Die Bedeutung der Alpen um den Gardasee für den Kampf Bonapartes um Mantua 1796 und 1797

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für den Kampf Bonapartes um Mantua

1796 und 1797.

G. Meyer von Knonau ( Sektion Uto ).

Von Schon ein flüchtiger Blick auf eine Karte unserer Alpen lehrt, daß an keiner Stelle — zwischen dem gewaltigen Querwall der Westalpen, in dem das Gebirge vom Mont Blanc südwärts über die grajischen, die cottischen, die Seealpen hinweg das Gestade des Mittelmeers erreicht, auf der einen Seite und dem zumeist südöstlichen Flügel, wo die julischen Alpen die Tiefebene des Friaul von der Nordseite her beherrschen, am andern Ende — das Hochgebirge so weit südwärts in das Tiefland vorspringt, als auf den beiden Seiten des großen Seebeckens, das nach der Stadt Garda den Namen trägt. Die im engern Sinne des Wortes sogenannten trientinischen Alpen westlich, die lessinischen Alpen östlich vom Gardasee — letztere genannt nach den Verona auf der Nordseite überragenden Monti Lessini — bilden diese Gruppe, die, westlich vom Oglio, östlich von der Brenta begrenzt, das untere Pogebiet bewacht.

Aber in sich selbst sind wieder die Teile dieser dergestalt vorgeschobenen Gesamtgruppe reich gegliedert. Flußläufe, die zum Teil unmittelbar zum Po führen, teilweise durch den Gardasee ihm vermittelt werden, dann der selbständig seinen Weg zum adriatischen Meere suchende große Strom der Etsch, endlich einige weitere gleichfalls unmittelbar in dieses Meer gehende Alpenflüsse scheiden mehrere Bergreihen, die mit ihren dazwischen liegenden Tälern überwiegend nordsüdliche Streichungslinien aufweisen, voneinander.

Der westliche Flügel lehnt sich im Hintergrunde an die Adamellogruppe an. Von dieser herab strömt zumeist im Westen der Oglio, der dann in seinen südöstlich gerichteten Unterlaufe den Chiese aufnimmt.

Anmerkung. Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der Sektion Uto am 15. Januar 1904.

Dieser Fluß, der eine westliche Parallellinie zum Gardasee und zum Oberlaufe des Mincio bildet, ist der Abfluß des Lago d' Idro, und sein Lauf hat deswegen besondere Wichtigkeit, weil dessen oberster Teil und derjenige des in ganz entgegengesetzter Richtung nordöstlich gehenden Flusses Sarca von einem und demselben Tale, Judicarien, umschlossen wird: so führt die Straße vom Chiese über die gar nicht sehr scharf ausgeprägte Wasserscheide ohne irgendwelche größere Steigung zur Sarca hin. Die Sarca aber erreicht in großem nordwärts ausgebauchtem Bogen, um die Gruppe des Monte Tenera rings herum, zuletzt südwärts an Arco vorüber, die Nordspitze des Lago di Garda wenig östlich von Riva. Dann entsendet der Gardasee südlich den Mincio, der bei Peschiera die Südostecke des Sees verläßt und auf verhältnismäßig kurzem Laufe durch die großen Wasserflächen um Mantua den Po erreicht.

Östlich vom Gardasee überragt zunächst bis zu 2000 m. über dem Wasserspiegel in kühnem Aufbau, so daß der See seinen Fuß bespült, der von Nord nach Süd fünfzehn Stunden lange Hochrücken des Monte Baldo das Wasserbecken: auf der Nordseite scharf abgeschnitten und vom nördlich gegenüberliegenden Gebirge in der von Straße und Schienenweg benutzten Einsenkung zwischen Mori und Nago geschieden, am Ostfuß von der Etsch begleitet, die hernach durch den Engpaß der Berner Klause nach Verona hinausfließt. Am Südende zwischen Rivoli und Garda, Etsch und Seegestade in niedriger werdenden Vorbergen sich abstufend, so ist der Monte Baldo der eigentliche Wächter hier am Ende des Hochgebirges gegen die Ebene hinaus, wo zuletzt noch die schlachtenberühmten Höhen von Sommacampagna und Custozza die Ausläufer bilden. Jenseits, östlich über dem Etschtale, gegenüber dem Monte Baldo, folgen nun sogleich jene schon erwähnten Monti Lessini, von denen herab die Etsch oberhalb und unterhalb Verona mehrere Flußläufe empfängt; deren letzter, der östlichste, ist der Alpone, der sich unterhalb des Fleckens Arcole in die Etsch ergießt; der nordöstliche Flügel der lessinischen Alpen sendet noch zwei Flüsse Frassine und Bacchiglione, die von den Lagunen nördlich der Etschmündung empfangen werden, dem Golfe von Venedig zu. Eben dort, in nächster Nähe von Venedig, mündet auch die Brenta, die vom Val Sugana, aus dem die lessinischen Alpen von den Dolomiten trennenden Taleinschnitte, hinaus-strömt.

Aber nicht nur die Natur hat hier mannigfaltige Gestaltungen geschaffen. Auch die menschlichen Einrichtungen, die Grenzmarken der Staatenbildungen legen sich trennend in diese Höhen und Täler hinein.

In der Gegenwart zählen im wesentlichen die höheren Abteilungen zum österreichischen Kaiserstaat, zu dessen Grafschaft Tirol, die niedrigem zum Königreich Italien. Aber Italien reicht doch auch mehrfach weit in die Höhe hinauf, ganz abgesehen vom Gardasee, von dem ja einzig die Nordspitze österreichisch ist. Der Grenzstein im Gebiete des Chiese steht am Nordende des Lago d' Idro; der Monte Baldo hat den seinigen auf dem Gipfel des Altissimo. Auch die ganze Berner Klause ist italienisch; die Grenzlinie läuft über die Höhen der Monti Lessini, und vom Tale der Brenta ist nur der oberste Teil ein Stück von Tirol.

Doch vollends in der Zeit vor den großen Umgestaltungen infolge der französischen Revolution war der Zug der Grenzen noch weit komplizierter.

Vor dem Eingreifen des Generals der französischen Republik, des jungen Corsen, der da den Grand zu seiner nachfolgenden großen Machtstellung legte, vor den Ereignissen der Jahre 1796 und 1797, die hier kurz überblickt werden sollen, erstreckte sich nämlich da in weiter Ausdehnung das Gebiet der Republik Venedig: in zusammenhängender Masse reichte es westlich bis zur Adda und bis zur Sttdspitze des Sees von Lecco, und seine Nordgrenze in den Alpen entsprach genau der gegenwärtigen italienisch-österreichischen Grenzscheide. In Zeiten des Krieges war dieses Territorium, da Venedig selbst nicht mehr kriegsstark eingriff, freilich neutral; aber zu einer wirksamen Neutralität ist, wie überall und immer, eine starke Wehr und ein richtiger Wille notwendig, und daß das bei Bonapartes Angriff von Seiten des greisenhaft gewordenen Staatswesens nicht mehr der Fall war, hat dann gerade das venetianische Gebiet zum wahren Kriegstheater machen müssen. Das heute trientinisehe Stück von Tirol war dagegen ein geistlicher Staat des deutschen Reiches, das Fürstbistum Trient, und nur zwei kleine voneinander räumlich geschiedene Grenzdistrikte waren hier schon österreichisch, die sogenannten welschen Confinien, Gebiete, die Kaiser Maximilian I. erobert hatte, erstlich der Abschnitt des Etschtales unterhalb Trient, mit Roveredo, Ala, Mori, Nago und Umgebung, dann nordöstlich davon die Bergfestungen Covelo und Peutelstein mit Ampezzo. Dem Venetianischen gehörten also die wichtigen Städte Bergamo, Brescia, Verona, Vicenza, Padua an, und erst südwärts davon lag noch weiter unten am Mincio und westwärts davon bis zum Chiese, wo das Mailändische angrenzte, das Herzogtum Mantua, mit seiner festen, mitten in Seen und Sümpfen liegenden anscheinend unüberwindlichen Hauptstadt, das seit dem Anfange des 18. Jahrhunderts vom Kaiser zum unmittelbaren Besitze eingezogen und dessen Verwaltung nachträglich mit derjenigen der österreichischen Lombardei unmittelbar verbunden worden war.

Diese hier kurz geschilderten Alpenhöhen, die zwischen und vor ihnen liegenden Gelände sind in den schon erwähnten Jahren 1796 und 1797 der Schauplatz Monate erfüllender, zum Teil mehrfach nahezu an den gleichen Stätten sich wiederholender Kämpfe gewesen. Dabei zeigt sich auf der Seite des Angreifers, mochten auch zeitweise, zum Teil nicht ohne eigene Schuld, seine Berechnungen schlimmen Enttäuschungen ausgesetzt worden sein, eine imponierende Beherrschung aller Kräfte, eine nie ermattende Energie, ein genialer den richtigen Moment erfassender Überblick, während die kaiserlichen Gegner, deren Operationen mitunter zwar eine starke Offensive darstellten, bei aller Tapferkeit im einzelnen das Gegenteil jener in Bonaparte sich darstellenden Eigenschaften aufweisen. Durch die Zusammenhangslosigkeit der Bewegungen, durch Zer-pflückung der Heereskräfte, durch seltsame mehrfache Wiederholungen gleicher Mißgriffe und Irrtümer mußte die österreichische Kriegsführung zuletzt trotz aller Bravheit ein gänzliches Mißlingen erleben. Dabei treten eben jene nach der Ebene, nach dem Mincio und Po hinausführenden Täler, die Ausgänge des Trientiner Landes an Gardasee und Etsch in Betracht, und die hohe geographische Wichtigkeit dieser Grenzgebiete springt aus den historischen Vorgängen heraus klar in die Augen.

Doch es ist notwendig, ehe wir den Ereignissen vom Mai 1796 bis Februar 1797 unsere Aufmerksamkeit schenken können, einen raschen Blick auf die vorher, seit dem Beginn des Jahres 1796, geschehenen Dinge zu werfen.

Der junge General, der sich am 13. Vendémiaire des Jahres IV durch die Niederschmetterung des Aufstandes in Paris den Dank der Machthaber gewonnen hatte, war zum Lohne für diesen Dienst als Oberbefehlshaber der Armee, die gegen Italien bestimmt war, ernannt worden. Am 26. März 1796 übernahm er in Nizza die Führung der 37,000 Mann, die vorher infolge ungeschickter Leitung und wegen der Zerfahrenheit der inneren Verhältnisse in Frankreich etwas Erhebliches auszurichten nicht im stände gewesen waren, und schon seine Begrüßung der Soldaten, wie er ihnen Sieg, Ruhm, Beute in dem reichen Lande, wohin er sie führen wolle, verhieß, war geeignet, sie zu allen Taten zu entflammen. Rasch erzwang er sich vom 10. April an durch eine Reihe von Gefechten, da wo Seealpen und Appennin aneinandergrenzen, den Übergang in das Pogebiet, warf die sardinischen Truppen nordwärts, die Kaiserlichen nach Osten zurück, nötigte dem König von Sardinien einen Waffenstillstand auf und folgte den geschlagenen österreichischen Truppen nach der Lombardei. Am 10. Mai war mit Lodi und der dadurch erzielten Gewinnung der Addalinie das nun schon im Rücken des Siegers liegende Mailand für die Kaiserlichen verloren, und am 15. Mai hielt Bonaparte seinen Einzug in die lombardische Hauptstadt. Aber alsbald wurde der Vormarsch weiter fortgesetzt: es galt, die Etsch-linie und Mantua zu erreichen.

. Damit begannen die Operationen auf dem Schauplatze, den wir kennen gelernt haben; doch zugleich stand nun hier die Neutralität des Gebietes von Venedig im Wege. Aber da fehlte ganz die Kraft, die in Anspruch genommene Neutralität auch wirklich zu schützen und aufrecht zu halten. Die etwa 5000 Mann, die in ihren Garnisonen standen, genügten nirgends; der größere Teil des Linienheeres, nicht ganz viermal so viel, lag in Dalmatien und Albanien in den Grenzdistrikten gegen die Türkei; von einer Verwendung der Landmiliz war gar keine Rede. In der Regierung von Venedig hatte die Partei, von der unbewaffnete Neutralität empfohlen wurde, die Oberhand, und so begnügte man sich mit Verwahrungen und mit Protesten auf Papier, als die Gefahr hereinbrach. Denn als die Kaiserlichen nach der Niederlage bei Lodi rücksichtslos venetianisches Gebiet betreten und dahin ihren Rückzug genommen hatten, diente das Bonaparte als erwünschter Vorwand, auch seinerseits über diese Neutralität sich hinwegzusetzen.

Führer der zurückgeschlagenen kaiserlichen Armee war Feldzeugmeister Freiherr von Beaulieu, ein Belgier von Abstammung. In jüngeren Jahren ein umsichtiger, tapferer Offizier, war er jetzt, über siebenzig Jahre alt, bei erschütterter Gesundheit, dem genialen jungen französischen Heerführer nirgends gewachsen; seit den Gefechten am ligurischen Golf und im Appennin stets im Rückzuge begriffen, war er seiner Sache gänzlich unsicher geworden, zumal da die Franzosen bis zum 28. Mai sich der venetianischen Provinzen am Gebirge, Bergamo und Brescia, bemächtigt hatten, so daß er fürchten mußte, die Rückzugslinie nach Tirol werde ihm verlegt werden. So suchte er nun einerseits Mantua zu sichern, und anderenteils ließ er die verfallene, nahezu verteidigungs-unfähig gewordene venetianische Festung Peschiera besetzen. Aber dadurch schmälerte Beaulieu die Zahl der verfügbaren Truppen noch mehr, und als vollends Bonaparte am 30. Mai die dünne Aufstellung " der Österreicher am Mincio durchbrach, löste sich sein Korps gänzlich auf. Ein Teil warf sich nach Mantua hinein, dessen Garnison sich so auf über 12,000 Mann vermeln-te; eine andere floh zur Etsch und darauf an diesem Strom empor nach Tirol; auch Peschiera wurde wieder geräumt. So gebot Bonaparte über das ganze Terrain zwischen Etsch und Po; einzig Mantua gehörte hier noch dem Gegner. Allein der französische Feldherr ließ nun diese Festung sogleich durch Truppen umschließen, und auf der anderen Seite wurde Massena mit fünfunddreißig Bataillonen befehligt, das Südende des Gardasees und die Ausmündung des Etschtals oberhalb Verona zu bewachen.

An Beaulieus Stelle war schon am 29. Mai der aus dem Elsaß stammende Reichsgraf von Wurmser an die Spitze der kaiserlichen Armee gesetzt worden. Ein tapferer und kühner Kriegsmann, hatte sich Wurmser schon seit 1793 als Feldherr im Kevolutionskriege am Rhein einen bedeutenden Namen verschafft, und obschon auch er schon zweiundsiebenzig Jahre zählte, schien er der ihm nunmehr zugewiesenen Aufgabe wohl gewachsen zu sein. Seit Ende Juni war Wurmser in Innsbruck eingetroffen und sammelte da Streitkräfte, die allmählich auf über 50,000 Mann anwachsen. Mit dieser Streitmacht konnte er sich bis Ende Juli zum Angriffe bereit stellen, und er verlegte sein Hauptquartier nach Roveredo. Aber sein anfänglicher kecker Mut war gesunken; bitterlich beklagte er sich in Berichten an den Kaiser über Mangel, über ungenügende Ausrüstung und Vorbereitung. Allein es durfte mit dem Vormarsche nicht mehr länger gezögert werden; denn Bonaparte hatte inzwischen, in richtiger Ausnützung der schwächlichen Haltung der venetianischen Regierung, auch Verona besetzt, und schon bedrängte General Serrurier Mantua so ernstlich, daß der Fall der Festung Ende Juli unmittelbar bevorzustehen schien.

Wunnser erachtete nach den ihm gegebenen Weisungen als seine Hauptaufgabe, Mantua zu entsetzen, und so begann der mehrmonatliche Krieg, der schlechthin als ein Kampf um Mantua bezeichnet werden darf.

Wunnser hatte sich entschlossen, seinen Zweck dadurch zu erreichen, daß er die zwischen Mantua und seinem Standquartier stehenden Truppen Bonapartes angreife, schlage, den Weg nach Mantua sich bahne. Er glaubte dadurch zum Ziele zu kommen, daß er seine Streitkräfte nach drei Marschlinien teilte. Eine erste Abteilung, die aus nahezu einem Drittel der Armee bestand, hatte die Aufgabe, unter Feldmarschalllieutenant Quosdanovich, einem tapfern Manne, dem aber höhere Feld-herrenbefähigung abging und der außerdem in seinen vorgerückten Jahren nicht mehr die ausdauernde Kraft besaß, durch das Tal des Chiese vor-zumarschieren, Brescia zu nehmen, dem französischen Heere die Rückzugslinie nach Mailand abzuschneiden. Eine weit kleinere Abteilung, unter General Meszaros, sollte durch das Tal der Brenta gehen und an der unteren Etsch die Franzosen in Schrecken setzen, wenn möglich bis zum Po vordringen. Wurmser selbst gedachte mit den zwei Kolonnen des Zentrum, 24,000 Mann, auf der geraden Linie südwärts zu stoßen, um so Verona, nachher Mantua zu erreichen, auf dem Wege dahin von der linken östlichen Seite, bei Legnago oder schon bei Verona, Meszaros an sich heranzuziehen, die besiegten Franzosen nachher westwärts Quosdanovich in die Arme zu jagen. Der ganze Plan war nach der Landkarte vortrefflich ausgearbeitet, ein Elaborat eines jener gelehrten Generäle, die, zum Unglück der österreichischen Armeen, nicht nur in diesem einen Male, tapferen führenden Chefs zur Seite gestellt werden — es war jetzt der Generalstabschef Wurmsers, Weyrother —: das Ganze, falls alles wohl zusammengriff, sicher das Verderben des Feindes, im anderen Talle die eigene Niederlage. Bei den räumlieh so weit auseinanderliegenden Zielen der drei Abteilungen war das Letztere vorauszusehen.

Allerdings war nun zunächst Bonaparte im Moment des Angriffes, für den Fall, daß dieser stark genug eintrat, ernstlich gefährdet. Auch er hatte zunächst sein Heer nicht in einer Hand beisammen, und er traute jeder einzelnen seiner Abteilungen eine zu große Kraft zu. Unter Serrurier waren 12,000 Mann vor Mantua festgelegt; die anderen Truppenteile, im ganzen 34,000 Mann, sollten die Zugänge im Norden, von den Alpen, vom Tirol her, bewachen. Da stand Augereau zur Deckung des Unterlaufes der Etsch bei Legnago; Massena hatte bei Verona und oberhalb, westlich von der Klause, die Etsch zu behüten, so daß er also zwischen Etsch und Gardasee auf den Sudausläufern des Monte Baldo stand; Sauret hatte zur Vorschrift, auf der Westseite des Sees bei Salò und südwestlich landeinwärts am Chiese bei Gavardo den Ausgang aus dem Tale dieses Flusses zu sperren. Im Zentrum am Mincio standen endlich Despinois mit Infanterie, Kilmaine mit 1500 Reitern: sie sollten ihre Augen nach allen Seiten offen halten und an die Stelle, wo Not entstünde, ihre Truppen hinwerfen. So schien alles wohl vorbereitet, und jedenfalls standen alle Abteilungen einander weit näher, als die Kaiserlichen, die zunächst, um zum Angriffe zu kommen, sich über immer größere Entfernungen verteilten.

Dennoch war Wurmser in den ersten Tagen, am 29. und 30. Juli, ohne Zweifel mehr im Vorteil: ja, der bisher durch sein Glück so verwöhnte junge französische Feldherr schien in seiner ganzen Stellung erschüttert werden zu können. Am 29. fiel Quosdanovich auf die westlich vom See stehende Abteilung Saurets, warf nach scharfem Gefechte bei Salò diesen selbst südwärts, bis zur Südwestspitze des Sees bei Desenzano, und schnitt andere Truppenteile ab; dann gelang am 30. die Überrumpelung von Breseia, und wieder zum Chiese sich zurückwendend schob Quosdanovich seine Brigade ostwärts gegen den Mincio vor. Bonapartes Verbindung mit Mailand war dergestalt auf das ärgste bedroht; aber andererseits hatte sich Quosdanovich dadurch, daß er auch Breseia in seine Rechnung mit einzog, allzuweit westlich von Wurmser entfernt ernstlich engagiert. Freilich hatte auch Wurmser, ebenfalls am 29. und 30. des Monats, Erfolge gewonnen. Massena wurde an der Etsch und auf den Vorbergen des Monte Baldo, obwohl seine Stellungen durch Befestigungen gesichert zu sein schienen, völlig besiegt, in verlustreichen Kämpfen aus Rivoli hinaus südwärts bis in die Ebene gedrängt, so daß noch am 30. das von den Franzosen geräumte Verona den Kaiserlichen in die Hand fiel. Bonapartes mit fieberhafter Schnelligkeit gegebene Befehle zeigten, daß er die Gefahr im vollen Umfang begriff; denn für Wurmser schien die Möglichkeit gegeben, seine ganze Kraft südlich vom Gardasee gegen die auseinandergeworfenen gegnerischen Truppen siegreich zu vereinigen, und wirklich dachte Bonaparte schon, daß ein Abzug hinter die Adda sich als Notwendigkeit herausstellen werde.

Aber Wurmser war nicht im stände, die Erfolge der zwei vorangegangenen Tage am 31. Juli zum vollen Siege zu steigern. Er selbst drückte an diesem Tage nicht weiter auf den Feind und versäumte es, Quosdanovich die Hand zu reichen. Dieser hatte seine Streitmacht zu sehr verzettelt, und so errang Sauret am Südwestende des Gardasees wieder Vorteile, die Quosdanovich hinderten, so wie er gewollt hatte, gegen den Mincio vorzudringen, die ihn im Gegenteil nötigten, Brescia wieder zu räumen und weiter rückwärts am Chiese Stellung zu nehmen. Bonaparte dagegen konzentrierte jetzt seine ganze Macht am Westufer des Mincio und gab zu diesem Hauptzwecke sogar die für den Augenblick ihm nebensächlich gewordene Belagerung von Mantua auf, indem er Serruriers Belagerungskorps zu sich herbeirief. Zwar war das nun zunächst, am 1. August, da ja Quosdanovich nordwärts zurückgewichen war, ein Stoß in die Luft. Aber Wurmser hatte seinerseits die zwei kostbaren Tage, in denen er mit Quosdanovich zusammen den Gegner hätte erdrücken können, durch einen ganz unnützen Besuch in dem befreiten Mantua verloren und so Bonaparte die Zeit zu jenen Maßregeln der Konzentration gegönnt. Allerdings war danach durch Wurmser, als die gegen Brescia vorgeschobene französische Abteilung am 2. August zum unteren Chiese zurückkam, der Mincio schon überschritten worden, und er stand im Hügellande südlich vom Gardasee. Allein Bonaparte war jetzt durch die Ermutigung von Seiten des energischen Augereau so bestärkt, daß er den Gedanken, zur Adda zurückzugehen, völlig aufgegeben hatte. So mußte es auf jenen Gefilden, wo dreiundsechzig Jahre später abermals Franzosen und Österreicher sich maßen, zur Schlacht kommen, und dadurch, daß jetzt durch Einzelkämpfe wechselnden Ausganges Quosdanovich bis zum 4. August so sehr geschwächt worden war, daß er für seine Kückzugsstraße am Chiese fürchtete und, zwar schweren Herzens, den gänzlichen Rückzug nach Tirol wählte, geschah es, daß Wurmser vom Gebirge her nicht mehr eine Unterstützung erwarten durfte. Unter diesen Verhältnissen kam es zuerst am 4. August bei dem 1859 wieder so berühmt gewordenen Dorfe Solferino zu einem Gefechte und am folgenden Tage bei Castiglione delle Stiviere, wenig westlich von Solferino, zur entscheidenden Schlacht.

In dieser Schlacht vom 5. August traten nun für die österreichische Kriegsführung die Übeln Folgen ihrer Fehler, daß die kostbarste Zeit verloren, die Streitkräfte verzettelt worden waren, handgreiflich zu Tage. Statt 57,000 Mann, die Wurmser anfangs unter sich vereinigt, aber eben zum Teil nach Mantua hinein, an den Po, an den Mincio bei Peschiera — von Quosdanovich ganz abgesehen — zerstreut hatte, standen bloß noch weniger als 20,000 jetzt zu seiner Verfügung. Bonaparte dagegen hatte durch geschickte Vereinigung nunmehr die Übermacht, und er verstand es, sie in zwingender Weise auf dem Schlachtfelde zur Anwendung zu bringen. So mußte Wurmser sich glücklich preisen, wenigstens noch seine Armee in einer im ganzen nicht allzu argen Erschütterung über den Mincio zurückgebracht zu haben; dann aber erkannte er, daß er in Gefahr stehe, durch Massena vom Tirol abgeschnitten zu werden, und dergestalt zog er sich bis zum 14. August in jene Stellungen am Gebirge zurück, von denen er in den letzten Tagen des Juli ausgegangen war.

Durch die mangelhafte Leitung der kaiserlichen Streitkräfte war Bonaparte aus der Bedrängnis, in der er sich kurze Zeit hindurch befunden hatte, errettet worden. Indessen war er auch jetzt noch an die Etsch gefesselt, und der Belagerungskampf um Mantua, dessen Garnison nach dem Abgange Serruriers verstärkt und mit dem Notwendigen wieder versehen worden war, mußte neu aufgenommen werden. So lange aber diese Aufgabe einen wesentlichen Teil der französischen Armee festlegte, schien von einer großen Offensive ostwärts, über die Etsch hinaus, keine Rede sein zu können, und insoweit war es, so sehr der Tag von Castiglione Bonaparte als großer Erfolg angerechnet wurde, kaum am Platze, schon von einem solchen wirklich zu sprechen.

Aus Paris mahnte die Regierung ihren Feldherm, nunmehr seinerseits gegen Wurmser vorzugehen. Denn in Süddeutschland war eben zu dieser Zeit noch General Moreau im Vordringen begriffen, und es mußte verhütet werden, daß etwa dieser Bewegung nördlich von den Alpen, durch Detachierungen Wurmsers aus Tirol nordwärts, Halt geboten werde. Deswegen sollte Wurmser beschäftigt sein, ein Angriff auf ihn vom Gardasee und aus Verona nordwärts nach dem Tirol hin sich in Bewegung setzen. Dagegen wurde auf der andern Seite auch Wurmser von Wien her gemahnt, einen neuen Versuch zum Entsatz von Mantua anzustellen. Aber der Berater, der, anstatt Weyrothers, ihm an die Seite gestellt wurde, der Ingenieurgeneral Lauer, war seinem Vorgänger nur zu ähnlich, und so geschah eine Wiederholung der im erstenmal begangenen Fehler.

Der Angriffsplan war wieder auf zwei ganz weit voneinander gesonderte Linien abgestellt. Wurmser selbst gedachte jetzt mit 20,000 Mann von der Brenta her, aus Bassano südwestlich gegen die untere Etsch, vorzugehen, diese bei Legnago zu passieren und so Mantua zu erreichen. Auf der anderen Seite sollte General Davidovich zuerst mit seinen 13,000 Mann das Etschtal gegen einen etwa eintretenden Vorstoß Bonapartes sperren und zu diesem Zwecke bei Roveredo und Mori Stellung nehmen, dann aber, so bald Wurmser von Bassano gegen Legnago vorginge, an der Etsch abwärts gegen Verona vorstoßen. Der 6. September war als Anfangstag für die Operation in Aussicht genommen.

Allein schon am 2. September brachte Bonaparte die von ihm geforderte und durch ihn übernommene Offensive tatkräftig in Gang, zur Zeit, als die Kaiserlichen, noch in ganz getrennten Abteilungen, sich erst in Bewegung zu setzen anfingen, so daß er ihnen also überall zuvorkam. So wurden die Détachements, die Davidovich befehligte, am 3. und 4. September total geschlagen, sein Heer zum größeren Teile völlig aufgelöst. Von Mori und Ala, dann von Roveredo talaufwärts, wurden die Kaiserlichen, die auf einen Angriff gar nicht gefaßt gewesen waren, bis nach Trient und weiter an der Etsch hinauf zurückgedrängt, und am 5. September kam Bonaparte selbst, der während der Dauer dieser Kämpfe bei Massena eingetroffen war, in Trient an.

Hier in Trient wurde nun allerdings Bonaparte dessen gewiß, daß Wurmser schon auf seinem Wege über Bassano nach der Etsch sich befinde. Aber sogleich entschloß er sich, gleichfalls ostwärts an der Brenta hin nach Bassano zu ziehen, dem Gegner sich an die Ferse zu heften. Es war hier wieder für Bonaparte der große Vorteil, daß er seine Truppen vereinigt führte, während Wurmsers Korps in drei weit-getrennten Staffeln, eine hinter der andern, vor ihm her marschierte. Zwar erfuhr Wurmser rechtzeitig, daß Bonaparte ihm folge; aber er konnte sich nicht dazu aufraffen, jetzt schleunigst seine Kräfte zusammenzufassen. Nachdem am 6. und 7. September zwei vereinzelte Abteilungen am Oberlaufe der Brenta, im Val Sugana, durch die Franzosen im Vorrücken erdrückt worden waren, kam am B. in Bassano an Wurmser selbst die Reihe der eigentlichen Zermalmung. So blieb ihm nur übrig, mit den Resten in eiliger Flucht in die Reihen des vor ihm marschierenden Heeresteils Meszaros zu treten und so den Marsch auf Mantua, um sich da zu bergen, weiter fortzusetzen. In dieser Weise gelang es, durch die tapfere Abwehr geschehender Angriffe, bis zum 13. vor Mantua einzutreffen; dann aber wurde Wurmser bis zum 15. mit allen seinen Leuten in die Festung selbst hineingedrängt. Es war also aus dem Unternehmen für die Rettung Mantuas nur eine höhere Gefährdung des Platzes geworden. Denn nach Verlust eines großen Teiles der Geschütze, des gesamten Materiales, war diese in ihrem Zusammenhang und in ihrem Mut schwer erschütterte Armee keine Verstärkung der Garnison. Mochte auch Mantua auf diesem Wege wieder zu 22,000 wehrfähigen Verteidigern gekommen sein, so waren diese bei ihrer engen Umschließung auf die Länge allen Schrecken und Bedrängnissen einer Blokade ausgesetzt. Wurmser sah über eine nicht allzulange Frist hinweg die Kapitulation als letzte Notwendigkeit vor sich.

Doch nochmals suchte die Wiener Regierung mit allen Kräften die Lage herzustellen. Was Wurmser nicht gelungen war, sollte jetzt der Feldzeugmeister Baron Alvinczy, ein Siebenbürger, erfüllen, auch schon über sechzig Jahre alt, ein nicht sehr begabter, aber eifriger energischer Mann. Alvinczy selbst erhielt die Aufgabe, auf dem Wege, den schon Wurmser sich gewählt hatte, über die Brenta zur Etsch zu gehen, während Davidovich wieder vom Tirol her an der Etsch abwärts gegen Verona hin sich den Weg öffnen sollte. Selbstverständlich war Mantua beiden Abteilungen als Ziel gesetzt.

Diesen zu erwartenden Angriffen gegenüber mußte Bonaparte, der über eine keineswegs große Rüstung verfügte, an drei Stellen zur Abwehr bereit stehen, und dazu waren von seinen etwas mehr als 40,000 Mann von vorneherein 9000 für die Blokade von Mantua in Anspruch genommen. Auch er sah sich also jetzt gezwungen, in erheblicher Entfernung voneinander seine Truppen aufzustellen. Um Trient war gegen Davidovich, in der Richtung von Bassano zur Brenta hin gegen Alvinczy Stellung zu nehmen; Augereau stand bei Verona, um je nach Bedürfnis nach der einen oder der andern Seite eingreifen zu können. Dennoch fühlte sich der General der Überzahl des Gegners überlegen: abschätzig bezeichnete er in einem Tagesbefehle, allerdings stark übertreibend, das Heer Alvinczys als einen Haufen von Flüchtlingen und der letzten zusammengerafften Rekruten des österreichischen Staates.

Am 2. November begannen die Kämpfe auf der Nordseite, führten aber, nach Gefechten oberhalb Roveredo bei Calliano und am Gardasee, vom 6. und 7. November, für die Franzosen die Notwendigkeit des Rückzuges südwärts bis nach Rivoli, also bis in die weitere Umgebung von Verona, herbei; doch ging nunmehr Davidovich nicht weiter vor, sondern wartete auf die Erfolge, die Alvinczys Vorrücken bringen würde. Dieser war seit dem 1. November, vom Friaul her, vom Piave aufgebrochen und hatte bis zum 7. die Feinde bis gegen Verona hin zurückgedrängt; am 12. hatten dann Massena und Augereau, bei einem Versuche gegen Caldiero hin, östlich von Verona neue peinliche Verluste erlitten, so daß sich die Lage recht ernst zu gestalten begann. Bonaparte faßte also, um nicht entweder an der Etsch erdrückt, oder zum Rückzuge an die Adda gezwungen zu werden, einen neuen Plan, und der Umstand, daß Davidovich in Untätigkeit verharrte, daß auch Alvinczy den am 12. errungenen Vorteil nicht ausnutzte, daß endlich Wurmser in Mantua nicht das Geringste tat, um das Blokadekorps in Atem zu halten und so der sich annähernden Rettung vielleicht die Hand zu reichen, mußte für den französischen Feldherrn notwendigerweise ermutigend wirken. Er konnte Die Bedeutung der Alpen um den Gardasee für den Kampf Bonapartes. 20 7 es also wagen, weil dergestalt die Gegner ein rasches Zugreifen versäumten, seinerseits die den einzelnen Abteilungen des Feindes gegenüberstehenden Truppenkörper zu vermindern, einzelne Teile derselben zu sich nach Verona heranzuziehen, um gegen Alvinczys Heer allein, und zwar gegen dessen Flanke, vorzugehen. Am Abend des 14. wurde an die verfügbaren 20,000 Mann der Marschbefehl gegeben, aus Verona auf dem rechten Ufer der Etsch bis zum Dorfe Ronco zu gehen, das eine halbe Stunde oberhalb der Stelle liegt, wo auf der gegenüberliegenden linken Seite der Gebirgsbach Alpone sich in die Etsch ergießt. Über eine über die Etsch geschlagene Pontonbrücke wurde das linke Ufer wieder gewonnen.

Vom 15. bis 17. November kam es nun an dieser Stelle zu dem so mannigfach bewegten dreitägigen Ringen, das nach dem Hauptplatze, um den gestritten wurde, Arcole, den Namen trägt. Bonaparte hegte die Hoffnung, Alvinczy, der am 16. die Etsch zu überschreiten gedachte, hier im Rücken zu fassen, im raschen Überfall seiner Artillerie und Proviantkolonnen zu berauben. Aber das so von den Franzosen am linken Etschufer betretene Terrain bot die größten Schwierigkeiten; es war durchaus sumpfig und nur auf schmalen und hohen Dämmen passierbar. Zwar gelang es Bonaparte, ohne daß die von Alvinczy mit Bewachung der Flußufer beauftragte Truppenabteilung es bemerkte, am Morgen des 15. über die Etsch zu kommen, und die Österreicher wurden in den Flecken Arcole zurückgedrängt, der an dem östlich von hier einmündenden Flüßchen Alpone liegt. Aber jetzt leistete Oberst Brigido, der Kommandant jener Abteilung, die vorher sich nicht genügend wachsam gezeigt hatte, einen ausgezeichneten Widerstand. Auf den engen Dämmen, auf der Holzbrücke, die zum Eingange von Arcole führte, vermochten erst Augereau, dann Bonaparte trotz aller Tapferkeit nichts auszurichten ;. Bonaparte wurde dabei sogar, als ihn die Fliehenden fortrissen und ein Sturz in die Tiefe, in das Sumpfwasser, ihn der Gefangenschaft nahe brachte, kaum errettet. Doch auch am nächsten Tage, am 16., blieb der Erfolg für die Franzosen aus, und erst am 17. führte die Anordnung einer Umgehung die Entscheidung herbei. Alvinczy hatte es versäumt, die Erschütterung der französischen Truppen zu einem Versuch gegen Verona oder zur Überschreitung der Etsch an einer anderen Stelle auszunützen. Er mußte in nordöstlicher Richtung zurückweichen, da seine Truppen nach dem dritten Kampftage den Franzosen sich nicht mehr gewachsen zeigten. Davidovich seinerseits hatte es durchaus bei Rivoli am notwendigen Eingreifen fehlen lassen. Erst am 17., als bei Arcole die Entscheidung gegen Alvinczy sich schon wandte, hatte er den schwächeren Feind aus Rivoli hinausgeworfen, und am 21. mußte er,, da jetzt Bonaparte die nach der Einnahme von Arcole verfügbar ge- wordenen Truppen gegen ihn warf, unter erheblichen Verlusten nordwärts nach Tirol zurückweichen.

So war Mantua abermals nicht gerettet. Doch meldete auch ein Bericht aus dem französischen Hauptquartier an den damaligen Minister des Auswärtigen nach Paris, daß man sich in Bonapartes Umgebung, mit Pyrrhus, sagen müsse, ein zweiter Sieg nach Art des eben errungenen würde der Vernichtung gleich zu achten sein. In solcher Weise war die nun beginnende und während mehrerer Wochen andauernde Untätigkeit der Waffen den Franzosen nicht weniger notwendig, als Alvinczy.

Der österreichische Oberkommandierende hatte nach dem Rückzüge Davidovichs seine Aufstellung hinter der Brenta gewählt. Aber die Aufgabe war unabweisbar, noch einmal den Versuch anzustellen, Mantua die rettende Hand zu reichen; denn aus der umlagerten Festung kamen immer kläglichere Berichte, von furchtbaren Verlusten durch Tod, durch Krankheiten und Mangel. Wurmser rechnete aus, daß er noch etwa bis Mitte Januar, höchstens bis Anfang Februar des nächsten Jahres, sich werde halten können. Aus Wien ließ die Regierung eine Aufforderung nach der andern an Alvinczy abgehen, einen letzten Vorstoß zu wagen. Allerdings machte der General die ernsthaftesten Vorstellungen, daß die winterliche Jahreszeit — am Monte Baldo liege der Schnee vier Fuß hoch — gegen einen Angriff spreche: doch wolle er trotz Alter und Ermüdung das Mögliche tun. Dieses Mal sollte der Vormarsch der Haupt-abteilung, 26,000 Mann, unter Alvinczy selbst, an der Etsch abwärts, am Ostabhange des Monte Baldo hin, geschehen; vom Friaul her hatten 6000 Mann gegen Verona hin selbständig eine Demonstration auszuführen; endlich erhielt Provera den Befehl, mit 9000 Mann bei Legnago die Etsch zu überschreiten und in gerader Linie gegen Mantua vorzugehen, um sich mit Wurmser zu vereinigen. Dabei bestand die Voraussetzung, daß dieser, mit Provera vereinigt, sich frei bewegen könne, weil ja die Franzosen ihre ganze Macht gegen Alvinczy nordwärts konzentrieren müßten. Aber wieder lag so auf kaiserlicher Seite der Fehler der Verzettelung der Streitkräfte vor, und besonders war der Vorstoß einer viel zu kleinen Macht gegen Verona hin ganz irrig. Ebenso hatte sich die Oberleitung, trotz jener von Alvinczy geltend gemachten Bedenken, nicht genügend klar gestellt, daß auf jenen verschneiten und vereisten Wegen am Monte Baldo für Artillerie und Kavallerie eine Mitwirkung ausgeschlossen sei, und daß auch für die Infanterie eine Fülle von Beschwerden da eintreten werde.

Am 7. Januar 1797 begannen die österreichischen Operationen. Wie vorauszusehen war, bedeutete der Versuch gegen Verona gar nichts für einen Gesamterfolg. Provera kam am 13. über die Etsch und bewegte sich, indessen unaufhörlich durch Augereau beunruhigt, gegen Mantua vor. Die Hauptschläge sollten aber vom 11. an unter Alvinczy selbst vom Tirol her vor sich gehen.

Allein dieser Vormarsch in und über dem Etschtale, in fünf Staffeln rechts — die oberste unter Oberst Lusignan am höchsten Kamm des Monte Baldo hin —, in einer links vom Flusse, war, der Beschaffenheit der Wege entsprechend, von den größten Zeitverlusten begleitet; Lusignan konnte schließlich hoch am Berge nicht mehr östlich seinen Marsch fortsetzen, sondern mußte westlich, auf der Seeseite, neue Pfade aufsuchen. Allerdings war Joubert, der die Grenze gegen das Trientinische zu bewachen hatte, gezwungen worden, bis zum 13. bis nach Rivoli, das von der Westseite her die Etschklause beherrscht, zurückzuweichen, und schon meinte der junge ausgezeichnete Heerführer, da er umgangen zu werden fürchtete, am späten Abend des Jahres noch weiter rückwärts gehen zu müssen: ein rasches Eingreifen Alvinczys hätte hier die Dinge wohl noch günstig für Mantua wenden können. Doch Bonaparte, der inzwischen von Bologna, wo er organisierend tätig gewesen, wieder nach Verona gekommen war, traf nun sogleich mit gewohnter Energie die nötigen Anordnungen und befahl Joubert, nicht zu weichen, da ihm Verstärkungen zugehen würden. Schon in den ersten Morgenstunden des 14. war der Feldherr selbst zur Stelle, und die Schlacht begann vor Tagesanbruch an dem kurzen Wintertage. Es handelte sich für Bonaparte um die Festhaltung der von den Franzosen besetzten Hügelkette, die hier die das Etschtal über der Klause überragende Hochebene durchzieht. Schon waren die Kaiserlichen im glücklichen Vordringen, als Jouberts Stellung durch die rechtzeitige Verstärkung Massenas befestigt wurde: in der Zeit des Kaiserreichs erhielt dieser von dem Tage den Titel eines Herzogs von Rivoli. Es gelang so, das Gefecht herzustellen, die Kaiserlichen, deren Reihen sich durch die rasche Verfolgung der Franzosen teilweise aufgelöst hatten, zu erschrecken und zu werfen. Ein furchtbares Getümmel endigte mit wilder Flucht, und so ging hier der ganze Feldzug verloren auch Lusignans Abteilung, die noch unberührt geblieben war, wurde bis zum 17. vernichtet. Mantuas Schicksal war jetzt besiegelt. Bonaparte sah sich nunmehr in den Stand gesetzt, in aller Eile gegen Provera vorzugehen. Dieser hatte sich am 15. vor Mantua den Eintritt nicht erzwingen können, und am 16. streckte sein Korps die Waffen. Wurmser hielt mit Einsetzung seiner letzten Kraft bis zur letzten Stunde aus; aber am 3. Februar war diese erreicht, und die Festung wurde an den Sieger übergeben.

Jetzt konnte endlich Bonaparte, nachdem er Monate hindurch an der Etsch festgehalten worden war, an die Fortsetzung seines Vormarsches, in das Herz der österreichischen Monarchie hinein, denken. Die in den nun folgenden Frühjahrsmonaten sich anschließenden Vorstöße, des Ober-Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 39. Jahrg.14 feldherrn selbst durch Kärnten und Steiermark bis an die Mur bei Leoben, Jouberts Siege im Tirol, die weiteren Ereignisse, die zuletzt, am 17. Oktober, im Friedensschlüsse von Campoformio, die Erfolge in Italien bestätigten und daneben schon in den geheimen Artikeln dieses Vertrages auch für die Rheingrenze die weitgehendsten Zugeständnisse Österreichs herbeiführten, sie sind die unmittelbare Folge des Falles von Mantua gewesen.

Die das Poland beherrschende Alpenkette, mit ihren dazwischenliegenden Tälern, vom Chiese über das Becken des Gardasees hinüber bis zum Haupttal der Etsch, bis zur Brentagruppe, waren viermal nacheinander die Ausgangsstelle oder das Endziel großer kriegerischer Operationen geworden. Während Bonaparte infolge seiner Aufgabe, die stets in erster Linie die Bezwingung Mantuas war und blieb, sein Auge, aus dieser Ursache heraus, auf die an die Bergflanken sich lehnende Ebene, an den Flüssen Mincio und Etsch, heften mußte, war es den kaiserlichen Heerführern ermöglicht, aus ihren Gebirgen heraus, je nach Gutdünken auf verschiedenartig gewählten Wegen, Überraschungen zu vollziehen, den Feind an weit auseinander liegenden Orten zur gleichen Zeit anzupacken, und bei richtiger Zusammenfassung, bei gegenseitiger Fühlung sich in ihren Bewegungen unterstützender Kolonnen, aber ganz besonders bei zutreffender Beschleunigung hätten sich da unleugbar große Erfolge gewinnen lassen. Bei dem ersten großen Zusammenstoß Ende Juli hatte ja Bonaparte geradezu schon gemeint, auf die Linie der Adda sich zurückziehen zu müssen. Allein alle Vorteile, die aus dem Ausbrechen von der höheren Stellung nach der Tiefe hin sich hätten ergeben können, kamen nicht zur gehörigen Verwendung. Die Vorstöße geschahen in zu großen Distanzen, so daß ein Zusammenwirken verloren ging, oder es traten, wenn es sich um das Erhaschen des günstigsten Augenblicks handelte, Zeitversäumnisse, Verzettelungen der jeweilen noch in der Hand liegenden Streitkräfte ein, und so ereignete sich jedes Mal das Gegenteil der vorliegenden Möglichkeit. Es war, als wenn die kaiserlichen Heerführer durch ihr Endziel Mantua geblendet gewesen seien; allerdings hat dann einer von ihnen, Wurmser, aber nur als ein Besiegter, Mantua erreicht.

Gerade der Gegensatz in der Art und Weise, wie diese Ausgänge oder Zugänge, von der einen oder andern Seite, benutzt wurden, läßt die Überlegenheit der Kriegsfülirung des jungen französischen Oberfeld-herrn so recht hervortreten. So gefährlich einige Male auch für ihn, durch die notwendig gewordene Auflösung seiner Heereskonzentration diese geographischen Bedingungen geworden sind, so verstand er doch in jedem Male diese Schwierigkeiten, die den österreichischen Anführern stets zum Verderben wurden, zu bemeistern. So hat denn auch der einsichtigste militärische Schriftsteller, der jemals über diese Dinge sich äußerte, der berufenste Beurteiler, den die Taten des jungen französischen Siegers finden konnten, Karl von Clausewitz, über den zweiten Angriff Wurmsers im September 1796 und dessen Abwehr durch Bonaparte folgendermaßen geurteilt: „ Bonapartes Benehmen war über alles Lob erhaben. Er wählt das Entscheidende, weil er seiner Sache gewiß ist, und führt es mit einer Kraft und reißenden Schnelle aus, die ihresgleichen nicht hat. "

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