Zuweilen, in die Hand gelegt die Stirne, Seh ich den Himmel jenes Tales blaun, Den Müden seh ich wieder auf die Firne, Die nahen, selig klaren Firne schaun.

.'s ist nur ein Traum. Wohl ist der Greis geschieden Aus dieser Sonne Licht, von Jahren schwer; Er schlummert wohl in seines Grabes Frieden, Und seine Bank steht vor der Hütte leer.

Noch pulst mein Leben feurig. Wie den andern Kommt mir ein Tag, da mich die Kraft verrät; Dann will ich langsam in die Berge wandern Und suchen, wo die Bank des Alten steht.

Von Herzen liebte Conrad Ferdinand Meyer die Schweiz. Wenn er, wie es in Jüngern Jahren oft geschah, sich auf Reisen im Ausland befand, zog es ihn plötzlich mit aller Macht zurück in die Heimat. Freudig begrüsste er schon von weitem den Alpenkranz. « Daheim! » schreibt Betsy nach der Rückkehr von einer Italienreise. « Wie gut ruhte es sich aus in der behaglichen Herberge am Seegestade... Duftig und rein leuchteten die Bergspitzen. Der Dichter konnte dem Drang der Heimatlust nicht widerstehen, er machte sich mit der Schwester auf nach dem Rigi, um von der Höhe ringsum das liebe Land zu schauen und zu grüssen. » Nach solcher Reise und in solcher Stimmung ist eines seiner schönsten Gedichte entstanden:

Die Alpen 1949 - Les Alpes,15 Firnelicht Wie pocht das Herz mir in der Brust Trotz meiner jungen Wanderlust, Wann, heimgewendet, ich erschaut Die Schneegebirge, süss umblaut, Das grosse stille Leuchten!

Ich atmet'eilig, wie auf Raub, Der Märkte Dunst, der Städte Staub. Ich sah den Kampf. Was sagest du, Mein reines Firnelicht, dazu, Du grosses stilles Leuchten?

Nie prahlt'ich mit der Heimat noch Und liebe sie von Herzen doch! In meinem Wesen und Gedicht Allüberall ist Firnelicht, Das grosse stille Leuchten.

Was kann ich für die Heimat tun, Bevor ich geh im Grabe ruhn? Was geb ich, das dem Tod entflieht? Vielleicht ein Wort, vielleicht ein Lied, Ein kleines stilles Leuchten!

Bis in sein hohes Alter blieb Conrad Ferdinand Meyer ein rüstiger Wanderer, der glückselig bekannte, dass sein Herz zu wandern verdammt sei.

Längst beschrieb die Stirne sich mit Falten, Doch die Füsse wollen nicht veralten, Ihren Stapfen tritt auf Wanderwegen Meiner Jugend Wanderbild entgegen.

Wenige Wochen vor seinem Tode weilte er noch in Wengen im Berner Oberland. Wieder begeisterte ihn der Anblick der Berge. Die Schönheit der Jungfrau, der er einst eines seiner frühesten Gedichte geweiht hatte, entlockte ihm auch jetzt wieder einige Verse, wohl die letzten in seinem Erden-dasein:,1TT 11 In der wolkenlosen Helle Seh ich steile Firne ragen, Und die mächtgen Pfeiler tragen Eine wunderbare Welt.

Sein Wunsch, in den Bergen vom Tode ereilt und « unterm Firneschein auf hoher Alp begraben » zu werden, ist nicht in Erfüllung gegangen. In seinem Heim ist er sanft entschlafen. Er ruht auf dem Friedhof in Kilchberg, auf welchen in weiter Runde die fernen geliebten Berge mit stillem Leuchten herniederschauen.

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