Die Bewässerung

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Klima. Wirbelwinde. Dürre. Gebetprozessionen. Künstliche Bewässerung. Gletscherwasser und Schneewasser. Quellen. Die Weiher. Die Wasserleitungen, deren Ausdehnung und Alter. Die Augstbordwasser-I ei t u n g. Geschichte. Die Wässerordnung. Der Wasserhüter. Das Gin an z-wasser. Die Springerin und die Felderin. Kehrordnung. Wässerziele. Beispiele der Wasserbenützung. Der stille Kehr. Arbeitsaufwand. Das Sonntagwasser. Die Emder Wasserleitungen. Wässerregeln und Wässerarbeiten.

Das Klima des Wallis, besonders dasjenige des mittlern Rhonetals und der angrenzenden Berggemeinden, charakterisiert sich durch grosse Trockenheit. Das Gebiet liegt im Regenschatten hoher, vergletscherter Gebirge, die über Nacht die in der Luft angesammelten Wasserdämpfe an den ausgedehnten, kalten Eisflächen kondensieren und so die Luft austrocknen. Die Gegend ist deshalb regen-arm. Wenn am Abend alle Anzeichen für einen ergiebigen Regen vorhanden sind, so hellt sich über Nacht der Himmel wieder auf, und am andern Morgen herrscht der klarste Sonnenschein. Gewitter sind selten. Daneben existiert in den tiefern Lagen im Sommer eine fast tropische Hitze. Nach den Aufzeichnungen der schweizerischen meteorologischen Anstalt ist Grächen die regenärmste Station der Schweiz. Noch ärmer an Niederschlägen sind aber zweifellos die diesem gegenüberliegenden Sonnenberge. Wenn sich hinten im Mattertal und in Saas schwere Wetterwolken entladen und man sich der Hoffnung hingibt, der Segen möchte sich auch über das untere Vispertal ergiessen, so täuscht man sich fast regelmässig, denn bis an unsern Berg kommen kaum einige Regenspritzer. Der Berghang von Grächen erhält vielleicht noch eine gelinde Befeuchtung, die Sonnenberge gehen aber leer au,s. Nahen Regenwolken von Süden und Südwesten, so kommt sehr häufig von Norden her ein Wind, der die Wolken wieder das Tal hinauf] agt. Bei Gewitterluft kann man im Sommer dieses Naturschauspiel fast täglich beobachten. Wenn gegen Mittag oder im Laufe des Nachmittags der Wind vom Rhonetal her weht, kann man fast sicher sein, dass andern Tags schönes Wetter herrscht. Durch die Lage, an einem Kreuzungspunkt mehrerer Täler bedingt, sind im Sommer in Törbel die häufig auftretenden Wirbelwinde ( « Tunnel » ). Sie entstehen durch das Zusammentreffen der Winde aus Saas, dem Augsttal und dem Rhonetal. Diese Turmel tragen das auf der Wiese liegende Heu wirbelnd oft Hunderte von Metern hoch in die Luft und lassen es nach kurzer Zeit wieder niederfallen.

Im Sommer vergehen oft Wochen, ja Monate, bis ein nennenswerter Regen niederfällt; alles droht zu vertrocknen. Kein Wunder, wenn das fromme Walliser Volk in solchen Fällen sein Gebet zum Himmel erhebt und den Allmächtigen um Regen anfleht. In der Not werden grosse Bittgänge zu den Heiligen veranstaltet. So wallfahrteten am 24. Juni 1921 die vier Gemeinden Birchen, Zeneggen, Törbel und Emd zum St. Anton in den Törbler Alpen ( Fig. 62 ), um Regen zu erflehen und zugleich gegen den « Viehbresten » ( Maul- und Klauenseuche ) zu beten, der in der Nachbarschaft grassierte. Ein Monat später, am 25. Juli, wurde die Wallfahrt zu gleichem Zwecke zu der Kapelle der 14 Nothelfer auf dem Biel bei Zeneggen wiederholt. Alles, was gehen konnte — über tausend Personen —, nahm an der Prozession teil. Wenn man bedenkt, dass der Weg, den die entferntesten Pilger zurücklegen mussten, 6 bis 8 Stunden beträgt, so muss man das Gottvertrauen der frommen Menschen bewundern. Ausserdem fanden in den verschiedenen Gemeinden noch kleinere Gebetfahrten innerhalb der Gemeinde statt, so in Törbel nach Burgen und zur St. Annakapelle am Bach. In dem trockenen Sommer 1893 veranstalteten die Bewohner von Zeneggen 14 verschiedene Prozessionen. Als der Regen immer noch nicht kam, wallfahrtete man gemeinsam mit Törbel, Emd, Stalden, Staldenried und Eisten zu der Mutter Gottes an der « Hohen Stiege » im Saastale, wo sich Saasgrund, Almagell und Fee anschlössen. Die Zenegger reisten des Morgens in der Dunkelheit ab und kamen erst in der folgenden Nacht heim; es war eine schwere Gebetfahrt, aber Gott erhörte das Gebet, schreibt Lagger, und im Nachsommer war das Wetter leidlich.

Zwar ist der Glaube an den Erfolg des Gebetes auch nicht allgemein; so soll ein Emder Bauer den Ausspruch gewagt haben:- « Segen Gottes har, Segen Gottes dar, Mist und Wasser muess si! » Die Sonne scheint im Sommer fast senkrecht auf die nach Süden geneigten Hänge und trocknet das ohnehin trockene Erdreich vollends aus. Kommt dann ein leichter Regen, so fliesst das Wasser oberflächlich ab und kommt den Pflanzen kaum zugute. Um von dem Boden einen Ertrag zu erzielen, ist man auf die künstliche Bewässerung angewiesen. Wo nicht gewässert werden kann, ist das Land fast ertraglos. Wird der Boden dagegen bewässert, so entsteht sofort eine reiche Vegetation. Das ganze Leben der Natur dreht sich deshalb um das scheinbar kraftlose Element — das Wasser.

« Ohne Wasser kein Heu, ohne Heu kein Vieh, ohne Vieh kein Fleisch, keine Milch, keine Butter, keine Käse, kein Geld.« Der Dünger wirkt wenig oder nicht, wenn nicht gewässert wird.

Das an den sonnigen Hängen unter dem Einfluss der Bewässerung erzeugte Futter ist sehr nährstoffreich. Man sieht die herrlichsten Wiesenbestände mit Die Vispertaler Sonnenberge.

dem besten aller Futtergräser, dem goldig glänzenden Gold-hafergras, als Hauptbestandteil, untermischt mit Klee aller Art. Man berechnet die Fläche künstlich bewässerten Bodens im Wallis auf 400 Quadrat kilome-ter.entsprechend 40,000 ha oder über 100,000 Ju - charten.

Das Wasser wird meist weit oben im Gebirge, oft direkt vom Gletscher, stundenweit hergeleitet. Das Gletscherwasser ist am geschätztesten, weil es viel feinen, aufgeschlossenen Schlamm enthält, der den Boden nicht nur befeuchtet, sondern zugleich befruchtet. Infolge des Schlammgehaltes ist das Gletscherwasser milchigweiss, es ist die « Milch der Gletscher ». Wasser aus dem Gebiet des Urgebirges ist nährstoffreicher, als solches aus Kalk und besser als Schneewasser. Durch den Gletscherschlamm wird die Leitung zugleich gleichsam auszementiert, wodurch die Wasserverluste geringer werden, während Schneewasser die Leitung leicht durchlocht und einen Ausweg nimmt. Das Wasser aus dem Kalkgebiet magert aus, setzt oft sogar Tuff an und verkrustet den Boden. Vorzügliches Wässerwasser liefern die südlich der Rhone zufliessenden Bäche und Flüsse von der Dranse bis zur Gamsa und die aus dem Norden kommenden Zuflüsse von der Lonza bis zum Fiescherbach, die alle aus dem Gebiet des Urgebirges kommen Berühmt ist z.B. die « Gletschermilch » der Massa und des Baltschiederbaches, der zehn künstliche Wasserleitungen speist, sowie jene des Gredetschtales, dessen neun Wasserleitungen 82 Kilometer messen.

Neben dem aus der Ferne zugeleiteten Wasser werden alle Quellen in der Nähe, wo irgendwo ein Wässerlein zum Vorschein kommt, in Weihern ( « Wier » ) gesammelt und zum Wässern benutzt, denn kleine Quellen verkühlen und versauern den Boden, wenn das Wasser nicht abgeführt wird. In der Gemeinde Zeneggen zählt man nicht weniger als 20 solche Weiher, in Törbel deren 16. Die grössern bilden kleine Seelein; die meisten sind aber klein, einige kaum zehn Quadratmeter messend. Dem Bielwier ( Fig. 61 ) hinter dem Biel in Zeneggen entfliesst im Vorsommer ein kleines Bächlein, das sich bald leise schwatzend, bald laut rauschend in das Land hinab flüchtet und den Boden segnet. An der tiefsten Stelle des Weihers befindet sich im Grunde eine steinerne Platte oder ein Baumstamm mit einem runden Loch, « der Naba », die den Auslauf bildet. Die Naba kann mit der « Stange », deren unteres Ende genau in die Naba passt, verschlossen werden. In der Regel wird die Stange zweimal im Tag gezogen und das Wasser zur Berieselung benutzt. Die kleinern Weiher sind etwa nach einer Stunde leer. Dann wird die Stange wieder in die Naba eingesetzt; man nennt diese Arbeit das « Bschiben » ( « der Wier ist bschibet » ). Das WTasser der Weiher ist meist halbtageweise unter die Berechtigten verteilt. In der Regel wird er je um 7 Uhr abends und morgens « bschibet », nachdem er zwischen 4 und 6 geöffnet war. Einer der grössten Weiher ist der Weiher ob der Diebjen ( Dieblwier ) in Zeneggen; in Törbel ist es der Hofstettenwier, der von einer wasserreichen, Sommer und Winter gleich stark fliessenden Quelle, « in Wassern » genannt, gespiesen wird.

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