Die englische Expedition auf den Jannu (1978)

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Alan Rouse, Chamonix

In der Nachmonsunzeit des Jahres 1978 eroberten wir den Jannu ( 771 o m ) in einer alpinistischen Expedition auf der Route der Franzosen aus dem Jahr 1962. Wir waren unser vier: Brian Hall, Roger Baxton-Jones, Rab Carrington und ich. Zur Zeit seiner Erstbesteigung galt der Jannu als einer der schwierigsten Himalaya-Gipfel, und erst der zweite Versuch, an dem einige der besten französischen Bergsteiger teilnahmen, war von Erfolg gekrönt. Dank einer bessern Ausrüstung und eines modernen Expeditionskonzepts ist es heute möglich, diesen Berg in alpinistischem Stil zu erobern, mit vier Biwaks beim Aufstieg und zweien beim Abstieg. Wie uns dies gelungen ist, möchte ich im folgenden berichten.

Am i 2. Oktober 1978 steigen vier Männer über den Yalung-Gletscher ab. Sie sind erschöpft und beugen sich unter der Last ihrer Ausrüstung, die sie von einem Besteigungsversuch über den Ostgrat des Jannu zurückbringen. In den sechs mühevollen Tagen, die wir in dieses Unternehmen investiert haben, sind wir nur 1200 Meter höher gekommen, und die Route hat sich als zu lang und zu schwierig erwiesen. Es ist uns klargeworden, dass wir unsern ursprünglichen Plan aufgeben müssen.

Am folgenden Tag sortieren wir unser Material und besprechen das weitere Vorgehen. Unsere einzige Chance, den Jannu doch noch zu bezwingen, sehen wir noch im langen und beschwerlichen Umweg über den Yamatari-Gletscher und die viel leichtere Route der Franzosen. So legen wir das hiefür notwendige Material bereit, teilen die Lasten auf und beschliessen, am nächsten Morgen aufzubrechen. Wir würden drei lange Tage für den Anmarsch und bestimmt eine ganze Woche für die Besteigung selbst benötigen. Zunächst decken wir uns mit Lebensmitteln für zehn Tage ein, ohne dabei den Rückmarsch zu berücksichtigen. Wir haben vor, zwei Zweierseilschaften zu bilden; unsere Ausrüstung besteht aus je einem 45 Meter langen Seil von 9 Millimeter Durchmesser und aus einem kleinen Sortiment von Haken und Schrauben. Brians Vorschlag, auch ein Zelt mitzunehmen, wird abgelehnt; denn allmählich werden wir uns des Gewichts bewusst, das wir werden tragen müssen. Ich bestehe jedoch darauf, einen Schneehering zum Sichern einzupacken, und Brian und Roger legen noch einen kleinen Vorrat von Meta-Tabletten dazu. Wir haben nur noch sechs Gaspatronen, und sie denken in weiser Voraussicht an den beinahe unstillbaren Durst in grosser Höhe.

Am Morgen des 14. Oktober verlassen wir das Basislager und steigen über den Yalung-Gletscher nach Ramshey ab, das am Fusse des Lapsong LaPass ) liegt. Padama, unser Sirdar, trägt einen Teil unserer Ausrüstung. Aber selbst so tragen wir recht schwere Lasten. In Ramshey treffen wir eine Familie von Yak-Hirten. Sie verkauft uns bereitwillig etwas Fleisch, das wir an einem kleinen Holzfeuer rösten. Es ist ein herrlicher, wenn auch kalter und taufeuchter Abend. Noch lange sitzen wir am Feuer, essen unser Fleisch und plaudern. Wir geniessen den herben Pflanzenduft und die auf dieser geringeren Höhe spürbar angenehmere Luft. Padama wird morgen früh ins Basislager zurückkehren, dafür werden uns zwei der Hirten beim Materialtransport über den Lapsong La behilflich sein.

Am nächsten Morgen entfachen wir beim ersten Morgengrauen ein Feuer, und noch bevor die Sonne hinter dem Rathong aufgeht, sind wir marschbereit. Wir brechen deshalb so früh auf, weil unsere beiden Hirtenfreunde noch am gleichen Tag wieder bei ihrer Familie sein wollen. Vater und Sohn tragen je 25 kg, was unsere eigenen Lasten auf ungefähr 20 kg reduziert. Wir kommen rasch voran, und schon bald stehen wir auf der Passhöhe, goo bis 1200 Meter über Ramshey. Den beiden Hirten schenken wir ein paar Süssigkeiten; sie geben uns dafür ein paar kleine, sehr harte Käsewürfel, die sie sorgfältig wie Perlen eines Halsbandes von einem Stück Faden loslösen. Auf der Passhöhe stehen unzählige kleine Steinsäulen, von denen die meisten etwas über einen Meter hoch sind, aber einen Durchmesser von nur etwa 15 cm aufweisen. In der Ferne zeichnen sich deutlich die Silhouetten des Makalu und des Everest ab. Die Westhänge, die zum Ya-matari- und noch weiter zum Ghunsa-Gletscher hin abfallen, sind noch stark vereist. Wir übernehmen deshalb die Führung und markieren mit grossen Schritten eine Spur für unsere beiden Träger. Kurz nach Mittag erreichen wir die grasbewachsenen Moränen, die den Yamatari-Gletscher flankieren; von der Passhöhe des Lapsong La bis hieher haben wir ungefähr 1000 bis 1200 Höhenmeter verloren.

Wir haben es uns im Schutz einiger Moränenblöcke bequem gemacht und liebäugeln mit dem Gedanken an einen Ruhetag, um unsere Kräfte für den bevorstehenden Aufstieg zu schonen. Bald gelangen wir jedoch zur Einsicht, dass es besser wäre, uns zu beeilen und die gegenwärtig hervorragenden Wetterbedingungen auszunutzen. So machen wir uns nach einer langen, erholsamen Nacht am 16. Oktober auf den Weg entlang des rauhen Yamatari-Gletschers. Nach sieben Stunden erreichen wir seine Zunge, wo unsere Route abbiegt. Um tg Uhr haben wir unser Biwak eingerichtet. Von hier aus erhaschen wir noch einen letzten Blick auf ein Stück Grün, wahrscheinlich das letzte für mehrere Tage. Ganz in der Nähe plätschert ein Bächlein vorbei, wo wir noch soviel Flüssigkeit zu uns nehmen, wie wir nur können. Wir befinden uns auf einer Höhe von rund 4800 Meter; knapp 3000 Höhenmeter liegen noch vor uns.

Rab Carrington und ich bilden die eine, Roger Baxton-Jones und Brian Hall die andere Seilschaft. Obwohl unsere Ausrüstung eigentlich zwei voneinander vollkommen unabhängige Mannschaften erlauben würde, haben wir beschlossen, beim Auf- und Abstieg zusammenzubleiben. Diese Massnahme drängt sich zum Teil auch deshalb auf, weil wir - um Gewicht einzusparen -nur ein einziges Seil pro Mannschaft mitgenommen haben. Niemand wird die alleinige Rolle des Führers übernehmen, weder einer der Bergsteiger noch eine der Seilschaften.

Die Marschtabelle sieht vor, am vierten Tag des Unternehmens bis zum Lager III der Franzosen aufzusteigen. Es ist ein langer Weg, der aber keine besondern technischen Schwierigkeiten bietet. Im Morgengrauen, das einen prachtvollen Tag verspricht, suchen wir uns stolpernd einen Weg zwischen den Eisblöcken hindurch, und dann erfordert ein Hängegletscher auch den Einsatz unserer Hände. Mit Hilfe der Steigeisen überwinden wir eine kleine Eismauer, hinter welcher sich der Hauptteil des Gletschers befindet. Obschon der Pulverschnee nicht sehr hoch liegt, macht er uns doch ganz erheblich zu schaffen. Gegen elf Uhr legen wir auf einer kleinen, sonnenbeschienenen Felsinsel eine Teepause ein. Am Nachmittag arbeiten wir uns durch tiefen Schnee weiter voran, und kurz vor vier Uhr beschliessen wir, unser Biwak für heute an einem Ort etwas unterhalb des französischen Lagers III aufzuschlagen. Bei unserm Aufstieg sind wir auf ein ungefähr dreissig Meter langes fixes Seil gestossen, das einem schmalen Felsabsatz entlangführt. Es ist -abgesehen von einem Sérac herunterhängenden Seilstück - die einzige Spur der französischen Expedition aus dem Jahr 1962. Unser Biwak liegt am obern Ende einer Felsrippe zwischen zwei Gletschern.

Nach einer ruhigen Nacht und einem gemütlichen Frühstück setzen sich Roger und Brian an die Spitze unserer kleinen Kolonne und suchen einen Weg durch einen kurzen Eisbruch hindurch. Wir haben abgemacht, dass jede Seilschaft abwechslungsweise einen Tag führt und einen Tag als zweite geht, um sich etwas ausruhen zu können. Hinter einer nicht sehr breiten Sérac-Mauer öffnet sich eine spaltenreiche Region, die den Franzosen seinerzeit einige Probleme aufgegeben hat; auf der andern Seite liegt das Plateau, auf dem sie ihr Lager III errichtet hatten. Über uns wird die Tête du Butoir sichtbar, ein grosser Ge-birgskopf mit zahlreichen Felsbändern, Séracs und Schneebuckeln - nicht gerade ein sehr einladender Anblick. Zwei Wege bieten sich an, auf denen wir die 600 Meter Höhenunterschied bis zu diesem gigantischen Kopf überwinden können. Unmittelbar vor uns öffnet sich das Couloir, durch das die Franzosen 1959 vergeblich vorzustossen versuchten. Es besteht aus Fels und Eis, weist eine Neigung von 55 bis 60 Grad auf und schiene durchaus begehbar, wenn nicht die hinterhältigen Séracs unterhalb des Gipfels wären. Von links her läuft ein Grat zur The du Butoir hin, der uns leichter und sicherer scheint, auch wenn wir einige Abschnitte davon nicht einsehen können. Wir entscheiden uns für diesen Grat, den auch die Franzosen 1962 mit Erfolg begangen hatten. Wir nehmen unsere Lasten auf und sind bald bereit, den vor uns liegenden interessanten Abschnitt anzugehen. Die zum Grat emporführende Wand weist keine grossen Schwierigkeiten auf, und gemeinsam erklettern wir den geriffelten Hang mit einer Neigung von 50 bis 55 Grad. Der Grat ist sehr schmal und verläuft zwischen zwei steilen Flanken. Wir gehen vorsichtig weiter, sichern mit dem Eispickel in viel zu lockerem Schnee und hoffen, dass nichts in Bewegung gerät. Um die teilweise überhängenden Schneebuckel zu umgehen, dringen wir mehrere Seillängen weit in die rechte Flanke ein, die viele mit Pulverschnee gefüllte Löcher aufweist. Die Arme bis zu den Schultern im Schnee, arbeiten wir uns auf den Spitzen unserer Steigeisen weiter vor. Roger stürzt ungefähr fünf Meter weit über eine kleine, senkrechte Schneemauer ab, doch gelingt es Brian, ihn zu halten. Nach diesem Zwischenfall müssen sich die beiden einen andern Weg suchen. Wir wissen jetzt schon, dass uns diese besonders schwierige Passage beim Abstieg schwer zu schaffen machen wird. Bald stehen wir vor einer weiteren, sehr steilen Schneemauer, die auf den ersten Blick unbezwingbar scheint. Mit einer « Geschwindigkeit » von einem Meter pro Viertelstunde überwinden wir aber schliesslich auch dieses Hindernis. Ein tiefer Graben im Schnee weist uns den Weg. Der Grat läuft in ein Gewirr von riesenhaften Eisblöcken aus. Die Szenerie gleicht einem zu Eis erstarrten Wasserfall, der über die Kante eines sehr schmalen und exponierten Grates hinweg in die Tiefe donnert. Keiner von uns hat jemals zuvor etwas Ähnliches gesehen. Zum Glück erweist sich die Kletterarbeit dann doch als leichter, und nach einigen Stunden kommen wir zu einer Stelle, die sich zum Biwakieren eignet.

Als Rab beginnt, ein Plätzchen zum Schlafen auszuebnen, entdeckt er plötzlich ein riesiges Loch. Wir erkennen, dass wir uns auf gewaltigen, zwischen zwei Sérac-Mauern eingeschlossenen Eisblöcken befinden. In der Zwischenzeit ist Brian ein Stück weitergegangen, um die Route von morgen auszukundschaften. Unvermittelt stürzt er vor unsern Augen in die Tiefe, als eine Schneebrücke unter ihm zusammenbricht. Glücklicherweise bleibt er über einem gähnenden Abgrund hängen; dennoch kann Roger ihn nur mit knapper Not halten. Blitzschnell sichert Rab Roger, ich meinerseits sichere Rab, und nun gelingt es Brian, sich wieder zu uns emporzuarbeiten.

Wir haben eine Höhe von 6400 Meter erreicht, und alles scheint gut zu gehen. Zwar hat Brians beinahe verhängnisvoller Erkundungsgang gezeigt, dass jede Route, die vom Biwakplatz aus weiterführt, mit tückischen Fallen aufwartet! Am folgenden Morgen übernehmen Rab und ich die Führung und legen zwei schwierige Seillängen durch Tiefschnee und Eis zurück. Im zweiten Teil müssen wir einer schmalen horizontalen Spalte entlangkriechen und uns in extrem exponierter Lage aus ihr in den Schneehang hinausarbeiten. Die Tatsache, dass in diesem Abschnitt kein Sichern und kein Rückwärtsgehen möglich ist, verstärkt noch unsere bohrenden Zweifel darüber, wie wir hier wohl wieder herunterkommen würden.

Über einen beschwerlichen Pulverschneehang langen wir schliesslich auf der The du Butoir an, von wo aus ein schöner Grat zur The de la Dentelle führt. Roger, der als einziger von uns über die französische Expedition Bescheid weiss, weil er ihren Bericht gelesen hat, erklärt, wir müssten durch die linke Flanke zu einem Couloir traversieren, das uns zum 130 Meter hohen Hindernis hinauffuhren würde. Die Traversierung erfolgt streckenweise durch einen sehr steilen Hang mit brüchigem Schnee. Wir bewegen uns unendlich vorsichtig und mit grossen Schritten, um zu vermeiden, dass ein Anriss entsteht. Rab versucht, die geradlinig durchfurchte Wand emporzuklettern, wird aber wegen der unmöglichen Schneeverhältnisse bald zum Aufgeben gezwungen. Ein Versuch meinerseits erbringt das gleiche negative Ergebnis. In der Zwischenzeit haben uns Brian und Roger eingeholt. Es entbrennt eine heftige Diskussion über unsere Situation. Der Rückzug von hier aus wäre selbst ohne Zeitdruck sehr problematisch, und vor uns warten weitere Schwierigkeiten. Im Geiste versuchen wir uns den Abstieg vorzustellen. Er liesse sich zum grössten Teil bewältigen. Roger ist ein Stück weiter gegangen und ruft uns schliesslich zu, er habe eine schmale Rinne entdeckt, die man offenbar bis zu einer gewissen Höhe begehen könne. Wir folgen ihm und finden wirklich eine solche vor, teilweise eisge-füllt, in der wir uns sogar mit Hilfe einer Eisschraube den Luxus einer gleitenden Sicherung erlauben können. Die Rinne führt uns auf eine Plattform, die nur ungefähr zehn Meter unterhalb der The de la Dentelle liegt. Über einen exponierten Schneebuckel geht Roger eilig leichte- rem Gelände entgegen. Ist das vielleicht auch eine Passage, die beim Abstieg kaum zu bewältigen wäre? Wir fragen Roger nach seiner Meinung, und er ist der Ansicht, es müsste zu schaffen sein. Weiter vorn wird der Weg etwas einfacher, aber wie wir endlich aufder The de la Dentelle stehen, haben wir alle vier den Eindruck, uns auf ein ernsthaftes Abenteuer eingelassen zu haben.

Nun befinden wir uns auf dem weiten Plateau des « Throns », und ein schneidender Gletscherwind zwingt uns bald, uns für den Rest der Nacht in unsere Schlafsäcke zurückzuziehen. Wir verwenden vom Wind zusammengepresste Schneeplatten, um uns mit Mauern zu umgeben, doch bieten sie nur wenig Schutz vor den wirbelnden Sturmböen. Dies ist unser drittes Biwak während des Aufstiegs, und es liegt nur ioo bis 200 Meter oberhalb des zweiten. Der grösste Teil unserer heutigen Kletterei hat sich in der Horizontalen abgespielt. Angesichts dieser äusseren Bedingungen geben Rab und ich den Versuch auf, noch etwas zu kochen, und wir verbringen eine unruhige Nacht.

Am folgenden Morgen haben die Windstösse etwas an Heftigkeit verloren, aber es ist bitterkalt, wie wir zur vierten Etappe aufbrechen. Wir haben leichtes Terrain vor uns, und der Tag vergeht ohne besondere Ereignisse. Der regelmässige, zügige Marsch bringt uns allmählich näher an den Gipfel heran. Wir lösen uns in der Führungsarbeit ab und erreichen schliesslich die Firnkluft, in deren Nähe die Franzosen ihr Lager V hatten. Die Stelle verspricht ein bequemes Biwak.

Wir sind nun auf einer Höhe von 7000 Meter; rund 700 Meter bleiben noch zu bewältigen. Zwischen unserem Standort und dem Gipfel errichteten die Franzosen noch ein Lager VI, von dem aus sie in einem Tag die Besteigung vollendeten. Wir ringen uns zum Entschluss durch, den Gipfelsturm trotz der grossen Distanz am nächsten Tag zu wagen. Ein weiteres Biwak, noch höher oben am Berg, hätte bei der Kälte und dem Wind möglicherweise katastrophale Folgen. Um unsere Absicht noch deutlicher zum Ausdruck zu bringen, wollen wir unsere Rucksäcke zurücklassen und nur die notwendigste Kletterausrüstung, ein paar Süssigkeiten und eine Stirnlampe mitnehmen. Damit wir möglichst früh aufbrechen können, beginnen wir schon nach Mitternacht Tee zu kochen. Um halb vier Uhr sind wir marschbereit. Rab übernimmt die Führung und dringt aus der Kluft hinaus in die darüberliegenden Eishänge vor. Es herrscht eine Kälte, wie sie keiner von uns jemals zuvor erlebt hat, und der Wind tobt sich in eiskalten Wirbelböen aus. Prächtiger Mondschein erleuchtet unsere Route, aber wir sehnen uns alle nach dem Morgengrauen.

Bis zur Morgendämmerung haben wir ungefähr zehn Seillängen zurückgelegt. Aber sie bringt keine Erleichterung: im Gegenteil, der Wind nimmt an Heftigkeit noch zu. Jeder von uns setzt seine letzten Kräfte ein, um möglichst rasch voranzukommen und den Gipfel vor zwölf Uhr zu erreichen - das war unsere Zeitlimite, wenn wir rechtzeitig wieder in Sicherheit sein wollten. Ohne Halt passieren wir mit Rab an der Spitze das Lager VI der Franzosen. Diese Route würde auf der alpinistischen Skala zweifellos mit sehr schwierig bezeichnet, doch kommen wir gut voran, zumal wir erstmals gute Schneeverhältnisse antreffen. Wir steigen in ein Couloir ein, aus dem heraus die Böen uns von allen Seiten ins Gesicht peitschen und jede Verständigung verunmöglichen. Nach insgesamt zwanzig Seillängen erreichen wir den Gipfelgrat. Er bietet uns eine einfache, aber trotzdem ermüdende Aufstiegsmöglichkeit. Noch acht Seillängen, und wir sind auf dem Gipfel angelangt. Dreissig Meter weiter entdecken wir einen andern, vielleicht noch höheren « Gipfel », doch wir widerstehen der Versuchung, dies nachzuprüfen. Es ist just elf Uhr dreissig am 2i.Oktober.

Um vier Uhr nachmittags sind wir wieder im Lager. Den ganzen Tag über hat uns die klirrende Kälte arg mitgespielt, und wir geniessen es, die Finger und Ohren in den Schlafsäcken allmählich wieder warm werden zu lassen.

Am folgenden Morgen stehen wir nicht vor Ta- 113 Broad Peak: Zentralgipfel ( etwa 8000 m ), von dem zum Hauptgipfel führenden Grat aus gesehen, ^wischen diesen beiden Erhebungen liegt der « Col » ( y8fjo m ), der schon von der französischen Expedition im Jahre igyß erreicht worden ist 114 Broad Peak ( 8048 m ) Photo Alan Rouse. CIi gesanbruch auf. Dann steigen wir in gemächlicher Gangart vom « Thron » gegen die Tête de la Dentelle ab. Die letzte Seillänge unterhalb dieses Hindernisses - beim Abstiegjetzt natürlich die erste - erweist sich schliesslich als einfacher denn erwartet: Unsere Spuren sind noch sichtbar und mit Eis überzogen. Da aber überhaupt keine Sicherungsmöglichkeit besteht, zehrt dieser Abschnitt doch ganz ordentlich an den Nerven. Ein paar Stunden später erreichen wir die Tête du Butoir. Über die beiden schwierigen Längen oberhalb unseres Biwaks III abzusteigen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wir müssen uns also einen andern Weg suchen. Durch Rab gesichert, wage ich mich an den abschüssigen Rand der Tête du Butoir vor. Das Ergebnis meiner Erkundung ist einfach: Der brüchige Schneehang wird immer steiler und steiler und geht weiter unten, ausserhalb unserer Reichweite, in senkrechte Séracs über. Wenn nur etwas Eis da wäre, damit wir uns mit Hilfe einer Eisschraube sichern und abseilen könnten. Ein zweiter Vorstoss erbringt das gleiche Ergebnis; erst beim drittenmal habe ich mehr Glück. Ein Vorsprung, ein kleiner Eis- und Schneehöcker, hat sich vom Sérac losgelöst, und es gelingt mir, bis dort hinunterzusteigen. Diesen Höcker benützen wir nun wie einen Schiffspoiler und befestigen an ihm eine allerdings etwas zweifelhafte Sicherung. Nach ein paar weiteren Rekognoszierungen bringen wir noch eine weitere Sicherung an und erreichen so wieder unsere Aufstiegsroute, die wir jetzt in umgekehrter Richtung weiter verfolgen.

Die kleine, steile Schneemauer, die uns beim Aufstieg so viel Mühe gekostet hat, gehört ebenfalls zur Kategorie jener Hindernisse, über die man einfach nicht absteigen kann. So sind wir gezwungen, unsern Schneehering zu opfern, um eine Sicherung zum Abseilen zu haben. Kurze Zeit später bewege ich mich vorsichtigen Schrittes auf dem Gletschergrat. Ich schlage aus dem Schnee einen behelfsmässigen Sicherungsblock heraus, um den ich das von oben gespannte Seil schlinge. Als Rab ziemlich rasch herunterkommt, 115 Broad Peak: Überreste des Camps III der Japaner aus dem Jahr igyy. Im Hintergrund der Masherbrum ( 7806 m ) Phulns Yannick Sfiducili ". Chamonix 116 /rt der Jannu-0stwand: »gemischte » Kletterei, teils im Fels, teils auf Eis gibt die Sicherung nach, was wir mehr oder weniger befürchtet hatten. Rab stürzt ungefähr sechs Meter tief ab, doch ich befinde mich glücklicherweise auf der andern Seite des Grates und kann seinen Fall ohne grosse Mühe auffangen. Da wir sehr müde sind und die Dämmerung schon anbricht, biwakieren wir zum sechstenmal auf einer Höhe von ungefähr 6000 Metern.

Am nächsten Morgen steigen wir in gerader Linie über den Yamatari-Gletscher zum Lapsong La hin ab. Wir alle haben Hunger; denn die Lebensmittelvorräte gingen gestern abend aus. Die Überquerung des Lapsong La am folgenden Tag sollte nochmals zu einer Kraftprobe werden, da wir allmählich die Folgen des Nahrungsmangels zu spüren bekommen. Diesen Tag schaffen wir den Abstieg nach Ramshey nicht mehr. Wir müssen noch einmal biwakieren, in einem heftigen Schneesturm in der Nähe der Passhöhe. Am nächsten Vormittag gelangen wir endlich unter die Schneegrenze und sind sehr erleichtert, dass die Yak-Hirten Ramshey noch nicht verlassen haben. Sie versorgen uns mit etwas Käse und tibetanischem Tee, so dass wir uns für den sechsstündigen Rückmarsch zum Basislager noch ein wenig stärken können.

Es ist uns also gelungen, den Jannu in einer alpinistischen Expedition mit vier Biwaks beim Auf- und zwei beim Abstieg zu besteigen. Dennoch empfinden wir nicht die Befriedigung, die wir eigentlich erwartet haben. Wir mussten uns zwar bis an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit ausgeben, jedoch auf eine für uns vollkommen ungewohnte Weise: aufreibende Anstrengung und letzter Einsatz, aber keine Entschädigung in Form wirklich anspruchsvoller technischer Abschnitte, wie man sie im Winter in den Grandes Jorasses antreffen kann. Und doch lässt einen der Gedanke an die nächste Reise zu den Giganten des Himalaya nicht mehr ganz los...

Aus dem Französischen übertragen von Dieter W. Portmann 113 117 Der Jannu ( 7710 m ), vom Biwak III der britischen Expedition ( 1978 ) aus gesehen 118 Tiefblick vom Biwak IV auf die Franzosen-Route 119/« der Jannu-Ostwand 120 Überschreitung der The de la Dentelle ( Jannu )

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