Der Pflanzenwuchs des Hochgebirgs im Kampfe mit Gletschern und Firnschnee

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Ton Professor G. Theobald.

feteigt man, um höhere Berggipfel zu erklimmen, von den Thalsohlen auf, denen von alten Zeiten her die Wohnungen und sonstige Werke des Menschen den Character des Culturlandes gegeben, so durchwandert man, sobald man dieses verlassen hat, die Region der alpinen Wälder. Nicht eben zahlreich sind in unserem Lande die Gegenden, welche sich an den unteren Berghalden den Schmuck des Laubholzes zu erhalten gewusst haben, wro die mächtige Eiche mit ihren tausendjährigen knorrigen Stämmen und dem malerischen Blätterschmuck, ein Symbol ungebeugter urkräftiger Stärke, die Tage der Vergangenheit zurückruft, der Buchenwald uns mit seinem feierlichen Halbdunkel umfängt, der Ahorn und die Linde mit tief herabhängenden Zweigen die Quellen und Waldschluchten beschatten, der Wipfel der hohen Esche mit dem gefiederten Laub im Morgenwind schwankt. Fast überall sind diese schönen Formen unserer Baumvegetation der Habsucht und Sorglosigkeit des

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Menschen erlegen. Zäher als sie, hat Dank seiner leichten Vermehrung und seinem schnellen Wuchs, das Nadelholz diesen feindlichen Einflüssen widerstanden. Da erhebt die Föhre ( Pinus sylvestris ) ihre schöngeformte Krone, die schlanken Stämme der Rothtanne ( Abies excelsa ) steigen auf, wie Säulen in einem Tempel der Natur, durch die weissglänzenden Zweige der Edeltanne ( Abies pectinata ) schimmert farbig das Sonnenlicht, das zarte Grün der Lärche mischt sich anmuthig mit der ernsten dunkeln Färbung ihrer Gefährtinnen und höher hinauf ( von etwa 4000 Fuss an ) gesellen sich dazu die festen Stämme der Arve, mit langen büscheligen Nadeln und grossen ovalen Zapfen ge^ schmückt. In dem Schatten der Bäume, auf Waldwiesen, in Schluchten und Tobein, auf Felsenbänken und Klippen, wächst in der Waldregion meist eine kräftige vollsaftige Kräutervegetation. Es sind schöne Formen, theils dem Bergwald eigenthümlich, theils aber auch Bürger der Thal-und Alpenflora, die von unten herauf und von oben herab hier eingreifen, die aber, mit mancherlei Ausnahmen freilich, mit ziemlicher Einförmigkeit bei gleicher Höhe, Exposition und Bodenbeschaffenheit überall wiederkehren. Auch der Moosteppich des Hochwaldes nimmt Theil an dieser Einförmigkeit, denn wenige auffallende Formen herrschen vor und es bedarf schon eines geübten Blickes, um die seltenen Sachen, deren allerdings nicht wenige sind, aufzufinden. Aber bei einer Höhe von 5—6000 Fuss fängt der Wald an sich zu lichten, das Laubholz verschwindet mit Birke und Vogelbeere. Einzelne starke Tannenstämme mit dichtem Gezweig, sogenannte Wettertannen, erheben sich noch über ihre niedrigeren Nachbarn, auch grössere Lärchenstämme behaupten sich noch mit Arven gemischt; sie beweisen, dass ehemals der Wald höher ging als jetzt. Dieser fängt jetzt an zu verkrüppeln, niedrige, struppige Rothtannen, Lärchen und Arven mit grauen und schwarzen Bartflechten behangen, treten an die Stelle der hochstämmigen Bäume derselben Arten und dazu kommt noch als neues Element dieses ausgehenden Waldwuchses die Zwerg-föhre ( Pinus pumilio, muglms ), meist in Form von Legföhren, mit ihnen gemischt die gleichfalls knieförmig wachsende Alpenerle ( Alnus viridis ).

Der Wald hört auf und niedriges Gesträuch tritt an seine Stelle.

Aber weit höher oben, auf kahlen Höhen und Klippen, sieht man oft verdorrte hohe Bäume, die abgeschälten Aeste, Skeletten ähnlich, ausstrecken. Sie sind auch einmal gewachsen; wie kommt es, dass dort kein Baumwuchs mehr ist? Die gewöhnliche Antwort darauf ist, die Alp sei wilder geworden, womit man sagen will, es herrsche dort jetzt rauheres Klima und überhaupt seien jetzt ungünstigere Verhältnisse. Eigentlich ist es umgekehrt, das Klima ist wilder geworden, weil man den Wald zerstört hat, welcher ohne das Eingreifen des Menschen in geschlossenem Zustande wohl im Stande gewesen wäre, dem Hochgebirgsklima zu widerstehen, wie diess überall der Fall ist, wo man ihn vernünftig behandelt. Abgesehen von dem Unfug des sogenannten Sehwen-dens, wodurch man um Weide zu gewinnen, Bäume durch Abschälen der Rinde zum Absterben bringt und welches man jetzt noch in Graubünden practicirt, ist auch das blosse unvorsichtige Abholzen in diesen Regionen ein Ver-derbniss der Waldung. Die Nadelhölzer sind gesellige Bäume, die sich gegenseitig decken müssen, wenn sie gedeihen sollen, vereinzelt aber nothwendig verkommen. Auch tragen alte Bäume keinen Samen mehr und können sich also auch nicht vermehren; endlich ist es für Bäume un möglich, aufzukommen, wenn sie fortwährend von grossem und kleinem Vieh abgefressen werden. Hier also hat die Vegetation des Waldes zu kämpfen gegen Ungunst des

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Klima's, gegen die Zerstörungssucht und den Unverstand der Menschen und gegen die Gefrässigkeit seiner Schutzbefohlenen vierbeinigen Verbündeten, und dem allen zusammen vermag sie nicht zu widerstehen; es ist eher zu verwundern, dass sie noch so weit reicht. Wir treffen in den Torfmooren des Albula ( 2030 Met .) grosse Tannenstämme, sowie Birken mit ihrer Rinde, auf dem Berninapass 2050 Met. und mehr, ähnliche Spuren alter Vegetation, auf dem Flüela hoch oben alte vertrocknete Arven. in Ai'osa grosse Baumstämme, im oberen See des Schaf-thals, in Valetta bei Samaden lange Tannenstämme unter Geschiebe. An allen diesen Orten, die wir sehr vermehren könnten, wächst kein Baum mehr. Obgleich aber hier der Mensch den Kampf zwischen Klima etc. und Wald zu Ungunsten des letzteren entschieden hat, so ist doch nicht zu verkennen, dass dieser Kampf um das Bestehen hier in der That auch ohne diess stattfindet.

Es würde sich schliesslich, auch wenn die Holzgrenze höher hinaufginge, doch dieselbe Erscheinung ergeben, nämlich das allmälige Verkrüppeln des Baumwuchses und die darauffolgende Zone von Strauchwerk eintreten, nur würde dies alles mit grösserer Regelmässigkeit stattfinden.

Auch von Natur ist die Baumgrenze bedeutenden Verschiedenheiten und Schwankungen unterworfen. Einen wesentlichen Unterschied bedingen die Nord- und Südseite der Alpen, denn während auf ersterer die Bäume ihre Grenze zwischen 5—6000 Fuss haben, gehen sie auf letzterer bis 7000 Fuss, und höher noch an sehr geschützten Stellen. Die Nähe von Gletschern und Firnfeldern, der Schatten sehr hoher Hörner und Gräte, enge Thalbildung, so wie starker anhaltend kalter Luftzug drückt die Waldvegetation, so wie überhaupt den Pflanzenwuchs herunter; durch entgegengesetzte Einflüsse: Sonnenlicht, warme Luft- Strömung, schneefreie Hochplattenbildung und weite geschützte Hochthäler, wird sie höher hinaufgeschoben.

Es folgt nun die Region des Strauchwerks. Steigt die Berghalde rasch an, so bildet sie an derselben ein breites Band, das von fern schon an einer von den eigentlichen Alpenweiden verschiedenen Färbung erkannt wird; folgen dagegen, wie dies meist der Fall ist, über dem Walde flachere Hochplatten oder Thalstufen, so wechselt das Gebüsch mit Alpenwiesen und mischt sich auch wohl noch mit einzelnen Bäumen. Die Sträucher, welche hier vorherrschen, sind vor allen Alpenerlen und Alpenrosen. Erstere, ein verlorener Posten des Holzwuchses, stellt in Strauchform vor, was ihre beiden Geschwister A. glutinosa und incana im Grossen sind, deren erstere, des unheimlichen Erlkönigs Baum, mit dunkelm Laub die Moore und langsamen Flüsse des Tieflandes beschattet, die andere hochstämmig an den raschen Flüssen des Hochlandes wächst. Die Alpenerle erhebt sich nie über die Strauchform. Da sie mit weithinkriechenden Wurzeln und dicken Stöcken im Boden haftet, so ist sie unverwüstlich, unbequem für das Weideland, dagegen ein gutes Befestigungsmittel wasser-zügiger Stellen, Tobel und Flussufer, dessen Werth man noch lange nicht hinreichend hat schätzen lernen. Mit ihr erscheinen einige Weiden, von denen dasselbe gilt. Salix arbuscula, hastata, repens, myrsinites, glauca, helvetica, welche ähnlichen Wuchs haben, die Bergrose ( Rosa alpina ), dornloss, mit schöner purpurrother Blüthe, die Zwergmehl-beere ( Sorbus chamaemespilus ), einige Geisblattarten ( Lo- nicera alpigena, nigra und coerulea ), eine zwerghafte Abänderung des Wachholders ( Juniperus nana ), mit breiteren Nadeln und hängenden Astspitzen, die Heidelbeeren, Sumpf-beeren und Preisseibeeren ( Vaccinium Myrtillus, uliginosum und Vitis Idaea ), die niedrigere Rauschbeere ( Empetrum nigrum ).

Vor allen aber ist es die Königin der Hochgebirgsflora, die Alpenrose, welche hier ihren Sitz hat, prangend mit immer grünem Laub und reichen purpurnen Blüthenbüscheln. Es gibt bekanntlich zwei Arten davon ( Rhododendron ferrugineum und hirsutum ), von denen sich schwer entscheiden lässt, welche die schönere sei. Andere Hochgebirge haben andere. Alle diese und einige ähnliche Straucharten haben sehr tiefgehende Wurzeln und sind auch sonst mit äusserst zäher Widerstandskraft versehen, um ihren vorgeschobenen Posten zu behaupten, Avesshalb sich auch die Alpenbewohner, die so gern Bäume vertilgen, um für Weide Platz zu gewinnen, selten mit Consequenz an sie wagen, obgleich sie dem Ertrage der Alpen weit mehr Eintrag thun als man gemeinhin glaubt. Wesentlichen Nutzen aber bringen sie an vielen Orten durch Befestigung des Bodens, der bei der herrschenden Sorglosigkeit noch mehr von Tobein und Rufen zerrissen sein würde als ohnedies der Fall ist. Selbst nach ihrem Absterben behaupten kleine Hügel, welche durch Moose u. dgl. um ihre Wurzelstöcke entstanden sind, den Platz und indem das Vieh die Zwischenräume austritt, erhöhen sich dieselben fortwährend, sie geben manchen Alpen das bekannte hügelige Aussehen. Schon an den Grenzen des Hochwaldes haben die Kryptogamen angefangen, sich an Arten und Individuen auffallend zu vermehren. Farren, Laubmoose und Lebermoose wuchern hier mit freudigem Grün und bilden dicke elastische Polster. Andere graue, von der Rennthierflechte ( Cladonia rangiferina ) und ihren Verwandten stehen dazwischen, die Corallen-flechten ( Cladonia coccifera, deformis u. A. ) schmücken sich mit scharlachrothen Fruchtlagern, die braune islandische Flechte ( Cetraria islandica ) breitet ihr zackiges Laubwerk aus, graue und grüne Schildflechten ( Peltigera ) bilden breite lappige Flecken am Boden. Sie alle schützen die Wurzeln der Bäume und Sträucher, vermehren die Damm-erdeschichte, indem sie unten fortwährend absterben, während sie oben fortwachsen, saugen die atmosphärischen Niederschläge ein und theilen sie dem Boden mit.

Es ist eine wunderbare kleine Welt, diese kryptogamische Vegetation, über welche die meisten hinweggehen, ohne sie und ihre Bedeutsamkeit im Haushalt der Natur zu beachten, und welche erst dem bewaffneten Auge des Forschers ihre volle Schönheit enthüllt.

Aber wir steigen höher. Auch die Sträucher verschwinden und machen einem Wiesenteppich Platz, der mit frischem saftigem Grün Flächen und Halden überzieht, und von Blumen durchwirkt ist, deren glänzende Farbenpracht man im Tiefland vergebens sucht. Die Enzianen lachen uns entgegen mit einem Blau, rein wie das des Himmels, der sich über ihnen wölbt, rothe und gelbe Primeln, gelbe und weisse Ranunkeln mischen sich mit ihnen, die Anemonen entfalten ihre grossen zartgefärbten Blumen, die schön geformte Dryas bedeckt sich mit weissen, die Silène mit dichtge-stellten rothen Blüthen; wir können sie nicht alle aufzählen die schönen Kinder der Alpenwelt, welche hier ihre recht eigentliche Heimat haben. Bei näherer Betrachtung muss es auffallen, dass die meisten dieser Pflanzen sehr kurze Stengel und sehr grosse Blüthen besitzen; nur wenige, wie die prächtige Gentiana lutea, das schädliche Veratrum und die Aconiten etc., erheben sich höher. Auch die Wurzeln der Alpenkräuter sind im Verhältniss zu der Kleinheit der Gewächse sehr stark, selbst die mit faserigen Wurzeln wie die Gräser, gehen auffallend tief, die meisten aber besitzen dicke starke Wurzelstöcke, von denen aus weitverzweigte Aeste und Fasern in den Boden eindringen, manche auch treiben weitkriechende Rhizome. Nur wenige einjährige Pflanzen sind darunter, die meisten sind aus- dauernd, langjährig und holzig.

Daher kommt es, das sie gleich blühen, sobald die Schneedecke ihres Standortes der Sonne und dem Hauche des Föhns gewichen ist. Alles ist bei ihnen Torgebildet und sobald das belebende Licht und die Wärme der Sonne sie berührt, die hier oben mit gewaltiger Kraft wirkt, entwickeln sie sich mit unglaublicher Schnelligkeit. Dieser Schneedecke aber bedürfen sie, denn wo sie ihnen fehlt, gedeihen sie nicht und sind empfindlicher gegen die Kälte als man glaubt.

Der Boden, auf dem die Pflanzen der Alpenweiden wachsen, ist gewöhnlich sehr gemischt. Wesentlich besteht er natürlich aus den Verwitterungsproducten des unterliegenden festen Gesteins und den herabgeführten Trümmern der Umgebung, und wo keine fremden Bestandtheil dazu kommen, da treten oft ziemlich scharf die Unterschiede zwischen Kiesel, Kalk, Thonboden u. s. w. hervor, indem manche Pflanzen den einen, andere den andern vorziehen. Hierauf hat die Alpenwirthschaft bei etwaiger künstlicher Düngung Eücksicht zu nehmen und diejenigen Mineralstoffe hinzuzufügen, welche etwa fehlen. In den meisten Fällen aber sind fremde Elemente hinzugekommen, theils durch Verwitterung und Zerstörung früher vorhandener Gesteine an Ort und Stelle, theils durch solche Trümmer, welche das Wasser von höheren Punkten herabgeführt hat und noch herabführt, theils durch Staub, welchen der Wind oft von fern her bringt, indem er die Bestandtheil von hohen Hörnern und Gräten herabfegt, endlich aber urfd hauptsächlich durch erratischen Schutt, welcher von den alten Gletschern der Eiszeit stammt. Immer aber findet man eine dicke schwarzbraune Humusschichte da wo lange Zeit der Pfianzenwuchs ungestört fortdauerte. Sie'entsteht aus der Verwesung von Pflanzentheilen verschiedener Art und aus mineralischen Stoffen, die das Wasser bringt und der Wind als Staub herbeiführt.

Diese Erdschichte ist zum Theil einige Fuss dick, gewöhnlich aber dünner, sie saugt in ausgezeichneter Weise die Feuchtigkeit der Luft ein, verdichtet überhaupt Gasarten und hält das Wasser fest, welches durch Regen, Nebel und Thau ihr zugeführt wird. Solcher Boden bildet sich aber auch in Felsenspalten und auf grösseren freiliegenden Felsblöcken.

Lebensbedingungen für die Pflanzen des Hochgebirgs sind also 1 ) ein Boden, der ihnen zusagt; 2 ) Feuchtigkeit; 3 ) freier Zutritt der Luft und 4 ) vor allen starke Einwirkung des Sonnenlichts.

Höher hinauf, auf der Nordseite der Alpen etwa 7000 Fuss, auf der Südseite 8000, fängt die Rasendecke an den Zusammenhang zu verlieren, die Humusdecke wird dünner, öfter tritt dazwischen nacktes Gestein oder Geröll hervor, die Pflanzen wachsen mehr in Gruppen, wie auf kleineren oder grösseren Beeten, zwischen die Phanerogamen mischen sich mehr die Polster und Rasen der Kryptogamen. Andere Pflanzen sieht man zwischen Geröll, Kies und andern Schutt anscheinend ohne Dammerde wachsen. In noch höherem Maasse als bei den vorigen, tritt die Eigenthümlichkeit hervor, dass bei sehr kurzer aber starker Stengel-bildung ungemein starke, weitgreifende Wurzeln die Pflänzchen in dem Boden befestigen und dass der winzige Stengel sehr grosse Blüthen trägt. Andere haften in Felsenspalten oft anscheinend an und auf glattem Gestein, dringen aber mit langen Wurzeln tief in dessen Risse und Zerklüftungen wo sie immer noch einige Nahrung finden. Es ist dies das Bereich der eigentlichen Hochgebirgsflora ohne Beimengung solcher Pflanzen, welche aus der Ebene heraufgeschleppt sind. Wir treffen da die vielgestaltigen lieblichen Saxifragen, die Androsace und Aretien, Ranunculus glacialis, parnassifolius, pyrenaeus, Geum reptans, Achillea moschata, naua, Artemisia mutellina, spicata, Aronicum Clusii und scorpioides.

Silène acaulis, Soldanella pusüla, Primula candolleana, latifolia, glutinosa, villosa. verschiedene Enzianen, die krautartigen Weiden, Hutchinsia alpina, die Draba, Lloidia serotina, Luzula Spadicea, lutea, verschiedene Gräser u. s. w. Die Unterschiede des Gesteines wirken hier, wo wir dasselbe gewöhnlich ungemischt vor Augen haben, oft sehr augenscheinlich. Es gibt Pflanzen, die sich blos an Kalk halten, wie z.B. Saxifraga stenopetala, Valeriana supina u. s. w., andere, wie Achillea moschata. Aronicum Clusii etc. kommen blos auf kieseligen Felsarten vor; die bei weitem meisten Pflanzen des Hochgebirgs aber binden sich mehr an die mechanische als chemische Beschaffenheit des Bodens.

Moose und Flechten bedecken zum Theil grosse Strecken oder kommen in dichten Rasen sowohl, als vereinzelt zwischen den phanerogamischen Pflanzen vor, denen sie den Boden bereiten halfen. Es sind zum Theil Arten, die wir auch weiter unten schon trafen, jedoch meist in etwas verschiedenen Formen, andere aber sind dieser Stufe eigenthümlich. Die Lebermoose werden spärlicher an Arten. die vorhandenen aber nehmen meist an Zahl der Individuen, zu. Unter den Laubmoosen treten die ästigen, pleuro-carpischen Formen zuzück, welche mehr der Waldregion angehören, die acrocarpischen nehmen an Arten und Individuen zu. Von Flechten finden wir auf der Erde die Cladonien fortwährend, die Cetrarien mehren sich, besonders aber sind es die dicken krustenförmigen Lecideaceen und einige Lecanoren, welche dicht am Humusboden wachsen und zu dessen Vermehrung wesentlich beitragen. Andere Flechten haften in Form von bunten kreisförmigen Flecken am Gestein, das sie oft ganz überziehen.

Aber indem wir höher steigen, nehmen die Lücken in der Pflanzendecke zu, kahle braune Stellen und Flecken lagern sich dazwischen, an andern erscheint nacktes Geröll, die Furchen, welche das ablaufende Schnee- und Sickerwasser zieht und welche der Pflanzenwuchs nicht so bald ausfüllen kann, mehren sich, indem der bewachsene Boden dagegen durch höhere Ränder abgegrenzt ist. Schneeflecken fangen an, sich in die Vertiefungen zu lagern und werden oft ausdauernd oder liegen Jahre lang in kalten Sommern, um in wärmeren wegzuschmelzen. Dann tritt das umgekehrte Verhältniss ein, der unbewachsene Boden erlangt das Uebergewicht, inselartig treten die Pflanzengruppen darin auf, von wüsten Geröll oder kahlem Felsboden um- geben, wo aber die Felsen mehr zerrissen und eckig sind, da flüchten sie sich an solche Stellen, die mehr geschützt und der Sonne ausgesetzt sind, sie schmiegen sich an die schützenden Klippen an, als suchten sie Zuflucht an ihrer starken Brust, wie Kinder an dem Busen der Mutter. Die Schneeflecken mehren sich, rücken zusammen, endlich vereinigen sie sich zur zusammenhängenden Firndecke, aus welcher nur einzelne Felsenzacken und Riffe hervortreten. In der Tiefe geht der Firn in Eis über und wo dieses hinlängliche Vertiefungen ausfüllt, entstehen die Gletscher, welche entweder vereinzelt liegen und dann klein bleiben, oder mit höher gelegenen Eismassen in Verbindung stehen. Im letzteren Falle senken sich diese, während Firn und Eis sich oben fortwährend nachbildet, vermöge ihrer Schwere und der plastischen Beschaffenheit des Eises tiefer herab, drängen auch die auf den unteren Thalstufen gelegenen Gletscher fort und dringen, gefrornen Strömen oder Wasserfällen ähnlich, weit hinab, bis in die Waldregion; wohin sie aber reichen, dahin bringen sie Kälte und drücken die Temperatur ihrer Umgebung bedeutend hinab, so dass die Iheobdld.

Waldvegetation und überhaupt der Pflanzenwuchs in ihrer Nähe leidet. Wärme bringt Leben, Kälte Tod in der organischen Natur, aber es gibt Wesen, die unglaublich viel Kälte aushalten können, und wie das thierische Leben auf Gletschereis und Firnschnee noch nicht ganz erloschen ist, so treffen wir auch einige Pflanzen, welche mitten in und auf diesem feindseligen Elemente wachsen und fortkommen, wie z.B. die bekannte rothe Schneealge Protococcus nivalis, welche, soweit unsere Beobachtung reicht, den Schnee des Hochgebirgs und den der Polargegenden mit blutrothen Flecken färbt.

Doch auch das höhere Pflanzenleben hat in der Schneeregion, in welche wir nun gelangt sind, den Kampf um sein Bestehen nicht aufgegeben. Wo irgend eine Felsen-zacke, irgend ein grösseres Haufwerk von Gestein aus Gletschern und Firnschnee hervorragt, da siedeln sich bald Moose und Flechten an. Leeideen und andere Steinflechten hat man bis auf die höchsten Alpengipfel verfolgt. Auf dem syenitischen Diorit der Berninaspitze brachte J. Sarratz mehrere Ideine Steinflechten mit, Desor entdeckte die Umbilicaria Virginis auf dem Gipfel der Jungfrau. Es ist merkwürdig, das s diese Pflanzen sich wenig an das, Klima binden. Lecidea geographica wächst eben so gut auf heissen -quarzigen Felsen der Mittelmeerküste, als auf denen unserer höchsten Alpenhöhen und so mehrere andere; dagegen gibt es auch solche, die den letzteren eigenthümlich sind. Von den Moosen sind es besonders die Grimmiaceen, Des-matodonten, Dicranaceen, Syntrichien, verschiedene Bryen u. s. w., welche man bis in die höchsten Eegionen hinauf theils als kleine runde Raschen, theils auf kahlem Gestein, theils in Felsenspalten bis zu Höhen von 11—12,000 Fuss antrifft, auch einige Lebermoose, wie Jungermannia julacea und glacialis trifft man mitten zwischen den Gletschern.

Diese kleinen Gewächse bereiten den wenigen Phanerogamen den Boden, welche sich noch in diese Höhen versteigen und haben sich dieselben einmal festgesetzt, so widerstehen sie mit unglaublich zäher Ausdauer der Ungunst des Klimas. Es scheint sogar, als sei ihnen der lebhafte Sonnenrefiex mitten in den Schnee- und Eisfeldern günstig, denn man kennt kleine Gletscherinseln, wo Pflanzen wachsen, die man dort nicht erwartet. So wachsen Alpenrosen auf Felsen mitten im Berninagletscher, die auch sonst mit einer reichen Vegetation von Alpenpflanzen geschmückt sind; bekannt ist der sogenannte Jardin in dem Eismeer am Montblanc. Ranunculus glacialis, Gentiana bavarica, brachyphylla, Cherleria sedoides, Saxifraga Seguieri u. s. w. fand ich 10-11,000 Fuss hoch an vielen Orten. Mitten in der Schneeregion oder doch nahe an ihrer Grenze ist die Heimat einiger der schönsten Alpenpflanzen. An den Felsen haften die kleinen schönen Rasen des tiefblauen Eritrichium nanum auf granitischem Gestein, auf Kalk die liebliche Androsace Helvetica und die zierlichen Draba, auf Geröll und Sand, selbst auf alten Moränen, leuchten die herrlichen rosenrothen Blüthen der Aretia glacialis und des Thlaspi rotundifolium, die langen Ausläufer und hochgelben Blüthen des Geum reptans hängen aus Spalten der Felsen herab, Ranunculus glacialis sprosst am Rande der Gletscher und erfreut das Auge durch die herrlichen Farbentöne seiner grossen Blüthen, die zwischen schneeweiss und dunkel purpurroth wechseln, ihre langen Wurzeln dringen tief in Felsen und Geröll. Es liessen sich noch viele anführen, die bis in diese unwirthlichen Regionen hinaufsteigen. Sie scheinen uns befreundete Wesen mitten zwischen starren Eis und Felsbildungen, wo nur die Macht des Unorganischen mit übermächtiger erhabener Gewalt auf den Geist eindringt aber zugleich das Gefühl freudiger Kraft erweckt, weil menschlicher Willen eben wohl den Kampf mit den Elementen besteht und siegreich durchführt.

Gletscher und Firn haben nicht immer dieselben Grenzen, sondern sie rücken vor oder ziehen sich zurück, je nachdem eine Reihe schneereicher Winter und kalter feuchter Sommer, oder schneearmer Winter und trockener, warmer Sommer auf einander folgen. Dies ist eine höchst bekannte Thatsache, die Niemanden fremd ist, der die Alpen eine Reihe von Jahren beobachtet hat. Ich kann auch voraussetzen, dass meinen Lesern die neueren Forschungen über das Wesen und die Bewegungen der Gletscher nicht unbekannt sind; es würde mich viel zu weit führen, wollte ich diese Dinge hier auseinandersetzen. Es genügt aber, hier die Thatsache zu erwähnen, dass, wro ein Gletscher gegangen und dann theilweise abgeschmolzen ist, an der nun eisfreien Stelle ein vollkommen wüster, mit Moränenschutt, Blöcken, Geschiebe, Sand und Lehm bedeckter Boden zurückbleibt, auf welchem der Pflanzenwuchs sich nur sehr langsam wieder ansiedelt. War der verschwundene Gletscher klein, ohne Zusammenhang mit grösseren Eismassen und in mehr oder weniger wagrechter Lage, so dass keine oder nur schwache Bewegung stattgefunden hatte, so sieht man gewöhnlich die Steine seines Bettes einem Strassenpflaster ähnlich zusammengepresst, der Vegetation eben so ungünstig. Bilden die alten Moränen vor dem ehemaligen Gletscherbett einen Damm, so kommt es auch wohl vor, dass sich mehr oder weniger Wasser dahinter sammelt, wodurch stehende Lachen und selbst kleine Seen entstehen können. Schneemassen gehören entweder mit zu den Gletschern, oder sie lagern sich getrennt von solchen dem Boden auf und gehen im Laufe längerer Zeit nach unten auch in Eis über. Sie wirken dann zwar nicht eben so mechanisch verwüstend auf ihre Unterlage, zerstören aber darauf alles organische Leben, wenn sie lange genug bleiben.

Häufen sich jedoch solche Schneelasten nur für ein oder wenige Jahre an, so bleiben die Wurzeln der Alpenpflanzen, welche wie wir gesehen haben, eine erstaunliche Lebenszähigkeit besitzen, darunter lebendig und wenn ein wärmerer Sommer den Schnee schmilzt, erstehen sie frisch grünend und blühend aus ihrem kalten Grabe. Es gibt viele Stellen im Gebirge, wo besonders in tiefen engen Thalkesseln, welche Lawinen und Schneewehen stark ausgesetzt sind, die Rasendecke bei weitem nicht jedes Jahr zur Entwickelung kommt, oder wo dies erst spät im Jahre geschieht, so dass man da noch im September Frühlingspfianzen sammeln kann. Dieses Fortleben unter dem Schnee ist eine wichtige und wunderbare Erscheinung, aber es ist keine eigentliche Erneuerung der Vegetation. Diese letztere findet jedoch auch statt, wenn eine hinlängliche Reihe von warmen Sommern folgt, um den Pflanzen Zeit zu gewähren, aus Samen zu entstehen und sich auszubilden. Es sind drei Fälle möglich: entweder der von Eis oder Schnee freigewordene Boden besteht aus kleinen Geschiebe, Gruss, Sand, Lehm, oder er ist mit dicken Blöcken überdeckt, oder drittens er besteht aus einer nackten, glatten Felsfläche. Wir fassen den ersteren Fall zunächst in 's Auge, weil er der wichtigere und für die beiden andern mehr oder weniger auch maassgebend ist.

Nachdem das Eis oder die Firnmasse verschwunden ist, sehen wir vor uns eine meist stark zusammengedrückte Strecke Landes ohne allen Pflanzenwuchs, von kleinen Bächen und Wasserrinnen durchzogen, deren trübes Wasser von noch feststehenden Eis und Schneelagern stammt und bald tief genug einschneidet, um das übrige Terrain trocken zu lassen. Auf diesem bildet sich bald ein grünlicher und

grauer Anflug, es sind die Grundgewebe und Vorkeime von Kryptogamen, deren Keimkörner ( Sporen ) vom " Winde herbeigeführt worden sind. Dieser Ueberzug verbreitet sich auf Erde, Geschieben und zwischengelagerten Blöcken, bald zeigen sich ziemlich gleichzeitig die Anfänge von Flechten, Lebermoosen und Laubmoosen. Unter ersteren entwickeln sich zuerst eine Menge von Lecideaceen, Urccolarien, Le-canorinen, überhaupt krustenartige Gebilde, die sich theils in Kreisform auf den Steinen ausbreiten, theils die Erde mit schorfartigem Ueberzug bedecken, der vermöge seiner ausdauernden Natur sich unten fortwährend in fruchtbare Erde verwandelt, während sich oben neue Krusten aufsetzen. Erst später folgen höhere Formen, Cladonien, Peltigeren, Cetrarien u. s. w. Von den Lebermoosen, deren nicht viele sich in diese Regionen versteigen, ist neben einigen weniger häufigen, namentlich Jungermannia julacea zu bemerken, welche sich da, wo der Schnee den Boden verlassen hat, alsbald in graugrünen Rasen ausbreitet, die wie Schimmelbildungen aussehen und auffallend schnell aufwachsen. Wichtiger noch für die Bodenbildung sind die Laubmoose. Einem dunkelgrünen weichen Teppich gleich verbreitet sich Bryum cucullatum im Verein mit einigen Gattungsgenossen Br. Ludwigii, arcticum u. s. w. Dazu kommen Distichien, Dicranen, Arten von Desmatodon etc., auch einige Hypnen, besonders auffallend aber sind die weitgedehnten, weichen, schwarzgrünen Polster von Polytrichum septentrionale, die grosse Strecken überziehen, mit tiefen Wurzeln in den Boden eindringen und sich mit zierlichen dunkelgelben Früchtchen bedecken. Wo diese Moose einmal festen Fuss gefasst haben, ist der Boden für die Vegetation gewonnen und diese rückt dann siegreich gegen die von dem frostigen Element verursachte Unkultur vor. Denn diese kleinen Pflänzchen befestigen theils den Boden, theils bereiten sie wirklich Dammerde für die höheren Pflanzen.

Während sie oben fortwachsen, sterben ihre unteren Theile ab und verwandeln sich in Erde, anderer Boden wird durch Wasser herbeigeführt und auch der vom Winde hergewehte Staub bleibt in dem Moospolster hängen; man kann mit Recht behaupten, dass sie die kahlen Flächen förmlich urbar machen. Winde und Wasser, theilweise auch wohl Vögel und Schneemäuse bringen nachgerade die Samen anderer Pflanzen herbei, die sich nun auf dem so bereiteten Boden ansiedeln. Da er-erheben sich in kurzen dichten Rasen die vielgestaltigen Saxifragen mit gelben weissen und rothen Blüthen, die kleine Hutchinsia alpina breitet ihre milchweissen Blümchen neben ihrer grösseren und schöneren Verwandten Thlaspi rotundifolium aus, die weissen Cerastien, die rothe Silène acaulis, Gnaphalium supinum, Achillea moschata und nana, Rumex nivalis, Polygonum viviparum, verschiedene Alchemillen, Sibbaldia procumbens, Plantago alpina, Arenaria ciliata, biflora, Alsine verna, Ranunculus glacialis und alpestris, Gentiana bavarica, acaulis, brachyphylla, nivalis u. s. w. fangen an den Boden zu zieren, Poa alpina, Festuca ovina, Avena versicolor u.a. Gräser bilden eine dichte Grasdecke, nach und nach siedeln sich Pflanzen mit stärkeren Wurzeln, Salix, Anemone, Geum u. s. w. dazwischen an, die einzelnen mit Pflanzen bewachsenen Stellen rücken zusammen, die Zwischenräume füllen sich aus, das wüste Schnee- und Gletscherbett hat sich, wenn die Verhältnisse günstig waren, in einer Reihe von warmen Sommern in eine Alpentrifft verwandelt, um welche, wie dies schon mehrfach geschehen, mehrere Gemeinden sich zanken, bis es in einer andern Periode der Natur gefällt, sie auf längere oder kürzere Zeit wieder mit der kalten Schnee- decke zu umhüllen imd über kurz oder lang auf dieselbe Weise nochmals zu beleben.

Bestehen die freigewordenen Stellen aus Blockmassen oder aus kahlem Felsboden, namentlich aus solchem, welcher durch die Gletscher glatt gerieben worden ist, so geht die Sache zwar in ähnlicher Weise vor sich, jedoch viel langsamer und oft hat der Pflanzenwuchs nicht Zeit, vor einer neuen Kälteperiode darauf die Oberhand zu gewinnen. Die ersten Anfänge sind hier steinbewohnende Flechten und Moose, welche Ueberzüge und Polster auf den Steinen bilden, unter den Flechten zeichnen sich besonders die Lecideaceen und später die bunten Cetrarien, Bryopogon ochroleucus und Par-meliaceen aus. Allmälig setzen sich die höheren Pflanzen in den Zwischenräumen der Blöcke, in den Spalten der Felsen und auf dem durch die Moos- und Flechtenpolster gewonnenen Boden fest und verbreiten sich von da wie im andern Falle weiter; wenn sie nicht mitten in ihrer Thätigkeit ebenfalls wieder von Schnee und Eis überrascht und bei längerem Verweilen darunter zerstört werden.

Es könnten sehr zahlreiche Beispiele von Oertlichkeiten angeführt werden, wo namentlich in den letzten 10 Jahren die so eben geschilderte Erscheinung beobachtet werden konnte. Sie ist sicherlich allen denen nicht entgangen, welche seit längerer Zeit mit beobachtenden Blick die Hochgebirge besuchten; auch hat sie verschiedentlich die Aufmerksamkeit von Hirten und Gemeindebehörden erregt, so dass sie practische Bedeutung gewonnen hat. Es möge genügen, einige Stellen anzuführen, welche mir, da ich sie wegen geologischer Studien mehrfach besuchte, genau bekannt und meist an solchen Wegen gelegen sind, die auch von Andern häufig besucht werden. Dahin gehören:

Die Umgebungen des Segnesgletschers und Passes, der Panixer Pass, der Kistenpass, verschiedene Stellen in den Der Pflanzenwuchs des Hochgcbirgs.

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Russeinthälern, zwischen Disentis und dem Oberalpstock, am Kreuzlipass, am hinteren Mittelrhein, auf dem Parpaner Rothhorn, Vareina, Vernela und Jörithal im Prätigau, Scalettapass, Schafboden bei Bergün, Muretopass, Alp Palü und andere Hochthäler um den Bernina, die Umgebungen des Piz Doan gegen Avers, Piz Languard nach Pischa, Pruna, Prunella etc., Val Saluver und Suvretta bei St. Moriz, Surlei nach Rosegthal, die Umgebungen des Casanna- und Lavirunpasses, zahlreiche Partien am Stilfser Joch, Alp Macun und Val Lavinuoz bei Lavin, Fermuntpass, Rosanna, Grian und hintere Sesvenna, die Umgebungen des Firnberpasses u.a. O. im Unter-En-gadin etc. Mehrere der genannten geologisch untersuchten Stellen besuchte ich mit meinem Freunde Escher y, d. Linth, der dieselben Beobachtungen auch noch in anderen Gegenden der Alpen gemacht hat.

Es würde den Umfang dieser Arbeit zu sehr ausdehnen, wollte ich über jeden einzelnen dieser und anderer Orte die Art und Weise angeben, wie die Vegetation gegen die Schneegrenze vorgerückt ist, da sich doch nur im Speciellen das oben Gesagte mit allerlei Modifikationen wiederholen würde. Seit dem Jahre 1855, wo der letzte sehr schneereiche Winter in der östlichen Schweiz war, bis 1866, konnte dieser Vorgang fortwährend beobachtet werden und nur das Jahr 1860 machte mit seinem kühlen feuchten Sommer eine kurze Unterbrechung. Grosse Strecken, die man sonst nur von Schnee bedeckt kannte, wurden davon frei, die kleinen Gletscher nahmen bedeutend an Ausdehnung und Dicke ab, manche ganz kleine verschwanden sogar, die grossen, mit ansehnlichen Eis und Firnplatten in Verbindung stehenden nahmen ebenfalls ab, wenige erhielten sich in gleicher Stärke und nur sehr wenige mögen örtlicher Ursachen halber vorgerückt sein. An den von Zürich

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aus sichtbaren Hochgebirgen sah man im Herbst 1855 bei der damals fast immer reinen Atmosphäre fast keinen Schnee und kein Eis mehr. Der Glärnisch war fast ganz frei, auf dem Tödi und Bifertenstock war der Firn beschränkt. Da 1834, 1846 und in andern ungewöhnlich warmen Jahren der Schnee nie im gleichen Grade -verschwand und im Vorsommer 1865 viel Schnee gefallen war, so muss die Aberkeit im Herbst 1865 offenbar das Resultat einer schon seit Jahren begonnenen Verminderung und Verdünnung der Eisdecke gewesen sein. Diese Umstände waren für Reisen, geologische Untersuchungen und Alpenwirthschaft, höchst günstig; es steht nun dahin, ob der schneereiche Winter 1866-67 wie das Jahr 1860 vereinzelt bleiben, oder der Anfang einer Reihe von Jahren sein wird, in denen Schnee und Eis des Hochgebirgs wieder zunehmen. Solcher sind in dem laufenden Jahrhundert schon mehrere gewesen, am längsten und auffallendsten von 1811-1818. Die Moränen und sonstigen Spuren der damals weit vorgeschobenen Gletscher sind zum Theil mit Bestimmtheit nachweisbar, so namentlich im Berner Oberland.

Weniger sicher sind Angaben aus früherer Zeit, die meist darauf hinauslaufen, dass da, wo jetzt Gletscher und Firnmassen liegen, stellenweise blühende Alpen gewesen, Wege hergegangen u. dgl. Die Volkssage hat sich der Sache auch bemächtigt und bezeichnet gewöhnlich den Frevel der Menschen als die Ursache dieser Umwandlung, z. W an der Segnesalp, Vrenelis Gärtli u.a. O. Es will mir vorkommen, als hänge dies mit dem bekannten Axiom zusammen, dass in der « guten alten Zeit » alles besser gewesen sei; es liegt aber dem Allen die Thatsache zu Grunde, dass zeitweilig Eis und Schnee stark gegen die mit Weide und Wald bestandenen Strecken vorrücken und dass umgekehrt beim Abnehmen jener, die Vegetation dasselbe gegen die Schnee- und Gletschergrenzen thut.

Wie weit sich in historischen Zeiten dieses gegenseitige Schwanken ausgedehnt hat und ausdehnen kann, darüber fehlen uns sichere Angaben und Anhaltspunkte. Die neuere Zeit hat viel gutes Material gesammelt und verzeichnet, aber noch lange nicht genug und ich möchte daher die Mitglieder des Alpen-Clubs veranlassen, diese Forschungen und Bestimmungen fördern zu helfen. Dies kann, wie aus Voranstehendem hervorgeht, auf zweierlei Weise geschehen: durch Beobachtung der Schnee- und Eisgrenze und durch die der Pflanzengrenze; letztere ist zwar weniger sicher und genau zu bestimmen, gibt aber doch einen guten Anhaltspunkt und hat namentlich auch practischen Werth für Benutzung des Bodens. Auch wird der Kampf der beiden streitenden Mächte nicht allein an der Grenze des Organischen gegen die Schneegrenze geführt, sondern erstreckt sich durch vorgeschobene Gletscher weit tiefer hinab und würde bei sehr starken Vorrücken der letzteren bis in die Wald- und Kulturregion fühlbar werden, wie denn auch im gewöhnlichen Zustand der Dinge solche Gebirgstheile, welche grosse Gletscher und Firnfelder enthalten, zum Schaden der Kultur weithin kalte Luftströmungen versenden. Je mehr die Kälte-region sich gegen die Thäler vorschiebt, desto bedeutender wird dieser Einfluss sein, je mehr Boden ihr das schneefreie Land und die Vegetation abgewinnt, desto mehr werden diese Einwirkungen gemildert werden. Daraus begreift sich das Interesse, welches Beobachtungen über diese Dinge auch für weitere Kreise haben können, wenn es gelingen sollte, eine gewisse Periodicität in diesen wichtigen Vorgängen nachzuweisen.

Es gab einmal eine Zeit, welche nicht mythisch, sondern durch vielseitige Beobachtungen als Thatsache festgestellt ist und welche unsere Leser unter dem Namen der Eiszeit kennen.

Damals füllten die Gletscher alle Thäler des Alpenlandes und dehnten sich noch weit darüber in das Hügelland und die Ebenen aus. Die Vorgänge an unsern jetzigen Eisgebirgen geben uns bei all ihrer Grossartigkeit nur ein schwaches, jedoch getreues Bild dessen, was damals geschah. Auch für das zeitweilige Vorrücken und Rückschreiten jener gewaltigen Eismassen haben wir an den hinter einander gelagerten Moränen Denkmäler, welche uns erzählen, dass auch diese Erscheinung, freilich in weit grossartigerem Massstabe, stattfand; selbst lebende Zeugen davon haben wir an Pflanzen höherer Regionen, die auf alten Moränen tief unten zurückblieben. Damals kämpfte das Pflanzenleben von der Ebene aus gegen die Eismassen, welche mit übermächtiger Gewalt vom vergletscherten Hochland gegen die Tiefe vorrückten, wie das jetzt in den Polargegenden, Grönland, Spitzbergen u. s. w. der Fall ist. Wich das Eis für einige Zeit zurück, so rückte die Vegetation gegen die verwüsteten Thäler und Halden vor und zwar auf dieselbe Weise, wie wir es oben für die Jetztzeit beschrieben. Wie oft mögen diese Anstrengungen der schaffenden Natur vergeblich gewesen sein, da der alte Winter den keimenden Frühling einer besseren Zeit wieder verschüttete und vernichtete, bis endlich die mächtige Eisdecke dem Hauche eines milderen Klimas wich und Platz gefunden wurde für unsere lachenden, dicht bevölkerten Thalfluren, für die grünen, rauschenden Wälder und die blühenden Matten an den hohen Halden des Gebirges. Wie langsam dies geschah, welche Zeiträume erforderlich waren, bis das Alpenland so wurde, wie es der Mensch in Besitz nahm, sehen wir an dem, was unter unsern Augen vorgeht. Aber die Natur vollendete ihr Werk, das blühende Leben der Pflanzenwelt siegte über die starre Leblosigkeit des wüsten Chaos von Eis und Schnee, der Fortschritt über die langweilige Stätigkeit überlebter Zustände, in prophetischer Vorbedeutung für die denkenden Wesen, die am Fusse des freien Hochgebirgs lange Zeiten nachher den Kampf um ihr Bestehen und ihre Freiheit führten.

Ständen uns von einigen Jahrhunderten her genaue Beobachtungen über Vorrücken und Abnehmen von Gletschern und Schnee, über Vor- und Rückschreiten des Pflanzenwuchses im Hochgebirge zu Gebote, hätten wir zuverlässige Aufzeichnungen gleichzeitiger Temperaturverhältnisse, Regen und Schneemengen u. s. w., so wären wir der Beantwortung der wichtigen Frage über die Entstehung der Eiszeit sicher weit näher; es kann aber die Wissenschaft nur auf zuverlässige Beobachtung ihre Schlüsse gründen. In ihrem Interesse fordern wir daher unsere Clubgenossen und Andere auf, ihre eigenen und auch wohl fremde zuverlässige Erfahrungen in oben besprochenen Sinne zu sammeln, besonders solche Punkte, die ihnen oft und leicht zugänglich sind, speciell zu studiren und die Ergebnisse in unserm Jahrbuch oder sonst wie zu veröffentlichen. Man halte es nicht für gering, Bausteine sammeln zu helfen, aus denen später ein Bau werden soll.

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