Die Bemühungen um neue topographische Karten der Schweiz

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

E. Imhof

Zu Beginn unseres Jahrhunderts lag die Sieg-fried-Karte ( Karte 6 ) fertig vor, bereits aber flüsterten die Auguren ihren Untergang. Neue Bedürfnisse, neue Wünsche, Fortschritte der Kartie-rungstechniken drängten nach Erneuerung. Die Ingenieure der Landestopographie kletterten mitsamt ihrem schweren Rüstzeug erneut auf die höchsten Alpengipfel, um ein genaueres Triangulationsnetz über die Schweiz zu legen ( Photos 3 b, 4, 5 ). Zu gleicher Zeit errichtete man ein neues Präzisionsnivellement. Der Ausgangshorizont für die Meereshöhen ( ein Punkt am « Pierre du Niton » im Hafen von Genf, Photo 7 b ) wurde neu ermittelt und damit das ganze Land um 3,26 Meter . Mancher stolze Gipfel verlor damit seine Dreitausenderkrone. Man führte ein zweckmässigeres Kartenprojektions-system ein. Neue topographische Aufnahmen waren überall im Gange, teils im Rahmen der Grundbuchvermessung, teils zur Korrektur und Nachführung der topographischen Karten. Dazu kam ein völliger Umschwung der Aufnahmeverfahren. Die Photogrammetrie, bald auch die Luftphotogrammetrie wurden entwickelt. Sie führten zu ausserordentlicher Verbesserung und Beschleunigung der Kartierungen, dies besonders auch in schwer zugänglichen hochalpinen Regionen. Schweizerische Firmen, vor allem die Wild AG in Heerbrugg und Kern und Co. in Aarau, trugen mit ihren Instrumentenentwicklungen wesentlich zu den Fortschritten im Vermessungs-und Kartenwesen bei.

Es zeigte sich, dass dem bisherigen topographischen Kartenwerk, das im Laufe der Zeit zu einem Mosaik alter und neuer, ungenauer und genauer, inhaltsarmer und inhaltsdichter Teilstücke geworden war, mit blossen Nachführungen auf die Dauer nicht mehr zu helfen war.

Auch der Massstabswechsel innerhalb des Sieg-fried-Atlas sowie das Fehlen von Höhenkurven in der Dufour-Karte ( Karte 4 ) steigerten das Unbehagen. Im Oktober 1913 richteten zahlreiche Amtsstellen und Gesellschaften, darunter auch der SAC, gemeinsam ein Gesuch an den Bundesrat, die alpinen Siegfried-Blätter 1:50000 seien durch neue, genauere Karten 1 125000 zu ersetzen. Der Ruf verhallte wirkungslos, denn es brach bald darauf der Erste Weltkrieg aus. Man hatte vorerst andere Sorgen und dringendere Probleme zu lösen.

Es wäre nun aber irrig anzunehmen, die Bundesbehörden und damit die Landestopographie hätten sich während all der Jahre um die Probleme einer Kartenerneuerung gedrückt. Das Gegenteil war der Fall: Von 1903 bis 1925 entstanden insgesamt 25 Probeblätter für neue topographische Karten, solche in den Massstäben 1:20000, 1:25000, 1:33333, 1:40000, 1:50000 und 1: 100000. Noch aber kam es zu keinen Entscheidungen.

Zu Beginn des Jahres 1927 lud mich die Sektion Bern des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins ein, in zwei öffentlichen Vorträgen zu den Problemen einer Erneuerung der topographischen Kartenwerke des Bundes Stellung zu nehmen. Anschliessend publizierte der Schweizerische Geometerverein meine Vorträge unter dem Titel: « Unsere Landeskarten und ihre weitere Entwicklung » in seiner Zeitschrift. Damit wurde die Kartenfrage in die Öffentlichkeit getragen. In Sektionen des SAC, in wissenschaftlichen, technischen und militärischen Gesellschaften wurde eifrig darüber debattiert. Ich selber hatte im Verlaufe dieses nun ausgebrochenen « siebenjährigen Landkartenkrieges » über 70 Vorträge zu halten; die Befürworter abweichender Auffassungen aber schrien nicht weniger laut.

Im folgenden sei versucht, das Wesentliche dieser Diskussionen herauszuschälen.

1. Militärische Kreise strebten vorwiegend nach einer Einheitskarte. Manche von uns hatten ja bei militärischen Übungen eine störende Land-kartenverwirrung erlebt: im Mittelland Karten 1:25000, im Gebirge I:50000 und im ganzen Land Karten 1:100000 ohne Höhenkurven. Daher der Ruf nach einer Einheitskarte, einer Mehrzweckkarte. Hierfür drängte sich in der goldenen Mitte zwischen Dufour- und Siegfried-Karte der Massstab i :50000 auf. Auch die Möglichkeit relativ rascher Realisierbarkeit riet zu einer solchen Lösung. Letzteres war zweifellos ein gewichtiges Argument; denn in jenen Jahren war der baldige Ausbruch eines Zweiten Weltkrieges bereits ernsthaft zu befürchten. Aus solchen Überlegungen befürwortete auch die Landestopographie ( Direktor Karl Schneider ) diesen Massstab. Man wollte daher zunächst nur die Herstellung einer Einheitskarte 1 :50 000 in einem neuen Bundesgesetz verankert wissen.

2. Andere Begutachter und auch ich- verwarfen den Plan einer Einheitskarte. Eine solche Lösung könne nur begrenzten Zwecken dienen. Es gibt zwar « Mädchen für alles », aber es gibt keine « Landkarte für alles »! Je nach Verwendungszweck benötigt man Karten grosser, mittlerer oder kleiner Massstäbe. Die Idee einer Einheitskarte ist im Hinblick auf einen umfassenden Benutzerkreis eine Utopie. Ein modernes topographisches Staatskartenwerk hat in einem sinnvollen Aufbau von Karten verschiedener Massstäbe zu bestehen. Die Glieder einer solchen Reihe sollen sich in den Karteninhalten und Kartenmassstäben ( den Abbildungsgrössen sinnvoll ergänzen, ihre Massstäbe in geregelten Abständen aufeinander folgen. Hierbei sollen die Mass-stabszahlen einfach sein und miteinander gut korrespondieren. Um dies zu erreichen, sind von Anfang an alle Glieder einer Massstabsfolge gemeinsam nach einem Plan festzulegen. Früher war bei uns und im Ausland jedes Staatskartenwerk in Massstab und Inhalt einzeln festgelegt worden. Dadurch waren oft ungeregelte, bald zu dichte, bald zu lockere Massstabsfolgen entstanden. Nun aber bot sich uns eine einzigartige Gelegenheit, solche Dinge auf weite Sicht zu ordnen. Das Hauptinteresse beanspruchte hierbei der grösste Massstab der Reihe. Die entsprechende Basiskarte umfasst die weitaus grösste Anzahl von Blättern, und sie bildet inhaltlich die Grundlage für die vereinfachten Karten kleinerer Massstäbe. Auf Grund solcher Überlegungen und auch zur Angleichung an neu entstehende Kartenwerke der Nachbarstaaten postulierte ich für unser neues Gesamt-Kartenwerk die folgenden Massstäbe: 1:25000, 1:50000, 1:100000, 1:200000 oder 1:250000, 1:500000...

Im Vordergrund stand der hierbei eingeschlossene Wunsch nach einer Karte 1:25000 für die ganze Schweiz, somit auch für das Hochgebirge. Hier verfügte man bisher nur über eine zum Teil veraltete und recht ungenaue Karte 1 :50000.

So standen sich folgende Vorschläge bzw. die sie verteidigenden « Kampftruppen » gegenüber:

Vorschlag A: Zu erstreben sei nur die genannte Einheitskarte 1:50000 für die ganze Schweiz. Sie ersetzte die Dufour- und die Siegfried-Karte. Befürworter: vor allem militärische Kreise und die Eidgenössische Landestopographie.

Vorschlag B: Zu erstreben seien neue Karten 1:25000, 1:50000, 1:100000 usw. Im Gegensatz zum bisherigen Kartenwerk sollen die Karten eines jeden dieser Massstäbe die ganze Schweiz umfassen. Befürworter: vor allem wissenschaftliche und technische Kreise sowie Alpinisten.

Vorschlag C: Zu erstreben sei eine ebenfalls systematisch aufgebaute, jedoch lockerere Massstabsreihe, nämlich Karten ( 1: 10000 ), 1: 33 333, 1:100 000 usw. Eifrig verfochten wurde dieser Gedanke durch Ingenieur Werner Lang von der Eidgenössischen Landestopographie. Anhänger hierfür landen sich auch in Kreisen des SAC. Ursprünglich traten auch das Zürcher Zentralkomitee 1929-1931 und der damalige Vorstand der Sektion Uto für diese Lösung ein. Der hierbei genannte Massstab 1: 10000 bezog sich auf ein bezüglich Fertigstellung noch in weiter Ferne liegendes Planwerk der Schweizerischen Grundbuchvermessung.

Ein weiterer Vorschlag D, eine sehr dichte Kartenreihe. 1: 20000, 1 :40000, 1:80000 usw., war ursprünglich von einzelnen Leuten der Landestopographie erwogen, dann aber nicht weiter verfolgt worden.

Der Wunsch nach Karten 1:25000 auch der alpinen Gebiete war bei unsern Bergsteigern durch die vorzüglichen Hochalpenkarten 1:25000 des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins stark angeregt worden. Auch war es nicht zu verstehen, dass man nun fürjura, Mittelland und Voralpen die dort seit bald hundert Jahren bestehenden Karten 1:25000 preisgeben und nur noch durch viermal kleinere Karten 1:50 000 ersetzen wolle, obschon ja dem Kartenhersteller sehr viel leistungsfähigere Hilfsmittel und Methoden zur Verfügung standen.

Der Vorschlag C, die Kartenreihe mit der Karte i: 33333, war gleichsam ein Kompromiss zwischen den Vorschlägen A und B. Manche glaubten im Verlaufe der Diskussionen nicht mehr an die Realisierbarkeit einer Karte 1 125000. So hoffte man zu retten, was vielleicht noch zu retten war. Für Alpinisten, so dachte man, besser eine Karte 1: 33 333, die « 3-Zentime-ter-Karte », als nur eine solche des Massstabs 1:50000. Überdies argumentierte man mit Einsparungen an Arbeit, Papier, Geld und Rucksackgewicht.

Was geschah nun von ig2j bis igßj?

Seit 1927 wird in Sektionen des SAC und in anderen Gesellschaften eifrig debattiert.

Zwischen 1928 und 1930 werden von wissenschaftlichen Gesellschaften drei Eingaben an den Bundesrat gerichtet mit dem Ersuchen um Realisierung der Karte 1: 25 000 für die alpinen Regionen - vorläufig ohne sichtbaren Erfolg. Abgedruckt sind diese Eingaben in der « Denkschrift zur Frage der Neuerstellung der offiziellen Landeskarten der Schweiz », 1934.

1932: Das Zentralkomitee 1932-1934 des SAC in Baden lässt in der Monatsschrift « Die Alpen » ( Juli 1932 ) durch Direktor Karl Schneider von der Landestopographie und Professor Dr.h.c.. Eduard Imhof von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich die beiden gegensätzlichen Vorschläge A und B erläutern und begründen. Dies soll den Mitgliedern des SAC als Grundlage für die Stellungnahme der Sektionen dienen.

12. November 1932: Abgeordnetenversammlung des SAC in La Chaux-de-Fonds. Eine starke Mehrheit stimmt dem Vorschlag B und somit der Karte 1 125000 zu.

Das CC bestellt eine Kommission zur Weiter-verfolgung dieses Zieles. Man verständigt sich mit den folgenden an der Kartenfrage besonders interessierten Landesgesellschaften: Schweizerische Naturforschende Gesellschaft, Verband der geographischen Gesellschaften der Schweiz, Schweizerischer Geometerverein, Schweizerischer Forstverein, Schweizerische Gesellschaft für Kulturtechnik, Schweizerische Gesellschaft für Photogrammetrie. Gemeinsam lassen diese Gesellschaften durch Prof. Imhof eine Denkschrift verfassen. Darin wird der Vorschlag B mit der Karte t :25000 begründet, und es werden Inhalte und' 9 Formen der Karten besprochen. Die Wünschbarkeit von Kartenausgaben mit Reliefschattierung wird betont. Diese Denkschrift soll zu gegebener Zeit den Bundesbehörden zugestellt werden.

September 1933: Auf Einladung durch das Eidgenössische Militärdepartement wird die Kartenfrage in einer Konferenz von Delegierten der Armee und der am Kartenwesen besonders interessierten Bundesämter und Anstalten beraten. Ich vertrete dort die Eidgenössische Technische Hochschule. Man gibt mit allen gegen meine Stimme dem Projekt A ( Einheitskarte 1:50000 ) den Vorzug. Die Situation droht für die Karte 1 :25000 äusserst kritisch zu werden.

13. Oktober 1933: Wiederum findet eine Konferenz zur Beratung der Kartenfrage statt. Diesmal sind vom Militärdepartement die Vertreter namhafter ziviler gesamtschweizerischer Gesellschaften eingeladen, darunter auch der SAC und seine genannten Verbündeten. Im Auftrag des CC vertrete ich den SAC. Den Vorsitz führt Oberstkorpskdt Wille. Die Waagschale neigt sich in dieser Konferenz eindeutig zugunsten des Projektes B mit der Karte 1:25 000. Schliesslich einigt man sich auf folgenden Kompromiss: Dem Projekt B und damit der Karte 1 :25000 wird zugestimmt. Um aber die Armee nicht unerträglich lange auf eine einheitliche Karte der Schweiz warten zu lassen, soll die rascher herstellbare Karte :50 000 zuerst herausgebracht werden.

14.Oktober 1933: Bundesrat Mingèr, Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartementes, lässt sich von Oberstkorpskdt Wille und mir mündlich über die Beratungen und Empfehlungen der Konferenz des vorangehenden Tages berichten. Unser Landkartenhimmel heitert sich auf. Mingèr erklärt sich bereit, unsern Wünschen zu entsprechen.

Im Frühjahr 1934 überreichen wir dem Eidgenössischen Militärdepartement unsere Denkschrift. Sie ist an erster Stelle vom Zentralpräsidenten des SAC, Dr.h.c.. F. Gugler, und hierauf von den Präsidenten aller mit uns verbündeten Gesellschaften unterzeichnet. Am 21.Juni 1935 stimmen die eidgenössischen Räte dem « Bundesgesetz über die Erstellung neuer Landeskarten » einstimmig zu. In meinem Herzen läuten an jenem Tag alle Kirchenglocken der Schweiz.

Ein detaillierter « Ausführungsplan für neue Landeskarten » t:25000, 1:50000, 1:100000 wird am 5.Januar 1937 vom Schweizerischen Bundesrat in Kraft gesetzt.

Feedback