Die bildlichen Darstellungen von de Saussures Mont-Blanc-Besteigung

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Von Carl Egger

Mit 8 Bildern ( 200—207Basel ) 3. Zweiter Druck mit den von de Saussure gewünschten Abänderungen. Es ist die im Kunsthandel hauptsächlich anzutreffende Fassung. Nirgends ist der Zeichner oder Stecher bezeichnet, jedenfalls dürfte es nicht Mechel selbst gewesen sein.

Seit dem Jahre 1766, nachdem er sich im « Erlacherhof » in Basel niedergelassen hatte und dort eine Kupferstecherwerkstatt unter dem hochtrabenden Namen « Akademie » betrieb, sich aber ausserdem mit Kunsthandel beschäftigte, liess Christian von Mechel ( 1737-1817 ) alle seine Stiche durch seine Mitarbeiter wie Hübner, Sergent, Zingg, Dunker, Zehender etc. stechen, ohne ihnen je Gelegenheit zu geben, ihren Namen darauf zu setzen. Darüber haben sie sich oft, besonders Dunker in seiner anonymen, satirischen Schrift über Mechel, beschwert. Hätte Mechel die Saussurebilder selbst gestochen, so würde er in seiner Eitelkeit nicht verfehlt haben, seinen Namen darauf zu verewigen. So heisst es aber nur darauf: Publié par Chr. de Méchel. Auch Saussure hat im Vorwort deutlich gesagt: Les deux planches que M. de Mechel vient de faire graver... und im 1985 der Voyages: C' est dans cette attitude que M. le Chevalierde Méchel m' a représenté dans la grande planche enluminée qu' il a fait graver de notre caravane au milieu des glaces.

In Kunsthistorikerkreisen ( s. Schweiz. Künstlerlexikon ) gilt nun Marquard Wocher ( geboren 1758 in Säckingen, gestorben 1830 ) allgemein als der Urheber, weil im Verzeichnis seiner von ihm ausgeführten Arbeiten diese beiden Stiche mitangegeben sind. Das muss insofern ein Irrtum sein, als sich seine Beteiligung daran ausführlich auf das Illuminieren beschränkt: Beweis das Signum aus seiner Hand auf dem Exemplar vor dem Druck im Besitze des Mr. R. W. Lloyd, wo es ausdrücklich heisst « Marq. Wocher illum. 1789 » und nicht etwa fecit, delineavit oder sculpsit. Ist so der Zeichner oder Stecher der Mechelschen Offizin unbekannt geblieben, so haben wir doch die Gewähr, dass die Kolorierung einem anerkannten Künstler anvertraut wurde.

Die Beziehungen zwischen de Saussure und Mechel beginnen schon einige Jahre vor der Mont Blanc-Besteigung mit Besuchen und Vermittlung von Mineralien. Saussure war mit Mechel zusammen am Blauen im Gross-herzogtum Baden, wo sie bei einem Prälaten dinierten, und später bat Mechel den Gelehrten um einige Höhenquoten zum Stich nach dem Pfyfferschen Relief vom Vierwaldstätter See. Der Auftrag zu den beiden Mont Blanc-Bildern wurde gleich nach Erscheinen der L' Evêque-Stiche ( 1789 ) erteilt und ausgeführt. Während aber Saussure offenbar mit der Darstellung seiner Person am Col du Géant zufrieden war und nur die plumpe Gestalt der Originalzeichnung in eine schlanke, jugendliche auf dem Stich veranlasst hatte, erregte nun der von Mechel gelieferte Probedruck sein volles Missfallen. Hier war wieder ein Rückfall in das Aussehen eines ältlichen, beleibten Professors mit Haarzopf, bis zu den Schuhen reichender Redingote 1 und Handschuhen zu sehen. Er wünschte eine schlankere, elastische Figur, mit kürzerem Rock angetan. Noch mehr aber hielt er sich über das Blatt II auf, denn er war hier auf dem Schnee sitzend dargestellt, wie er gegen die über einen Spalt gelegte Leiter hinabrutschte. Und zwar hielt oberhalb ein Führer ein langes Seil, das überdies an einem ganz unzweckmässig in den Schnee eingetriebenen Eispickel befestigt war, in den Händen, es lief unter seinem Gesäss 1 In der Familie de Saussure wird neben andern Reliquien der lange blauseidene Rock mit seinen grossen Knöpfen aufbewahrt, in dem er die Reise auf den Mont Blanc ausgeführt haben soll. Das ursprüngliche Blau ist dann vom Koloristen der besseren Wirkung wegen in ein helles Rot umgewandelt worden.

hindurch lose über den quer vorgehaltenen Bergstock hinüber und wurde durch einen zweiten Führer unten wieder gehalten, also eine ganz unwürdige und auch lächerliche Situation! Ob sie sich in Wirklichkeit nicht dennoch so abgespielt hat? Wie wäre sonst der Zeichner auf diese Idee gekommen? Aber Saussure, wie er sich etwas darauf zugute tat, die übrigens von ihm nicht erdachte Idee der « Geländerstange » als grosse Erfindung zu verbreiten, so wollte er nun auch zeigen, wie er sich die Methode des Abfahrens auf dem Eise, wie sie die Chamoniarden praktizierten, angeeignet hatte, obschon daran bei seiner grossen Ängstlichkeit in diesen Dingen 1 Zweifel möglich sind. Dieses Seilbahnmanöver wünschte er also entfernt zu haben, und Mechel liess sich es etwas kosten, um durch zwei neue Platten seinem Wunsche zu ent- sprechen. Es existieren im Saussure-Archiv der Bibliothèque Publique et Universitaire de Genève zwei Briefe von Mechel mit Bezug auf diese Änderungen, und ich kann sie hier durch die gütige Vermittlung von Frl. Dr. E. Engel wiedergeben.

Bâle, ce 30 Avril 1790.

Voici, Monsieur, les contours à l' eau forte des nouvelles figures qui seront après cela encore plus terminées et finies au burin. Au moins y voyez-vous qu' on a suivi vos intentions et que je me suis empressé de remplir vos désirs. Ce sentiment me guidera toujours quand il s' agira de quelque chose qui puisse vous faire plaisir.

On est très occupé chez moi de la grande planche du Mont Blanc 2 qui sera même bientôt terminée. Oserais-je vous rappeler ma demande pour le texte ou l' explication pour ne pas commettre l' indiscrétion de vous presser dans les derniers moments, la gravure ne pouvant pas paraître sans cela, et l' impression typographique de ce texte demandant aussi un peu de temps, cela m' engage de vous renouveler ma prière.

Je vous en demande bien pardon et j' ai l' honneur d' être Chrétien de Méchel.

Monsieur,Bâle> ce 15 Juin 179° "

Permettez-moi de vous présenter ci-joint une paire de ces nouveaux Mont Blanc en reconnaissance des peines que vous avez bien voulu prendre. En même temps, j' ajoute une autre paire pour Mme Tronchin, votre chère belle-sœur, laquelle voudra bien me renvoyer les autres roulées sur le même bâton sur lequel viennent ceux-ci.

On est à force avec la planche du grand Mont Blanc et j' espère que nous en ferons quelque chose de digne de votre suffrage et de l' intérêt dont vous avez honoré cet ouvrage.

Je me suis procuré la brochure de M. de Berchem de l' Itinéraire de Chamonix et on suit en tout les avis et les sages conseils que vous avez donnés. Mon texte ou explication s' imprime aussi d' après cela pour accompagner nos estampes. Aussitôt fini, vous serez servi avec.

J'ai l' honneur.. .Chrétien de Méchel.

Die Drucke mit dem sitzenden Saussure sind aber doch irgendwie in den Handel gekommen und bilden heute eine mit Gold aufgewogene Seltenheit.

Der Erfolg der Mechelschen Stiche hat eine ganze Reihe von Verlegern dazu geführt, sie in ungezählten Nachahmungen zu kopieren.

1 Siehe Tagebuch Paccard: « Mr. de Saussure qui a toujours fait apercevoir une horreur pour les chemins neiges, malgré qu' on trouve qu' il marchoit bien dans les endroits pierreux,... » 2 Es handelt sich hier um den Stich nach dem Relief der Mont Blanc-Gruppe von Ct. F. Exchaquet, von dem sich u.a. ein Exemplar im Alpinen Museum in Bern befindet. Siehe Abbildung in C. Egger: Michel-Gabriel Paccard und der Mont Blanc.

Zuerst aber muss noch auf zwei gleichzeitige Erzeugnisse hingewiesen werden, beide im Besitz von R. W. Lloyd. Das erste ist eine unsignierte kolorierte Zeichnung, die als Vorlage für den dritten Druck gedient haben dürfte, denn sie entspricht, mit einigen unwesentlichen Veränderungen, genau dem dritten Zustand. Am äussern Rand des Blattes sind noch die Spuren von vier Reissnägeln zum Fixieren und die darunter gelegten Schutzpapier-streifen sichtbar, die Farbe ist teilweise nachgedunkelt. Sehr vorteilhaft sticht die Behandlung des Eises vom Stich ab: die Kontur der Eisbrocken ist nicht so zerhackt, und ein Lichtreflex in der Tiefe der Spalte zeugt von feiner Naturbeobachtung. Auch ins gleiche Jahr 1790 gehören zwei Gemälde in öl auf Pergament, signiert « Oliver Vicomte de Nérac 1790 ». Nummer eins ist ganz nach dem Mechelschen Stich, zweiter Zustand, kopiert, bei Nummer zwei ist der sitzende Saussure etwas verändert und die ganze Gruppe und auch die Landschaft vereinfacht.

Die späteren Nachahmungen der Mechelschen Stiche fallen schon in die Zeit des zweiten und dritten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts, wie die Namen der Verleger J. P. Lamy und Mähly & Schabelitz verraten, und sind meist von Deutschen gezeichnet ( Volz, Danzer ). Der beste dieser Stiche aus der Nachzeit ist die Aquatinta des Johann Michael Voltz, geboren 1784 in Nördlingen, und dürfte etwa vom Jahre 1815 stammen. Voltz hat damals ( 1814 bis 1819 ) für Lamy gestochen, manchmal unter falschem Namen ( Voltzmann ), manchmal ohne Namen. Ein Exemplar in der Sammlung Lloyd ist mit « Volz del .» bezeichnet, auch die beiden in der Bibliothèque Publique et Universitaire, Genève, Aufstieg und Abstieg, lauten so. Wie nachlässig diese von Deutschen besorgte Ausgabe ist, zeigt der Text:

Montée de Mr. de Saussure sur la cime du Montblant au mois d' Août 1785 publié par J. P. Lamy à Berne & Bâle Besonders gut sind hier die Figuren gezeichnet.

Später erscheinen im gleichen Verlag die zwei Blätter wieder ohne Angabe des Zeichners und Stechers ( vielleicht Grundmann ?). Auch hier die falsche Jahreszahl « Août 1785 », und nun türmen sich die Séracs zu ungeheuerlichen, seelenlosen Gebilden auf und beanspruchen den Hauptteil der Darstellung.

Noch später, bei zwei Stichen bezeichnet mit Danzer del., Sprli sept. ( Sperli !) im Verlag von Maehly & Schabelitz, Basel, bieten sie Anlass zu wahren Akrobatenstücklein und kommt die Leiter vom einen zum andern Sérac schon im Aufstieg zur Anwendung. Die Personen sind flach und verlieren allen individuellen Reiz. Und immer wieder das falsche Datum « Mut1785 ». Sollte hinter dieser Vorausdatierung ein Plan gesucht werden, Saussures Besteigung des Mont Blanc als überhaupt erste hinzustellen und Paccard ganz auszuschalten?

In diesem Zusammenhange sei auch das Aquarell eines unbekannten Künstlers mit dem Abstieg Paccards vom Mont Blanc erwähnt, das sich im Besitz von Jean Chatoux in Chamonix befindet 1. Kündig hält es für das 1 Abgebildet bei C. Egger: Gabriel-Michel Paccard und der Mont Blanc, Basel 1943.

Werk eines englischen Künstlers, weil verschiedene andere Blätter ähnlicher Faktur mit englischem Texte, aber immer ohne Angabe des Zeichners, vorhanden sind. Der letztes Jahr verstorbene hervorragende Paccard-Forscher Dr. E. H. Stevens schrieb es dagegen A. Cuvillier ( ca. 1850 ) zu und vertrat die offenbar irrige Meinung, es könne auf keinen Fall Paccard und Balmat darstellen, sondern betreffe wahrscheinlich zwei Personen von der Partie de Saussures, während alle andern ( 8 ) weggelassen wurden ( « Alpine Journal » 45, S. 183 ). Wer den Darstellungen de Saussures im Bilde bis hierher gefolgt ist, wird sofort erkennen, dass die beiden Figuren auf dem Aquarell auch nicht die geringste Verwandtschaft mit einer der Personen de Saussures besitzen und deshalb wirklich als Konterfei von Paccard und Balmat betrachtet werden müssen. Zudem hat Cuvillier einen besonderen Stich der Mont Blanc-Reise de Saussures gewidmet, der alle Merkmale des überlieferten Kanons trägt ( abgebildet in « La Montagne » 1933, S. 9 ). Es fragt sich also, wieso Cuvillier im Jahre 1850 auf die Besteigung Paccards zurückgreift, da ja dieser um diese Zeit längst tot und vergessen ist. Dazu müsste man das Blatt genau untersuchen ( was mir bis jetzt nicht möglich war ) und die Frage ins Auge fassen, ob nicht doch der unbekannte Zeichner und der Stecher Cuvillier zwei verschiedene Personen sind.

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