Die <Paroi Rouge>

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Doch wer von uns kennt schon die abgelegenen Gegenden des südlichen Vercors, wo jähe Felsfluchten mit sanften Hügelformen zu einem harmonischen Landschaftsbild verschmelzen und wo wir so fremdländisch klingende Namen wie Chichilianne und Treschenu antreffen? Dabei hat uns die heute von Genf bis Grenoble durchgehend eröffnete Autobahn die einmaligen Kletter- und Wandergebiete des Vercors recht nahe gebracht.

Trotzdem verfügt der Vercors heute über einen bedeutend weniger klangvollen Namen als die vor allem in Sportklettererkreisen berühmt gewordene Verdonschlucht. Deshalb ist es sicher angezeigt, das als Vercors bezeichnete Gebiet etwas genauer zu umschreiben. Es handelt sich hier um eine Region mit voralpinem Charakter, deren höchster Gipfel, der Grand Veymont, 2341 Meter erreicht. Die Hauptkette ( Montagne de Lans ) zieht sich von Grenoble südwärts, wobei sie gegen Osten in steilen Felswänden abfällt. Nach Westen hin verlieren die Bergzüge allmählich an Höhe bis sie im Bereich des Rhonetales auslaufen.

Als Vercors wird somit die gebirgig anmutende Landschaft bezeichnet, die zwischen den Flüssen Isère, Rhone, Drôme und Drac eine Art Dreieck bildet.

Blick vom Fusspunkt ( etwa 1500 m ) der Rochers des Deux Sœurs gegen Südosten. Im Hintergrund die Berge des Dévoluy.

grau erstarrtes Strassendorf - darauf die Ortschaft Clelles. Wir verlassen die Hauptverkehrsader, dringen in den versteckten Talkessel von Chichilianne ein. In der jetzt schon alles überziehenden Dunkelheit sticht nur noch die schiffsbugartig aufbäumende Berggestalt des Mont Aiguille hervor. Dann tauchen wir endgültig in die Schwärze der Nacht.

Col de Menée, ein holpriges Strässchen, Kurve reiht sich an Kurve. Mal rechts, mal links, in unendlich monoton ablaufendem Wechselspiel, wischen die Lichtkegel der Scheinwerfer der Böschung entlang, rücken Bäume, einzelne Stämme, Büsche, Felsen in das grelle Strahlenbündel, das hastig weiter-huscht, Formen von unwirklichen Tier- und Menschengestalten vorgaukelnd. Angestrengt versuchen die Augen die Finsternis zu durchdringen, den Verlauf der nächsten scharfen Biegung vorauszuahnen. Ich bin müde; der starke, bisweilen sogar stockende Pfingstver-kehr hat uns viel Zeit gekostet.

Die Passhöhe, der Scheiteltunnel; nun geht 's in endlosen Kehren abwärts. Menée, 1 Godi Dübendorfer, Bern.

ein paar Häuser, ein Wegweiser ( Cirque d' Archiane ), wir fahren daran vorbei. Morgen werden wir hierhin zurückkommen, jetzt aber wollen wir weiter nach Die, wo uns ein Zimmer mit herrlich weichem Bett erwartet. Das Tal beginnt sich zu öffnen, Châtillon-en-Diois, dann Die. Der Schlüssel auf dem Fenstersims hinterm dritten Blumentopf, leise öffnet sich die Türe, wir schleichen hinauf, legen uns nieder, schlafen, schlafen dankbar und tief bis in den nächsten Morgen hinein.

Ein Tag später. Gestern haben Godi1 und ich am Jardin du Roy ( auch Rocher d' Archiane genannt ) als Eingehtour das obere Teilstück des Nordostpfeilers erklettert. Nebst zwei wirklich schönen Seillängen gab 's leider auch andere, für welche die Feststellung des Ver-cors-Führers de rocher demande souvent beaucoup de précautions ) leider vollumfänglich zutrifft.

Anmarsch und Aufstieg Jetzt fahren wir durch das noch nachtdunkle Tal gegen Archiane. Im ersten fahlen Von rechts nach links: Rocher und Rochers de la Licht des aufdämmernden Tages zeichnet sich die breithingelagerte, klotzige Felsgestalt des Jardin gegen rasch über den Himmel ziehende Schichtwolken ab. Der an sich recht optimistisch gestimmten Wetterprognose darf man demnach kaum volles Vertrauen schenken. Unser gesamtes Klettermaterial befindet sich aber bereits hoch oben am Berg. Dort haben wir es gestern beim Abstieg vom Nordostpfeiler deponiert. Das erleichtert den Entschluss.

Peyrouse und Rochers du Rane Traversier Archiane, ein kleines Nest, Endpunkt der Strasse. Wir treten in die kühle Luft des jungen, taufeuchten Morgens hinaus. Ein fast mild sich anfühlender Wind kommt auf. Eine gute Stunde später mühen wir uns die steilen Geröllhalden im nördlich vom Jardin du Roy herabziehenden Couloir empor, biegen nach links und gelangen zu unserem unter einem Überhang versteckten, prallgefüllten Rucksack. Hier beginnt zugleich das den ganzen Felsstock auf halber Höhe umlaufende, vom Tal aus aber kaum sichtbare, breite Schrofenband. Über dieses führt der teilweise luftige.

aber nie wirklich exponierte Pfad unter den wulstigen Bastionen der Ostwand und des Südostpfeilers durch, worauf er nach Westen umbiegt, um die eindrucksvollen, mit rötlichen Dächern gespickten Südabstürze zu erreichen. Hier verliert sich der Weg. Eine kurze Rinne, der ein paar leichte Kletterschritte folgen, und wir stehen unter den bauchig sich vorwölbenden, schwärzlichen Felsen einer düsteren Balm. Etwas links davon soll - gemäss Führer - eine graue Mauer den Einstieg in die ( Paroi Rouge> vermitteln. Doch die sich jetzt über uns erhebende Felsbank ist eigentlich durchgehend grau, wenig strukturiert und zieht sich hinter einem kleinen, pfeilerartigen Vorsprung noch weit nach links. Deutliche Begehungsspuren sind kaum auszumachen. Nach länge- rem Zögern glauben wir nur etwa 30 Meter westlich der grossen Höhlung den geeignetsten Angriffspunkt gefunden zu haben. Das Gestein scheint hier etwas gestufter, wenn auch nicht von bester Qualität zu sein. Zwei Haken sollen - so die weitere Beschreibung -diese Seillänge absichern.

Das Alleinsein geniessend, leeren wir unseren Rucksack, sortieren das Material. Da, ein Rascheln, das klackernd verhallende Geräusch einiger niederfallender Steine, dann taucht ein weisser Heim, ein Kopf, ein Rucksack auf und einen Augenblick später steht ein junger, sympathischer Kletterer mit seiner langhaarigen Freundin neben uns. Ein freundlicher Gruss, und sogleich beginnen sie ihre Ausrüstung bereitzulegen.

Schade, habe ich angesichts des eher unsicheren Wetters doch gehofft, dass wir die Wand für uns haben. Als eher gemütlicher Gänger schätze ich es gar nicht, jemanden hinter mir zu wissen. Das ständige Gefühl, die Hand des Nachkommenden schwebe schon in Lauerstellung, um nach dem von der Fussspitze kaum verlassenen Tritt zu greifen, stört meines Erachtens die zum unbeschwerten Höherklimmen notwendige Lockerheit. Der moralische Druck, sich beeilen zu müssen, lässt keine Musse mehr aufkommen, weder zum Photographieren noch zum Schauen und Sich-Einfühlen in die uns umgebende Natur.

Durch die Bereits tastet sich Godi 10 Meter weiter oben zu einem wie angeklebt wirkenden, wenig vertrauenswürdigen Block empor, fädelt eine Schlinge ins Geäst eines mageren Busches, legt einen Klemmkeil, fasst nach der Kante des etwas vorstehenden Brockens... um mit dem Ruf blitzschnell loszulassen und zwei Schritte zurückzusteigen. Wieder schleicht er sich höher, die heikle Stelle sorgfältig umgehend, stehen wir hier unten doch genau in der Fallirne. Leider sind die im Führer angekündigten zwei Haken nirgends zu entdecken. Ein weiterer Klemmkeil verschwindet in einem Riss, während der Fels unter Godis rechtem Fuss etwas abbröckelt. Ein letzter Zug, und er schiebt sich über die Kante, verschwindet, ein kurzes Scharren, ein paar herniederschaukelnde, dürre Blätter, eine Handvoll nachrieselndes Erdreich, er hat 's geschafft.

Nachkommen! Bald sehe ich mich in unbequemer Position nach guten Griffen suchen. Trotzdem, eine mehr lästige als schwierige Stelle, wobei, von einem so pfeilgerade nach oben zeigenden Seil gesichert, sich das leicht sagen lässt. Auf der sich jetzt vor uns öffnenden breiten, von Bäumen und Strauchwerk stark überwucherten Terrasse halten wir uns nach links in Richtung der eindrucksvoll sich vorwölbenden, fast ziegelroten ( Paroi Rouge ). Undeutliche Wegspuren bringen uns zu einem ausgesetzten brüchigen Band. Über dieses erreichen wir nach gut 60 Metern den Standplatz und eigentlichen Einstieg am Fusse einer überhängenden Rissverschneidung. Eine mächtige Föhre, deren spiralig verdrehter Stamm unwillkürlich den Eindruck enormer Widerstandskraft und Zähigkeit erweckt, hat sich, das ebene Plätzchen nutzend, hier festgekrallt, ihre Wurzeln auf der Suche nach Erde und Wasser tief in die zerborstenen Felsen treibend. Das schöne Bild wird allerdings durch die Gestalt eines aufwärts spähenden Kletterers getrübt. Seinen Blicken folgend, stossen meine Augen zuerst auf ein paar herabhängende Strickleitern, auf deren letzten Sprossen sich zwei profillose Schuhsohlen abzeichnen. Dann ein Doppelseil, das in einer grossen Schleife aus unbekannten Höhen her-abbaumelt, und schliesslich dringen noch verschiedene Stimmen an mein Ohr. Wahrlich, Route scheint - zu - gut besucht zu sein! Mein geheimer Traum einer einsamen Tour in der Ruhe und Abgeschiedenheit des Vercors muss endgültig der harten Wirklichkeit weichen. Ein letzter Seufzer ('s isch halt Pfingschtsunntig ), und ich finde mich mit den Tatsachen ab.

Inzwischen hat sich ein wärmender Sonnenstrahl durch ein Loch in der Wolkendecke gestohlen und taucht die Szene in ein etwas freundlicheres Licht. Hoffentlich hält sich das Wetter, müsste ein allfälliger Rückzug doch schwerwiegende Probleme aufwerfen. Wieder lassen sich Gesprächsfetzen vernehmen. Die Enden der Strickleitern wollen und wollen nicht verschwinden. Die Zeit vergeht, Ungeduld macht sich breit. Die Situation gefällt mir ohnehin wenig: vorne eine unbekannte, aber sicher grössere Anzahl Seilschaften, hinten eine weitere, dann die Wolken, die sich erneut zu verdichten beginnen und in tiefhängenden Walzen von Südosten dahergefahren kommen.

Endlich strafft sich das Seil, und der zweite macht sich auf den Weg... aber wie langsam! Die Minuten verrinnen, und er hat erst wenige Meter geschafft. Mein ( Auftrieb ) ist nun recht angeschlagen. Wenn wir nicht bald rascher vorankommen, können wir froh sein, das Gipfelplateau vor dem Einnachten zu erreichen. Wenig erfreuliche Perspektiven! Im übrigen bin ich ja nicht nur deswegen hierher gereist, um in Felswänden herumzuhängen. Mit zunehmendem Alter scheint sich der Kletter-fanatismus trotz allem ein bisschen zu verlieren. Wie wär 's, wenn wir umkehren und es morgen nochmals versuchen? Godi scheint aber auf diesem Ohr taub zu sein. Innerlich muss ich ihm zustimmen. Nachdem wir schon den recht langen und komplizierten Zustieg hinter uns gebracht haben, darf man nicht ohne weiteres umkehren... und wer sagt uns, dass morgen das Wetter sich tatsächlich von der besseren Seite zeigt?

Damit ist der Entschluss zum Weitermachen stillschweigend gefallen. Ich steige ein, sehe mich aber bald durch meinen Vordermann blockiert. Um bei einem allfälligen Rutscher nicht ebenfalls mitgerissen zu werden, warte ich, an einem Haken gesichert, bis die sich durchbiegenden, schwarzen Gummisohlen über meinem Kopfe verschwinden. Der Weg ist frei, um es selber zu versuchen. Die Griffe erweisen sich als rund, der Fels drängt den Körper ab. Immerhin stecken zahlreiche Haken, aus deren rostigen Ösen dünne, gebleichte Reepschnurschiingen herunterhängen. Als verschmähe ich das derart verlockend sich anbietende Material nicht, hänge meine Trittleitern ein und arbeite mich so höher. Allerdings hat jede Ha-kenserie einmal ein Ende, und eine von rotem Erdstaub unangenehm schmierig gemachte Passage bringt mich zum Standplatz, wo sich bereits der Kletterkollege von vorhin eingenistet hat. Sein Partner zieht sich wenige Meter weiter an einigen Haltepunkten über eine plattige Wandstufe empor. Etwas höher oben quert der zweite der nächsten Seilschaft in weiten Spreizschritten zu einem von hier aus nicht sichtbaren Stand. Gegen den Himmel zeichnen sich schliesslich als zwei haarfeine Linien die freischwebenden Stücke eines Doppelseiles ab, ein Fingerzeig, dass dort eine exponierte Traverse auf uns wartet. Rasch fixiere ich meine Selbstsicherungsschlingen, suche nach einer Stellung, die es erlaubt, die not- gedrungen folgende Wartezeit möglichst bequem zu verbringen.

Diese Einstiegsseillängen stellen jedesmal das ( Nadelöhr ) dar, wenn mehrere Seilschaften nur kurz nacheinander dieselbe Route angehen. Etwas Geduld, gepaart mit einer stillen Bereitschaft, sich in die Umgebung einzufühlen, lässt aber die Wartezeit rasch vergehen.

Das unregelmässige Rauschen des tief unter uns eingefressenen Baches, das mit dem mild-feucht über das Antlitz streichelnden Wind an- und abschwillt - die aufstrebenden, beinahe verwirrenden Linien der gegenüber aus dunkel bewaldeten Terrassen hochschies-senden Felstürme und von Schuttrinnen durchfurchten Bastionen - die an den kahlen Kuppen der verkarsteten Hochfläche der Montagne de Glandasse auffahrenden und sie schnell ziehend umfliessenden Nebelbänke... das alles verdichtet sich in mir zu einer Stimmung, die ich als intensiver, ganzheitlicher Eindruck erfühle und erlebe. Ein Moment des Aufnehmens und der inneren Ruhe...

Ein leichter Druck auf der Schulter und das Geräusch eines ausklinkenden Karabiners lassen mich aufschrecken. ( Chasch cho>, rufe ich hinunter, womit das Spiel am Fels erst richtig beginnen kann. Godi zögert nicht, erscheint, geht sogleich das hier ansetzende, kurze Kamin an, das er bald wieder verlässt um links davon einem Riss zu folgen. Unter einem Überhang hinausquerend, verschwindet er aus meinem Gesichtsfeld. Schon hat aber der hinter uns kletternde Franzose meinen Standort erreicht, sich eingerichtet und beginnt nun unverzüglich, seine Gefährtin nachzuholen. Sehnsüchtig erwarte ich das dreifache Rucken am Seil, das mich auffordert, die folgende Länge in Angriff zu nehmen. Da ist es! Der rote Fels, den ich nur mit einigem Misstrauen anzufassen wage, erweist sich als erstaunlich solid. Allerdings haben wohl auch die zahlreichen früheren Begeher, deren schwärzliche Gummispuren überall anzutreffen sind, mitgeholfen, dass viel lockeres Material den Weg in die Tiefe gefunden hat. Ein unvermutet die enorm steile Wand durchziehender Sims bietet sich als guter Standplatz an.

Nun ist die Reihe erneut an mir. Vorsichtig nach rechts traversierend - eine um eine kräftige Wurzel gewundene Reepschnurschlinge sichert die Stelle ab -, gelange ich zu einer nach aussen sich neigenden Verschneidung. Darin hochklimmend, begegne ich dem ersten Haken, in den ich dankbar aufatmend meine Seile einhänge. Wohl lassen sich stets wieder brauchbare Griffe und Tritte finden, doch erfordern die ständig leicht überhängenden Pas- 19 Im Cirque d' Archiane: der Rocher d' Archiane oder ( Jardin du Roy> ( etwa 1700 m ). Zur Linken die von der Abendsonne beschienene

Zeit, um hinabzuschauen und die grosse Ausgesetztheit meines Standortes auf mich einwirken zu lassen. Die verschiedenen Traversen haben uns durch geschickte Umgehung einiger Dächer weit nach gebracht. Unter mir flieht die Wand zurück, so dass die Augen nur auf den ersten paar Metern auf Fels treffen - dann folgt bis zu den Geröllhalden am Fuss der

Der massige, fast 500 Meter hoch aufstrebende Felsklotz des Rocher d' Archiane.

In der Bildmitte der

Ganz rechts die Paroi Rouge Unvermittelt denke ich an ein Erdbeben und seine möglichen Folgen. Ich stelle mir kurz vor, wie Risse sich öffnen, mächtige Schuppen sich lösen und ins Leere kippen würden, sozusagen als Anfang eines allgemeinen, alles in die Tiefe reissenden Abblätterungsprozes-ses. Ein die schwindelerregenden Perspektiven dramatisch unterstreichendes Bild!

Die von oben herabbaumelnden Seile sind verschwunden. Ein ferner Ruf ( Relais ). Der Mann am Verschneidungsende beginnt sich zu regen, streckt sich, hängt eine Strickleiter ein, eine zweite, arbeitet sich eine kaminartige Spalte hinauf, die seinen Körper aufnimmt und ihn damit meinen Blicken entzieht.

Der Weg ist frei. Meinem fest im Fels verankerten Material vertrauend, klettere ich am Holzkeil - der sich wahrhaftig von blosser Hand herausheben lässt - vorbei, verlagere das Gewicht auf die weitgespreizten Beine und gelange so zu einer versteckten Hakenreihe, die mich gut abgesichert zum Schlingenstand bringt.

Die nächste, von Kamerad Godi geführte und ebenfalls nicht leichte Seillänge endet bei einem schlitzförmigen Loch, das ihm einen bequemen, ja geradezu geborgenen Sitzplatz offeriert.

Dafür erwartet mich jetzt ein heikles Teilstück: Über schmale, exponierte Simse, bloss von einer wackeligen, rostgefleckten Hakenru-ine gesichert, taste ich mich vorsichtig nach links hinaus, wo eine plattige Wandstufe zu überwinden ist. Haken sind keine zu sehen, und Klemmkeile lassen sich im kompakten Fels nirgends anbringen. Kleine Leistchen ausnützend, gewinne ich allmählich an Höhe. Es geht besser als gedacht. Ein letzter etwas griffarmer Aufschwung... endlich, ein Haken! Seine fingerlang aus einem kleinen Loch herausragende Öse nimmt meinen Karabiner auf. Noch ein paar Schritte, Stand. An einem feinen Artif-Riss turnt eben der zweite der vorderen Seilschaft empor.

Godi ist bei mir angelangt, quert, erreicht den Riss, hisst sich hinauf. Nach einiger Zeit verspüre ich das bekannt dreimalige Rucken. Dem Seil folgend, komme ich zuerst in künstlicher, dann mehrheitlich freier Kletterei zu meinem in einer lehmig-feuchten Höhlung aufrechtstehenden Gefährten. Da oben geht 's weiter. Eine Strickleiter eingehängt, baumeln, sich aufrichten, der Überhang liegt hinter mir. Eine knapp handbreite, gerundete Spalte scheint sich als logische Fortsetzung anzubieten... eine arge Täuschung, wie ich bald feststellen muss. Material steckt keines mehr -befremdend, solche Stellen sind bisher recht gut abgesichert gewesen. Etwas ausser Atem ziehe ich mich auf einen kleinen Absatz. Um den stärksten Ast des hier sperrig sich ausbreitenden Busches ist ein breites Schlauch-band geschlungen. Wo soll da die Route verlaufen? Über mir nur feuchtglänzende, schwärzliche Wülste, während auf beiden Seiten senkrecht abfallende, brüchige Felspartien jeden Umgehungsversuch schon nach wenigen Schritten zum Scheitern verurteilen. Da endlich werde ich auf Godis Rufen aufmerksam. Anscheinend bin ich dem falschen Riss gefolgt, also zurück. Ein kurzes Abseilen bringt mich über den ersten Überhang. Tatsächlich entdecke ich jetzt die von einem massig sich vorwölbenden Felsbauch versteckte, den Weiterweg vermittelnde Platte. Wegen des Zeitverlustes ärgerlich, ziehe ich das Seil ab, verknote es sogleich wieder am Gurt und folge so schnell ich kann den nun recht zahlreich vorhandenen Haken. Eine Dülferschwarte und ein kleiner Quergang bringen mich zu einem enorm luftigen Schlingenstand. An drei Sicherungspunkten aufgehängt, hole ich das Seil ein, das schon nach wenigen Metern frei herunterhängt. Neue gelbrötlich gefärbte Felsriegel legen sich quer über die sich ob unseren Köpfen aufbäumende Wandflucht. Mit dem gesamten Material behängt, bewegt sich mein Gefährte langsam aufwärts. Eine erste, stark überhängende Stelle, der sich eine unangenehm abdrängende schiefe Spalte anschliesst, hält ihn vorerst auf.

Wieder kann ich einen Blick in die Runde werfen - erstaunlich, dass noch kein Regen fällt! Die Wolken haben sich zu einer dunklen, tiefhängenden Masse zusammengeschoben, die als schwere graue Decke unerbittlich über die Landschaft kriecht. Die nähere Umgebung hüllt sich in einen milchigen Schleier, die benachbarten Berge in ein matt-trübes Licht tauchend. Selbst die Schutthalden weit unten haben eine dunklere Färbung angenommen... und lässt sich nicht sogar ein sanftes, fernes Rauschen vernehmen? Tatsächlich, es regnet! Nur dank der stark auskragenden Gipfelfelsen sind wir davor geschützt. Weit draussen aber, ohne uns zu treffen oder die Wand im geringsten zu netzen, fallen die Tropfen hernieder. Wie lange schon?

Der plötzlich kühler sich anfühlende Wind bringt mich zum Frösteln. Welche Art von Glück suchen wir hier eigentlich? Ist es vielleicht das Wissen um die sich nach erfolgreicher Tour einstellende Befriedigung, das uns in diese abweisenden Felsfluchten lockt? Nein! Die Anziehungskraft, die eine Wand, ein Berg oder eine bestimmte Führe auf uns ausübt, lässt sich nicht allein aus dem menschlichen Bedürfnis erklären, sich und anderen zu zeigen, dass man solchen Schwierigkeiten gewachsen ist. Natürlich spielt das Element der Herausforderung ebenso eine Rolle wie das Konkurrenzdenken. Doch das mit der Durchsteigung einer schwierigen Route in Kletterkreisen gewonnene Sozialprestige - sofern es beim heutigen hohen Leistungsstand überhaupt gelingt, solches zu erringen - ist meist rasch wieder verflogen. Lorbeeren vermag deshalb höchstens noch eine ganz kleine Spitzengruppe von aussergewöhnlich begabten und trainierten Felsspezialisten zu ernten. Was also treibt dann uns in diese Welt jenseits der Senkrechten? Ist es nicht in gewissem Sinne auch die Freude an der Beherrschung der ( Grenzsituation )? Die Suche nach einer sonst nirgends anzutreffenden Erlebnisdichte, wo in ein paar wenigen Stunden eine Vielzahl intensiver Eindrücke auf uns einwirken? Das Bedürfnis, das Wesen der Natur in seinen verschiedenen Formen mit dem Körper zu fühlen... als auffrischender Luftzug, als sonnenüber-strahlter Himmel oder als drohend herannahende Wetterfront, als Fels, der sich mir entgegenstemmt, mich abweist oder aber mir Haltepunkte bietet, damit ich mich leicht und unbeschwert darüber emporschwingen kann. Gelingt es, unseren Bewegungsablauf mit den naturgegebenen Anforderungen in Einklang zu bringen, dann durchströmt uns ein jubelndes Glücksgefühl.

Das sirrende Geräusch eines weit draussen niedersausenden Steins lässt mich aufblicken. Hoch oben verlässt mein Kamerad eben eine dunkle Kaminverschneidung, um sich mit einem Überhang zu messen. Eine Strickleiter wiegt sich sanft im Wind, verschwindet auf einmal. Die letzten Seilmeter gleiten durch die Windungen des Bremsbügels. Endlich der Ruf . Das Doppelseil strafft sich. Der erste Überhang schafft kaum Probleme, was nicht für den nachfolgenden, schrägen Schlitz gilt, in dessen Enge der Rucksack mich platt an den Fels drückt und es mir damit verunmöglicht, ruhig nach den wenigen vorhandenen Tritten zu suchen. Mit beinahe schwimmähnli-chen Bewegungen lässt sich die missliche Passage schliesslich überwinden. Dann die Kaminverschneidung, ein gelblicher, etwas splittriger Wulst, und ich stehe neben Godi am Fuss einer kompakten Wandstufe. Ein paar Haken weisen einem feinen Riss entlang in die Höhe.

Unvermittelt beginnt sich die Sicht zu trüben. Nebelfetzen sind unbemerkt aus der Tiefe aufgestiegen, uns in ihren kühl-feuchten Mantel hüllend. Bald verdichtend, bald wieder ver-fliessend, nehmen sie den im schwindelnden Nichts sich verlierenden Linien jeglichen Halt.

Ich hangle mich den Haken nach empor, zögere etwas, als ich den letzten erreiche, lasse ihn dann, wenn auch etwas widerwillig, los, um mich auf einen abschüssigen Tritt zu schwingen. Steige, den über meinem Kopf steckenden Haken fixierend, schnell noch ein bisschen höher, taste nach guten Griffen, finde keine. Eine wenig komfortable Position. Nur nicht nervös werden! Ruhig nehme ich einen Karabiner zur Hand, versuche ihn einzu-klinken: ich bin 30 Zentimeter zu kurz. Andere sind doch auch schon hier durchgekommen, also muss das Problem lösbar sein. Erst jetzt fällt mir in Brusthöhe ein leicht vorstehendes, vom vielen Hingreifen speckiges Schüppchen in die Augen. Eine frische Bruchstelle und das ringsum abbröckelnde Gestein lassen mich allerdings zögern. Ein Schritt zurück erlaubt mir, den Griff von einer günstigeren Position aus zu prüfen. Er wackelt... und nicht nur das! Das ganze Schwärtchen ist bereits von vielen haar-dünnen Bruchlinien durchzogen. Doch die Zeit drängt. Mich möglichst vorsichtig daran haltend, gelange ich höher - strecke mich - berühre mit dem Karabinerende die Hakenöse -, aber es fehlen die entscheidenden 2 Zentimeter.

Allmählich beginnt die heikle Stelle an den Kräften zu zehren. Noch ein Versuch. Im Bewusstsein, dass der letzte Sicherungshaken wenig taugt, richte ich mich auf, finde ein kleines Trittchen, das mich noch etwas höher bringt, klammere mich mit der linken Hand voll an das lausige Schüppchen... und mit letztem Einsatz gelingt es, den mit einer langen Schlinge versehenen Karabiner in die Öse schnappen zu lassen. Uff, jetzt brauche ich bloss noch das Seil einzuhängen! Ein scharfer Ruf: Achtungin rasender Fahrt sause ich talwärts: mitsamt dem zersplitterten Griff, dem ich mit dieser Belastungsprobe endgültig zuviel zugemutet habe.

Ein erstaunlich sanfter Ruck, dann ein leichtes Aufprallen am Fels, und ich hänge ungefähr 2 Meter unterhalb des Standes im Seil, während Godi durch den Zug um einen Meter nach oben gerissen wurde. Der hinter uns kletternde Franzose schaut dabei mit etwas erstaunten Augen auf meine aus unbekannten nebligen Höhen herabgeschossene Gestalt. Wieder bei Godi, stelle ich fest, dass alle Glieder funktionstüchtig sind. Je ausgesetzter eine Stelle, desto weniger besteht die Gefahr des Aufschiagens. Im ersten Moment will ich unverzüglich weitersteigen, verspüre aber nach wenigen Schritten, dass der Zehnmetersturz doch etwas in die Glieder gefahren ist, um so mehr, als ich mich nicht zu jener Klettergeneration zähle, bei der der Gang an die Sturzgrenze zum Trainingsalltag gehört. Da sich mein Gefährte aber ebenfalls nicht um die Führung reisst, gehe ich diese Länge nochmals an, schlage zwei Haken, die es mir nun erlauben, die vorhin eingehängte Schlinge zu packen, mich daran emporzuhieven, um alsbald auf einer kleinen Terrasse Fuss zu fassen. Den hier angelegten Standplatz links liegenlassend, gelange ich über einen prächtigen Riss und eine Platte zum Ausstieg, wo mich feiner, dichter Regen empfängt. Den Sicherungsplatz im Schütze einer kräftigen Föhre einrichtend, kann ich feststellen, dass nun ein unschwieriges Couloir zum Gipfelplateau hinaufleitet. Dieses ausnützend, stehen wir gegen 17 Uhr auf der mit mächtigen alten Bäumen bestandenen Hochfläche, denn ( Gipfel ) wäre kaum die richtige Bezeichnung dafür. Wir ziehen die Seile aus, werfen das gewichtige Klettermaterial genussvoll ins nasse Gras, binden uns los. Einer der Knoten hat sich bei mir jedoch derart zusammengezogen, dass mir nichts anderes übrigbleibt, als ihn kurzerhand abzuschneiden.

Auch das junge Franzosenpärchen hat sich jetzt eingefunden. Da ihnen der Abstieg unbekannt ist, wir deshalb auf sie warten wollen, brauchen wir uns nicht zu beeilen. Im allmählich nachlassenden Nieselregen steuern wir in gemütlichem Tempo dem grossen, nach Osten ausmündenden, schluchtähnlichen Couloir zu, über dessen unteren Teil wir uns bereits heute morgen hochgemüht haben. Den höchsten Punkt des Jardin du Roy ( etwa 1760 m ) umgehend, gelangen wir zur AbseiI-stelle am oberen Ende der eindrucksvollen Schlucht, deren Grund hier gute 70 Meter senkrecht unter uns liegt. Mit zweimaligem Abseilen erreichen wir den Boden dieser tief in den Berg getriebenen Kerbe. Im wieder ver- stärkt einsetzenden Regen eilen wir durch die lichten, teils von Buchs durchsetzten Wälder nach Archiane hinab, wo man uns schon seit Stunden ungeduldig erwartet.

Übrigens... am nächsten Morgen weckt uns das Geräusch sanft herniedertrommelnder Regentropfen - kein Wetter für die ( Paroi Rouge ).

Ein paar technische Angaben Die ( Paroi Rouge ) wurde vom 24. bis 26. April 1965 von B. Conod, J. P. Frésafond und D. Leprince-Ringuet in 28 Stunden effektiver Kletterzeit eröffnet. Die Erstbegeher verwendeten dabei 90 Haken und 9 Holzkeile ( die heute im allgemeinen noch stecken ).

Die ( Voie de la Paroi Rouge ) gilt als eine der schönsten ( klassischen ) Aufstiege im Vercors ( vgl. Führer: Serge Coupé, Escalades en Chartreuse et en Vercors, Arthaud, 1972, S. 379/380 ). Ursprünglich über weite Strecken für künstliche Fortbewegung eingerichtet, kann sie heute von begabten und guttrainierten Kletterern weitgehend ( evtl. sogar vollständig ) frei gemacht werden.

Andererseits ist die etwa 250 Meter hohe, teils überhängende Wand nicht zu unterschätzen. Ein Rückzug könnte schwerwiegende Probleme aufwerfen.

Die Route ist voll ausgerüstet. Die Mitnahme eines guten Sortiments Klemmkeile ( kleinere, aber vorwiegend mittlere Grossen ) ist zu empfehlen. Hammer und Haken sind -für wirklich gute Gänger - nicht unbedingt notwendig, dürften aber im Notfall von Nutzen sein. Für die etwa 9 bis 10 Seillängen sind 5 bis 8 Stunden zu veranschlagen.

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