Die geheimen Treppen der Aiguille du Plan

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f Pierre Vittoz, Lausanne

Bilder ny bis ug In Chamonix war der Himmel bewölkt, und wir verspürten eine gewisse Unruhe. Nachdem die Menschenmenge und die Folklore des Montenvers hinter uns lagen, ging es etwas besser. Daran war aber nicht etwa der leichte Regen schuld, sondern der zügige Fussmarsch, der gewundene Weg über das « Mer de Glace », der Pfad zur Hütte Envers des Aiguilles und die Wände des Grépon, die oben im dichten Nebel verschwanden.

Bei Einbruch der Nacht trat der Hüttenwart mit Philippe Staub und mir auf die Terrasse hinaus, um uns den Weg über die Moräne zu zeigen und uns davon zu überzeugen, dass wir sicher zwölf Stunden benötigen würden. Wir waren beeindruckt vom granitenen Talkessel, den der Mond für uns erleuchtete. Die Spitzen und Nadeln ragten über die steilen Wände empor: die Südhänge des Fou und des Caïman, die Nordwände des Pain du Sucre und des Requin. Sie alle umrahmten den Pfeiler, an dem unsere Augen und unsere Hoffnungen hingen: am Ostgrat der Aiguille du Plan. Auf dem Gletscher waren schwache Spuren zu erkennen, die Spuren eines einsamen Bergführers - Nicolas Jaegers, der sich eine halbe Stunde vor uns mit seiner Lampe den Weg durch die Spalten suchte. Sonst befand sich kein Mensch in diesem Kletterparadies. In der Hütte waren nur noch zwei andere Bergsteiger, zwei Berner, die den Grépon besteigen wollten.

« Zum Glück gibt es noch die Schweizer! » meinte der Hüttenwart.

Ich wagte nicht, ihm zu gestehen, dass ich die Drahtseilbahnen genauso liebe wie die Franzosen...

Am frühen Morgen stossen wir auf Nicolas Jaeger, der niedergeschlagen auf seinem Rucksack sitzt.

« Machen Sie sich Sorgen wegen des Wetters? » « Nein, aber wenn Sie versuchen wollen, diese Spalte zu überqueren, dann gute Reise! Ich jedenfalls denke nicht daran. » Oh weh! Und dabei ist Jaeger einer der besten Bergsteiger. Dies war vielleicht der Grund für unser Alleinsein: ich vergass, dass die Gletscher gegen Ende des Sommers 1976 völlig unbegehbar geworden sind, weil es so heiss und trocken war. Links klafft ein ungeheurer Abgrund. Rechts ist es überhängend... In der Mitte führt eine Art Brücke zu einer hohen Eiswand. Versuchen wir es! Ich gebe mir Mühe, meine Stimme so ruhig wie möglich klingen zu lassen:

« Soll ich Ihnen ein Seil hinüberwerfen, wenn ich drüben bin? » « Nein, danke; ein Alleingang ist ein Alleingang! » Ich bewege mich mit der Vorsicht einer Katze, die an einem Dachrand entlanggeht. Die Brücke trägt mein Gewicht zwar gut, aber sie trennt mich um gut zehn Meter von meiner einzigen Sicherheit, von meinem Kameraden. Mit Hilfe einer Schneeanhäufung gelange ich rechts zu einer Stelle, wo die Mauer nicht senkrecht aufsteigt. Schlaff, um mich nicht zurückzuziehen, hängt das Seil über die Spalte. Wie klein Philippe scheint, ohne Eispickel im Schnee sichernd! Mit langen, vorsichtigen Schritten überwinde ich eine Wölbung, steige dann über mehrere Einschnitte durch eine Rinne auf und stehe endlich ausserhalb der Einsenkung, zufrieden mit mir selbst, habe ich doch gezeigt, was ich kann.

Hundert Meter weiter oben erreichen wir den letzten Eisbruch, an dem, wie wir wissen, schon viele Seilschaften gescheitert sind. Dieses Jahr bildet die obere Kante eine grosse Eisplatte. Jaeger, der natürlich doch mit uns gekommen ist, steigt trotz der ausserordentlichen Steilheit auf den Frontzacken gradlinig auf. Beschämt, nicht den gleichen Mut bewiesen zu haben, schlage ich in gewissem Abstand Stufen ins Eis, aber der Hang ist so steil, dass wir uns an den Grenzen des Gleichgewichts bewegen.

Mit einem « Uff! » gelangen wir auf schönen, sonnenbeschienenen Fels, dessen Bänder und Risse uns nach rechts führen. So erreichen wir die Kante. Überrascht beginnen wir in unsern Taschen zu wühlen. Wir richten uns nämlich nach den Angaben der Führer. Aber da wir Kilogramme, ja beinahe Gramme sorgfältig abwägen, begnügen wir uns mit Kopien auf kleinen Zetteln, die leicht aus den Taschen rutschen oder darin bis zur Unleserlichkeit zerknüllt werden.

« Nicht gut, diese Nordflanke. » « Und in dem Couloir dort rechts wird es Steinschlag geben. » « Laut Vallo! ist dies aber der Weg. » « Nach Rébuffat ebenfalls. » Seltsam: ich hatte die Route studiert, aber diese schwierige, gemischte Passage war mir nicht aufgefallen. Die Phantasie hat eben solche Launen: ob der Anstrengung, mir die Eisbrüche - die Probleme dieser Route - und die Granitspalten, welche die Route berühmt gemacht haben, einzuprägen, habe ich die Beschreibung dieses zweihundert Meter langen Abschnitts vollkommen übergangen. Nun, jetzt werde ich Gelegenheit haben, sie unauslöschlich in mein Gedächtnis aufzunehmen! Der tiefe, lockere Schnee erfordert grosse Vorsicht. Es ist eine jener gemeinen Stellen, die einem ständig die Illusion vorgaukeln, auf dem nächsten Felsausläufer gebe es Griffstellen, Terrassen oder Sicherungspunkte. Aber nur Schwindel und leere Versprechungen! Alle dreissig oder vierzig Meter stossen wir auf so ein winziges Etwas, das wir umständehalber als Standplatz bezeichnen, wo wir ein Seil befestigen, uns aber mit dem typisch waadtländischen Misstrauen vorsichtig weiterbewegen. Ich fühle mich gar nicht wohl in meiner Haut, und so fege ich mir gar mit einer falschen Bewegung die Brille von der Nase, kann sie aber zum Glück mit einer reflexartigen Fussbewegung noch auffangen.

Endlich können wir den Grat über eine schwierige Mauer erklimmen. Nun wendet sich das Blatt. Nach der Kälte und den unsichern, steilen Hängen bieten sich uns eine sonnige Terrasse, ein Ausblick auf die Gipfel und ein herrlicher Granit.

Ein ausserordentlich schöner Ausblick: Tief unten, wie auf dem Grund eines Brunnens, glitzert der kleine Gletscher Envers de Blaitière. Wie haben wir uns nur zwischen seinen Spalten hin-durchschmuggeln können? Er ist umgeben von nackten, von Couloirs durchzogenen Wänden. Hier ist der Pan de Rideau, dessen Eis die kräftigen Sonnenstrahlen spiegelt. Dort das Labyrinth von Felsbändern und Mauern, in dem Jaeger, schon weit oben, der Erstbesteigung im Alleingang der Arête du Crocodile entgegenstrebt. Etwas weiter entfernt die Südwand des Fou, unglaublich glatt und senkrecht. Die Mauern rundherum bilden einen Kreisbogen, in dessen Zentrum wir uns befinden.

Envers des Aiguilles. Ein steinerner Traum. Schon eine Generation vor uns haben die besten Bergsteiger - Smythe, dann André Roch und René Dittert - den Grat, auf dem wir uns befinden, in Angriff genommen und ihn für ausserordentlich lang und schwierig befunden. Und sie waren nicht die ersten! Die Brüder Joseph und Franz Lochmatter aus St-Nicolas hatten bereits den Engländer Ryan hinaufgeführt; nach ihm wurde dieser Grat benannt. Das war im Jahre 1906! Die Brüder Lochmatter waren verschwiegen, Ryan war schlechter Laune. Man weiss nicht viel über diese Besteigung, eben genug, um sich eine Vorstellung über die Route und die Kraft der beiden berühmten Bergführer machen zu können. Von Montenvers aus brauchten sie weniger als dreizehn Stunden bis auf den Gipfel, eine Gangart, die ihre Nachfolger vor Bewunderung erblassen liess. An einer Stelle, wo kein Platz für eine kurze Leiter war, bereitete ihnen ein Überhang Probleme: sie gingen ein paar Meter zur Seite, kletterten einer auf den andern und erreichten so mit den Füssen von Joseph und den Händen von Franz den Überhang. Trotz seiner zahlreichen Erstbesteigungen fand Franz, dies sei seine schönste Besteigung gewesen.

Weiter geht es auf dem denkwürdigen Grat.

Der erste Felsvorsprung gibt den Ton an. Er ist durchzogen von einem weiten Kamin. Die Griffe sind gut, wenn auch nicht sehr zahlreich, und man muss seine nächsten Bewegungen genau abwägen, um allzu grosse Anstrengungen zu vermeiden. Der oberste Teil des Kamins ist überhängend, kann aber mit etwas Akrobatik und einem eleganten Aufschwung überwunden werden. « Wunderbar. » « Schöner Fels. Vielversprechend! » Senkrechte Mauern folgen einander, unterbrochen durch balkonartige Vorsprünge. Man muss jedesmal genau überlegen, wie man das Hindernis überwinden kann. Umwölkte Sonne, trockener Fels, kein Wind, ideale Bedingungen. Wir geniessen die Kletterei um so mehr, als wir das Gewicht der nun sehr leicht gewordenen Rucksäcke kaum mehr auf unsern Schultern spüren. Es folgen Spalten und Kamine, so zahlreich, dass ich sie nicht mehr zähle und näher beschreiben kann. Sie sind aber sehr interessant, oft senkrecht und beschwerlich, durch Terrassen voneinander getrennt. Der Berg sieht aus, als ob er mit der Axt zugehauen worden wäre: unbearbeitete, glatte, rechtwinklige Flächen, von geradlinigen Spalten durchzogen.

« Dort, das ist der Grand-Mère-Riss. » « Vielleicht. Nein, dort oben ist er. » Es ist der einzige Riss, der einen Namen bekommen hat und oft photographiert worden ist. Woher er wohl den Namen hat?... Da ist er nun, gerade wie ein I. Wie schön er ist! Die rechte Hand hält in der glatten Spalte das Gleichgewicht, die Schuhspitze ist als Sperre eingeklemmt; so bewegen wir uns äusserst vorsichtig weiter.

Andere Mauern sind schwierig und beschwerlich. Philippe sucht überall, bevor er sich entschliesst, einen unangenehmen kleinen Überhang anzugehen, der von einem rund abgeschliffenen Riss durchzogen ist. Ich meinerseits vergiesse in dieser Passage viel Schweiss und bedenke sie mit vielen unschönen Wörtern. Ist das etwa die Stelle der berühmten Kurzleiter?

Weiter oben zieht sich ein überaus feiner Schlitz durch eine Felswand. Die Finger tasten ihn eine Zeitlang ab, um sich zu vergewissern, ob sie darin Halt finden, dann, als sie darin wirklich Platz haben, um sich davon zu überzeugen, dass man mit den Fingerspitzen darin hängen kann. Ein Moment der Unruhe - schon folgt man der Spalte mit immer grösserem Vergnügen und Selbstvertrauen.

Seillänge reiht sich an Seillänge. Die Passagen sind ziemlich leicht zu finden. Aber es ist immer schwierig weiterzukommen. Überall ist herrlicher Fels, wunderbar fest. Er ist quarzreich und bildet hellgraue, von Kristallen durchzogene Platten. Das Klettervergnügen, das bisher auf diesem Grat schon sehr gross war, wird noch verdoppelt durch die herrliche Körnung des Granits.

« Und dort, was sollen wir dort machen? » « Es muss durch jenen Kamin weitergehen, dort, hinter der Platte. » « Aber der ist ja noch viel schlimmer als die bisherigen. Viel senkrechter und länger. » Philippe zögert, stemmt dann einen Fuss gegen die Granitplatte, den andern gegen die gegenüberliegende Wand, und beinahe im Spagat beginnt er zu klettern. Ooh! Ganz schön exponiert! Der Kamin bildet einen richtigen Resonanz-raum, und so höre ich Philippe ächzen und stöhnen wie aus der Tiefe eines Ziehbrunnens, während sich seine Silhouette direkt über mir gestochen scharf vom Himmel abhebt. Ein Stück weit kann er sich auf der Seite der Platte emporarbeiten, muss dann aber wieder im Kamin weiterklettern und rettet sich schliesslich nach links unter einen Überhang. Etwas aufgeregt versuche ich, es ihm gleichzutun. Unsere Arme werden allmählich müde, und ich zweifle daran, ob wir es schaffen werden. Aber just als ich, ganz ausser Atem, unter den Überhang gleite und mich auf dem Standplatz einrichte, wendet sich das Blatt erneut. Wir haben die letzte Felsflucht überwunden. Nun sind es nur noch kleine Felsplatten und -blocke bis zum Gipfel.

Das Wetter ist schön, mild und klar gewesen, wie es der Hüttenwart vorausgesagt hat. Nun aber beginnen sich die Wolken zusammenzuballen, und der Himmel nimmt eine bleierne Färbung an. Die ersten Nebelfetzen hängen sich an unsern Gipfel, und die umliegenden Felszacken erkennt man nur noch undeutlich durch einen kalten, fernen Schleier. Schade um die Aussicht. Aber die ist nun nicht so wichtig. Fröhlich und sorglos klettern wir bedächtig durch die Felsen. Unermüdlich klammern sich Augen und Finger an den schönsten Granit, den man sich vorstellen kann.

Kurze Zeit später - wir knabbern an den letzten Resten des Proviants, die wir zuunterst in unsern Taschen finden - erahne ich die Gipfel durch den dünnen Nebel...

Wir sitzen auf unsern Rucksäcken, Schulter an Schulter, unter einer dieser metallbeschichteten Plastikfolien, die man Astronautendecken nennt, beinahe trocken, und versuchen uns ein Gefühl der Wärme zu geben. Graupeln prasseln wie auf ein Blechdach. Wenn ich den Rand der Decke etwas anhebe, kann ich ungefähr zehn Schritt weit sehen, aber dann nichts mehr. Wenigstens sind wir geschützt...

Ja, wir sind im Schutz unserer Aluminium-decke, aber wo? Wie sollen wir uns in diesem Nebel zurechtfinden? Der Gletscher ist so zerklüftet, dass wir gestern nur im Zickzack vorankamen, bis wir schliesslich biwakieren mussten. Auf eine Aufhellung warten, wo sich Berg und Himmel so einmütig verschlossen haben? Oder darauf hoffen, dass eine Karawane vorbeizieht, wo wir abseits jeder Route sind? In Gedanken lege ich noch einmal den Weg von unserm Biwakplatz zurück...

Warten! Aber worauf? Und dennoch, wenn mich nicht alles täuscht, sollten wir in der Nähe einer Krete sein, die es ermöglichen könnte, zur... natürlich, zur Aiguille du Midi und ihrer Drahtseilbahn zu gelangen.

Eine halbe Stunde haben wir unter der leichten metallisierten Decke und unter der schweren Decke des Nebels zugebracht. Wir haben geges- sen, haben uns etwas ausgeruht. Es ist sinnlos, noch länger bewegungslos hier zu hocken, während die Flocken langsam fallen.

« Los! Wir versuchen es geradeaus in dieser Richtung! » « Mach grosse Löcher mit dem Eispickel. Die findet man leichter wieder als die Schrittspuren, wenn erneut Wind aufkommt. » « Sag mir jede Richtungsänderung. Vor mir sehe ich nichts als Weiss in Weiss. » Die Fährte zieht sich in die Länge; es wird beschwerlich. Unversehens landen wir vor einer sehr steilen Böschung. Felsen. Wir stehen am Fusse eines Grates! Nun überkommt uns ein wahrer Feuereifer. Wir steigen so schnell wie möglich durch einen tiefen Einschnitt auf, über einen Eisbuckel, eine unregelmässige Krete, und dahinter stossen wir auf viele frische Spuren, die uns auf kürzestem Weg zur Aiguille du Midi führen, zur Drahtseilbahn, nach Hause...

DIE NORDWAND Klirrend vor Kälte - genau wie wir - hebt sich die schmale Silhouette der Hütte Plan de l' Aiguille gegen die von den Lichtern von Chamonix erleuchtete Leere ab. Wir klopfen an eine Tür, um zwei Freunde aufzuwecken, zwei Bergführer, die eine kürzere Besteigung vorhaben als wir:

« Aufgewacht! Und guten Morgen. » « Viel Glück! » Viel Glück? Wir sind umsichtige Leute und vertrauen nicht auf das Glück, sondern auf unser Training, unsern gesunden Menschenverstand und unsere Ausrüstung. Hat Daniel uns nur viel Glück gewünscht, weil es eben so üblich ist unter Freunden? Oder glaubt er, dass der Zufall für uns eine Rolle spielen wird? In Gedanken versunken, folge ich dem Pfad zwischen den Granitblöcken hindurch. Die Séracs, gewiss. Er dachte an die Barrieren der Séracs, unter denen man stundenlang emporklettern muss und die man umgehen oder überwinden muss. Auch wir haben daran gedacht, seit jenem Tag, an dem wir Lust verspür- ten, wieder die Aiguille du Plan zu besteigen, und zwar über den Eissturz der Nordwand, die so ganz anders ist als der Ostgrat. Wir wussten genau, dass andere Seilschaften von Eisblöcken getroffen oder von Lawinen weggefegt worden sind. So etwas kann man nicht einfach vergessen.

In seinen « Cent plus belles courses » rät Rébuffat, die Wand mehrere Tage lang zu beobachten und sich zu vergewissern, ob die Eisplatten unter dem Druck des Gletschers nicht abzubrechen drohen. Aber wir sind natürlich - wie immer - im letzten Moment per Auto angereist und haben nichts gesehen. Wir haben versucht, uns im ausgezeichneten Office de haute montagne de Chamonix zu informieren, denn es ist eine wahre Infor-mationenbörse. Diesmal aber waren die Auskünfte nur ungenau:

« Ja, die Wand wurde vermutlich Ende Juni durchstiegen. » « Jetzt haben wir Mitte August. Kann man die Barrieren bezwingen? Sind sie nicht zu gefährlich? » « Nach diesen vielen Schlechtwetter-Wochen weiss man nichts Neues. Viel Glück! Wenn Sie wollen, dass nach einer gewissen Zeit die Rettungsmannschaften alarmiert werden, schreiben Sie sich bitte in dieses Buch ein !» Lächelnd haben wir das Büro verlassen, ohne uns einzutragen. Jetzt spukt diese Frage in meinem Kopf herum. Überdies haben unsere Freunde von einem halben Meter Neuschnee in der Höhe gesprochen, und dies beunruhigt mich ebenfalls. Dieser Aufbruch mitten in der Nacht bekommt mir wieder einmal gar nicht!

Zum Glück heitert mich Philippe Staub mit einer unvorhergesehenen Nummer aus seinem Repertoire etwas auf: er hat die falschen Steigeisen mitgenommen und muss sich nun ungefähr zehn Minuten lang beinahe seine Finger abfrieren, um sie ohne Zange an seinen Schuhen befestigen zu können. Beinahe ginge unsere Tour hier schon zu Ende, auf dem winzigen Blaitière-Glet-scher, auf einem ebenen Stück Weg!

Der Tag bricht an. Es ist sehr schön, und die Nacht war sehr kalt. Also keine Sorgen in dieser Hinsicht, und wir werden die Aiguilles bestaunen können. Im Moment, auch wenn wir an ihrem Fuss sind, ist die Nordwand schroff genug, um uns ihre Hindernisse zu zeigen: zuerst einen vierhundert Meter hohen Felssporn, dessen Flanken beinahe senkrecht abfallen und dessen Grat sich über drei Gendarmen hinzieht, bevor er an der ersten Eismauer endet. Dann darüber der sechshundert Meter hohe, hängende Gletscher, etwas vom Schönsten, was die Aiguilles de Chamonix zu bieten haben! Wie oft schon habe ich von Les Praz, von Argentière oder schon vom Col des Montets aus diesen leuchtenden Eismantel betrachtet, der den Glanz der Aiguilles noch erhöht — oder in anderm Licht betrachtet: diese furchterregende Rutschbahn, die die Wildheit noch deutlicher macht!

Über einen steilen Schneehang erreichen wir den Felssporn nach dem ersten Felsstück. Leicht. Zügig gehen wir entlang der Krete, überzeugt, in dieser Felsregion ein leichtes Spiel zu haben, in welcher der Führer nur von einem einzigen schwierigen Abschnitt spricht. Aber so einfach ist es auch wieder nicht. Mauer folgt auf Mauer. Müssen wir hier aufsteigen oder uns nach rechts wenden? Pulverschnee liegt auf den Felsterrassen, die Platten sind stellenweise mit Glatteis überzogen. Langsam steigen wir weiter auf und lösen uns nach jeder Seillänge in der Führung ab. In einer langen Traverse stehen wir mit den Füssen im Schnee und entdecken, dass der Fels unser Vertrauen nicht mehr verdient: der Granit ist schlecht, und wir umrunden die Blöcke, um es leichter zu haben. Man könnte sich auf jungfräulichem Boden glauben, auf dem noch niemand zuvor gegangen wäre, noch niemand donnernde Steinlawinen ausgelöst hätte. Dabei liegt uns zu Füssen die Plan de l' Aiguille mit ihren Weiden und ihrem See, und bald werden die Touristen scharenweise die Wanderwege bevölkern. Nur ein paar hundert Meter gähnender Leere liegen zwischen den Wiesen und uns; sie trennen die Waag-rechte von der Senkrechten, die Unbekümmert- heit des Ferienlebens von der Spannung einer gefährlichen Klettertour.

Als wir durch einen beschwerlichen Kamin wieder den Grat erreichen, entdecken wir im Schnee verwischte, rundliche Eindrücke. Ich wische die zwanzig Zentimeter hohe Pulverschneedecke weg. Es sind wirklich Fusstritte. Sie werden uns helfen, unsern Weg zwischen den Séracs hindurch zu finden. Aber die Fussspuren scheinen beim Abstieg entstanden zu sein! Seltsam. Eine widerspenstige, mit Schnee bedeckte Felswand zwingt Philippe, zwei Haken einzuschlagen. Dann verliert sich die Krete in der Barriere der Séracs.

Wo der Grat ausläuft, werden wir wohl etwas trinken können, die Eisen anziehen und die Hindernisse betrachten. Aber wo soll man sich zwischen diesen Abgründen hinsetzen? Überraschung: Hier ist eine Plattform von einem auf zwei Meter gehauen worden.

« Warum haben die hier nur Rast gemacht? » « Es muss ziemlich viel Zeit gekostet haben, diese Terrasse anzulegen. » « Wenn wir oben steckenbleiben, werden wir ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehmen... » Eins ist sicher: in den Hängen über uns sind keine Fussspuren erkennbar. Es gibt also keinen Ariadne-Faden.

Direkt über uns weist die erste Barriere von Séracs einen Überhang von rund vierzig Metern auf. Rechts öffnet sich im Fels ein riesiger Trichter. Offensichtlich die Talstation von Lawinen, aber man sollte sie schnell erklimmen können. Für den Fall, dass mich ein fallender Eisbrocken aus dem Gleichgewicht bringen könnte, setze ich am Rand des Trichters eine Eisschraube ein und steige diagonal auf, so rasch ich nur kann. Philippe kommt nach und geht weiter. Nichts bewegt sich. Bald haben wir den Felsriegel überwunden und bewegen uns auf einem nur sanft geneigten Gletscher. Seltsamer Kontrast, den wir noch mehrmals erleben werden: von senkrechten Wänden zu gewölbten Dächern gigantischer Eispaläste. Wir traversieren nach links, um in die Mitte des schmalen Gletschers zu gelangen und die zweite Mauer zu untersuchen.

Diesmal gilt es ernst. Die Mauer steht unter fürchterlichem Druck, welcher das Eis gegen die Granitwände links und rechts gepresst hat. Eine Umgehung erscheint uns zu gefährlich. Genau in der Mitte erhebt sich ein sehr steiler Schneekegel gegen die Mauer, welche noch um rund fünfzehn Meter fast senkrecht darüber aufragt. Dies ist sicherer. Rasch habe ich den Kegel auf dem sehr harten Schnee erklommen und begebe mich in eine winzige Nische unter einem schützenden Überhang. Philippe scheint Lust zu haben, sich diesem Abschnitt künstlicher Kletterei zu widmen, und ich beeile mich, seinen jungen Eifer zu unterstützen, indem ich ihm ein paar Schrauben und Haken reiche. Er verschwindet über dem Überhang. Lange Zeit bleibe ich allein, betrachte die hängenden Seile und erteile die im Alpinistenjargon üblichen Befehle: « Tire... Mou... Sec! » Während meine Kleidung im Eis festfriert, habe ich Zeit, über diese erstaunliche Besteigung nachzusinnen. Sie ist nicht neu, bei weitem nicht. Im Jahre 1929 ging Paul Dillemann auf einen Erkundungsgang und nahm den Bergführer Armand Charlet in seine Dienste. Der berühmte Gletscherspezialist fand auf Anhieb eine elegante Linie.

Fünfzig Meter zu meiner Rechten hat sich ein Seracstück losgelöst. Der Hang ist so steil, dass es geräuschlos auf dem frischen Schnee in die Tiefe saust. Es löst eine kleine Lawine aus und verwischt unsere Spuren im Trichter, bevor es mit einem weichen Zischen in die Leere springt.

Philippe quält sich in seiner Mauer ab. Das Seil steigt nur ruckweise. Ich erinnere mich an einen Textabschnitt, den ich einmal gelesen habe: « Bereits ohne Hoffnung, eine dieser Séracbarrieren noch überwinden zu können, drang eine Genfer Seilschaft in eine Spalte ein, durchquerte einen zauberhaften Tunnel durch das Eis und kam hinter dem Hindernis wieder ans Tageslicht. » Bei der nächsten Barriere werden wir nachschauen, ob uns der Zufall in diesem Jahr ebenfalls eine derart unglaubliche Lösung beschwert hat.

Schliesslich gibt mir mein Kamerad das Zeichen, und ich steige zu ihm auf. Er hat auf der Mauerkante einen sonnenbeschienenen, märchenhaften Standplatz gefunden. Etwas abgesetzt von der Wand, am Rande des vom Sérac gebildeten Sprungbrettes, befinden wir uns im Mittelpunkt eines Eisrunds, entsprechend dem Felszirkus des Ryan-Lochmatter-Grates. Nach dem Envers des Aiguilles nun die Nordseite der Aiguilles! Rechts die Aiguille des Deux Aigles, geheimnisvoll, selten bezwungen, mit ihrem Nordsporn, den Rébuffat und mein alter Freund Bernard Pierre in völlig gerader Linie erobert haben. Links der Eisschuppenpanzer des Caïman, auf dem Jacques Lagarde zwei äusserst gefährliche Routen eröffnet hat. Etwas weiter entfernt die Westflanke der Aiguille de Blaitière, wo wir den glatten Riss erahnt haben, welchen Brown durch Einklemmen von Steinen bezwungen hatte... Im Hintergrund der Nordgrat der Blaitière, wo ich meine Finger ganz hübsch anstrengen musste. Eine seltsame, kalte und senkrechte Schönheit. Was wäre sie, wenn ihr Eis und ihre Felswände nicht an vergangene Taten, Menschen und Höchstleistungen erinnerten? Die Menschen erheben den seltsamen Anspruch, der Wüste einen Sinn gegeben zu haben, und sie haben recht. Die Bergsteiger, und nur sie allein, haben dafür gesorgt, dass uns diese Wände nicht mehr gleichgültig sind. Edmond Pidoux, ein leidenschaftlicher Felskletterer, sagt, dass die Natur nur eine Auster ist, in welcher der Mensch zugleich Perle und Käufer ist... Der Neuschnee ist fest, wenn auch tief, und wir werden ziemlich müde beim Spuren des Weges, der uns entlang eines Couloirs ohne weitere Probleme um die dritte Barriere herumführt. Wir haben gesehen, dass die vierte Mauer die letzte sein wird, bevor wir auf langen Hängen zum Gipfel gelangen können.

Aber diese vierte Barriere ist ein Ungeheuer. Sie ist beinahe hundert Meter hoch.

Ich ahne, dass es möglich ist, dem Hindernis ein Schnippchen zu schlagen. Faulheit macht wahrlich erfinderisch, das stimmt. Es scheint mir auch, dass der Kernpunkt des Bergsteigens darin besteht, zu berechnen, zu spielen und den einfachsten Weg zu finden, auch aus der schlimmsten Wand hinauszukommen. Die Kletterer der « Superdirettissima », die ihre gerade Linie mit Haken bezwingen, verdienen meine Bewunderung, aber ich halte mich lieber an eine Route, welche mehr Augen und Phantasie als die Arme beansprucht. Wenn ich andere Muskeln hätte, wäre ich vielleicht anderer Ansicht... Ich überzeuge mich daher, dass wir im tiefen Schnee am Fusse der Séracs aufsteigen können, auf einem hypothetischen Band nach rechts ausweichen, dann in einem möglichen Couloir schräg aufsteigen, auf einem zweiten unsichtbaren Band in der Mitte der Mauer weiterklettern und den Ausgang in einer Spalte oder einem Tunnel finden werden, welcher sich gütigerweise bieten wird. Mummery hätte dazu bemerkt, « man würde sich mehr der Vorsehung als dem Selbstvertrauen hingeben, wie dies sehr oft üblich ist, wenn man an nichts mehr glauben kann ». Philippe erweist sich in dieser Beziehung nicht als Experte und überlässt mir den Vortritt. Der Zickzackaufstieg gelingt, nur fehlt der Tunnel, den die guten Geister in diesem Jahr nicht geöffnet haben. Als wir uns damit abfinden müssen, die grosse Eiswand anzugehen, bietet sich uns nach unten ein hinreissender Blick zwischen die Séracs; aber gegen oben hat man doch das Gefühl, dem Ende der Schwierigkeiten nahe zu sein.

Wie Grünspechte, die eine Tanne mit ihrem Schnabel bearbeiten, so schlagen wir mit trockenen Hieben Löcher ins Eis, in denen wir mit dem Eispickel das Gleichgewicht halten können, während wir auf den Frontzacken aufsteigen. Hie und da hilft eine Eisschraube, eine Gefahr zu überwinden, und trotz unserer Müdigkeit geniessen wir diesen atemberaubenden, geradlinigen Aufstieg, bei dem wir auf Stufenschlagen verzichten und uns nur ein paar stählernen Spitzen anvertrauen.

Vierzig Meter weiter oben legt sich der Hang etwas zurück, und wir gehen wieder auf Schnee. Der Blick hinauf wird frei. Keine Séracs mehr, die 117 Die Nordwand des Aiguille du Plan. Von I.n.r.: Dent du Caïman, Dent du Crocodile und die Aiguille du Plan 118 Die Aiguilles de Blaitière, die Ciseaux und die Aiguille du Fou unsern Weg blockieren oder uns auf den Kopf fallen könnten. Seltsam, wie lange ich nicht mehr an diese Gefahr gedacht habe! Eigenartig, wie man sich darangewöhnt...

Im tiefen Sulzschnee brauchen wir nur noch unsere Beine bis an die Knie einsinken zu lassen und uns Schritt um Schritt emporzuarbeiten. Die Beine sind schwer, der Atem kurz, das Herz leicht. Die Sonne beginnt zu sinken; und langsam versinken am Horizont die einzigartigen Monolithen der Deux Aigles und des Caïman, dann die Felsfluchten des Crocodile, und schliesslich berühren unsere Finger den wunderbar fahlroten und körnigen Granit des Gipfels der Aiguille du Plan, die uns zweimal Freude bereitet hat.

Aus dem Französischen übertragen von Dieter Portmann

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