Die Alpwirtschaft in der Urzeit

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Von Karl Gutjwiller.

Obwohl einem vorgeschichtlichen Nomaden in der Nutzung alpiner Weiden nichts im Wege stand, war bis heute die Ansicht vorherrschend, es sei die Alpwirtschaft ein Kind des Mittelalters. Bedeutende prähistorische Werke und Abhandlungen lassen diesen Betriebszweig ganz ausser acht oder erwähnen ihn überhaupt nicht, in der Meinung, dass er für die Vorzeit gar nicht in Frage komme.

Die Alpenwirtschaft ist selbst für historische Zeiten noch wenig erschöpfend untersucht. Ein umfassendes, zuverlässiges und quellenmässig bearbeitetes Werk über alpine Wirtschaftsgeschichte gibt es bis heute noch nicht, und diesem Umstand mag es zugeschrieben werden, dass eine gänzlich unbegründete Ansicht zur Herrschaft gelangen konnte, wonach die Alpwirtschaft im Mittelalter begonnen habe und zunächst von den Berghöfen aus im kleinen betrieben worden sei.

Wenn schon die Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters mit einem empfindlichen Mangel an Quellen zu ringen hat, um wieviel mehr muss dies für prähistorische Zeiten der Fall sein. Es kann nämlich alpwirtschaftliche Betriebsformen gegeben haben, die archäologisch niemals nachgewiesen werden können, weil Viehschermen und Sennhütten fehlten und materielle Hinterlassenschaften, wie man sie in den Seen gefunden hat, in der rauhen Gebirgswelt zu Staub geworden sind. Die Bergamasker z.B., jene oberitalienischen Nomaden, die noch vor wenig Jahrzehnten in den Bündner Alpen sömmerten, besassen als Obdach nichts als ihr Zelt, und doch waren es tüchtige, auf jeden Nutzen bedachte Alpwirte. Und wenn man heute, nach kaum vier Jahrzehnten ihres Ausbleibens, nach materiellen Hinterlassenschaften suchen wollte, es wäre wohl ein vergebliches Bemühen.

Die prähistorische Wissenschaft hat sich bis heute mit der allgemeinen Erkenntnis begnügt, wonach die Viehzucht in der Jungsteinzeit begonnen habe ( 3000 bis 4000 v. Chr. ), in den einfachsten Formen der Haustierhaltung und im Zusammenhang mit dem Ackerbau mit Vorliebe an den lichtvollen Seeufern betrieben worden sei. Für diese Annahme schienen ja die Pfahl-bauüberreste zu sprechen, und auf Basis dieser Erkenntnis glaubte man eine Kulturstufe der Pfahlbauzeit konstruieren zu sollen, die sich mit einem im Geruch von Kulturlosigkeit oder gar Kulturfeindlichkeit stehenden Nomadentum nicht vertrug. Ein solches schien in das gewonnene Kulturbild nicht hineinzupassen. Und doch musste sich logischerweise die Frage aufdrängen, ob die in grauer Vorzeit mit den heutigen Viehrassen aus Asien eingewanderten Nomaden als solche in den Alpen weiter bestehen konnten. An dieser Frage stolperte die Wissenschaft. Sie verneinte sie, statt sie zu bejahen, weil die möglichen, den alpinen Verhältnissen angepassten, per-manent-nomadischen Betriebsformen entweder nicht bekannt waren oder nicht in Erwägung gezogen wurden.

Man gab sich auch keine Rechenschaft darüber, dass nur ein kleiner Teil des Volkes einer Hirtengemeinde die Wanderung der Viehherden mitzumachen hat, die Mehrheit aber einen festen Wohnsitz haben und sich anderer Tätigkeit widmen kann. Und zu letzterer gehörte wohl schon in ältesten Zeiten die Besorgung von Futtervorräten für den Winter. Die Alpwirtschaft im heutigen Stadium bietet ein lehrreiches Beispiel hiefür. Möglicherweise haben sesshafte Teile der Hirtengemeinde sich zeitweise an den Seeufern aufgehalten und dort klimabedingten Spezialkulturen obgelegen, wie dem Hanf-, Flachs- und vielleicht auch schon dem Weinbau.

Wie war es denn mit dem Urwald und seiner Wildnis bestellt? Wäre ein Durchkommen mit den Herden ein Ding der Unmöglichkeit gewesen? Auf diese Fragen geben uns die klima- und florengeschichtlichen Forschungen zuverlässigen Aufschluss. Heute wissen wir, dass die Waldungen nicht undurchdringlich waren, ja sogar zufolge eines pfahlbauzeitlichen Trocken-klimas ein lichtvolles Aussehen hatten, und dass die Alpenflora beinahe die gleiche war wie heute. Weshalb also sollte der Steinzeitmensch nicht in die Gebirge gekommen sein, wo er doch ständig auf der Suche nach den wertvollsten zur Bearbeitung dienlichen Steinen war. Auch die Kupfer- und die Bronzezeit boten erst recht wieder einen Anreiz, im Gebirge nach den begehrten Kupfer- und Zinnerzen zu suchen.

Vermutlich sind die Alpen in historischen Zeiten nie wieder so intensiv abgesucht worden wie im Neolithikum. Fundobjekte aller Art legen Zeugnis davon ab, dass Neolithiker und Bronzezeitmenschen in beträchtliche Höhen gekommen sind und die Weidemöglichkeiten im Gebirge gekannt haben müssen. Es sind uns Funde bekannt, die auf alpinen Höhen bis 2700 m gemacht worden sind * ).

Und mit dem Menschen stieg auch das Vieh. Grabungen in den Tiroler und Salzburger Alpen, in Höhen von 1500 bis 1800 m, haben Knochen vom Rind, vom Schaf und der Ziege zutage gefördert, die uns dank besonderer Umstände, die mit vorgeschichtlichen Bergbaubetrieben zusammenhängen, erhalten geblieben sind. Man fand auch Werkzeuge und Gerätschaften aus Stein, Kupfer und Holz, wie in den Kulturschichten der Pfahlbaustationen ( Mittelbergalp bei Bischofhofen und Kelchalp bei Kitzbühel ). Amschler und Pittioni in Wien halten dafür, dass die genannten Tiere in diesen Höhen gelebt und geweidet haben und dass die Milch auf Käse und Butter verarbeitet wurde. Sie stützen sich dabei auf Milchgefässe mit Käse- und Butterresten und auf erhalten gebliebene Exkremente oben erwähnter Tiere.

Auch in der Schweiz mehren sich die alpinen Funde, die auf vorgeschichtliche Alpwirtschaft hinweisen. So sind in jüngster Zeit im Rheingebiet Graubündens fünf bronzezeitliche Hügelsiedelungen entdeckt worden: in Lichtenstein bei Chur, Plattas bei Tiefenkastei, Motta bei Fellers, Jörgenberg bei Ilanz und Crestaulta, zuhinterst im Lugnez, die eine Fülle von Knochen der heutigen Haustiere in sich schliessen. Der verdienstvolle Forscher Burkart aus Chur ist überzeugt, dass die Tiere gealpt worden sind. Im Tirol sind Siedelungen aus der Steinzeit bis 1000 m Höhe und solche aus der Bronzezeit bis 1500 m längst bekannt. Dies spricht dafür, dass das Vieh mit dem Gebirge Fühlung hatte.

Die pfahlbauzeitlichen Tierkörper, die sich durch Kleinheit und zierliche Extremitäten kennzeichnen, passten ins Gebirge hinein. Dies geht schon daraus hervor, dass sie sich in gewissen alpinen Gegenden bis auf den heutigen Tag beinahe unverändert erhalten haben 2 ).

Nomadenhafte Betriebsformen der Vorzeit archäologisch nachzuweisen, dürfte für immer ein Ding der Unmöglichkeit sein, da Knochen aus der Vorzeit, wo sie auch liegen mögen, niemals eine Wanderbewegung der Herden verraten, jedoch Standorte vortäuschen können, die für Herden gar nie in Betracht gekommen sind. Ein merkwürdiger Zufall, der zu Trug- Schlüssen geführt hat, wollte es eben, dass Knochen erhalten geblieben sind an Orten, wo die Tiere nicht gelebt haben, dort aber, wo sie gelebt und geweidet haben, in Staub zerfielen1 ).

Anhaltspunkte für eine nomadisch betriebene Viehzucht der Pfahlbauzeit bieten uns die Überbleibsel wandernder Hirtenbetriebe, die uns in einzelnen Gebirgsgegenden bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben sind. Sie sind uns erhalten geblieben dank der Konstanz der ewigen Weiden, die eine andere Ökonomie als die der Vieh- und Weidewirtschaft nie zugelassen haben. Miaskowski, der das hohe Alter der Alpwirtschaft geahnt haben mag, hat einst den Satz geprägt, die Gebirge seien aus Gründen ihrer eigentümlichen Ausstattung mit volkswirtschaftlichen Museen vergleichbar, in welchen sich Rechts- und Betriebsformen erhalten konnten, die in den Niederungen längst ausgestorben sind. Und es haben sich Betriebsformen erhalten, die ein nomadenhaft urzeitliches Gepräge tragen, das ganze Jahr hindurch einen bleibenden Standort nicht kennen und im Winter auf fremde Stallungen und fremdes Futter angewiesen sind.

Die Prähistoriker und Archäologen geben freilich ein Urnomadentum zu, das in dunkler Vorzeit aus fernen Ländern mit den heutigen Viehrassen ins Alpengebiet eingewandert sein müsse; erklären aber, dass es hier Lebensund Existenzbedingungen angetroffen hätte, die den wandernden Hirten-betrieb verunmöglichten. Für diese Ansicht schien die infolge eines langen und kalten Winters sehr beschränkte Weidezeit zu sprechen. Man verkannte dabei die Anpassungsfähigkeit eines Nomaden und die möglichen, dem Winter angepassten nomaditären Betriebsformen, und es legte sich der Schluss nahe, das Nomadentum sei zugunsten einer sesshaften Lebensweise und einer stärkeren Betonung des Ackerbaues aufgegeben worden. Für die Richtigkeit dieser Annahme schienen die vielen Seeansiedelungen und die der Pfahlbauzeit bereits bekannten zehn Getreidesorten zu sprechen. Um die Herkunft dieser Getreidesorten bekümmerte man sich nicht undDie Knochen der vorgeschichtlichen Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine stammen fast ausschliesslich aus den Kulturschichten der Pfahlbaustationen. Es sind dies aber durchwegs Speiseüberreste oder Küchenabfälle, die bloss besagen, dass der Pfahlbauer das Fleisch dieser Tiere verzehrt hat. Nicht ein einziger Anhaltspunkt spricht für Haustierhaltung dieser vermeintlichen Wassersiedler. Man hat weder Stallungen, noch Exkremente ( etwas Weniges von der Ziege ) gefunden; geschweige denn, dass ganze Skelette zum Vorschein gekommen wären, in Dörfern, bei welchen mehrmalige Zerstörung durch Feuer festgestellt ist. Übrigens sprechen schon Vernunftgründe und wirtschaftliche Überlegungen gegen eine Viehhaltung auf dem Wasser. Die in den Seen aufgefundenen Knochen müssen also von Tieren stammen, die von den Pfahlbaubewohnern zu Schlachtzwecken den Wanderherden entnommen worden sind.

Die Herden weideten vermutlich im Sommer auf den Jurahöhen, auf den Vor- und Hochalpen, und wenn an diesen Stellen Knochen aus der Vorzeit allgemein nicht vorliegen, so deshalb nicht, weil sie der Verwitterung preisgegeben waren und nicht erhalten geblieben sind. Im Gebirge fehlten alle Umstände und Voraussetzungen, die vermöge der Eigenschaften des Wassers und des Seeschlammes in den Pfahlbaustationen zur Konservierung beigetragen haben. Und der nomadenhafte Charakter der Viehwirtschaft mit ihrer täglichen Standortsveränderung hat nichts zur Konservierung tierischer Überreste beizutragen vermocht; denn Abfallhaufen von grösserem Format mit konservierend wirkenden Eigenschaften gewisser Substanzen kamen so nicht zustande.

sah auch keine Veranlassung vorhanden, die im Geruch von Kulturfeindlichkeit stehenden Nomaden als Förderer des Ackerbaues in Frage zu stellen. Man übersah, dass Hirtenvölker von jeher etwas Getreide angebaut haben und dass die Aufrechterhaltung nomaditärer Betriebe in den klimatischen Verhältnissen des Alpenlandes ein sesshaftes Bauerntum zur Voraussetzung hat. Wäre im Zeitpunkt, da Hirtenstämme einwanderten, ein solches noch nicht vorhanden gewesen, es hätte vielleicht geschaffen werden müssen. Ackerbau und Nomadismus sind selten so säuberlich geschieden, wie unsere ethnologischen Kulturstudien es gerne sehen möchten, sagt ein Gewährsmann 1 ). Es handelt sich immer um ein mehr oder minder, wobei nochmals hervorgehoben sei, dass Nomadentum noch lange nicht Kulturarmut bedeutet. Dass feste Siedelungen zu Trugschlüssen führen können, wird durch die Tatsache belegt, dass selbst asiatische Steppennomaden ihre festen " Wohnsitze und ihre heimatlichen Dörfer haben, wenn auch die Herden immer wandern.

Wir stehen heute auf einer höheren Kulturstufe und besitzen einen entwickelteren Ackerbau, als ihn die Pfahlbauer kannten. Städte, Dörfer, Strassen und Eisenbahnen beleben das Landschaftsbild, und doch ist das Nomadentum noch nicht ganz ausgestorben. So trifft man in Gebirgsgegenden noch heutzutage Hirten und Herden, die auch im Winter nomadisieren. Ich erinnere an die wandernden Schäfer, an die Sennten- und Küher-betriebe, die im Frühjahr und Herbst auf den Niederungsweiden, im Sommer auf den Alpen zu sehen sind und im Winter die Futterstützpunkte absuchen, die ihnen die Bauern gewähren. Solche Wanderbetriebe, vereinzelt noch im Appenzell und im Berner Oberland zu treffen, hatten vor Jahrhunderten eine grosse Verbreitung. Im Kanton Appenzell z.B. waren vor 150 Jahren noch über 200 vorhanden und über 1000 Bauernhäuser, die mit zwei grossen Stallungen zum Aufhirten eingerichtet waren. Ja, es darf ohne zu übertreiben gesagt werden, dass die eigentliche Sennerei und die zugehörige Milchviehhaltung bis ins Spätmittelalter in den Händen von Nomaden lag, die ihre winterlichen Futterstützpunkte bei den Bauern hatten. Auf alle Fälle hat in geschichtlichen Zeiten ein Nebeneinander sesshafter Bauern und nomadisierender Hirten immer existiert, und es bedarf nur geringer intuitiver Veranlagung, um die vorgeschichtliche Herkunft dieser letzteren zu wittern.

Also noch heute ein Nomadentum, das neben, zwischen und über dem Bauerntum lagert und mit letzterem einen mannigfaltigen und wechselseitigen Verkehr unterhält. Und da soll in einem Land mit so viel Bergen und Weiden zur Pfahlbauzeit ein solches nicht mehr existiert haben? Für ein pfahlbauzeitliches Nomadentum spricht schon der Umstand, dass in den Pfahlbaustationen Viehställe nicht nachgewiesen sind. Die an den Seen aufgefundenen Knochen sind durchwegs Speiseüberreste und täuschen einen Standort vor, wo sich die Tiere nicht aufgehalten haben können.

Vermutlich war der viehwirtschaftliche Nomadenbetrieb der Vorzeit das alles beherrschende Wirtschaftssystem, dem alle anderen wirtschaftlichen Tätigkeiten wie: Getreidebau, Futterfürsorge für den Winter und die klimabedingten Spezialkulturen wie Hanf-, Flachs- und Weinbau an den Seeufern ein- und untergeordnet waren. Hirtenvölker, ein kriegerisches Element, können erobernd in die Alpenländer eingezogen und mächtig genug gewesen sein, die Bedürfnisse ihrer Wirtschaft allem andern überzuordnen. Noch vor wenig Jahrzehnten war im Appenzellerland die ganze Bauersame auf die Bedürfnisbefriedigung der Herden eingestellt und das ganze Agrarwesen vom wirtschaftlichen Wohlergehen der Wandersennerei abhängig.

Wirtschaftsgeschichtliche Fragen sind von der Urgeschichtsforschung noch wenig eingehend untersucht. Es kann freilich auch nicht Sache der Archäologen und Anthropologen sein, die Betriebsformen der prähistorischen Viehwirtschaft festzustellen. Hier hat der Wirtschafts- und Agrar-historiker mitzureden. Mit der Bejahung der vorgeschichtlichen Alpwirtschaft erweitert sich der Wirtschaftsraum, und es bewegen sich darin Handelszüge und Hirtenbetriebe zu den Alpen und darüber hinweg. In dieser Perspektive passt der Vorzeitmensch besser in das vorgeschichtliche Zeitgeschehen hinein, das so reich ist an Völkerwanderungen und Kriegszügen. Man versteht so auch besser den Zweck der vorgeschichtlichen Wehr-und Burganlagen, wie man solche bei Sissach und Spiez aufgedeckt hat.

Es war von der Urgeschichtsforschung durchaus unlogisch, einen prähistorischen Handelsverkehr über die Alpen zuzugeben, eine urzeitliche Alpwirtschaft aber bis heute abgelehnt zu haben, wo doch viele gewichtige Gründe dafür sprechen, dass Hirten und Herden im Gebirge zu sehen waren, lange bevor der erste Handelsmann daselbst erschien.

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