Der alte Bergsturz von Flims (Graubündner Oberland)

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( Graubündner Oberland )

Prof. Albert Heim in Zürich ( Section Uto ).

Der alte Bergsturz von Flims ( Graubündner Oberland ) Von Gehen wir von Chur gegen Reichenau, um in 's Bündner Oberland zu reisen, so sehen wir vor uns das Thal durch hohe waldige Hügel wie abgedämmt. Die bis vor einem Jahre einzige Poststraße steigt von Reichenau bis Flims 512 m hoch empor, um dann nachher wieder thalaufwärts um volle 410 m nach Ilanz hinunter abzufallen. Dort hinter dem breiten Riegel finden wir nicht den vermuthete » See, sondern der Rhein hat den sonderbare » Querberg in merkwürdig gekrümmter, vielfach ungangbarer Schlucht tief durchschnitten. Noch viel auffallender ist diese breite Thalbarriere, wenn man von der Oberalp kommt, um sich Chur zuzuwenden. Schon auf jeder Karte etwas größeren Maßstabes fällt sofort der gewaltige Haufe auf, der da mitten in den Thalweg hineingeworfen ist und gar nicht zu den übrigen Formen der Thalgehänge paßt. Er besteht aus einer sonderbaren Trümmermasse, es ist der Schutt eines alten gewaltigen Bergsturzes. Sehen wir uns denselben etwas näher an.

Der größte Theil des Bergschuttes von Flims wird aus eckigen, inwendig dunkelgrauen, auswendig weißlich angewitterten Kalkbrocken aller Dimensionen gebildet. Bald sind es Blöcke von Hausgröße, bald fast pulverfein zerschlagenes Gestein. Die Brocken sind ineinander hineingeschlagen, hie und da locker, oft aber mit weißlichen dünnen Kalkkrusten, welche das. eingesickerte Wasser oben aufgelöst, unten abgesetzt hat, überzogen und verkittet. Ein solches aus eckigen Trümmern gebildetes Gebäck nennen die Geologen eine Breccie. Wo der innere Bau des Breccienberges gut aufgeschlossen ist, findet man hie und da ausgedehntere, noch ziemlich zusammenhängende Fetzen von Kalksteinschichten, welche ringsum in dem Brocken-werk eingebettet sind. ( So z.B. unterhalb Versam an der neuen Straße, bei Ruine Wackenau, Tttrkenisla und Isla davoins am Rheineinschnitt. ) Sie zeigen uns,, daß ganze Stücke eines Berges heruntergefahren sind^ ohne daß alles in kleine Trümmer sich auflösen mußte, was bei gleitender Bewegung eher möglich ist als bei rollend stürzender. Freilich sind diese größeren Schichtfetzen von tausenden von Klüften splittrig-rissig durchsetzt, so daß sie beim Straßenbau meistens-mit dem Bickel bearbeitet werden konnten. An einzelnen Stellen finden wir zwischen den Kalktrümmem auch solche von grünem Verrucanoschiefer, ja die letzteren können sich hie und da so sehr anhäufen,, daß sie das Quantum der Kalkblöcke überwiegen. Die Kalksteintrümmer gehören fast ausschließlich dem „ Hochgebirgskalk " ( oberer Jura, Malm ) an, dem gleichen Gebilde, das auch größtentheils die Wand des Flimsersteines aufbaut. Auffallender Weise findet man Kalksteintrümmer der anderen Formationen ( Unterjura, Kreide und Nummulitengesteine ) nur sehr selten. Eigentliche Schichtung fehlt dem Breccienberg vollständig, alles ist regellos durcheinander geworfen. Hie und da sind zwischen den Trümmern Lücken geblieben, aus welchen man hinuntergeworfene Steine lange kollern hört, oder aus welchen im Sommer eine kalte, im Winter eine warme Luftströmung tritt, die dann für Milchkeller ( Maiensäße von Runca etc. ) Verwendung findet, was ja auch anderwärts in Schuttmassen so häufig der Fall ist.

Die Schuttmasse von Flims kommt in Gestalt eines in der Mitte hoch gewölbten, uneben hügeligen Ergusses vom Segnesthaie herunter. Dort von Alp Cassons bis Startgels finden wir den Boden aus anstehendem Fels ( etwa 15-20° gegen Süd abfallenden Schichten von Hochgebirgskalk ) gebildet. Dann folgt thalwärts zunächst nur wenig dick die Nachhut, dann stets anschwellender allmälig der Gewalthaufen der Breccie im Thalgrunde. Zwischen Startgels und Flims ist der Schuttstrom westlich gegen Crest la pligliusa und östlich gegen Foppa durch Kalkfelswände auf circa 800 m Breite eingegrenzt, bald aber verbreitert er sich fächerförmig gegen das Hauptthal hinaus, während die Mittellinie des Schuttstromstriches, welcher die größten Höhen des Breccienberges angehören, zunächst in ihrer Ost-Süd-Ost-Richtung beharrt, hernach sich gegen Osten thalauswärts krümmt. Zu dieser Mittellinie des Stromstriches gehören Uaul Runca 1226 m, Mutt 1247 m, Pleunea Malia 1127»° und jenseits des Rheines Langwald und Crestaulta 988 m. Von diesem Mittelrücken fällt der Breceienberg beiderseits ab. Die Grenze des ganzen Schuttgebietes, welcher ich im Einzelnen nachgegangen bin, wird ungefähr durch folgende auf der Karte 1: 50000 leicht zu verfolgende Localitäten bezeichnet:

" Westgrenze: Bei Valvau oberhalb Runea durchschneidet die Schuttgrenze den Laaxerbach, geht westlieh an dem Hügel Uaul Ravanase und 300 m westlich vom Dorfe Laax vorbei, kreuzt in der Mitte zwischen Schleuis und Laax die Poststraße und erreicht unter dem Dorfe Kästris sein westliches Ende.

Die Südgrenze liegt südlich vom Rheine und fällt zunächst zwischen Kästris und Valendas theilweise mit der Straße zusammen. Die Terrassen, auf welchen Valendas, Carrera und Versam liegen, werden noch durch Bergschutt gebildet, während der Abhang, der südlich ansteigt, aus anstehendem „ Bündnerschiefer " besteht. Das alte Sträßchen ging von der „ Höhe " 960 » östlich vom Versamertobel bis gegen Bonaduz fast genau in dem Thälchen zwischen dem nördlichen Bergschutt und den südlichen Bündnerschiefergehängen. In dem schauderhaften Tobel von Versam ragt von unten in die Breccie hinauf noch eine Klippe von kalkigem Bündnerschiefer. Dieselbe ist vom Safien-rhein durchschnitten und auf ihr sind die Widerlager für die Versamerbrücke aufgemauert. Der Schutt aber reicht noch ein Stück weiter hinauf in das Versamertobel hinein. Reiehenau und der waldige Hügel „ ils Auts " südlich bis zum Passe zwischen Brühl und Vogelsang bestehen aus der Flimserbreccie. Die kegelförmigen Hügel, welche sich bis Ems erstrecken, sind noch vereinzelte, von der jüngeren Thalbildung belassene Reste des alten Trümmerstromes, der wahrscheinlich erst unterhalb des jetzigen Ortes Ems sein östliches Ende erreichte.

Nordgrenze: Das Dorf Flims steht auf anstehendem Fels und anderem Schutt, dicht am Rande des großen Bergschuttes. Von Flims bis an den Vorsprung bei der Ruine Barcatzis westlich von Trins geht die Straße ungefähr mit dem Schuttrande bald etwas im Schutt, bald auf dem Gebiete des anstehenden Felsens dicht am Schuttrande. Das Dorf Digg liegt auf der Breccie, Trins auf anstehendem Fels. Abwärts bis Reichenau läuft der Rhein fast genau auf der Grenze.

Der Bergschutt oder Schuttberg, wie man lieber sagen will, hat deshalb im Grundriß ungefähr die Gestalt eines rechtwinkligen Dreieckes, bei welchem der rechte Winkel gegen das Herkunftsgebiet gerichtet, die kürzere Kathete den Nord-Süd verlaufenden Westrand, die längere den West-Ost verlaufenden Nordrand bildet, und die Hypothenuse West-Süd-West bis Ost-Nord-Ost läuft und von Kästris bis Ems in gerader Linie 17 Kilometer mißt. Die Oberfläche des ganzen Schuttgebietes beträgt circa 52 Quadratkilometer, die Mittellinie des Schuttstromstriches von Startgels im Segnesthal bis Carrera mißt circa 8 k™.

An dem Abhang von Pleunca bialla nach dem Rhein hinunter, obschon der letztere sie noch nicht bis an ihren Grund durchschnitten hat, ist die Breccie auf eine verticale Dicke von etwa 620 m aufgedeckt. Gegen Osten und Westen nimmt die Schutthöhe ab. Nach Schätzung und Berechnung beträgt der ganze Kubikinhalt des Flimserschuttberges, die seither entstandenen Ausspülungen des Rheines und der Seitenbäche noch ausgefüllt gedacht, ungefähr 15,000,000,000 Kubikmeter oder 15 Kubikkilometer! Zum Vergleiche sei erwähnt, daß der Bergschutt von Elm circa 10 Millionen Kubikmeter, derjenige von Goldau etwa 15 Millionen Kubikmeter mißt. Der Flimserbergsturz war somit etwa eintausend Mal größer als derjenige von Goldau! Er ist in der That der gewaltigste, großartigste aller bis jetzt bekannten Bergstürze. So weit läßt es die Natur sehr selten kommen. Mit fortarbeitender Verwitterung schuppt sich meistens Einde um Einde in kleineren Fetzen ab. Allein so gewaltig der Flimserbergsturz ist, so ist er doch nicht der Einsturz eines ganzen Berges, auch er hat keine klaffende Lücke in den Hauptkamm geschnitten, auch er ist nur das Abschälen eines im Vergleich zur ganzen Bergmasse kleinen Stückes — ein „ Sturz vom Berge ", nicht der Sturz des Berges selbst.

Leicht möchte die Vermuthung aufsteigen, daß man es hier mit der üebereinanderhäufung mehrerer kleinerer Bergbrüche zu thun habe. Allein dieselbe trifft nicht zu. Nur wo die Hauptmasse in einem Schlage zu Thale gefahren ist, fehlt wie hier vollständig das schiefe Anlehnen des Schuttes in Form von Schuttkegel und Schutthalde an das Ursprungsgebiet hinauf und findet sich die größte Schutthöhe vom Herkunftsgebiet durch eine Einsenkung abgetrennt im äußeren Theil der Ablagerung; nur in diesem Falle können größere zusammenhängende Schichtfetzen zu Thale gehen, und nur so ist die wellige, vom Schuttkegel stark verschiedene und Seen erzeugende Gestalt des ganzen Schutthaufens verständlich.

Einige auffallende und für das Ablagerungsgebiet eines großen Bergsturzes bezeichnende Formeigenthüm-lichkeiten sind ferner die Seen und der Lauf der Bäche. Wir zählen auf dem Bergschutt von Flims und zwar vorwiegend nahe an seinen Rändern im Ganzen jetzt noch sieben Seen. Einige andere mögen erloschen, d.h. vom Bachschutt ausgefüllt oder durch die neu sich einschneidenden Schluchten abdrainirt werden sein. Der Lac la Cresta, 850 m über Meer gelegen, von Tannenwaldungen umgeben, zeichnet sich durch seine herrliche grünblaue Farbe und sein stets wunderbar klares Wasser aus, ebenso, doch mit der Jahreszeit etwas wechselnder, der größere Lac la Cauma, 1000™ über Meer. Lac de prau pultè, 1125 m, und L. de prau duleritg, 1010 m, sind hie und da trübe, obschon der erstere keine seitlichen Zuflüsse erhält. Die andern -Seen sind der kleine L. tiert, eine Art Quellbecken, der L. grond und L. setg bei Laax.

Der Laaxerbach, der von Alp Sagens und vom Vorab herkommt, und der Segnesbach oder Flem nähern sich thalabwärts und treten bei Runca bis an 500 m Distanz zu einander. Offenbar haben sie sich früher wenig weiter thalwärts, aber in tieferem Niveau, auf « der jetzt begrabenen Oberfläche vereinigt. Jetzt trennt sie gerade die Rückenlinie des vom Segnesgebiet herabkommenden Schuttstromes, die beiden Bäche werden wieder auseinander gewiesen: der Laaxerbach weicht dem großen Schutthaufen westlich, der Flem nordöstlich aus. Beide fließen divergirend mehr in den Randgebieten des Schuttberges und münden endlich an zwei Stellen in den Rhein, welche jetzt in gerader Linie 12 Kilometer von einander entfernt liegen. Der Bergsturz hat sie getrennt, sie müssen ihm ausweichen.

Jeder Bergsturz hat sein Abrißgebiet, wo er herkommt, seine Sturzbahn und sein Ablagerungsgebiet. Wir haben bisher nur das Ablagerungsgebiet betrachtet. Es ist reich Uberwaldet, das Ereigniß ist alt. Noch mehr werden wir dessen gewahr, wenn wir nach dem Abrißgebiet fragen. Frische Abrisse sind nicht mehr zu sehen, alles ist vernarbt durch Vegetation und durch spätere ausgleichende und verwischende Ver-witterungs- und Erosionsarbeit. Wir finden aber doch noch die Nische, welche im Berge durch diesen gewaltigen Ausbruch entstanden ist: es ist das Gebiet der Alpen Cassons und Segnes, die Lücke zwischen Flimserstein und Piz Grisch. Wahrscheinlich ging früher der gegen Süd gerichtete gewaltige Kalkabsturz des Flimsersteines ( Crap da Flem ) über Flims weiter westlich fort, und die Hochfläche des Flimsersteines setzte ohne Unterbruch nach Alp Nagiens hinüber. In der ganzen gegen Südwest gekehrten Wand des Flimsersteines erkennen wir noch einen Theil des alten Abrißrandes, ebenso vielleicht in der Kalkwand, die westlich von Segnes sut gegen Piz Grisch ansteigt.

Die obere Grenze des Abrisses ist nicht mehr festzustellen. Ob er bis an die Tschingelspitzen oder Mannen hinauf gegriffen hat, ist sehr fraglich. Wir haben ferner Gründe dafür, uns vorzustellen, daß vor dem Bergsturze der Rhein weiter gegen Norden ausgebogen und vielleicht wenig südlich von Waldhäuser den damals breiteren Flimserstein in tiefem Niveau unterspülte, so daß des letztern Absturz ohne Unterbruch 1300 bis 1400 m Höhe betragen haben mag. Heute ist dieser Thalkessel ausgefüllt, der Rhein südlich gedrängt, der Bergrand nördlich zurückgewichen, die Böschung ausgeglichen, so daß man jetzt leicht zur Frage kommen kann, wo denn die nöthige Steilheit für einen großen Bergsturz gewesen sei — der Bergsturz selbst hat sie eben auf mildes Maß reducirt, er hat das Uebersteile ausgeglichen. Zudem fallen die Kalkschichten des Flimsersteines, wie der Flächen von Fidaz über Flims und Foppa bis Cassons, mit 15 bis 30° gegen Süd-Süd-Ost ab. Diese Schichtlage mußte die Abtrennung wesentlich erleichtern. Auf diesen Schichtflächen ist die Abratschung des der Stütze beraubten, unten sehr mächtigen, nach oben allmälig an Dicke abnehmenden Stückes des ursprünglichen Flimsersteines erfolgt und dadurch erst der jetzige Flimserstein in seiner gegenwärtigen Gestalt aus dem massigeren Gebirge herausgetrennt worden. Das Gestein hat sich durch Abbruche quer zu den Schichten getrennt und ist dann in der Richtung der Schichten geglitten und gestürzt. Daß wie bei Goldau Durohweichung von Mergellagern wesentlich mit im Spiele gewesen sei, ist bei dem Gesteinsbau dieses Gebietes nicht wahr- scheinlich, wir müssen die Ursache mehr in Untergrabung durch die Thalbildung suchen. Der Flimser Bergsturz war, wie die Schichtlagen im Abrißgebiet und die größeren im Ablagerungsgebiet gebliebenen Schichtfetzen zeigen, nicht reiner Felssturz, er war noch mehr Felsschlipf ( Bewegung abgleitend, Schicht auf Schicht ). Die ebenen, nur mit wenig Schutt und Vegetation lückenhaft überzogenen schiefen Kalkstein-schichtflächen der Alp Cassons und von Foppa sind Theile vom geschürften Boden der Sturzbahn.

Wenn wir das Gebiet durchwandernd uns über die geringe Böschung des Bergsturzes wundern, kann ein Vergleich mit andern Bergstürzen unserer Vorstellung nachhelfen. Ziehen wir vom obern Rande des Abriß-gebietes nach dem gegenüberstehenden untern Ende des Ablagerungsgebietes eine gerade Linie, so bietet uns deren Neigung ein Maß für die Gesammtböschung des Sturzes. Wo nur kleinere Stücke, eins nach dem andern, abbrechen, wird diese Böschung wenigstens so groß, wie die höchstmögliche Böschung trockener Schutthalden, d.h. wenigstens 30Felsberg etc. ). Je größer die stürzenden Massen, desto weiter hinaus gehen sie, desto flacher wird die Gesammtböschung des Sturzes. Bei Elm mit 10 Millionen m8 Schutt beträgt sie 14 bis 16 °, bei Goldau mit 15 Millionen m3 Schutt noch 12°, bei Flims mit 15000 Millionen mS Schutt 6 bis 8°, gewiß ein ganz begreifliches Verhältniß. Wer übrigens vom Rand des Flimsersteins nach Flims hinunter und nach Valendas hinüberschaut, der begreift und übersieht dasjenige leicht, was dem unten auf dem Schutthaufen Stehenden unverständlich erscheint. Je größer die Masse der Trümmer, desto kleiner wird der einzelne Block im Vergleich zum Ganzen, und desto mehr ähnelt die Bewegung des Schuttes derjenigen einer Lawine oder einer Flüssigkeit, wir erhalten die Phänomene der Schuttströme. ( Näheres hierüber in: Albert Heim, Ueber Bergstürze. Zürich, Verlag von J. Wurster & Comp. ) Daß der Bergsturz von Flims zuerst den Rhein zu einem See gestaut hielt, läßt sich mit aller Schärfe nachweisen. Links und rechts des Glenner oberhalb Ilanz sind noch jetzt Stücke eines aus geschichtetem Sand und Kies bestehenden Glennerdeltas vortrefflich erhalten, das in jenen See über Ilanz damals hinausgespült wurde. Ueber St. Nicolaus, bei Schleuis, Seewis etc. fehlen die alten Seeuferlinien und Terrassen verschiedener Wasserstände nicht. Selbst bis gegen Dissentis hinauf scheint die Stauung wirksam gewesen zu sein und Deltabildungen begünstigt zu haben. Heute aber ist 's anders geworden: Der Rhein hat den Schuttberg in Gestalt einer wilden Schlucht durchschnitten, er arbeitet jetzt daran, die Schlucht nodi zu verbreitern, indem er sich unterspülend vom einen Bord an 's andere wirft. Beiderseits treten Abrutschungen und Nachbrüche ein — nicht allzu lebhaft, denn die Flimserbreccie ist zäher als man denken möchte, sie erträgt steile Böschungen während langer Zeit. Diesen tiefen Einschnitt hat aber der Rhein nicht so rasch zu Stande gebracht. Wir finden beiderseits in Gestalt ausgezeichneter aus dem Bergschutt geschnittener Terrassen die Reste verschiedener Höhenlagen des Rheindurchbruches und können daran das allmälige 20 Einsägen und allmälige Entleeren des Sees von Ilanz verfolgen. Dadurch ist aber auch die ursprüngliche Oberflächengestalt des Schuttes vielfach verwischt.

Gleichzeitig mit dem Einschneiden des Rheines gewannen auch wieder die in denselben mündenden Seitenflüsse und Bäche das vorher verlorene Gefälle. Auch sie fingen an, sich einzuschneiden und ihre Einschnitte thalaufwärts immer weiter zu verlängern. So entstanden das Versamertobel, die Terrassen des Flem-baches von Mulins gegen Pintrun, das Tobel des Flem-baches von Pintrun bis in den Rhein, das untere Carreratobel und das schauerliche Laaxertobel. Das letztere gehört zu den grausigsten und eigenthümlichsten Erosionsschluchten der Schweiz. Stets schneidet es sich tiefer ein, stets brechen seine Wände breiter nach und stets greift es weiter bergaufwärts. Man kann hier sehr schön studiren, wie die Ausspülung der Thäler unten beginnt und dem Wasser entgegen nach oben sich fortsetzt und wie alle steilen Schnellen durch stärkere Austiefung rückwärts wandern. Ich verdanke Herrn Pfarrer Candrian in Flims die Mittheilung, daß eine Straße, welche früher von Laax in directer Linie nach Sagens ging, durch die Verbreiterung des Laaxertobels gänzlich unterbrochen worden ist, und daß von 1843 bis 1880 sich dort die Schlucht stellenweise um 10 bis 15 Meter, stellenweise aber um 50 m verbreitert hat. Ueber dem jetzigen oberen Ende des Laaxertobels fließt der Bach friedlich ohne große Ausspülung an der Oberfläche des Bergschuttes. Bei Runca aber, wo das Gefälle der Schuttoberfläche wieder größer ist, hat er ein oberes Laaxertobel in den Schutt ein- geschnitten, das freilich dem untern nicht gleichkommt. Von unten nach oben einreißend, werden die jetzigen und neue Schluchten im Laufe der Jahrhunderte den Schuttberg von Flims allmälig noch mehr und mehr durchfurchen, und der Rhein wird langsam in zer-kleinerter Form aus dem Gebirge hinausspulen, was auf einen Schlag einst in seinen Weg sich geworfen hat. Wann ist dieser gewaltigste Bergsturz zu Thal gefahren? Haben Menschen das Ereigniß erlebt? Alter Urwald bedeckt stellenweise den Schutt. Historische Berichte wissen nichts von einem großen Bergsturz im Oberland, selbst die Sage scheint ihn nicht zu kennen. In der Nähe von Laax, bei Carrera und in dem Stück, welches zwischen dem alten Sträßchen von Bonaduz nach Versam und dem Rheine liegt, habe ich eine ziemliehe Anzahl gewaltiger erratischer Blöcke oben auf dem Bergschutt liegend gefunden. Sie bestehen meistens aus dem Hornblendegranit von Val Puntaiglas und Val Frisai und hie und da auch noch aus andern im höhere Oberland, aber nicht im Abrißgebiet des Bergsturzes vorkommenden Gesteinsarten. In andern Gebieten des Bergsturzes, die ich bisher nicht genauer durchsucht habe, mögen sie ebenfalls vorkommen. Immerhin scheinen erratische Blöcke und Moränen auf dem Bergschutte spärlich zu sein. Diese Beobachtungen lehren uns, daß die alten Gletscher, welche einst das ganze Rheinthal zur Eiszeit hinuntergestiegen sind, den Bergsturz von Flims schon vorgefunden haben, oder daß er in einer Zwischenzeit vor Schluß der Eiszeit niedergebrochen ist. Die Gletscher haben den Schutthaufen nicht ausgehobelt oder ausgeschürft, sondern überstiegen, woraus wiederum ersichtlich ist, wie untergeordnet die Einwirkung der Gletscher auf die Thalbildung überhaupt ist. Ob die Gletscher seit dem Bergsturz noch bis in 's Flachland hinausgegangen sind, oder ob sie nur innerhalb der Alpenthäler noch einzelne Schwankungen in ihrem Stande erlitten, ist wohl nicht zu entscheiden. Menschen haben damai » schon das Hügelland der Schweiz bewohnt, daß sie aber schon in die Bergthäler eingewandert waren, ist unwahrscheinlich. Der große Flimserbergsturz gehört einer weit hinter der historischen Zeit zurückliegenden Epoche an, und es ist sehr fraglich, ob, da er niederdonnerte, sein Schall an eines Menschen Ohr schlug und ob die aufwirbelnden Staubwolken und nachher die schauerliche kahle Felswüste von eines Menschen Auge erblickt worden ist. Wahrscheinlich hatte schon wieder Wald alle Zerstörung milde eingehüllt, als Menschen eindrangen, und vielleicht haben diese nur noch einen zusammengeschwundenen See hinter dem Schutthaufen vorgefunden.

Unsere Kenntniß des Flimserbergsturzes ist noch keineswegs vollkommen. Es wäre wünschbar, noch genauer die Vertheilung der verschiedenen Gesteinsarten in der Breccie zu untersuchen. Finden sich darin auch Blöcke von Unterjura, Kreide- und Tertiärbildungen, und wenn ja, wo und in welchen Mengenverhältnissen? Wo überall sind größere Schichtstücke eingeschlossen, aus was für Gesteinen bestehen sie alle und wie sind sie angeordnet, wie liegen sie? Die ganze Oberfläche sollte genau auf erratische Bildungen durchsucht werden und ebenso festgestellt werden, ob nicht am Grunde der Flußeinschnitte unter der Breccie oder in derselben eingeschlossen auch noch erratische Blöcke zum Vorschein kommen. Zeigt die obere Grenze der Gletscherwirkungen im Vorderrheinthal einen Einfluß des Bergsturzes oder bleibt ihr Gefälle unverändert? Welches sind die Quellenverhältnisse des Schuttgebietes? Sind auf den Flächen der Sturzbahn noch Rutschschrammen zu finden? Welche weiteren Angaben lassen sich über Fortschreiten der Erosion im Schuttgebiete feststellen etc.?

Ich könnte noch mehr fragen und nachher auch mehr beantworten. Jede Erkenntniß weckt ja stets neue Fragen, und jede Untersuchung ist unvollständig und begrenzt, die Wahrheit aber ist unendlich, weil Alles in Zusammenhang steht. Jeder neue Besuch eines solchen Gebietes lehrt uns Neues und bereitet Auge und Geist neue Freuden. Brechen wir die Fragen ab und reisen wir nach Flims!

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