Der Nordgrat des Mettenberg

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Der Nordgrat des Mettenberg ist der lange Felsgrat, welcher zwischen dem oberen und dem unteren Grindelwaldgletscher die linke Seitenwand des Tales von Grindelwald bildet. Der oberste Teil des Grates und der Gipfel selbst sind von Grindelwald aus nicht sichtbar. Dies kommt daher, daß der Grat bei Punkt 2873 des Siegfriedatlas aus der Nord-Südrichtung umbiegt in die Richtung Nordwest-Süd-ost, so daß das letzte Gratstück und der Gipfel dem Grindelwalder Beobachter verdeckt wird durch tiefere Teile des Grates und durch einen niedrigeren Vorgipfel. Der Grat beginnt über dem oberen Grindelwaldgletscher mit einem prächtigen Felsturm, Punkt 2148 des Siegfried atlas ( vgl. das Bild auf Seite 280 ); im folgenden wird dieser nördlichste Gratturm kurz als der Nordturm bezeichnet. Vom Nordturm an verläuft der Grat im allgemeinen scheinbar parallel zur Lütschine an ihrem linken Ufer. Diese Lage behält der Grat anscheinend im wesentlichen bei bis dorthin, wo das Seitental des unteren Grindelwaldgletschers, welches zwischen Mettenberg und Eiger herabzieht, in das Tal der schwarzen Lütschine heruntertritt. Unser Grat beherrscht also das Grindelwaldtal auf seinem linken Ufer zwischen dem Wetterhorn und dem Eiger. Sein Steilabfall ins Grindelwaldtal, seine Grattürme und Einschartungen gehören zu dem, was dem Besucher Grindelwalds am meisten in die Augen fällt; denn er hat all dies gerade vor sich und dazu sehr nahe vor den Augen. Der oberste Teil des Grates und auch der Gipfel sind von Punkten, welche nahe bei Grindelwald liegen, sichtbar; so ist vom Dörfchen Duftbach aus ( vgl. das Bild auf Seite 282 ) und vom Wald spitz aus ( vgl. das Bild auf Seite 283 ) der ganze Grat vom Nordturm bis zum Gipfel zu überblicken.

Der Grat verläuft nur anscheinend parallel dem Tale von Grindelwald. Eine genaue Besichtigung oder die Betrachtung der Karte lehrt, daß der Grat desto weiter vom Lütschinental zurücktritt, je höher er gegen den Gipfel ansteigt. Das Grindelwaldtal ( Tal der schwarzen Lütschine ) verläuft nämlich vom Hotel Wetterhorn bis Grindelwald in der Richtung ONO—WSW. Der Grat aber streicht vom Nordturm ( Punkt 2148 ) zuerst in der Richtung von NNO nach SSW bis zum Punkte 2419; von dort ist er genau von Nord nach Süd gerichtet bis Punkt 2873; von hier zum Gipfel, Punkt 3107, streicht er von NW nach SO.

Das Gestein des Grates ist vom Tale an bis zur Scharte bei Punkt 2419 Hochgebirgskalk ( Malm ). Von hier an nach aufwärts besteht es aus kristallinischem Urgestein ( Gneis ). Der Übergang ist ein ganz plötzlicher. Jeder Begelier des Grates, auch der, welcher sich für Gesteine gar nicht interessiert, wird diesen Übergang sehr deutlich wahrnehmen: Bis zur genannten Scharte glatter Fels, auf welchem der Nagelschuh keinen Halt findet, wo er schon bei geringer Steigung des Felsens abgleitet und wo unbenagelte Schuhe mit Hanfsohlen ( „ Kletterschuhe " ) weit bessere Dienste leisten. Von der Scharte an hingegen prächtige Kletterei; der Nagelschuh findet auf dem kleinsten Tritte festen Halt, denn der Gneis ist mit unzähligen kleinsten Rauhigkeiten und Vorsprüngen versehen.

Der Mettenberg wurde über diesen prächtigen Grat zum erstenmal erstiegen am 19. August 1912 von dem Unterzeichneten und Dr. Alfred Leuchtag mit den Führern Emil Steuri und Josef Maria Biner. Die „ Erschließung " der Alpen ist sehr weit vorgeschritten. Wie kommt es denn, daß dieser lange, schöne Grat nicht schon früher begangen worden ist? Er erhebt sich, sozusagen greifbar nahe, vor Grindelwald, einem Touristenzentrum ersten Ranges. Seine Schwierigkeiten sind keineswegs zu unterschätzen, doch sind dieselben nirgends extrem groß. Diese sind es also sicher nicht, welche dem Grate bisher seine „ Jungfräulichkeit " bewahrt haben. Des Rätsels Lösung dürfte nicht schwer sein: Der Grat ist bisher jungfräulich geblieben, weil er bei Grindelwald liegt. Das Bessere ist ein Feind des Guten, das Gewaltige, Erhabene, Großartige ist ein Feind des bloß Schönen. Neben dem Nordostgrate des Eiger, neben der Westwand des Wetterhorns wurde der Nordgrat des Mettenbergs nicht beachtet, ein Grat, welcher in einer bescheideneren Gebirgsgruppe vielleicht den Clou, den Glanzpunkt des Ganzen bilden würde.

Die alpine Geschichte des Grates ist ziemlich kurz. Das Hauptverdienst, diesen Grat „ entdeckt " zu haben, gebührt dem Grindelwaldner Führer Emil Steuri. Schon vor mehreren Jahren hatte er mit seinem Bruder Fritz den Nordturm erstiegen und dort einen großen Steinmann erbaut, welchen man von Grindelwald sehr gut sieht. Seither hat er mehrere Touristen auf diesen Nordturm geführt, deren Karten dort oben in einer Flasche verwahrt sind. Er und sein Bruder Fritz waren es, die bei der teilweisen Begehung des Grates durch Herrn Rothermundt als Führer fungierten, von welcher Tour weiter unten noch die Rede sein wird. Er war es endlich, der mich bei der ersten Nordgrat-Ersteigung des Mettenberg geführt hat.

Letzten Sommer, am 9. August, ich war eben gerade von Courmayeur in Grindelwald angekommen, sah ich, daß der Concierge des Hotels Scbönegg vom Garten aus durch das Hotelfernrohr sehr eifrig und anhaltend den Mettenberg-Nordgrat beobachtete. Dies fiel mir auf; denn der Concierge ist ein Grindelwaldner, hat also seit seiner Kindheit diesen Grat vor Augen. Ich wurde also aufmerksam und fragte, ob es etwas Besonderes gebe. Ich erfuhr nun, daß Herr stud. jur. W. Rothermundt mit den Grindelwaldner Führern Emil und Fritz Steuri den Aufstieg von dieser Seite auf den Mettenberg versuche; ich war überrascht, zu hören, daß dieser Grat noch nie gemacht war. Dies war mir ganz neu und unerwartet; ich hatte zwar den Grat schon in früheren Jahren oft vor mir gesehen, ihm aber keine Aufmerksamkeit geschenkt und mich überhaupt um den Mettenberg im ganzen wenig gekümmert. Herr Rothermundt traf erst gegen 9 Uhr abends, als es schon ganz finster war, im Hotel ein. So hatte ich erst am nächsten Tage Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, und erfuhr nun, daß er den Nordturm erstiegen, dann ein Stück des Grates begangen, aber den Gipfel nicht erreicht hatte, sondern über den Wechselgletscher abgestiegen war. Es waren schwarze Wolken aufgezogen, man rechnete mit der Möglichkeit eines Gewitters und wollte sich vernünftigerweise einem Gewitter auf dem Grate nicht aussetzen. Da Herr Rothermundt die Tour nicht wiederholen wollte ( sein Aufenthalt in Grindelwald näherte sich dem Ende ), so verabredete ich mit ihm, daß ich mit Emil Steuri die Tour versuchen werde, sobald ein Freund von mir, welchen ich erwartete, in Grindelwald eintreffe. Einige Tage darauf kam Dr. Alfred Leuchtag an und am 18. abends erschien mit dem letzten Zuge auch der Führer Joseph Maria Biner aus St. Nikiaus a. d. Visp, mit welchem Dr. Leuchtag mehrere Hochtouren im Oberland, im Wallis und in der Mont Blanc-Gruppe ausführen wollte. Ich hatte Biner, meinen langjährigen Führer, am Bahnhofe erwartet. Auf dem Wege zum Hotel gesellte sich noch Emil Steuri zu uns und ich machte Biner in kurzen Worten Mitteilung von der für morgen beabsichtigten Tour. Steuri sollte am kommenden Tage eine Stunde vor uns aufbrechen und zum Chalet Milchbach vorausgehen, dort die Hausleute wecken und das Frühstück vorbereiten lassen. Als wir im Hotel eintrafen, hatte sich mein Freund schon zur Ruhe begeben und wir folgten seinem Beispiele.

Am nächsten Morgen verließen wir um 4 Uhr 10 Minuten Grindelwald. Wir hatten in den guten Hotelbetten ordentlich geschlafen. Es war ganz finster. Der Himmel war von dunkeln Wolken bedeckt, und während wir die Fahrstraße zum Hotel Wetterhorn hinaufgingen, begann es zu regnen. Erst fielen nur einzelne Tropfen, bald wurde es aber so ungemütlich, daß wir die Wettermäntel aus dem Rucksacke nahmen und anzogen. Wir sprachen sogar schon davon, ob es nicht klüger wäre, gleich umzukehren; bei dem ganz bedeckten Himmel war ja eine Besserung kaum zu hoffen und der Charakter des Wetters im ganzen Sommer 1912 ließ uns diesbezüglich das »Schlechteste erwarten. Doch wir einigten uns dahin, wenigstens bis zum Chalet Milchbach zu gehen, weil Steuri schon dorthin vorausgegangen war; dort wollten wir frühstücken und uns dann entschließen. Beim Hotel Wetterhorn war es licht geworden und der Regen hatte aufgehört. Um 5 Uhr 35 Min. kamen wir in Milchbach an; Steuri erwartete uns hier, das Wasser brodelte schon im Kessel, wir nahmen das Frühstück und entschieden uns, den Aufstieg zu versuchen, obwohl der Himmel noch ganz voll drohender Wolken war. So brachen wir um 6 Uhr 15 Min. auf, gingen den Weg durch die Milchbachschlucht und verließen in der Rasenmulde des „ Unteren Wechsel " den alten, zum oberen Grindelwaldgletscher führenden Weg. Es war 7 Uhr. Hier hatte man den gewaltigen Nordturm ( Punkt 2148 ) vor sich, welchen wir schon von der Milchbachschlucht aus gesehen hatten ( vgl. das gegenüberstehende Bild ). Doch wie hatte sich seine Form geändert! Von der Milchbachschlucht aus war er als edelgeformter, schlanker Turm erschienen, vom Wechsel aus, also von Osten betrachtet, präsentierte er sich breit und massiv.

Die nächste Aufgabe war nun, diesen Turm zu ersteigen. Wir gingen einer Ziegenspur entlang über Rasenhänge, welche ab und zu von Platten durchsetzt waren. Die Platten waren hier niedrig und wenig geneigt, ihr Gestein aber, aus Malm bestehend, war so glatt, daß sie mit den Nagelschuhen recht achtsam begangen werden mußten. Da und dort blühten Alpenrosen. Nach einer halben Stunde standen wir am Fuße des steilen Wandaufbaues, an der Ostseite des Turmes. Die folgende Kletterei erforderte überall Vorsicht, an mehreren Stellen war sie schwierig. Steile Wandstufen, die mit Grasbüscheln besetzt waren, Felsstufen mit spärlichen Griffen, steile Platten und Kamine bildeten jetzt unseren Weg. Um 9 Uhr war der steilere Wandaufbau zu Ende und wir erreichten eine große, wenig geneigte Mulde, den „ Oberen Wechsel ". Schon während der Kletterei hatten wir manchmal zurückgeschaut und uns des herrlichen Bildes erfreut, welches sich immer prächtiger entfaltete, je höher wir kamen. Der obere Grindelwaldgletscher lag ausgebreitet zu unsern Füßen; von seinem jenseitigen Ufer grüßten Wetterhorn und Berglistock herüber. Wir stiegen den sanftgeneigten „ Oberen Wechsel " hinauf und fanden hier viel schönes Edelweiß; gelegentlich waren in die Mulde des Oberen Wechsel Felsen eingelagert, welche zu überklettern waren.

Photographie von W. Nehrkorn, Grindelwald.

Der Nordgrat des Mettenberg bildet die rechte ( westliche ) Wandung des Oberen Wechsel. Nachdem wir nun den Wechsel hoch hinaufgestiegen waren, wendeten wir uns nach rechts und erreichten die Grathöhe über Wandstufen und schließlich durch einen schönen, hohen, rasigen Kamin. Wir betraten den Grat einige Minuten südlich vom Nordturme; wir ließen hier die Pickel liegen, denn hierher mußten wir zurückkommen, wann wir den Grat zum Gipfel verfolgten. Wir aber wollten zuerst dem Nordturm einen Besuch abstatten, denn er verdient einen solchen, und zudem wollten wir uns vom ganzen Grate auch nicht das kleinste »Stück schenken. Wir wandten nns deshalb nach NNO und erreichten über eine scharfe, zerschartete Felsschneide, welche einige kleinere Felstürme trug, nach wenigen Minuten ausgesetzter Kletterei um 10 Uhr 15 Min. den Nordturm, welcher den großen, vor einigen Jahren von den Brüdern Steuri erbauten Steinmann trägt. Im Steinmann steckte eine rote Fahne, welche Herr Rothermundt hier vor zehn Tagen angebracht hatte. Auch eine Flasche war hier und sie enthielt die Namen früherer Besteiger dieses Turmes, welche Steuri hinaufgeführt hatte, und auch wir legten unsere Karten hinein.

Wir nahmen hier einen Imbiß, der uns trefflich mundete, und brachen um 11 Uhr auf. Bald kamen wir zu der Stelle zurück, wo wir die Grathöhe erreicht hatten, und nahmen die Pickel auf. Das Gratstück, welches nun folgte, war stellenweise ein ziemlich breiter Kasenkamm; zwischen diesen breiteren Stellen aber schnürte es sich zusammen zu einem ganz schmalen Felsgrate, der nach beiden Seiten sehr steil abfiel und Felstürme trug. Das Gestein dieser Felstürme war sehr brüchig und deshalb ihre Überkletterung nicht ohne Gefahr. Prächtig war der unvermittelte Tiefblick nach rechts in das Tal von Grindelwald, gegen welches der schmale Grat scheinbar senkrecht abfiel. Der Blick schweifte frei über das liebliche grüne Tal mit seinen schmucken, zierlichen Häuschen bis nach Lütschenthal hinunter. Um 12 30 Min. erreichten wir die Gratscharte südlich von Punkt 2419 und machten hier Rast bis 12 Uhr 50 Min. Dies war die Stelle, bis zu welcher Herr Rothermundt mit seinen Führern vor 10 Tagen vorgedrungen war. Steuri zeigte uns hier den Platz, wo man die letzte Rast am Grate gemacht hatte, bevor man den Abstieg zum Wechselgletscher antrat; es fanden sich hier auch noch Reste einer Zigarette und Zündhölzer vor und in einem Schneefelde, welches einige Meter unter uns auf der linken ( Wechselgletscher- ) Seite lag, waren noch die Fußspuren der Karawane Rothermundts deutlich sichtbar, welche über das Schneefeld steil nach abwärts in der Richtung zum Wechselgletscher führten. Eben hier, bei dieser Scharte, verschwand der Hochgebirgskalk ( Malm ), in dem wir bisher geklettert waren, und kristallinisches Urgestein ( Gneis ) trat auf. Selten wird der Bergsteiger einen so plötzlichen und gründlichen Wechsel des Gesteins vorfinden wie hier; auch der, welcher gar kein Interesse hat an Mineralogie und Geologie, wird überrascht sein, sowie er diese Scharte überschreitet, denn die Art der Kletterei wird mit einem Schlage eine andere. Bis hierher war es nötig gewesen, ziemlich große Tritte zu suchen, damit der Schuh im glatten Kalk nicht abgleite, und trotz dieser Vorsicht kam der Fuß ab und zu ins Rutschen, weshalb man sich auch zugleich immer durch gute Griffe für die Hände sichern mußte: im ganzen eine ziemlich mühsame Kletterei. Von hier an konnte man treten, wohin man wollte; die kleinste ebene Fläche bot in dem rauhen, mit unzähligen kleinsten Kristallen besetzten Gneis dem Nagelschuh durch die Reibung Halt. Dies war ein herrliches Klettern! Hoch über uns, nahe dem obersten Stück des Grates, zog eine Schar Gemsen über ein Schneefeld; eine hinter der anderen im Gänsemarsch. Bald darauf bemerkten wir wieder ein ganzes Rudel. In dieser von Menschen bisher nicht besuchten Bergflanke fühlten sich die Tiere offenbar wohl; sie waren von hier noch nicht durch menschlichen Lärm vertrieben worden.

Das Wetter war wieder ganz trüb geworden, es begann zu schneien; doch bald hörte der Schneefall wieder auf. Wir kletterten immer schnell, aber schier endlos dehnte sich der Grat. Obwohl schon drei Stunden vergangen waren, seit wir den Nordturm verlassen hatten, war der Gipfel noch unsichtbar. Auf diesem noch unbegangenen Grate wußte auch niemand, wie lange es noch dauern mochte; man war auf ungefähre Schätzung angewiesen. Eine steile Felspartie folgte; bald, nachdem wir sie überwunden hatten, erreichten wir um 2 Uhr 25 Min. den Punkt 2873, wo der Grat nach SO umbiegt. Mein Freund, welcher ziemlich untrainiert von Wien gekommen war, war schon bisher mit Biner etwas zurückgeblieben; hier machte er eine längere Rast. Von hier an traten Schneehänge auf, über die ich und Steuri um 4 Uhr 12 Min. den Gipfel erreichten. Der höchste Punkt war dem kalten Winde sehr ausgesetzt; wir blieben hier einige Augenblicke und stiegen dann die wenigen Schritte südlich hinunter zum trigonometrischen Signal. Hier lagerten wir uns und nach 40 Minuten tauchten auch Dr. Leuchtag und Biner auf dem höchsten Punkte auf. Wir riefen uns ein herzliches Prosit zu und einen Moment später schüttelten wir uns kräftig die Hände.

Es blies ein eisiger Wind. Vor uns erhob sich das Gwächtenhorn, weiß im Neuschnee, dahinter ragte der herrliche, riesige Felsbau des Gr. Schreckhorn in die Lüfte. Dieser edle Berg war mir ein lieber Bekannter vom vorigen Sommer her, wo ich mit Steuri auf seinem Gipfel gestanden war. Doch wie hatte sich sein Aussehen verändert! Damals, im heißen Sommer 1911, war seine Farbe gelbbraun, die Felsen waren schneefrei; ja, auf seinem 4000 m überragenden Gipfel war es sogar so warm, daß wir im Hemde die Gipfelrast gehalten hatten. Diesmal präsentierte sich der Berg wie mit Staubzucker bedeckt; an jedem ebenen Plätzchen, an jedem Vorsprunge der Felsen haftete der Schnee.

Die Kälte trieb uns bald zum Abstiege, den wir über die übliche Route, die Westflanke des Berges, nahmen. Keiner von uns war je am Mettenberg gewesen, keiner kannte also den Weg; wir stiegen direkt vom Gipfel durch eine Art von Felsrinne ab. Hier hieß es, nahe beisammen bleiben, um uns nicht durch losgelöste Steine gegenseitig zu gefährden. Dann kamen lange Geröllhalden und ihnen folgten steile Bergwiesen, über die absteigend wir das Hotel Bäregg — noch bei Tageslicht — erreichten. Nach kurzem Aufenthalte brach ich mit Steuri nach Grindelwald auf; mein Freund blieb noch, um Tee zu trinken. Im Walde entzündete Steuri die Laterne. Bei der Lütschinenbrücke begann ein Regenguß und, in unsere Wettermäntel gehüllt, erreichten wir gegen 9 Uhr das gastliche Hotel Schönegg. Eine halbe Stunde später erschien Dr. Leuchtag mit Biner.

Ich möchte zum Schluß von dieser Tour behaupten: Sie verdient, wiederholt zu werden. Außergewöhnliche Schwierigkeiten bietet sie nicht, aber man findet hier eine lange, sehr interessante Kletterei und manche Stellen sind gar nicht leicht. Die landschaftliche Szenerie ist über alles Lob erhaben. Während des Aufstieges auf den Grat hat man einen prächtigen Rückblick auf den Grindelwaldgletscher, das Wetterhorn und den Berglistock. Am Grate selbst genießt man stundenlang den unvermittelten Tiefblick auf das liebliche Grindelwaldtal. Auch die Detailbilder, welche uns auf Schritt und Tritt begegnen, sind reizend. Der gesamte Eindruck wird belebt durch das erfrischende Grün, welches wir in der Gratflanke und auch noch in den tieferen Regionen des Grates antreffen, durch das Rot der Alpenrosen, das schöne Edelweiß.

Bisher wurde der Mettenberg stets vom Hotel Bäregg über die Westflanke erstiegen und er galt nicht als lohnende Tour. Der Nordgrat ist weitaus schöner als der bisher übliche Weg, und diese Route ist geeignet, die geringe Beliebtheit, deren sich der Mettenberg bisher erfreut, zu heben.

Der Grat liegt in der Seehöhe zwischen 2100 und 3100 m. Diese relativ geringe Höhe bedingt es, daß er auch bei nicht ganz sicherem Wetter begangen werden kann, auch an Tagen, wo die Riesen des Berner Oberlandes unzugänglich sind. Während am Nordgrate des Mettenberg ein kühler Wind bläst und etwas Regen, vermischt mit Schnee, fällt, rast am Finsteraarhorn, am Gr. Aletschhorn, auf der Jungfrau der furchtbare Schneesturm, der Nebel hemmt jeden Ausblick und das entfesselte Element bedroht auch den tüchtigsten Bergsteiger mit dem Untergang.

Dr. Rudolf Beck ( Sektion Diablerets ).

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