Der Bergsteiger Friedrich Nietzsche

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Von Sepp Walcher

( Wien ) Unbändige Lust! Welches Gefühl gleicht dir im Augenblick des neu gewonnenen Lebens, wenn der rettende Griff erreicht ist oder der Lawine Tod und Vernichtung vorüberrauschte.

Was aber wäre zum Zweiten alles Bergsteigen, brächte es uns nicht der Freude hellen Schein! Unglücklich der Mensch, der sich nicht freuen kann und dem nicht von Zeit zu Zeit das Herz im Leibe hüpfte voll Fröhlichkeit. Bedauernswert, wer sich nicht ab und zu Groll und Ärger aus der Seele lachen kann.

29«Seit es Menschen gibt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: Das allein, meine Brüder, ist unsre Erbsünde. » Tief ist die Kluft zwischen einem Schlemmer und einem Genügsamen, miss-günstig blinzeln sie sich gegenseitig an und jeder glaubt, der Bessere zu sein. O Irrtum, wie bist du gross! Gleicht nicht das Zuviel des einen das Zuwenig des anderen aus? Wird hier nicht der richtige Weg von selbst gewiesen? Arm, wer nur im Genüsse des Lebens Sinn erblickt, arm, wer verschmäht, was über Wasser geht und Brot, und arm beide, wenn nicht die Freude Pate des Genusses ist.

30«Aber gut essen und trinken, o meine Brüder, ist wahrlich keine eitle Kunst! Zerbrecht, zerbrecht mir die Tafeln der Nimmer-Frohen! » Die Alpen - 1948 - Les Alpes10 Lust und Leid! Geht ihr nicht beide Hand in Hand neben mir, wenn ich im Purpurlicht des Abends mit dem geliebten Menschen vom Berg abwärts-steige in das Tal? Wird nicht beim letzten Händedruck Lust zu Leid und wandelt nicht die Hoffnung auf den kommenden neuen Tag das Leid wieder zu Lust? Will Lust nie enden? gl«0 Mensch! Gib acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

Ich schlief, ich schlief —, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: — Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht.

Tief ist ihr Weh —, Lust — tiefer noch als Herzeleid:

Weh spricht: Vergeh!

Doch alle Lust will Ewigkeit —, will tiefe, tiefe Ewigkeit! » Schönheit Wer vermag in Worte zu fassen all das Schöne, das uns die Tage in den Bergen schenken? Wer vermag die Stunden wunschlosen Schauens, Tat ohne Tun, festzuhalten? Nach immer neuer Schönheit schauen wir aus, immer neue Schönheit suchen wir, Tag um Tag. Was ist uns der Firne Leuchten, der Felsen tiefes Glühen und was des Himmels unergründliches Blau?

32«Himmel über mir, du Reiner! Tiefer! Du Licht-Abgrund! Dich schauend, schaudere ich vor göttlichen Begierden. » 33«Und wanderte ich allein: wes hungerte meine Seele in Nächten und Irr-Pfaden? Und stieg ich Berge, wen suchte ich je, wenn nicht dich, auf Bergen?

Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Not war 's nur und ein Behelf des Unbeholfenen: — fliegen allein will mein ganzer Wille, in dich hinein fliegen! » Wer weiss nicht, wie Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Tag und Nacht, Nebel und Sonne unsere Stimmung lenkt und gestaltet? Wessen Herz wurde nicht leichter, wenn nach stundenlangem Gehen im düsteren, feuchten Nebel plötzlich die Sonne das Grau durchbrach und hoch oben der Himmel langsam erblaute, und wer wurde nicht stiller und in sich gekehrt, wenn das Sonnenlicht erlosch, wenn sich schwere Wolken vor das leuchtende Blau schoben und in den Klüften und Gründen der Wind erwachte? Welches Bergsteigerherz drängt nicht nach Licht, und welchem Bergsteigerherzen ist die Sonne nicht ein Heiligtum?

34«— schon kommt sie, die Glühende, ihre Liebe zur Erde kommt! Unschuld und Schöpfer-Begier ist alle Sonnen-Liebe! » Was aber wäre aller Schönheit Sein und Erscheinung ohne den Sehenden Wiesen und Blumen, Wälder und Berge, Bäche und Seen, ziehender Wolken wandelnde Gestalten und des Himmels Blau sieht jedes Auge. Wort und Laut, der Töne Klingen, des Akkordes feierliches Strömen und des Sturmes Brausen. :.. ' ",, hört jedes Ohr. Was aber wäre das alles dem Auge und dem Ohr ohne einer Seele Erfassung und Verstehen? Ruf muss sie sein, alle Schönheit, Ruf, der weckt, was in unserer Seele schläft, warmer Regen muss sie sein dem Samen, der in uns hineingelegt wurde, dass er ergrünend zu dem werde, wozu er bestimmt.

Wo aber der Seele Erfassen fehlt, wo kein Same auf Erweckung harrt, da gleitet aller Schönheit Schwingen und Klingen vorüber, wie der Wolken Schatten über den kalten Firn.

Ewige Schönheit, nimmermüdes Schauen! Steigt das Verlangen nach dir nicht auch aus unseres Wesens Tiefe? Bist du nicht auch nur Erfüllung eines heissen Begehrens und eines mächtigen Triebes Drang? Was aber drängt nach dir? Ist es unserer Muskel geschwellte Kraft? Unseres Körpers ewiges Verlangen nach Besitz? Unseres Blutes ruheloses Begehren nach immer Neuem, Fernem, noch Unerreichtem? Mag sein. Ich aber weiss, Schönheit ist letzte Wahrheit, ist Ruhe und seliger Friede nach rastlosem Streben, ist aller Sehnsucht Ende, ist das strahlende Licht der Heimat unserer Seele. I Nie erschöpfte Schönheit! Wunschloses Schauen! Tat ohne Tat! Lehrt nicht uraltes Wort: « Das Höchste ist ohne Tun! » 35«Mit Donnern und himmlischen Feuerwerken muss man zu schlaffen und schlafenden Sinnen reden. Aber der Schönheit Stimme redet leise: sie schleicht sich nur in die aufgewecktesten Seelen. » Liebe Wenig Freunde hat mir das Leben geschenkt. Die besten sind nicht mehr. « Verdorben, gestorben in Lust und in Leid! » In stillen Nächten, wenn wir beim Lagerfeuer sassen, oder auch an sonnigen Tagen, wenn wir in der blumigen Bergwiese lagen, weil keines Triebes Ruf zum Tun uns drängte, sprachen wir manchmal von uns selbst, vom Sinn unseres Wollens und Wanderns. Und manchmal sprachen wir auch von der Liebe, scheu und ängstlich, denn wir schämten uns. « Wir lieben die Berge », sagten die Freunde, und ich sagte es auch. Da glaubten wir den Sinn unseres Tuns und der Frage letzte Antwort gefunden zu haben.

Lange schon sind die Freunde nicht mehr. Allein wandere ich von Berg zu Berg, Jahr um Jahr, im Sonnenschein und Blumenblühn des Sommers und in des Winters wildem Flockentanz. Muss es da nicht wahr sein, dass ich die Berge liebe?

Liebe ist Kraft des Lebens. Liebe ist Kraft des Lebens. Liebe ist Verlangen Verlangen der Erfüllung In der Erfüllung werden sie aufs neue geboren. Was war, wird Erinnerung, bleibt Erinnerung, bis es langsam verblasst.

36«Eure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer höchsten Hoffnung: und eure höchste Hoffnung sei der höchste Gedanke des Lebens! » Von Berg zu Berg zog ich, getrieben von Wunsch und Wille, Erfüllung wollte ich, und sie ward mir. Liebte ich da die Berge oder vielleicht nur der Erfüllung köstliche Stunde? Ich weiss, die Berge sind nur der Spiegel, in dem ich meiner Liebe Verlangen brennen sehe, hell und heiss!

Liebe ist Licht der Seele! Liebe ist Verzichten, Verzichten heisst nichts fordern für sich. Im Verzichten offenbart sich die Stärke der Seele und die Grosse der Liebe. Wog sie nicht am schwersten dort, wo sie keine Erfüllung fand? Das Unerreichte bleibt brennende Sehnsucht bis zum letzten Tag. 37«Lieben und Untergehen: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist, willig auch sein zum Tode. » II Und wieder höre ich uralter Worte Klang: « Es gibt nur ein Böses in der Welt: Selbstsucht, und alles, was du Sünde, Knechtschaft, Leiden nennst, fliesst aus ihr. Es gibt nur ein Gutes in der Welt: Selbstlosigkeit — und Erlösung fliesst aus ihr. » Liebe ist Sehnsucht nach dem Grossen, Unbekannten, nach einem Reiche ewiger Wahrheit und Schönheit, nach der Seele Heimat.

37 a«Alle grosse Liebe will nicht Liebe: — die will mehr. » Sehnsucht 380 Lebens Mittag! Feierliche Zeit! 0 Sommergarten!

Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten: — Der Freunde harr'ich, Tag und Nacht bereit, Wo bleibt ihr, Freunde? Kommt! !'s ist Zeit! !'s ist Zeit!

War's nicht für euch, dass sich des Gletschers Grau Heut schmückt mit Rosen?

Euch sucht der Bach, sehnsüchtig drängen, stossen Sich Winde und Wolke höher heut ins Blau, Nach euch zu spähn aus fernster Vogels-Schau.

Im Höchsten ward für euch mein Tisch gedeckt: — Wer wohnt den Sternen So nahe, wer des Abgrunds grausten Fernen? Mein Reich — welch Reich hat weiter sich gereckt? Und meinen Honig — wer hat ihn geschmecktIch suchte, wo der Wind am schärfsten weht? Ich lernte wohnen, Wo niemand wohnt, in öden Eisbär-Zonen, Verlernte Mensch und Gott, Fluch und Gebet? Ward zum Gespenst, das über Gletscher geht?

— Ihr alten Freunde! Seht! nun blickt ihr bleich, Voll Lieb'und Grausen!

Nein, geht! Zürnt nicht! Hier — könnt ihr nicht hausen:

Hier zwischen fernstem Eis- und Felsenreich — Hier muss man Jäger sein und gemsengleich. » Noch zittern die letzten Erregungen des Bergerlebens in uns, noch hat uns der Alltag nicht einbezogen in den Rhythmus seines Gleichschrittes, da merken wir, wie schon wieder leise in uns das Verlangen erwacht nach neuem Tun und Schauen. Pochenden Herzens lauschen wir in uns hinein.

39«Meine weise Sehnsucht schrie und lachte also aus mir, die auf Bergen geboren ist, eine wilde Weisheit wahrlichmeine grosse, flügelbrausende Sehnsucht. » Ewiges Wandern und Suchen, ewiges Hoffen von heute auf morgen; durch wieviel Geschlechterreihen bist du schon gegangen, ohne Rast, ohne Ruhe. Ewige Sehnsucht des Herzens nach Glück und Heimat.

40«Wo ist — mein Heim? Darnach frage und suche und suchte ich, das fand ich nicht. 0 ewiges Überall, o ewiges Nirgendwo, o ewiges — Umsonst! » 41«Ach, wohin soll ich nun noch steigen mit meiner Sehnsucht! Von allen Bergen schaue ich aus nach Vater- und Mutterländern. » Ist das ganze Leben nicht ein Tasten und Ringen um Ruhe und Geborgenheit? Wo ist die Heimat, die alle suchen? Auf- und abwärts geht unser Weg; von der Hoffnung zur Enttäuschung, von der Enttäuschung aufs neue zur Hoffnung, bis wir sie dann eines Tages entdecken, die Heimat, tief in unserem Herzen.

Nun neigt sich die Sonne aber schon langsam dem Untergange zu. Ihr goldenes Licht überstrahlt das gefundene Land und leuchtet tief hinab auf den Grund unseres Wesens. Klar erkennen wir jetzt unser wahres Ich in seiner ganzen Kleinheit und Grosse.

Alles Leben, Erleben.Verleben in den Bergen, ein Gleichnis ist es und Symbol.

III « Die ersten Hügel im Tiefland sind erstiegen, es lichten sich die Nebel:

— vor dir, in schier unabsehbaren Fernen leuchten die Höhen von Himavat.

Öffne dein Auge göttlichem Lichte — du schaust wahrhaft — und zuschanden geworden ist alle irdische Weisheit. » Und würden die Blumen des bergenden Tales noch so herrlich blühen, würden uns die zarten Lüfte sonniger Gestade noch so sanft umschmeicheln, böte uns Mutter Erde nur Lust und Freuden, ewig lockte der eisigen Höhen Leuchten, nie verstummte der Seele Ruf. « Für dich, o Herr, hast du uns geschaffen; unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir. » ( Augustin. ) Wanderer sind alle Menschen. Kommen und Gehen sind die Pole ihres Seins; was dazwischen liegt, ist das Leben mit seiner ganzen Herrlichkeit und Grausamkeit. Viele Antworten gibt es auf die uralten Fragen: Woher, Wohin — und keine. Nur dass wir sind, das wissen wir, und dass wir so sind, wie wir uns erleben. Unsere Augen sehen, unsere Ohren hören, unser Herz fühlt, unser Hirn denkt und unsere Seele mahnt und ruft. Aber keiner von uns kann mehr sehen, mehr hören, mehr fühlen, mehr denken als ihm gegeben ist. Viele Möglichkeiten hat Mutter Natur in uns gelegt. Was wir schliesslich werden und wie wir werden, mag wohl die Welt entscheiden, in der zu leben uns das Geschick bestimmt.

Wir Berge-Ersteiger aber danken diesem Geschick, dass es uns in eine Welt der Höhen und Tiefen führte, in eine Welt des Kampfes, der Lust und des Leides und erhabener Schönheit, dass es uns die Kraft gab zur befreienden Tat, einer nimmermüden Sehnsucht rastloses Vorwärtsdrängen und einer göttlichen Seele strahlendes Licht.

42«Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe die Ebenen nicht, und es scheint, ich kann nicht lange stillsitzen.

Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme, ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selber. » Verzeichnis der Belegstellen Baeumler: Nietzsche-Werke, Verlag Alfred Kröner, Leipzig Seite 1Vom Baum am Berg43 2Vom Geist der Schwere215 3Das Honigopfer263 4Zarathustras Vorrede20 5Von alten und neuen Tafeln225 6Von der Selbstüberwindung124 7Von alten und jungen Weiblein69 8Von der schenkenden Tugend81 9Der Wanderer168 10Auf den glückseligen Inseln91 11Das Grablied121 12Von der unbefleckten Erkenntnis133 13Vom höheren Menschen319 14Von alten und neuen Tafeln221 15Von der Wissenschaft335 16Der Schatten303 17Von der Selbstüberwindung124 18Vom freien Tode77 19Von der schenkenden Tugend82 20Vom Gesinde1105 21Vom Krieg und Kriegsvolke49 22Die stillste Stunde162 23Von der Selbstüberwindung123 24Von den Mitleidigen95 25Von grossen Ereignissen144 26Von alten und neuen Tafeln230 27Von den Fliegen des Marktes54 28o » » » » 54 29Von den Mitleidigen94 30Von alten und neuen Tafeln226 31Das Zeichen359 32Vor Sonnen Aufgang180 33 » »»181 34Von den Gelehrten135 36 Von den Tugendhaften99 36Vom Krieg und Kriegsvolk50 37Von den Gelehrten134 37 a Vom höheren Menschen326 38Aus hohen Bergen ( Jenseits von Gut und Böse ) .234 39Von alten und neuen Tafeln218 40 Mittags304 41Vom Lande der Bildung131 42Der Wanderer167 I, II, III. Omar al Raschid Bey, Das hohe Ziel der Erkenntnis. Aranada Upanishad.

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