Der St. Gotthard

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Von

L. Rütimeyer.

Auf der etwa 10 Längengrade ( 150 geographische Meilen ) umfassenden Strecke, über welche sich der gewaltigste Gebirgszug von Europa ausdehnt, die Alpen, finden sich nur wenige Stellen, wo von beiden Seiten her die Thäler so weit in das Gebirge eingreifen, dass ein Wanderer ohne vorherige Umgehung ganzer Gebirgszüge den wirklichen Hauptkamm, von den letzten bleibenden Wohnungen des einen Abhangs zu den ersten des andern, in Einem Tagmarsch zu überschreiten vermag. Dies sind — wenn wir etwa absehen vom Col de Tende, der über den letzten westlichen Ausgang der Alpen führt — der Mont Genèvre zwischen den Thälern der Durance und der Dora Ripaira; der Gotthard zwischen denjenigen der Reuss — in weiterer Linie des Rheins — und des Tessin, und der Brenner zwischen dem Inn und der Etseh. Am Mont Genèvre gelangen wir in 10 Stunden von Briançon ( ca. 4300 Par. Fuss ) nach Susa ( 1750 P. F. ) über ein Joch von ca. 6000 F. Meereshöhe, am Brenner in 11 Stunden von Innsbruck ( 1750 P. F. ) nach Brixen mit fast gleicher Meereshöhe über einen Pass von 4200 P. F., am Gotthard in 5 Stunden über eine Höhe von 7000 F. von Andermatt nach Airolo, jenes 4800 F., dieses ca. 4000 F. ü. M.

Schweizer Alpenclub.1

Als tiefste Furchen quer durch das gesummte Gewirre der Alpen verdienen daher diese Uebergänge den Namen von Alpenpässen in ganz besonderem Masse und unterscheiden sich so von allen anderen Pässen, sei es von blossen Nebenpässen, welche nur über einen einzelnen und untergeordneten Gebirgskamm führen, wie Genimi, Grimsel etc., sei es von solchen Hauptpässen, welche allerdings den wirklichen Hauptkamm überschreiten, aber erst nachdem vorher ganze Reviere von vorliegenden Alpenketten auf Umwegen umgangen worden sind, wie Mont Cenis, Kleiner und Grösser St. Bernhard, Simplon, Lukmanier, sei es endlich von den Längsjochen, wie Maloja, Stelvio, Sömmering, welche nicht quer über die Alpen führen, sondern nur Abschnürungen einzelner Längsketten von dem Hauptzug des Gebirgs darstellen..

Ton Alters her sind daher jene drei Hauptpässe auch in besonderem Masse zum Uebergang über die Alpen benutzt und im Verlauf der Zeit von blossen Fuss- und Saumpfaden zum Rang von grossen Weltstrassen, ausgerüstet mit den wichtigsten Mitteln des Verkehrs, erhoben worden.

Als blösse Verbindung des Thales des Po mit demjenigen der Rhone, oder also einer Bucht des Mittelmeeres mit einer andern, konnte der Mont Genèvre nie die völkergeschichtliche Bedeutung haben, wie die beiden andern Passe, welche Süden und Norden Europas, Mittelmeergebiet und die Küsten des Nordmeeres, romanische mit germanischen Völkern — um nicht an Differenzen von noch grösserer Tragweite zu erinnern — in gegenseitigen Verkehr setzen.

Geographisch kann andererseits selbst dem Brenner der Rang eines Hauptalpenpasses streitig gemacht werden, insofern als er strenggenommen ähnlich wie der Lukmanier erst die Kalkketten der bayerischen Alpen über Rosenheim und Kufstein umgeht, bevor er sich von Innsbruck an an den wirklichen Centralkamm des Gebirges wagt.

So schwer also auch der Name Hauptpass sich ausreichend definiren lässt, so kann doch dem Gotthard nach keiner Rücksicht der Rang bestritten werden, der centralste und directeste, der am einfachsten, so gut wie am grossartigsten durchgeführte natürliche Querthirch-schnitt der Alpen zu sein. In der Mitte ihrer Längsausdehnung gelegen, stellt er eine quere Furche dar, die ohne alle Unterbrechung von Brunnen, oder richtiger von Zug an, eine grosse Zahl von Längsketten durchschneidend fast geradlinig bis nach Arona zieht und gewissermassen das gesammte Alpengebirge in zwei ziemlich gleiche Hälften theilt. Selbst die Geologie, die so häufig unter der heutigen geographischen Oberfläche einer Gegend als unter der Structur der Gegenwart ein ganz anders lautendes Gerippe von Gebirgs- und Thalzügen, weit altern Ursprungs und daher oft bis zur Unkenntlichkeit verwischt, aufdeckt, muss dem Gotthard den Rang ungeschmälert lassen, den reinsten und gewaltigsten Querriss durch die Gesammtheit der Alpen darzustellen.

Wie von Alters her den Alpen, als der grossen Scheidemauer zwischen dem Norden und Süden Europas im geistigen wie im praktischen Leben, in der Phantasie und in der Geschichte der Yölker eine grosse Rolle zukam, so mussten nothwendigerweise auch die Alpenpässe als die Breschen in der Scheidemauer wieder für Denken und Handeln von früh an eine grosse Bedeutung erlangen. Hatte die weithin sichtbare Schranke einst lange Zeit als solche die Civilisation der Mittelmeerländer von den sagenhaften Hyperboräern geschieden, so wurden ihre Breschen später die Strassen, auf welchen erst die kriegeri-

1* sehen, dann die friedlichen Eroberungen die Völker des Dies- und Jenseits in Berührung brachten und allmälig ausglichen.

Im Westen wohl zuerst von dem alten Han-delsvolk der Phönizier, dann ( 218 a. Chr. ) von den afrikanischen Schaaren Hannibals, im Osten von den nach Nord dringenden Römern unter Drusus und Tiberius geöffnet, flutheten später durch alle diese Lücken der grossen Mauer die Völker herein, welchen Rom die Kunde von einem reichen, warmen Süden gebracht hatte, und seither noch schlagen die Wellen der Eroberungen von Sprache und Dialekt, von Sitte und Unsitte, von Handel und Wandel von beiden Seiten her durch stets dieselben Lücken, je nach der Starke des Windes, d.h. der Lebensenergie der Völker bald in dieser, bald in jener Richtung. Zum Ausgleich, zum ruhigen Zuzammenfliessen von beiden Seiten ist es noch heute nicht gekommen und steht nach den jüngsten Erfahrungen nicht so bald in Aussicht. Was einst Cicero verkündete, dass die Alpen von der Erde verschwinden könnten, da nichts mehr von einem Ocean zum andern Italien erschrecken könne, ist selbst in unsern Tagen, da sogar Dampfwagen, viel rascher als die früher eiligem Verbindungsmittel auf den weltverbindenden Meeren, schon über mehrere dieser selben Pässe rollen, noch nicht in Erfüllung gegangen. Mahnen doch gerade gegenwärtig die Stürme der Infallibilität, die wie heisser Föhn über die Alpen hereinjagen, vernehmlich genug, dass Denken und Fühlen drüben und hüben verschieden geblieben.

Genügt dies, um — so gut wie die naturdie völkergeschichtliche Bedeutung der Alpenpässe kurz anzudeuten, so wird uns wohl auch gleichzeitig in Erinnerung gebracht, dass allerdings gerade der Gotthard, obschon

doch vom Àlterthum her bis heute, wo er von den Dampfwagen der östlichen wie der westlichen Alpenvölker überflügelt ist, jeweilen zuletzt in seine Rolle eingetreten ist. Blieb er doch als Querjoch über die Gesammtalpen bis in das vorige Jahrhundert so viel als ganz geschlossen, führte ja sogar bis in 's Jahr 1707 nur eine in Ketten hängende Brücke über den Abgrund, der den untern Theil des Reussthaies von dem obern trennt; nachdem schon Jahrhunderte lange der Hauptkamm, der Gotthard im engern Sinne, gewissermassen als Längsjoch gedient hatte, d.h. für die Yerbindung über die Furka nach dem Wallis und noch mehr über die Oberalp nach dem Rheinthal.

Hat nun auch der S.A.C. schon häufig sich Clubgebiete ausgewählt, welche dem Gotthard an malerischer Pracht oder an imposanter Grosse des Gebirges weit voranstellen, so mochten dennoch die vorangegangenen Andeutungen zeigen, dass ihm mancherlei Reiz und Interesse keineswegs abgeht; ja für Solche, welche wirkliche Bedeutsamkeit auch unter vielleicht unscheinbarem äussern Gewände zu entdecken wissen, bietet er ohne alle Zweifel des wirklich Lehrreichen so viel, als manche Gebirgsgruppen, die das Auge des Besuchers weit mehr fesseln und seinen Fuss auf eine viel härtere Probe setzen.

An vertikaler Erhebung einzelner Gipfel und an kühner Gestaltung der Berge bleibt er nicht nur hinter jenen berühmten Kronen schweizerischen Hochgebirgs, den Alpen von Bern und Wallis, weit zurück; er vermag nicht einmal die bescheidenem Höhen der Tödi- oder der Dammagruppe zu erreichen. Auch was den Schmuck an Eis und Schnee betrifft, der so leicht das Auge blendet und so oft den einzigen Ruhmestitel eines Berges ausmacht, kann sich die Gotthardgruppe mit den genannten.

frühern Clubgebieten bei weitem nicht messen; stundenlange Gletscherströme sucht man in ihr vergebens; selbst Silvretta und Gallinard, an mittlerer Erhebung dem Gotthard kaum überlegen, thun es ihm an Ausdehnung der Sehneebedeekung zuvor.

Nichtsdestoweniger betritt der Alpenclub im Gotthard ein Gebiet, das für den Erforscher unseres Landes in mancher Rücksicht einer der merkwürdigsten Theile der ganzen Alpenkette genannt werden kann. Als ächter Central- und Knotenpunkt und wohl auch als einer der ältesten Theile der Alpen mitten in diese mächtige Erhebung unseres Festlandes gestellt, hat er offenbar seit entlegenen Erdperioden auf das Relief und die Gestaltung unseres Erdtheils den vorwiegendsten Einfluss ausgeübt, und es kann uns daher kaum wundern, wenn seine allgemeine geographische Rolle, namentlich sein Einfluss auf die grossen Wasserläufe Europas von dem naiven Blicke der alten Geographen fast mehr gewürdigt wurde als in neuerer Zeit, da die Bekanntschaft mit so vielen weit höheren Gebirgszügen ihn in Bezug auf Höhe fast auf des Rang eines Joches, einer Einsenkung erniedrigt hat. Erst die Geologie hat ihm wieder eine hervorragende Stellung als Centralgebirge verschafft; und ein nicht geringerer Reiz knüpft sich an diese alte Bergkuppe, seitdem sogar Botanik und Zoologie, natürliche und politische Historie des Menschen gezeigt haben, dass auch die organischen Bewohner dieses Gebirgsstockes, von der Pflanze bis zum Menschen in mancher Beziehung das Gepräge ihres Wohnortes an sich tragen und sich zu den Geschöpfen der Umgebung fast wie Stammväter verhalten, die auf ihrer alten Berginsel von fremdem Einfluss nur umspült, seit alter Vorzeit fast unverändert zurückgeblieben.

Aeltere Kenntnisse.

Sowohl aus historischem Interesse als aus billiger Dankbarkeit gegen seine Vorgänger mag es dem Alpenclub wohl geziemen, vor Beginn seiner eigenen Unternehmungen einen kurzen Rückblick auf die Leistungen Ersterer zu werfen.

Sehen wir ab von der ältesten Schweizergeographie, der Descriptio de situ Helvetise et vicinis gentibus, in welcher der Philolog Glarean im Jahre 1514 in poetischer Weise ( seiner Zeit für die Jugend in Musik gesetzt ) dasjenige zusammenstellt, was den Geographen des Alterthums, Polybius, Strabo, über die Schweiz bekannt war, so ist Aegidius Tschudi, ein Schüler Glarean's und der Basler Hochschule der erste, der nach eigener Ansicht eine genauere Darstellung der Topographie der Schweiz unternahm. Da aus ihm nicht nur die Geographen des 16. Jahrhunderts, Sebast. Münster, Stumpf, Simler, ihre Kenntnisse schöpften, sondern selbst Scheuchzer und seine Nachfolger, so kann man füglich Tschudi als den Begründer der Topographie der Schweiz vom 16. bis 18. Jahrhundert bezeichnen. Seine wichtigsten Schriften sind „ Die Uralt warhaftig Alpisch Rhetia, sampt dem Tract der anderen Alpengebirgen, Basel 1538 ", sowie die Beschreibung der Gallia comata. In der Uralt warhaftig Alpisch Rhetia vertheidigt Tschudi mit Nachdruck die Ansicht Cäsar's, dass die Lepontischen Alpen die höchsten Alpen seien. „ Dann wo kan der Nammen gemässer sin Summse Alpes zu nennen und die obersten höhinen der gepirgen bass geachtet werden, dann da vernampte wasserflüss uff all syten der Welt usslauffend und entspringend, welches in disem pirg beschicht, namlieh Ticinus, Madia und Tossa in Italien gen mittag, Rhodanus in Gallien gen Untergang, die Russ und Aar durch Helvetios gen mit-nacht, der vorder Rhin bis gen Chur gegen uffgang. "

Desshalb, sagt dann die Gallia comata, „ sei er auch ohne Zweifel der hoche Berg G-othardt genannt, dass er von seiner Höche, gleich als ein Gott anderer Gebürgen, alle übertroffen hat, dèsswegen dieses Gebtirg von Csesare lib. 3 Summse Alpes genennet. " G. com ., p. 326 u. 350. Als Glieder des Gotthard nennt Tschudi auch die Grimsel und Furka, während er das Quellgebirge des Rheins nach dem Torbild von Strabo und Ptolomseus Adula heisst, der dann wieder den Lukmanier und Crispait in sich begreift. Die genauere Beschreibung des Gotthardgebirges würde kaum erkennen lassen, dass Tschudi ihn begangen habe. Wenn er auch an einzelnen Orten genaue Angaben macht und z.B. im Gebiete des Lukmaniers den Berg Cadelimus als Quellgebiet des Mittelrheins nennt, zu der Livineralp Cornera gehörig, so fällt auf, dass er der Teufelsbrücke nicht erwähnt, obschon er von Ursern spricht, als einer lustigen Wilde zu oberst in den Alpgebirgen am Gotthard, in welcher St. Columban um das Jahr 620 eine christliche Kirche aufgerichtet. Doeh heisst es weiter: „ Von Uri über den Gotthard ist erae vornehme stats brüchliche Landstrass, die Kaufmannsgüter Straimers und Winterszeit zu fertigen, jederzeit gewesen und annoch: Man mag die Güter von demVenedischen Meer den Padum undTi-cinum hinauf bis zu oberst an den Langen-See zu Wasser fertigen, darnach wenig Tagreisen zurücksanmen über den Gotthard bis an Urner-See; dannet widerum zu Wasser den See und die Russ hinab in den Rhein und denselbigen durch hinunter bis an das teutsch Meer, nach Antorff ( Antwerpen ), Engelland, Deimemark, Nortwegén und ander Land, also dass keine geringe Strass über die Alp-Gebürg von Kommlichkeit wegen der Wassern. "

Und überdies lesen wir in der Yorrede zum zweiten Buch der Gallia comata, worin er sich beklagt, dass Sebastian Münster heimlich das ihm von Glarean geliehene Manuscript dieser Schrift copirt habe, dass Tschudi allerdings wenigstens den Gotthardpass bereist habe, so wie die Furka, den Lukmanier, den Vogelberg, den Splügen ( damals Urschler genannt ), den Septimer, den St. Bernhard und selbst den „ Gletscher".* )

Zu der erstgenannten Arbeit, der Uralt Rhetia, gehört eine leider sehr seltene Karte von Rhätien und der Schweiz, 1560 in vier grossen Blättern erschienen, die älteste Karte der Schweiz, und es ist nicht ohne Interesse, dass der beste Kenner der Entwicklung der helvetischen Topographie, Prof. B. Studer, zum Urtheil kommt, dass man zu Tschudi's Zeit, im 16. Jahrhundert,

* ) Den letztern Namen trug damals der Theodnlpass, Mons Sylvius, und es ist nicht ohne Interesse, was Tschudi ( G. com ., p. 361 ) von ihm sagt: « Silvius Mons, von Teutschen der Gletscher genannt, von wegen das ein ewiger Firn und Gletscher auf siner First ist bei vier Italischer Meilen breit, der nimmer verschmelzet oder abgehet, darüber man zu Sommers Zeiten ohne Unterlass zu Boss und zu Fuss wandelt ohne Sorgen. » Ja man fragt sich, wenn man weiter liest, ob nicht der Col d' Herens damals ein begangener Pass war. « Dieser Berg ( der Mons Sylvius ) ist fast hoch, scheidet Sedunos ( Ober-Wallis ) und Salassos ( die Augstaler ) von einander. Ab dieser Bergfirst theilet sich die Strass zu oberSt auf aller Höhe in 2 Thäler in das Augstthal hinab zu ziehen; dass eine Val Tornenza genannt, ist zur rechten Hand, geht richtig hinab zu dem Städtle Castellum, das ander Thal Aiaza genannt, zur linken Hand gelegen, gehet naher Eporedia ( LiveryJvrea. lieber diesen Berggletseher kommt man in Wallis auch in 2 Thäler, das eine zur linken Urenthal genannt, gehet richtig ( gerade ) gen Sedunum ( Sitten ), das ander zur rechten das Matt-Thal genannt, darinnen das Was9ef Fischbach entspringet, gehet hinab gegen Visp. » '

Obsehon Tschudi's Gallia eomata fast erst zweihundert Jahre nach seinem Tode, 1758, im Druck erschien ( durch Bemühung des Pfarrers Gallati in Berschis ), so zeigt sich doch, das s die Geographen des 16. Jahrhunderts, Sebastian Münster, Stumpf, Jos. Simler, von dieser Arbeit, so gut wie von der Uralt Rhetiu, Kenntniss hatten. ( Die Yorrede zum 2. Buch stammt aus dem Jahre 1571. ) Finden wir doch bei Jos. Simler in seinem „ Commentarius de Alpibus " ( erste Ausgabe 1574 ) in Bezug auf den Gotthard dieselben Details, nebst einer guten Beschreibung des Tremolathales und der Teufelsbrücke. Simler fasst den Begriff des Gotthard schon etwas weiter; er zählt dazu denYaldösch ( Valdotius ), wo die Tosa ( Athiso ) entspringt, und nennt Gotthard sehr passend das Gebirge zwischen den Quellen der Rhone und denjenigen des Rheins. Auch bestreitet er wohl mit Recht, dass Cäsar mit dem Namen Summee Alpes wirklich einen bestimmten Theil der Alpen habe bezeichnen wollen, sondern meint, dass dies ein ganz allgemeines von Strabo entlehntes Prädicat für den Alpenkamm ( zà'â/.ça zwv'àhïieiov ) sei.

Es ist nicht ersichtlich, dass das 17. Jahrhundert Wesentliches zu diesen geographischen Kenntnissen über die Alpen beigefügt habe. Als Beleg könnte man etwa passend auf das geographische Lehrgedicht von Rebmann ( weiland Pfarrer zu Muri bei Bern ) verweisen, welches, weit ausführlicher als das von Glarean, uns über die damalige Alpenkenntniss wohl ziemlich richtige Auskunft gibt. ( „ Ernsthaft poetisch Gastmal und Gespfäch zweier Bergen, nemlich des Niesens und Stockhorns ", 1605 in erster, 1620 in zweiter Auflage erschienen, „ eine Physica, Chorographica und EthicaDescriptio von der ganzen Welt ins gemein, besonderlich von Bergen. " ) Da Rebmann gewiss den Gotthard nicht aus eigener Anschauung kennt, so sind die auf diesen Theil der Alpen bezüglichen Yerse ( p. 442 ) gleichzeitig ein nicht uninteressanter Beleg, wie damals doch schon ziemlich genaue Kenntnisse über dieses Gebirge verbreitet waren.

Sorgfältige eigene Untersuchungen finden wir dagegen wieder bei Joh. Jac. Scheuchzer, dem Schweizer Geographen des 18. Jahrhunderts. Scheuchzer muss uns besonders interessiren, da er zuerst die Schweiz als Naturforscher, mit mathematischen und physikalischen Instrumenten ausgerüstet, bereist hat. Auch er ist noch ungewiss, ob der Gotthard wirklich der höchste Theil der Alpen sei. Bei Anlass seiner Reise dahin im Jahre 1705, 3. Thl., p. 49 etc., sagt er, „ dass der Heilige Gotthard, wenn der Berg von ihm seinen Namen habe, der höchste Heilige sei, weilen er seinen Sitz hat auf dem höchsten Gipfel Europae. " Doch neigt er sich im Weitern der Meinung Simler's zu, dass Cäsar's Ausdruck nur den Alpenkamm im Allgemeinen besagen wolle, und macht mit vielem Recht aufmerksam, dass nicht diejenigen Berge für die höchsten zu halten seien, von welchen namhafte Flüsse in alle Weltgegenden abfliessen; wie denn von dem niedrigen Fichtelgebirge vier Hauptflüsse ausgingen, der Main, die Eger, die Naab und die Saale, und auch die Donau bei Donaueschingen, ja in Russland und in der Tartarei die meisten Flüsse auf flachem Lande entspringen.

Bezüglich des Namens Gotthard scheint es ihm verdächtig, dass der erst 1131 vom Pabst Innocenz II. cano-nisirte Heilige diesem Berg den Namen gegeben haben sollte. „ Ich möchte aber wol wissen wie er von Hildesheim in dies rauh Schweizerisch Alpgebirge kommen sei. Ich überlasse eine genaue Untersuchung dieser Materi denen, so die Yerehrung der Heiligen ihren Reli- gioTisübungen einverleibet. "

Es folgt dann die schon von Simler aufgestellte Yermuthung, dass der Name Gotthard von den Gothen stamme, welche im 6. Jahrhundert unter Justinian aus Italien vertrieben worden seien.

" Wichtiger ist, dass Scheuchzer schon eine barometrische Messung des Gotthard vorgenommen. „ Was anbe-trift die senkelrechte Hohe des Gothards über dem Mittelländischen Meer, so finde ich, weilen das Quecksilber gefallen auf 21 Zoll 6 Va Scrup. Pariser-Mäss, das nach Mariotte Meinung herausgekommen 5559, nach Cassini aber 7692 Pariserschuhe. "

Es entspricht der gewissenhaften und der Belehrung mehr als dem Vergnügen gewidmeten Art des damaligen Reisens, dass Scheuchzer die Gotthardstrasse bei Altorf erst mit einer weitläufigen historischen Darlegung betritt, „ dass die alten Taurini, oder wie sie jetzt genannt werden, die Urner, die ersten unter den Galliern waren, welche foecundidate Regionis pellecti, aus sonderlicher Begird, die lustvolle Fruchtbarkeit der Ennetbirgischen Italienischen Landen zu gemessen, aus Gallia celtica sich unternommen, die höchsten Alpspitzen zu übersteigen und in einem nachdenklichen Kriegszug Italien einzunem-men.* Die Reise selbst ging erst nach Airolo, dann von Madrano über Foggia nach Val Piora und St. Maria am Lukmanier, „ da mit Lust zu sehen ist, wie einerseits die ersten Bächlein des Tessins abfliessen gegen Abend und den ungestümen Piorabach ausmachen, anderseits aber, auch kleine Bächlein die ursprünglichen Quellen abgeben des Mittlern Rheins, welcher gegen Morgen abfliesst durch das Medelser Thal. " Scheuchzer bemerkt überall mit besonderer Sorgfalt die Quellen der Flüsse. Für den Tessin nennt er diejenigen aus Val Tremola, Sella, Piora, Bedretto und den Lago del Pettine ( älterer Käme fürFibia ), für den Rhein diejenigen von Medels, von der Cima del Badus, von Maigels, von Cornera, wobei er die Angabe von Tschudi corrigirt, dass der Bach aus Cadlim Froda heisse ( so heisst wohl der Bach von Yal Canaria ).

Weiter überschritt er Oberalp und Furka. Die Karte, die beigegeben ist, verzeichnet strenggenommen nur die Richtung der Keuss, deren Krümmungen mit der Magnetnadel aufgenommen worden waren. Im Thale von Ursern sind dann aber eine grosse Menge von Seitenbäehen mit Namen eingetragen. Von Berggipfeln sind am Gotthard nur der Blauberg, der Guspis, der Orsino und ein Monte Platta ( die Pointes de Fortuné zwischen Alpe di Fortuné und Guspisthal ) genannt.

Nicht viel mehr bietet Scheuchzer's berühmte Schweizerkarte ( Nova Helvetiae Tabula geographica ) vom Jahre 1712, welche zwar längs den von ihm begangenen Strassen sowohl Ortschaften als Bergnamen nicht so unrichtig vertheilt, aber in den von ihm nicht besuchten Gebieten dann ziemlich auf 's Gerathewohl verfährt.

Die barometrischen Messungen führen Scheuchzer schliesslich doch zu dem Ergebniss, „ dass Gotthard, Lukmanier, Furka und andere ihresgleichen Lepontische, Rhätische undWallisergebirge, als die höchste Erdspitze von ganz Europa, fast in gleicher Höhe liegen. "

Verstossen schon die Barometermessungen, die Scheuchzer auf den von ihm begangenen Alpenpässen vornahm, erheblich gegen die Ergebnisse späterer Mes " sungen mit besseren Methoden, so täuschte ihn dann die Abschätzung der noch über die Pässe sich erhebenden Gipfel in viel stärkerem Masse. Er wendet dazu ein Winkelinstrument an, und findet z.B. für den über der Furka sich erhebenden Gipfel eine Höhe von 700 Fuss, und auf einer folgenden Bergreise, im Jahre 1706, wurde dann der Titlis als höchster Gipfel Europas eingesetzt.

Eine Messung auf dem Engelbergerjoch hatte ihm nämlich für dieses ungefähr 9000 Zürcherfuss ergeben, und als Erhebung des Titlis über das Joch fügt er noch fernere 1000 Fuss hinzu.

" Wie Tschudi durch die ersten historischen und topographischen Origihalarbeiten über die Schweiz auf die vaterländische Litteratur des 16. und 17. Jahrhunderts den grössten Einfluss übte, so finden wir auch den Kach-klang der physikalischen Untersuchungen Scheuchzer's in den meisten Schriften über Topographie und Naturgeschichte der Schweiz im 17. und 18. Jahrhundert. So bringt noch 1760 Gottl. Sigm. Grüner in seinen „ Eisgebirgen des Schweizerlandes ", so einlässlich auch dieses Werk die Gebirge des Kantons Bern beschreibt, bezüglich des Gotthard kaum etwas, was nicht Scheuchzer schon erzählt hätte. Ist doch z.B. selbst Gruner's Abbildung des Rhone-Gletschers, mit der etwas kecken Unterschrift: „ gezeichnet nach der Natur von F. Meyer ", nur eine Copie der Scheuchzer'sehen Tafel. Ueber die lepontinischen Alpen im Besondern gibt Grüner fast nur eine Compilation aus den oben erwähnten Schriften. Neu ist nur eine ziemlich richtige Beschreibung des Wytenwasserthales, das mit einem Gletscherhintergrund gegen das Ronker-thal auslaufe, und des Muttenthales, so wie die von Micheli du Crêt entnommenen Höhenangaben über die Cima del Badtts und benachbarte Gipfel, die Cornera, Maigels etc. genannt werden. Allein nicht nur sind dies für Sam. Grüner noch so gut wie für Jul. Cäsar die Summse Alpes, sondern Grüner fügt bei, dass bei den Capucinern man sich noch nicht auf dem höchsten Gipfel des Berges befinde, sondern in einem hohen Thale, welches zu beiden Seiten mit noch viel höheren Felsen umgeben sei, die meistens aber imersteiglich seien, „ man müsste mindestens eine unüberwindliche Begierde haben, auf der obersten Spitze von Europa zu stehen, wenn man sich auf dieselben hinauf wagen wollte. "

( 2. Thl., p. 20. ) „ Die Bemerkungen des Herrn von Plantade scheinen also völlig unrichtig zu sein, wenn er behauptet; der Canigou, als der höchste Gipfel der Pyrenäen, sei höher als das oberste Haupt des Gotthard. Ebenfalls halte ich es für unrichtig, was Hr. Needham behauptet, dass der Mont Tourné in Savoyen* ) der höchste in Europa, die Peruvi-schen Gebirge aber um ein namhaftes höher seien als die Schweizerischen. "

Die Schweizerkarte, die dem Gruner'schen Werke beigefügt ist, ist offenbar nur nach der Phantasie gezeichnet und gibt in der Gegend des Gotthard eine Masse von Bergnamen, wohl Alles, was Grüner an Namen von dort zusammenraffen konnte, theils richtige, theils offenbar missverstandene und aus frühern Schriften entlehnte, wobei Namen von Gipfeln und Alpen unter einander gemengt sind. Sie bleibt somit hinter der weit altern von Scheuchzer erheblich zurück.

Nicht viel Besseres lässt sich sagen von den ungefähr gleichzeitigen Schweizerkarten, die Walser ( Pfarrer zu Bernegg im Rheinthal ) im Homann'schen Verlag in Nürnberg herausgab. Das ganze Gotthardgebiet ( Karten von Uri und Graubünden 1768 ) trägt nur die damals bekannten Bergnamen so ziemlich auf 's Gerathewohl in ein beliebiges Labyrinth von Berggipfeln ein.

Bei der Unvollkommenheit der Karten ist es um so

" ) Nach einer Meinen Karte von NeedTiam wäre dies wahrscheinlich der Mont Pourri in der Tarentaise. ( B. Studer's physikal. Geogra--3>hie, p. 302. )

begreiflicher, wenn auch malerische Ansichten aus damaliger Zeit unrichtig ausfielen.

Von dieser Ungenauigkeit geben namentlich die Scheuchzer'sehen Bilder einen guten Beleg; doch muss ein guter Theil ihrer Unrichtigkeit sicher dem Umstand zugeschrieben werden, dass richtige Auffassung der Contouren und namentlich richtige Perspective in den Hochgebirgen überhaupt grosse Schwierigkeiten zu überwinden hat. Jeder, der sich hierin selbst versucht hat, kann dies bestätigen. Die Tafeln des Grüner'sehen Werkes sind zum Theil schon viel besser gezeichnet, allein immerhin spielt die Phantasie des Künstlers noch erheblich mit und imponiren ihm offenbar die gewaltigen Formen und die mächtigen Höhendifferenzen auf engem Raum in ähnlicher Weise, wie uns, die wir hieran doch allgemein gewöhnt Bind, wenn wir etwa nach langer Unterbrechung sehr rasch uns in ein enges Alpenthal versetzt sehen.

Dennoch haben wir aus dieser Zeit schon ein Panorama, wohl die erste Alpenansicht der Art, die durch die Richtigkeit der Zeichnung auffällt. Sie wurde von dem schon genannten, namentlich um Thermometrie verdienten Genfer Physiker Micheli du Crêt während einer Gefangenschaft im Schloss Aarburg von dort im Jahre 1755 aufgenommen. Sie erstreckt sich vom Uri-Rothstock bis zum Rinderhorn und gibt zu den einzelnen Gipfeln ihre Höhen in Toisen. Die Namen aber der Berge, die er von Aarburg aus wohl auf der Scheuchzer'schen Karte zu entziffern suchte, sind wenigstens in den hintern Ketten grösstentheils durchaus irrig. So glaubt er, um nur von dem uns interessirenden Theil des Panoramas zu reden, im Titlis, der über den Pilatus sichtbar wird, den Gotthardgipfel zu erkennen, während er das kleine Spannort Titlis nennt. Im Uri-Rothstock erblickt er den Crispait, in den Wallen stocken den Lukmanier, in der Dammagruppe die Furka u. s. f. Noch mehr irrt er dann freilich in den Berner Alpen, wo er im Breithorn den Eäzliberg vermuthet, in der Blümlisalp den Geltengletscher, im Doldenhorn den Dungel, in der Alteis den Sanetsch, im Rinderhorn Anzeindaz.

Noch viel verfehlter ist ein anderer Versuch der Art, den wir hier nur beiläufig erwähnen, nämlich der auf das Pfiff er'sehe Relief gegründete Plan perspectif d' une grande partie des Cantons de Lucerne, d' Uri etc., von Dunker 1777 gezeichnet. Es ist diese Zeichnung gewissermassen der Vorläufer der Delkeskamp'schen Panoramakarten, eine coulissenartige Gruppirung von Panoramen, daher an denselben groben Fehlern leidend wie die genannte neuere Unternehmung, aber überdies wieder mit sehr unrichtiger Contourzeichnung. Ein ganz ähnlicher späterer Versuch von Mechel in Basel aus dem Jahre 1786 leidet an noch grössern Fehlern.

Langsamer und schwieriger als der Fortschritt von malerischen Darstellungen war aus natürlichen Gründen der Fortschritt der Karten. Die erste Karte von Aegid. Tschudi ist bereits erwähnt worden. Ebenso die Gotthardkarte von Scheuchzer, wesentlich nur eine Flusskarte, so gut wie die bekannten Karten von Sebast. Münster, Stumpf etc., die eigentlich nur darin bestehen, dass indif-ferentes Gebirge nebst den Ortsnamen in die Zwischenräume eingetragen wird, welche die Wasserläufe lassen. Um so unerwarteter ist es daher, noch am Ende des 18. Jahrhunderts schon auf eine spezielle Karte des Gotthardgebirges zu stossen, welche in mancher Beziehung mehr leistete, als gewisse heute herauskommende Arbeiten. Dies ist die Carte petrographique du St. Gothard, von Exchaquet, Struve und von Berchem, aufgenommen im Schweizer Alpenclub.2 J8Riitimeyer.

Jahre 1791 und 1795 von Chr. Mechel in Basel nebst einem Itinéraire du St. Gothard publicirt. Exehaquet von Aubonne war allerdings zu einer bessern Arbeit als seine Vorgänger in besonderem Masse befähigt, indem er durch Verfertigung von Gebirgsreliefs in grossem Masstabe eine grosse Vertrautheit mit Gebirgstopographie gewonnen haben musste. So entwarf er das erste Eelief des Mont Blanc, ferner im Auftrage der Berner Regierung ein noch im Berner Museum befindliches Relief des Gouvernement d' Aigle im Masstabe von 1: 15,000, ferner ein Relief der ganzen Waadt nebst Chablais und Faucigny, endlich ein Relief vom Gotthard. Auf dieses letztere gründet sich eine von Mechel in Basel publicirte „ Vue perspective du St. Gotthard " nebst Explication ( 1792 ) und dann die eben erwähnte Karte, der von Mechel ebenfalls ein Itinéraire beigefügt wurde, 1795. Ebel rühmt diese Karte als vortrefflich. Sie umfasst in einem erheblich grössern Masstabe als die Dufourkarte den Gotthard von Gesehenen bis Dazio, von Nord nach Süd, von Chia-mut bis zum Rhone-Gletscher, von Ost nach West. Sie ist zwar allerdings ausserordentlich verzeichnet, und namentlich kömmt nun diesmal das Gebirge zu Gunsten der Thäler viel zu kurz. Auch sind hier offenbar, ganz umgekehrt von früherem Verfahren, die Wasserläufe erst nachträglich in die Gebirgszeichnung eingetragen, denn die Bäche laufen nicht ganz selten über Gebirgszüge weg. " Was die letztern betrifft, so ist auch ihre Richtung oft eine vollkommen verfehlte; namentlich erscheinen die grossen Thäler von Cornera, Nalps, Medels ungefähr so, wie man sie etwa von einem Punkte des Gotthard aus zu erblicken glaubt. Man sieht auch an dem Fehlen von Angaben über das Gestein in diesen Gegenden, wie auch. in dem Mutten- und Wytenwasserstock, dass der Zeichner diese Partien nicht besucht hat.

Auch an Namen ist kaum mehr da, als was bereits durch Tschudi und Scheuchzer bekannt sein konnte. Immerhin würde noch heute eine solche Arbeit ohne zu Grunde liegende Triangulation ähnliche Fehler kaum ganz vermeiden können, und müsste das Entwerfen einer solchen Karte auf bisheriger Terra incognita einem heutigen Touristen zu grösser Ehre gereichen, wie denn schon das Eintragen der Gesteinsart oder besonderer Mineralien auf solchem Terrain von vielem Fleisse zeugt.

Das beigefügte Itinéraire, nach dem Vorbilde eines frühern Itinéraire de la Yallée de Chamonix, macht Angaben über den Zugang zum Gotthard von den verschiedensten Seiten her, von Genf und Lausanne, von Bellinzona, von Bern ( über die Grimsel ), von Altorf, von Disentis, von Domo d' Ossola, und wendet auf die Aufzah-lung der am Gotthardgebiet vorkommenden Gebirgsarten, Mineralien und Pflanzen eine besondere Sorgfalt.

Schon vor dem Itinéraire du St. Gotthard, das wir der Karte halber früher erwähnten, hatte indess der Gotthard vor Ende des vorigen Jahrhunderts einige treffliche Monographen gefunden, die in einer noch so kurzen Geschichte der Erforschung des Gotthard nicht übergangen werden dürfen. Erstlich finden wir in den Beiträgen zur nähern Kenntniss des Schweizerlandes von dem Zürcher Pfarrer Hans Bud. Schinz eine ganz vortreffliche allgemeine Schilderung des Gotthard. Das erste Heft diesep Beiträge, 1783 erschienen, ist dem Gotthard ausschliesslich gewidmet und zeugt von sehr genauer Bekanntschaft des Verfassers mit diesen Gegenden, die er sehr wiederholt und oft in längern Aufenthalten besucht hat; wie er denü bekennt, dass ein Aufenthalt von drei Tagen bei denEhis-würdigen Vätern Capucinern im Jahre 1777 zu den

2* genehmsten Tagen seines Lebens gehöre, und wie er sich vorgenommen, an der über alle andern weit hervorragenden Bergspitze so hoch hinauf zu klimmen ( wohl Prosa oder Guspis, im Nordost des Klosters ), wie es nur immer möglich sei.

Auch verbreitet er sich mit unverkennbarer grösser Yorliebe über Topographie, Geschichte und politische Einrichtung, Kultur, Sitten und Naturgeschichte, wodurch dieses Büchlein noch heutzutage eine ebenso anziehende als lehrreiche Lektüre für Jeden bilden kann, der nicht, wie dies heutige Touristen so oft thun, nur seine Schuhe mit dem besuchten Gebirge bekannt zu machen beabsichtigt. Eine ähnliche Arbeit über den Gotthard würde heute noch den Publikationen dés Alpenclubs zu grosster Ehre gereichen.

Der Naturgeschichte des Gotthard im Speciellen sind dagegen zugewendet die Reisen von Andrem, von Storr, von Pini und vor allem von H. B. de Saussure. Die ersten, unter dem Titel: „ Briefe aus der Schweiz nach Hannover geschrieben, im Jahre 1764 ", sind nicht von erheblicher« Bedeutung. Herr Andreas interessirt sich besonders um Naturalienkabinete und Crystallhandel und publicirte auch die meteorologischen Aufzeichnungen der Capuciner des Gotthard vom Jahre 1762. Im Uebrigen tragen seine Briefe noch recht die frühere, so sehr von der heutigen verschiedene Art der ästhetischen Beurtheilung der Hochgebirge zur Schau. „ Hier ist das Land der " Wunder, " schreibt Andre® von Altorf aus, „ welches Riesen bewohnen sollten. Welche entsetzliche Berge! Altorf ist ganz von ihnen umgeben und hat eine recht fürchterliche Lage. Ein würdiger Vorhof — dass ich so sagen mag — des Gotthards, der über alle Berge Europens sein Haupt erhebt. " Man kann sich denken, wie sich sein Erstaunen im Verlauf der Reise steigert.

Weit wissenschaftlicher ist die Alpenreise von Storr aus Tübingen, der im Jahre 1781 den Gotthard besuchte und eine sehr specielle Beschreibung der Mineralien und Crystalle desselben gibt, während Pini, Lehrer der Chemie und Mineralogie in Mailand, in seiner „ Memoria mi-neralogica sulla Montagna e sui contorni di S. Gottardo, 1783 " sich mehr der physikalischen Geographie und der geologischen Structur des Gebirges zuwendet. Auch enthält seine Schrift eine sorgfältige Abhandlung über die Höhe des Gotthards, worüber er auf dem Fieudo eigene Barometerbeobachtungen angestellt hat.

Doch kann die genauere geologische Erforschung des Gotthard wie der Alpen im Allgemeinen erst von Horace Bened. de Saussure an datirt werden, dessen berühmte „ Voyages dans les Alpes " bekanntlich die Grundlage der Alpengeologie bilden. Saussure hat nicht nur die Gesteine des Gotthard viel sorgfältiger untersucht als seine Vorgänger, sondern auch zuerst auf die fächerförmige Stellung der Schichten aufmerksam gemacht, die den Gotthard in so hohem Masse charakterisirt. Auch ist es wohl begreiflich, wenn ein so genauer Kenner der Alpen von Dauphiné bis zum Gotthard, der den Mont Blanc mehrmals bestiegen und 17 Tage auf dem Col du Géant zugebracht, der die Gebirge der Maurienne und Tarentaise, sowie den Monte Rosa besucht hatte, sich bezüglich der Höhe der Gotthardgipfel sehr enttäuscht fand. Er hat den Gotthard zweimal besucht, im Jahre 1775 und 1783. Obschon ihm sein Führer Lombardi die Gotthardgipfel als unzugänglich schilderte und auch die Klosterherren von einer Besteigung des beharrlichsten abriethen und namentlich den Prosa für unerreichbar hielten, so bestieg er doch 1775 den Fieudo und 1783 den Prosa, ohne bemerkenswerthe Schwierigkeiten anzutreffen, und überzeugte sich daselbst, dass, wenn auch das gesammte Plateau des Gebirges eine bedeutende Höbe besitze, doch in dem ganzen Gebiete kein einziger besonders hoher Gipfel zu finden sei.

Ebenfalls in das Ende des vorigen Jahrhunderts fällt endlich die Herstellung eines berühmten Kartenwerkes, welches trotz seiner vielen Fehler, insbesondere der sehr ungleichen Ausführung in den verschiedenen Theilen, zu den besten geographischen Leistungen seiner Zeit gehört, und die erste annähernd gute Darstellung namentlich des gebirgigen Theils der Schweiz gab. Es ist dies der bekannte Atlas der Schweiz in 16 Karten im Masstabe von 1: 115,200 aufgenommen von J. H. Weiss und Müller von Engelberg. Saussure erzählt, dass die Anregung zu dieser grossartigen Arbeit, deren gesammte Kosten von J. B. Meyer aus Aarau getragen wurden, von Meyer's Wunsch ausging, seine Fabrikation von Seidenbändern durch Bedruckung derselben mit Zeichnungen und Keliefs der Alpen zu vervollkommnen. So sicher nun auch bei dem Yater der ersten Besteiger der Jungfrau eine grosse Torliebe für unsere Gebirge vorausgesetzt werden kann, so ist doch wohl zu denken, dass J. R.M.eyer, von dem auch der erste Anstoss zur Linthunternehmung ausgegangen, bei dem so gewaltigen und mit fürstlicher Liberalität durchgeführten Plan, auf eigene Kosten ein Relief und Kartenwerk der Schweiz in so bedeutendem Massstabe herzustellen, noch von andern Motiven als den von Saussure angeführten geleitet worden ist. Für uns genügt die Erinnerung, dass der Meyer'sche Atlas, bis auf das neue, von der Eidgenossenschaft ausgegangene Du-fotir'sche Kartenwerk, die tüchtigste Darstellung der Alpenkette war. " Was das Blatt über das Gotthardgebiet speciell betrifft, so genügt eine rasche Vergleichung des- selben mit der Karte von Exchaquet einerseits, mit der Dufour'schen andererseits, um zu zeigen, dass hier ein ausserordentlicher Fortschritt über die altern Karten, und was die Hauptzüge der Topographie betrifft, eine grosse Annäherung an die ausgezeichnete Leistung unserer Tage erreicht wurde.

Das Gotthardblatt des Meyer'schen oder Weiss'schen Atlas erschien im Jahre 1800. Mit diesem Datum und. der bis dahin in den Hauptzügen durchgeführten Litteratur des Gotthard können auch wir die Darstellung der äll-mäligen Förderung der Kenntnisse über dieses Gebirge füglich abschliessen und dem Alpenclub, der dieses Gebiet auf das Programm seiner demnächstigen Thätigkeit gesetzt hat, das Wort zurufen, das der Erbauer des Berner Münsters oben an den unvollendeten Thurm eingegraben: Mach's nach!

Begrenzung und Eintheilung.

Wir kehren hiemit zurück zu unserer Aufgabe, dem Itinerarium für 1871.

Obschon der Name Gotthard ursprünglich sicher zunächst dem Alpenpass und etwa den ihn unmittelbar umgebenden Gipfeln ertheilt worden ist, so hat doch, wie die eben besprochene Litteratur zeigt, der allgemeine Sprachgebrauch schon längst auch die weitere Umgebung des Passes in diesen Begriff hineingezogen, so dass der Name Gotthardstock mit dem schon dem Alterthum geläufigen der lepontinischen Alpen nunmehr wieder so ziemlich zusammenfallen kann.

Auch für unsern Zweck könnte diese allgemeine Umschreibung ausreichen. Die Grenzen, die der Alpenclub seinen speciellen Jahresgebieten zu geben pflegt, sind in der Eegel einfach praktischer Natur und stehen mit einer wissenschaftlichen Eintheilung der Alpen nur in sehr entferntem Verkehre;

um so weniger, als solche wissenschaftliche Eintheilungen der Alpen ja wiederum, je nach dem Gesichtspunkt, den man ihnen zu Grunde legt, verschieden ausfallen.

Ueberblicken wir eine gute Karte der Alpen in der Absicht, in diesem Gewirre von Gebirgskämmen und Thälern Linien zu ziehen und Gruppen zu bilden, so wird doch Jedermann unwillkürlich entweder nach Gebirgsgraten oder nach Thalrinnen greifen, als den einzig sichtbaren und daher natürlichsten Grenzlinien. Aber welche von beiden Categorien ist die richtige? Grat oder Fluss? Sehen wir ab von der Politik, welche gerade gegenwärtig an einer uns unmittelbar benachbarten Gegend diese Frage mit Leidenschaftlichkeit bespricht, so zeigt doch dieses Beispiel von vornherein, dass sich die Völker jeweilen um diese Grenzen wenig bekümmert haben; Ethnographie und Geschichte wissen davon nichts, ausser wo solche Linien noch mit Grenzmotiven ganz anderer Art zusammenfallen.

Oder gelten diese Linien für den Zoologen und den Botaniker? Wenigstens innerhalb unserer Alpen nur in den seltensten Fällen. Aber selbst die Grenzen, die Diese ziehen, und mit allem Recht natürlich nennen, weil sie ja der Natur entnommen sind, wird der Geolog nicht gelten lassen. Und wieder wird sich der blösse Fussgänger um die Grenzen des Geologen sehr wenig bekümmern können; und doch fühlt auch er wahrhaftig in Knie und Brustkasten ein Recht, von natürlichen Grenzen zu reden, wo es sich darum handelt, ein Berggebiet in Tag-märschen zu begehen.

Der ganze Streit scheint geschlichtet, wenn wir zugeben, dass natürliche Grenzen in den Alpen nur der eigenen Structur derselben entnommen werden dürfen, nicht aber den Bedürfnissen der Bewohner, seien dies Pflanzen oder Thiere oder gar ein durstiger Tourist.

Dies auch zugestanden, ist es aber leicht zu zeigen, dass selbst solche der Structur der Alpen entnommene Linien sehr mannigfaltig sein können, und dass es sehr unwissenschaftlich wäre, den einen von vornherein den Vorrang über die andern zu geben und zu schnell von „ topographischen Gebieten " zu reden. Keine Linien scheinen natürlicher zusein, als die sogenannten topographischen; aber gerade hiemit stehen wir ja wieder vor der alten Frage, ob Grat oder Thalrinne? Aber noch mehr; keine natürlichen Verhältnisse scheinen in innigerer und noth-wendigerer Beziehung zu stehen, als Wasserscheiden und Wasserrinnen, und dennoch bietet uns gerade der Gotthard höchst merkwürdige Beispiele, dass hydrographische Gebiete mit orographischen, Flusslinien mit Berglinien, nicht nothwendig zusammenfallen. Die Seen von Val Cadlimo, das im Allgemeinen sein Wasser dem Rhein zuschickt, fliessen zum Theil nach Val Piora oder in das Flussgebiet des Tessin ab. Die Wasserscheide zwischen Rhein und Tessin fällt also mit dem Gebirgskamm nicht zusammen.

Oder soll die Geologie ausschliesslich den Ausschlag geben? Wollte sie dies wagen, so würde sie jeden Augenblick mit der natürlichsten und praktischsten Topographie, ja selbst mit der sogenannten Orographie ( mit welchem unbestimmten Namen man in neuerer Zeit ungefähr das bezeichnet, was wissenschaftliche Topographie sein sollte ) in die grössten Conflicte kommen. Aus dem einfachen Grunde, den freilich Hydrographen so gut als Topographen, Geo- so gut als Orographen recht häufig zu übersehen pflegen, dass es sich mit geologischen Ge- birgs- und Ländergruppen verhält wie mit politischen^ dass nämlich jede Eintheilung nur für eine gewisse Periode passt.

In der Politik hiessen solche Perioden etwa Dynastien; in der Geologie nennt man sie unverfänglicher Epochen, und es wird daraus ersichtlich, dass geologische Geographie so gut wie politische Geographie auf einem bestimmten Gebiete um so mehr Grenzen aufzuweisen vermag, als das Gebiet eine längere Geschichte, sei es eine grössere Zahl von Dynastien oder Ministerien, sei es eine grössere Zahl geologischer Epochen hinter sich hat. Beide, Politik und Geologie, wenn man sie um Grenzen anfragt, werden erst sich erkundigen, aufweiche-Epoche solche sich beziehen sollen.

Es schien am Platze zu sein, durch diese Bemerkungen manche irrige und oberflächliche Begriffe, welche sich über einen scheinbar so einfachen Gegenstand gerade in der alpenclubistische Litteratur festgesetzt haben, vielleicht einigermassen zu corrigiren.

Handelt es sich dennoch um eine Begrenzung des diesjährigen Clubgebietes, so bieten sich dafür praktische Motive in der einfachsten Weise.

Nach Norden können wir dasselbe durch eine Linie abschliessen, über welche um so weniger Zweifel bestehen können, als sie erstlich für den Geologen eine der wichtigsten Grenzmarken in der ganzen Alpenkette bildet^ zweitens bei dem Topographen ( sei er nun Ôro- oder Hy-drograph ) auch noch Gnade finden ward, trotzdem sie mitten durch ein grosses Flussthal und quer durch zwei sogenannte Gebirgsketten schneidet, und welche endlich für uns praktisch ist, weil sie schon officiell begangenes von noch nicht der Art bevorzugtem Gebiete scheidet, nämlich die Linie vom Rhonethal über Furka, Reuss und Oberalp nach dem Rheinthal.

St. Goühard.21

Nach Süden wird eine Grenzlinie schon mehr " Widerspruch erleiden. Der beste Kenner der Alpen, Professor B. Studer, fasst bekanntlich in seiner vortrefflichen Arbeit über Orographie der Schweizer Alpen ( Jahrbuch des S.A.C., 1869 ), auf Geologie und Topographie gleichmässig gestützt, unter dem Namen Gotthardgruppe das ganze Tessinergebirge zusammen, d.h. Alles, was sich zwischen den Pässen des Simplon und Lukmanier, von Rhein und Rhone südwärts bis an den Lago Maggiore erstreckt.

Für unser engeres Bedürfniss würde auf dem Boden ähnlicher Verhältnisse wie am Nordrand der Geologe südlich vom Gotthardkamm eine Linie ziehen, die im Rhonethal etwa bei Lax oder Aernen anhübe, durch das Rappenthal aufstiege und nahe am Nordrand des Griesgletschers vorbei über Nufenen nach Airolo und wieder von da durch Yal Piora hinauf nach Casaccia und. nach dem Greinapass hinüberzöge. Wie man sieht, eine Linie, die dem Topographen nicht im mindesten conveni-ren könnte. Für uns kann sie nichtsdestoweniger, da wieder praktische Gründe, nämlich frühere Clubgebiete, uns von selbst im Eginenthal und in dem Thal von Medels eine westliche und eine östliche Grenze setzen, auf einem guten Theil ihres Verlaufs gute Dienste leisten, und es fragt sich nur, ob wir den jetzigen scheinbaren Ausläufer der Gotthardkette nach Süd, d.h. den Gebirgszug, der zwischen den Thälern von Livinen und des Brenno bis Biasca läuft, dazu zählen wollen oder nicht. Geologisch ist er wahrscheinlich erst sehr spät mit dem eigentlichen Gotthard in Verbindung getreten.

Der Streit wird am besten vermieden, wenn wir dies dem Touristen überlassen. Auch innerhalb des nunmehr praktisch umschriebenen Gebiets wird es nun nicht schwer sein, noch weitere Linien zu ziehen, um allenfalls kleinere Gruppen zu bilden.

Am einfachsten -würde man zwischen Eginenthal und Eeuss eine westliche, zwischen Keuss und Medels eine östliche, und südlich von Val Canaria und Cadlimo eine südliche Gruppe gewinnen, von welchen wenigstens die letztere, wie schon angedeutet, auch geologisch vom eigentlichen Gotthardkamm genügend abge-gliedert wäre, obsehon sie dann gerade bei Biasca zwar einen recht deutlichen topographischen, aber keineswegs einen geologischen Endpunkt fände. Oder man könnte zwischen der östlichen und westlichen Gruppe noch eine besondere centrale Gruppe herauslösen, die man von dem Thale der Reuss, als dem tiefsten Querschnitt, etwa bis Unteralp oder bis Yal Meigels führen könnte.

Relief.

In diesem Sinne bliebe uns also als Clubgebiet wesentlich die zwischen den Pässen von Nufenen und Lukmanier liegende Strecke des südlicheren der zwei grossen Gebirgszüge, welche in der allgemeinen Physiognomie der Schweizeralpen eine so grosse Bolle spielen, indem sie die zwei grössten Alpenthäler, dasjenige der Rhone und des Rheins, in ununterbrochener Linie von Südwest nach Nordost auf eine Ausdehnung von circa 40 Stunden begrenzen. Gerade in der Mitte sind diese zwei Gebirgszüge als ob mit der Faust zusammengefasst, so dass das sie ursprünglich trennende Längsthal an dieser Stelle fast verschwunden ist. Es ist nur noch wie in der Höhe schwebend angedeutet durch die zwei 8000 und 7000 F. höhen Längsjoche, Furka und Oberalp, welche nunmehr zwischen die Quellen von Rhone und Rhein, die wohl einst viel näher bei einander lagen, hineingeschoben sind. Von St. Gotthard.29 *

der Furka fliesst daher das Wasser nun westwärts nach dem Mittelmeer, von der Oberalp ostwärts nach dem Gebiet der Nordsee. Aber das Thal von Ursern und noch viel deutlicher die ohne alle Unterbrechung von Oberwallis nach dem Rhein fortgesetzten Gesteine des einstigen Thalbodens sagen uns, dass wirklich einst eine durchgehende Vertiefung die beiden grossen Gebirgsketten auch auf diesem Räume schied. Hielt sich doch selbst die Völkergeschichte und der Völkerverkehr Jahrhunderte lang an diese primitive Anordnung des Bodens. In Race, Verwandtschaft, Sprache blieb das Thal von Ursern eine Fortsetzung des Vorderrheinthals und von den Beziehungen mit dem untern Reussthal ausgeschlossen, bis endlich 1707 die wirkliche Gebirgskette, die Ursern am Bätzberg und Kilchberg vom untern Reussthal abscheidet, erst durch eine Hängebrücke über die Reuss und im 18. Jahrhundert durch wirkliche Durchbrechung der bisher nur für das " Wasser gangbaren Scheidewand auch den Menschen geöffnet wurde.

Wie schon Rhone und Rhein durch die Zusammendrängung zweier mächtiger Gebirge abgetrennt wurden, so nehmen nun bekanntlich von der dadurch entstandenen Erhöhung noch zwei fernere Flüsse ihren Ursprung, welche in gleich entgegengesezter Richtung nach Norden und Süden abfliessen. Von Nizza bis nach Wien giebt es keinen Punkt in dem Zug der Alpen, dem in solchem Masse die Bedeutung eines wahren Central- und Knoten-punkts zukommen könnte. Der alte Ruhm des Gotthard, der sich noch bei Scheuchzer so anmuthig in dem Compliment an den heiligen Gotthard als höchsten Heiligen der Erde, ja sogar noch bei Grüner in dem Achselzucken ausspricht, mit welchem er die sich erhebende Sage von noch höhern Gebirgen in Savoy behandelt, ist somit nicht SORütimeyer*

ganz unbegründet. Haben auch bessere Messungen, na-'mentlich seit Saussure diese Ansicht widerlegt, so bleibt dem Gotthard die Bedeutung eines wahren Alpenknaufes ungeschmälert, und er verliert an Merkwürdigkeit dadurch keineswegs, dass gerade dieser Knotenpunkt von einer nicht ganz geringen allgemeinen Depression, wenigstens der Berggipfel, begleitet ist. Nicht nur die nördliche Kette, die in den Berner Alpen und im Tödi so mächtige Gipfel emportreibt, ist in der Gegend des Gotthard durch die Thäler der Aar und der Eeuss so tief eingerissen, dass letztere sich über ein eigentliches Gebirg einen Weg nach Nord bahnen konnte, sondern auch der südliche Gebirgszug verliert bekanntlich von seiner höchsten Erhebung im Monte Prosa nach Osten hin zusehends an Höhe; und gleich östlich vom Gotthard treiben sowohl die Medelsergruppe als diejenige vom Rheinwald einzelne Gipfel wieder in grössere Höhen als die gesammte Gotthardgruppe.

Es ist hier nicht der Ort, auf die möglichen Ursachen eines so auffallenden Verhaltens einzugehen, für das übrigens in andern kleinern Gebirgen vielfache Analogien zu finden wären. Jedenfalls wird das höhere Alter, gutentheils auch die Lagerung und Zusammensetzung der Gesteine hieran einen grossen Antheil haben. Den Wanderer, der die Berge nach der Zahl von Fussen taxirt, um welche sie sich heute über das Meer erheben, mag einmal der Hinblick auf den nach anderer Rücksicht so bedeutsamen Rang des Gotthard trösten, vielleicht auch die Erinnerung, dass vermuthlich alle unsere Alpengipfel mit höherem Alter so gut abnehmen, wie wir selbst, die wir so viel rascher sterben.

In speciellerer Weise lässt sich das Relief des Gott- îiardgebietes in obiger Umgrenzung etwa folgendermassen charakterisiren.

Obschon im Allgemeinen ein Segment des grossen Gebirgszuges, der die südliche Einfassung des Rhone-und des vordem Rheinthals bildet, so gehört doch der Gotthard unmittelbar zu dem merkwürdigen Ringwall, der nebst Graben das gesammte Gebirge von Tessin fast inselartig von den übrigen Alpen abtrennt. Den Graben bilden die tiefen Thäler der Tosa und des Tessin, die ja, lediglich durch den niedrigen Pass von Valdösch ( 7000 F. ) unterbrochen, sonst ohne Unterbrechung das Tessinergebirge von der Umgebung ablösen. Nach Süden, wo der Graben am tiefsten, ist er mit Wasser angefüllt, als Lago Maggiore, der mit zwei Armen heute noch bis Magadino und Mergozzo, früher aber sicherlich bis Bellinzona und Domo d' Ossola reichte und so jene Gebirgs-insel fast auf ihrem halben Umfang umgab. Aussen an dem Graben zieht sich eine Gebirgsmauer, ebenfalls fast ohne Unterbrechung von Domo d' Ossola westlich, oder wenigstens von Crodo an bogenförmig bis nach Biasca im Osten. Unser Clubgebiet von Nufenen bis Biasca bildet den nördlichen und östlichen Theil dieses Gebirgskranzes. Sein steiler Abhang fällt durchweg südlich dem Tessin zu; der Nord- und Ostabhang ist wenig geneigt und in eine ganze Menge von Thälern zerspalten, die alle nach der Peripherie, also nach Nord und Ost auslaufen. Die höchsten Gipfel liegen durchweg auf dem Südrand des Gebirges, sei es, wie imYerlauf von Val Bedretto, unmittelbar über dem Tessin, sei es, weiter östlich über Val Canaria und Cadlimo, in der Fortsetzung der Haupt-alpenkette nach Nordost, immerhin aber dem Südabfall ( Val Canaria, Cadlimo ) weit näher als dem Nordrand ( Ursern, Tavetsch ). Auch in dieser Beziehung er- scheint daher die ganze Bergkette von Madrano bis Biasca nur als ein südlicher Sporn oder Anhängsel der Gotthardgruppe.

Wer es vermag, die tiefen Thäler des in Rede stehenden Gebietes nur, was sie auch schliesslich sind, als relativ oberflächliche Drainirungsfurchen zu betrachten, wird dasselbe in Bezug auf sein allgemeines Relief noch richtiger beurtheilen, wenn er es als eine Art Plateau ansieht, mit steilem Abfall nach Süden, mit schwachem, von Erosionsrinnen radienförmig ( da das Plateau selbst sich halbkreisförmig um das Livinerthal herumbiegt ) durchfurchtem Nordabfall. In sehr ähnlicher " Weise verhalten sich gewisse Strecken des Jura, z.B. zwischen Solothurn und Brugg; er bildet hier ebenfalls ein Plateau mit steilem Südabfall, schwachem Nordabhang mit einer Menge von nach Nord gerichteten Thalrinnen. Und um die Parallele zu vervollständigen, hätten wir in der Lägern einen nach Süd vorgeschobenen, an das Hauptgebirge nur angelehnten Sporn, wie die Kette von Biasca. Endlich auf dem Jura wie auf dem Gotthard Längskämme, freilich auf dem Jura als ununterbrochene Wellenlinien mit zwischenliegenden Wellenthälern, während auf dem Gotthard von diesen Wellen nur einzelne Stellen in Form von Gipfeln übrig geblieben sind, die aber immer noch in Reihen der Richtung des Gebirges folgen.

Bei speciellerer Durchgehung wird sich also zwischen dem Nord- und Südrand des Gotthards eine Anzahl von Längsthälern, von Südwest nach Nordost verlaufend, herausfinden lassen; Thäler, die aber nunmehr durch die viel tieferen Erosionsfurchen, welche nach Nord auslaufen und sich also mit jenen kreuzen, verwischt sind. Dem Geologen verräth sich aber jene ursprüngliche Structur noch dadurch, dass die verschiedenen Gesteine, aus welchen das Gebirge besteht, alle in Zügen von Südwest nach Nordost angeordnet sind.

Die geologische Untersuchung bestätigt diese Anschauung. Schon die altern Arbeiten von Saussure und Lardy, besonders aber die neueren von Studer, Escher, in den letzten Jahren namentlich von A. Müller, wiesen nach, dass der grösste Theil des Gotthardgebirges aus erystallinischen Schiefern besteht, die von Südwest nach Nordost* streichen. Sie sind dabei fast vertikal aufgerichtet, doch so, dass nach Nord und nach Süd die Schichten überfallen, und somit im Durchschnitt von Nord nach Süd einen Fächer darstellen.

Eingelegt in diese Schiefer ( Gneisse ) finden sich selten, vornehmlich am Monte Rotondo grössere Massen von körnigem Granit, häufiger Hornblendschiefer, Gypse, krystallinische Kalke, die alle von Südwest nach Nordost streichen, und uns wohl nur verschiedene Grade von Umwandlung eines ursprünglich rein sedimentären Gebirges in krystallinische Massen vor Augen führen.

Je nach der Lage und Richtung der früheren " Wellenkämme und Wellenthäler des ursprünglichen Gebirgs und je nach der Härte und Zerstörbarkeit des Gesteines werden wir nun auf dem ganzen Plateau die Erhebungen oder Gipfel zerstreut finden, und zwar besonders an den Punkten, wo sich das System der altern Längsthäler ( von Ost nach West ) mit demjenigen der neuern Erosions-thäler ( von Nord nach Süd ) kreuzt. Dass dabei diese Jüngern Auswaschungs- oder Querthäler tiefer sind und mehr in die Augen fallen als die ursprünglichen Längenthäler, ist kaum auffallend, wenn wir bedenken, dass die Hebung, welche letztere erzeugte, seit längerer Zeit aufgehört hat, während die Auswaschung seit jener alten

Schweizer Alpenclub.à

Zeit ununterbrochen fortschreitet. Uebrigens sind selbst heute noch jene altern Längsthäler keineswegs ganz verwischt, vielmehr herrschen sie im westlichen Theile unseres Gebiets, im Geren- und Muttenthal noch vor, werden aber dann allerdings nach Ost hin zusehends undeutlicher. Val Sella, Lucendro und der untere Theil von Maigels gehören noch dazu. In weit stärkerem Maasse bestehen sie aber dann noch auf dem Südabhang, Val Canada, Càdlimo, Piora etc.

Ebensowenig kann es uns befremden, wenn nicht, wie oben gewissermassen verlangt wurde, die Gipfel auf den scheinbaren, d.h. sekundär entstandenen Quer-kämmen ( SN .) regelmässig von Süd nach Nord an Höhe abnehmen. Da alle diese Gipfel nur Ruinen, Reste von frühern Kämmen sind, die von Südwest nach Nordost verliefen, so hing es von der Substanz des Gesteins und von einer Menge sekundärer Ursachen ab, ob nun der Widerstand gegen die Zerstörung hier oder dort grösser war, und also ein nördlicher gelegener Gipfel zufällig höher blieb, als ein südlicherer. Im Allgemeinen zeigt aber die Vertheilung von Eis und Schnee über dem Gebiet, der sicherste Massstab für Gesammterliebung, dass wirklich die Culminationslinie der ganzen Masse an ihrem Südrand liegt. Ueberall auf der ganzen Erstreckung, von den Blasenhörnern über Eginen bis zum Piz Rondadura über St. Maria hängt ein Eismantel von der Kammlinie, nach Nord in die Thäler hinunter, und fast durchweg nehmen die Gipfelhöhen auf den Querketten ( SN .) von Süden nach Norden ab. Am Südrand erreichen sie alle die Höhe von 3000 Meter oder mehr. Nach Nord sind sie durchweg etwas niedriger, doch sehr wenig. Die Gipfel unmittelbar südlich von der Furka, der Orsino in der Mitte des Gebietes, die Gipfel südlich an der Oberalp haben fast alle noch 2700 Meter, und fügt man hinzu, dass sogar noch die Vertiefungen des Hauptkammes, die Joche, die von Nord nach Süd führen, mit der einzigen Ausnahme des Gotthardpasses selbst, nur selten unter 2700 Meter zurückbleiben, so tritt das Recht, dieses ganze Gebirge trotz seiner zahlreichen Kämme und Schluchten, Gipfel und Joche ein schwach nach Nord abfallendes Plateau mit ursprünglichen seichten Längsrinnen und Jüngern tiefen Querfurchen zu nennen, sehr deutlich an den Tag.

Von allen diesen Umständen, der Massen-, wie der Gipfelerhebung über das Meer, von der Lage zu den benachbarten Gebirgen und von der mineralogischen Structur hängt denn auch die specielle Physiognomie unseres Gebirgsstockes ab.

Physiognomie.

Ein ächter Knotenpunkt für das gesammte Alpengebiet, nach Nord und Süd, nach Ost und West umringt und eingehüllt von endlosen Berggebieten — liegt diese hohe Bergplatte von der gewaltigen mittlern Erhebung von 9000 Fuss, von aller Aussenwelt, von allem grünen Lande draussen wie abgeschnitten. Ganze Tagereisen sind nöthig, um die vorliegenden Berg-labyrinthe zu durchdringen. Unablässig aufwärts winden, sich alle Zugänge zu dieser hohen Kuppe. Yon Allem, was an Niederung erinnert, von Stadt, Dorf und Weiler, von Ackerfeld, Baumgarten, ja selbst von Wald muss für lange Zeit Abschied nehmen, wer diese centrale Bergeinöde » besuchen will. Nicht einmal die grosse Verkehrsstrasse, auf der sich in gewissen Jahreszeiten Post an Post, Wagen an Wagen drängt, vermag den Eindruck abzuschwächen, dass man sich hier im centralsten Theil der Hochalpen befindet.

Von welcher Seite man sich dieser Einöde nahen möge, so vermag der Rückblick von keinem Joch etwa noch liinauszu-dringen in die grünen Gefilde, wo die Menschen wohnen. Riegel an Riegel haben sich himmelhoch und schaarenweise in gleichem Maasse vorgeschoben, als man in das Herz des Gebirges vordrang. Und sogar auf den höchsten Gipfeln dieses einsamen Gebietes, auf Höhen, welche sonst doch gewöhnlich den Blick hinaus in die bewohnten Thäler öffnen, verrathen sich die mächtigen Flussthäler, die von vier Weltgegenden herandringen, meist nur durch die Weitung der Gebirgskanten und durch die helleren Lichtmassen, welche aus den besonnten Tiefen reflexartig in den dunklen Himmel hinauf-leuchten. In das Hügelland oder gar in die Ebenen der Schweiz reicht das Auge so wenig, als in diejenigen Piemonts, und statt des blauen Randes, mit welchem Jura und Schwarzwald die meisten Alpenaussichten der Schweiz zu umsäumen pflegen, bildet ein ununterbrochener Kranz von zackigen Kanten und von schneebedeckten Kuppen den Horizont. Nirgends überkömmt uns in so vornehmlicher Weise das Gefühl, wirklich ausgeschlossen zu sein von allem Leben, das den Fuss der Alpen so emsig und geräuschvoll umspült, wirklich in den Kqrn der ernstesten Gebirgswelt hinausgeschoben zu sein, als auf diesen Gipfeln, deren eigenes Gepräge und deren Rundsicht auffallend wenig wechselt.

Die Form und Struktur der Gipfel, die Art des Zerfalls des Gesteins, die Vertheilung des Wassers, ja selbst die Farbe der Abhänge und die Vegetation tragen nicht wenig dazu bei, das eminent Charakteristische dieser Gotthardbilder zu erhöhen.

Da die Gipfel sich nicht viel über .10,000 Fuss über das Meer und nicht viel über 3000 Fuss über ihre unmittelbare Grundlage erheben und zudem an relativer Höhe kaum 1000 Fuss von einander abweichen, so. findet man hier keine jener Zauberformen, welche durch ausgesprochene Individualität im Stande sind, eine ganze Gegend auch malerisch für Auge und Gefühl jedes Reisenden zu beleben und zu charakterisiren. Durchweg aus steilen, meist vertikal gestellten Schichten eines leicht zerfallenden Gneises aufgebaut, sind alle die zahllosen Spitzen des Gotthardplateaus einander ziemlich ähnlich, rauh und unwirthlich anzuschauen. Nur den höhern Gipfeln auf der Kammlinie vermag ein ausgedehnter Eismantel, der auf ihrer Nordseite herunter zu hängen pflegt, etwas von der gewinnenden Schöne zu verleihen, die sonst so häufig den Schmuck unserer Alpengipfel bildet. Am meisten zeichnet sich noch in dieser Beziehung die westliche Partie aus, die Hintergründe des Gerenthals und der Thäler vonWytten-wasser und Lucendro. Ernst und alt, grau und zerfallen sehen die meisten Kämme aus, und erreichen im östlichen Theil, im Ravetschgrat, der Gruppe von Ufiern und vor Allem in der mächtigen Kante, die in der Gruppe von Rondadura und Piz Ganneretsch gipfelt, einen Charakter von unheimlicher Rauheit und einer fast schreckhaften Wildheit, wie man ihn in den Alpen selten findet. Fast durchweg steigen die Halden stufenlos von den höchsten Kämmen steil in die Thalschluchten hinab; die Terrassen,

die sicher früher nicht fehlten, sind längst durch die Verwitterung abgenutzt und verschwunden. Fast durchweg sind die Kämme, ja oft ganze Gebirgsmassen aufgelöst in riesige Blockhaufen, welche den Gang sowohl auf den Gräten als den Halden entlang oft überaus mühsam und zeitraubend machen. Alles spricht von ausserordentlichem Alter dieses Gebirges im Vergleich *zu vielen, die vielleicht beim ersten Anblick weit mehr imponiren.

Sogar die beweglichen und lebendigen Ingredientien einer Landschaft, Wasser und Vegetation, sind nicht geeignet, diese ernsten Bilder zu beleben oder zu erheitern.

An Wasser fehlt es keineswegs. Im Gegentheil sagen die zahlreichen grossen Wasserrinnen und noch vielmehr die fast zahllosen Seen, welche hier reichlicher als irgendwo in der Alpenwelt ausgestreut sind, in jedem Thal, in jeder kleinen Schlucht bis hoch an die Kämme hinauf verborgen, ja an einzelnen Stellen direct auf den Wasserscheiden liegen, vernehmlich genug von den grossen Strömen, welche der Gotthard nach vier Meeren aussendet. Aber auch diese Wasserbecken schauen alt und einsam aus. Meistens von ausgedehnten Mooren umgeben, welche auf früher viel grössern Umfang und selbst auf viel grössere Zahl dieser Seen hinweisen, spricht ihre dunkle stille Fläche den Reisenden fast unheimlich an. Es sind nicht die lachenden Augen einer fröhlichen Landschaft; es sind die einsamen Wassersammler, in welchen seit unabsehbaren Erdepocheii die Dünste sich ruhig sammeln, welche das südliche dem Nordmeer, oder umgekehrt über diese vielleicht älteste Wasserscheide Europas zusendet. Sogar grüne Alptriften sind hier nicht gerade häufig.

Sind auch im Hochsommer die südlichen Abhänge des Gebirges, die Alpen von Val Canaria, Yal Piora, etc. mit reichem Graswuchs bis hoch an die Kämme hinauf bekleidet, so ist die Vegetation auf dem ganzen Nordabhang eine relativ kümmerliche. Die Zerrüttung des Gesteins bedeckt die Abhänge mit stundenlangen Schutthalden und lässt in den Vertiefungen durch die unablässige Durchsickerung des Bodens meist nur Torfmoore sich ansammeln. Wälder steigen in die Einsamkeit des Gotthards nicht empor. Alpenrosen, Bergerie, Vogelbeeren sind das einzige, was an grössern Holzgewächsen, wenigstens an der Nordseite gegen den Centralkamm anzusteigen sucht; aber selbst diese bleiben bald ob Hospital zurück, während in Graubünden Arven und Lärchen in grösserer Höhe als der Gotthardpass noch-kräftig gedeihen und die Legföhre noch weit höher steigt. Wenn die Wälder am Südabhang, in Val Piora sich einst bis in die Höhe von Lac Rotom, am Lukmanier bis auf die Passhöhe hinaufgewagt* ), so ist dort nun alles abgestorben; auch der Wald ist abgelebt und grau, ein schattenloses Gewirr erstorbener Stämme und weissgebleichter Aeste. ..v

Soll diese Schilderung dem Gotthard zur Empfehlung dienen? Kann ein Gebirge, wo Kamm und Thal, Fels und See, Baum und Stein greisenhaft aussiebt ,'zum Besuche einladen? Allerdings kaum Denjenigen, der auf Alpenreisen nur Abwechslung und Zerstreuung sucht. Aber für den Naturfreund im weitesten Umfang des Wortes, sei er Maler oder Geograph, Geolog oder

Am Scai scheint die Waldgrenze nach Hrn. Ingenieur Gösset über die Quote 2200 Meter gegangen zu sein. Es wäre wünschenswerth, wenn diese obere Waldgrenze annähernd bestimmt werden kannte. Das Aufsuchen der gut erhaltenen Baumwurzeln ist in dem torfigen Alpboden sehr leicht.

Botaniker, Mineralog oder Zoolog, und vorzüglich auch für Den, den die Natur vor allem durch ihren Charakter fesselt, und dem sie gerade da, wo sie unverhüllt und typisch auftritt, ein offenes Buch der Belehrung und Vergleichung ist, kann nicht leicht ein Gebiet der Alpen mehr Interesse gewähren, als diese alte Gebirgsgruppe, dieses öde Hochplateau inmitten unseres Welttheils. Vielleicht dass ihn allerdings ein Gefühl des Einsamseins nicht lange weilen lässt, aber je mehr er zu vergleichen vermag und zu vergleichen liebt, mit um so grösserem Interesse wird er immer wieder an diese centrale Werkstätte zurückkehren, aus welcher eines der bedeutendsten Fundamente zum Gerüste unseres'Erdtheils hervorging.

Fügen wir endlich bei, dass selbst das Hausthier und der Mensch uns hier wenig verändert die Typen vorführen, welche die neueren Erfahrungen über die älteste Geschichte unseres Landes wie eine ganz neue Vorzeit enthüllt haben, so ist ersichtlich, dass selbst der Historiker und Ethnograph, die sonst in unserem Alpengebiet oft ziemlich leer auszugehen pflegen, hier reichliche Belehrung finden.

Trotz des seit Jahrhunderten ununterbrochenen Verkehrs zwischen Nord- und Südabhang des Gotthards ist die Rindviehrace, die in den Alpen von Uri und dem in jeder Beziehung damit so eng verbundenen Tavetsch gehalten wird, fast unverändert diejenige geblieben, die wir als das vorwiegende Hausthier in den Pfahlbauten des Steinalters antreffen. Dass die Ziege, neben dem Rind leider das häufigste Hausthier in diesen Gegenden, sich seit so entlegener Zeit nicht verändert hat, ist bei der geringen Pflege, die auf dieses Thier verwendet wird, leicht erklärlich.

Um so merkwürdiger aber, dass man in einigen Thälern des Gotthards, in Nalps, Cornera, auf Schafherden stösst, die von den heute in der Schweiz verbreiteten Racen sehr abweichend, vor Allem durch ziegenäjinlich aufgestellte, kaum gedrehte Hörner eine Form wiederholen, wie wir sie ebenfalls bisher nur aus den ältesten Pfahlbauten kennen. Auch das Schwein von Uri und Tavetsch entspricht in jeder Beziehung dem Torfschwein der Pfahlbauten, und nicht leicht trifft man häufiger als in diesen selben Thälern Hunde an, die der einzigen Race mehr entsprechen, welche im Steinalter gepflegt worden.

Selbst der Mensch ist hier in ähnlicher Weise stabil geblieben. Die anthropologischen Museen dieser Gegend, die Beinhäuser von Tavetsch und Ursern enthalten neben alemannischen Schädelformen, die folglich erst einer spätem historischen Zeit angehören, ungefähr in gleich starker Vertretung die sogenannte helvetische oder'altrhätische Form, wrie sie an den ältesten Ueberbleibseln des Menschen in der Schweiz zu Tage trat. Selbst sie erinnern noch, dass politische und confessionelle Bande die Thäler von Ursern und Tavetsch lange vereinigten, bevor das erstere mit Uri sich verband. Das erste Gebäude von Ursern über dem mit Recht so genannten Urnerloch am Südabhang des Kirch-bergs, der so lange Zeit das obere Reussthal vom untern abtrennte, ist die jetzt einsam stehende Kirche von St. Columban. Selbst wenn sie nicht den Namen des Stifters des Klosters Disentis trüge, so würde ihr Beinhaus noch erzählen, dass die Verbreitung der Völker hier Jahrhunderte lang nicht etwa dem Laufe der Flüsse, sondern noch altern Gesetzen folgte, die heute nur noch im Streichen der Gesteine angedeutet sind, Gesetzen, welchen selbst das Wasser seit damals untreu geworden, seit die Reuss sich nach der Schlucht der Schöllenen ihren Weg gebrochen.

Für speciellere. Auskunft über die naturhistorischen Verhältnisse im Gotthardgebiet verweisen wir schliesslich auf folgende neuere Literatur:

Physikalische Geographie: L. Rütimeyer, über Thal- und Seebildung. Basel,

1869.

Geologie:

B. Studer, Geologie der Schweiz.B.ern., 1851, L, p. 194 etc.

Alb.Müller, krystallinische Gesteine von Maderaner-, Etzli-, Felli-Thal. Verhandlungen der naturforschenden Gesellschaft in Basel, 1866, p. 359 und 559. Ueber die Umgebungen des Crispait. Ebendas., 1869, p. 194.

Mineralogie:

B. Studer, a. a. O. p. 202.

Gf. vom Rath, geognostich-mineralogische Beobachtungen im Quellgebiet des Rheins. Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft, 1862, p. 369.

Kenngott, die Minerale der Schweiz. Leipzig, 1866* ).

* ) Aus obigem Werk theilen wir hier einestheils zur Bequemlichkeit des Touristen, mehr aber um von dem dem Fachmanne freilich genug bekannten mineralogischen Reichthum des Gotthardgebiets eine Andeutung zu geben, ein Verzeichniss mit, dem wir die folgenden Bemerkungen vorausschicken, die wir einem guten Kenner der Mineralogie des Gotthards, Hrn. H. Sulger in Basel, verdanken, und welche vielleicht manchem eifrigen Sammler gute Dienste leisten werden:

„ In mineralogischer Beziehung ist das Clubgebiet von 1871 jedenfalls das interessanteste in dem ganzen schweizerischen Hochgebirge. Nur muss man nicht glauben, dass man sich nur zu bücken brauche, um gleich die schönsten Stücke zu finden. Im Gegentheil erfordert es Mühe und Arbeit, verbunden mit grösser Localkeiyitniss, um etwas zu erhalten, wobei sehr oft das Pulver die wohlverschlossenen .Schatzkammern offnen muss. Die

Botanik:

Ueber die Vegetation des Gotthards ist uns für Band VII des Jahrbuchs des S.A.C. ein Aufsatz von sachkundiger Hand zugesagt, auf den wir hier verweisen. Specielle Sammler wenden sich für Fundorte

„ Strahler " und Händler der Gegend werden aber dadurch sehr oft verleitet, übertriebene Preise zu fordern, welche Kunst namentlich einige Bündner so gut verstehen, dass sie selbst von den hierin geschultesten'Zer-mattern nicht übertreffen werden. Was die Localitäten anbetrifft, so zeigt sich der grösste Reichthum an Zahl und Verschiedenheit östlich von der Gotthardstrasse, in dem Gebiete, das von den Thälern der Oberalp, Tavetsch, Medels, Piora und Tremola umschlossen wird. Westlich von der Gotthardstrasse ist es besonders die mehr oder minder unmittelbare Umgebung des Hospizes, die schon Manches geliefert hat, so namentlich die Fibbia, dann Lucendro, Fieudoalp, Monte Orsino. Wenn aber in einem viel gebrauchten „ Schweizerführer " als Gotthardmineralien auch „ Rubine, Topase, Hya-cinthe " genannt werden, so ist dies ein wenig zu viel gesagt; denn den selten gewordenen rothen und blauen Korunden von Campolongo gebührt die hochtönende Bezeichnung Rubine nicht, die Topase sind nur Rauchquarze, und die sogenannten Hyacinthe sind theils gelbliche Granaten, theils ein freilich sehr seltenes anderes Mineral ( Wiserin ). In Begleitung eines Strahlers ist der Besuch einer oder der andern Fundstelle von Interesse, selbst einen guten Fund zu thun aber Sache eines glücklichen Zufalls. "

Abkürzungen für das folgende Verzeichnis«: Ad. Adular, Alb. Albit, An. Anatas, Anh. Anhydrit, Ap. Apatit, Arr. Arragonit, Ax. Axinit, Calc. Calcit, Chl. Chlorit, Disth. Disthen, Epid. Epidot, Gr. Granat, Qu. Quarz, Rut. Rutil, Staur. Staurolith, Strahlst. Strahlstein, Tit. Titanit, Trem. Tremolit.

Airolo: Epid., Gr.Lolenpass: Epid., Tit.

Andermatt: Ap., Rut., Tit., Qu.Lucendro: Ad., Ap., Haematit, Mo- St. Annaglelscher: Asbest., Strhlst.lybdaenit.

Badus: Chl., Epid., Gr., Qu., Tit., St. Maria: Ad., Rut.

Turm.Nalps: Calc, Qu., Rut., Siderit.

BedreMothal: Alb., Disth., Epid., Nufenen: Staur.

Gr., Qu., Rut., Staur.Piora: Disth., Gr., Haem., Staur., Canariathal: Anh., Ap., Granat,Strahlst., Turm.

Strahlst.Piotta: Siderit.

Campolongo: Baryt., Diasp., Disth., Prosa: Alb., Ax., Qu.; Tit.

Gr., Grammatit, Corund, Rut., Tit., Rueras: Fluorit, Pyrit, Qu., Rut., Turm.Siderit, Tit.

Cavradi: Ad., An., Anh., Calc, Qu., Schipsius: Arr., Desm., Epid, Pyrit, Rut., Strontianit, Turm.Qu., Tit.

Cornefa Brookit, Rut.Sedrun: Chabasit.

Disentis: Tit., Qu.Sella: Ad., Alb., An., Ap., Calcit, Faido: Disth., Staur., Turm.Desm., Chl., Epid., Haemat., Qu., Fibbia: Ad., An., Ap., Calc, Desmin,Rut., Tit.

Epid., Laümontit, Qu., Rut., Tit.Taneda: Rut., Turm.

Gotthard: Ad., Alb., An., Ap., Arr., Tremola: Calc, Chl., Epid., Gr., Ax., Calc., Chl., Desmin, Disth.,Rut., Strahlst., Qu.

Epid, Gr., Laümontit, Muscovit, Unteralp: Rut., Siderit, Strahlst., Pyrit, Qu., Rut., Asbest., Talk,Turm.

Strahlst., Tit., Turm. Ürternspitz ( Orsino ): An., Rut., Tit. immer noch am besten an /.

Gaudin's botanische Topographie ( Bd. VII der « Flora helvetica », 1853 ).

Zoologie:

Eine specielle zoologische Literatur besitzt das Gotthardgebirge nicht. Wir verweisen daher hiefür, so wie für das, was bisher über die Bevölkerung des Gotthardgebietes bekannt geworden, theils auf einen frühem Aulsatz in diesem Jahrbuch: « Die Bevölkerung der Alpen » ( Jahrbuch I, 1864, p. 367 ), theils auf die ebenfalls in einem frühern Band schon mitgetheilten Literaturverzeichnisse ( Jahrbuch III, p. 385 ).

Ein reichhaltiges Naturalien-Comptoir ( Säugethiere, Vögel, Mineralien ) für den Gotthard findet der Reisende bei Hrn. Thalammann J. Nager-Donazians in Andermatt, der sich durch sorgfältige eigene Forschungen namentlich um die Kenntniss der Wirbelthiere dieses Gebietes grosse Verdienste erworben hat. Localere Mineraliensammlungen ( wenn wir absehen von dem Handel mit Krystallen, der in allen und um alle Gasthöfe an der ganzen Gotthardstrasse getrieben wird ), oft mit sehr interessanten Stücken und sachkundiger Auskunft über Fundorte finden sich auch bei Hrn. Lombardi im Hôtel Prosa auf dem Gotthard und in einigen Gasthöfen von Tavetsch.

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