Die Gornergratbahn

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Wenn eine Bergbahn Berechtigung hat, so ist es diese. Sie nimmt dem Bergsteiger nichts. Der Gornergrat ist ein Schuttrücken, dessen Besteigung an sich nicht reizt. Der Ruf dieses Berges — oder richtiger: dieser Kuppe im Westgrat des Stockhorns — beruht allein in seiner Aussicht. Darum kann auch der Bergsteiger diesen Bahnbau dulden, der dem Schwachen gibt und dem Starken nichts nimmt. Ja, noch mehr: Auch ihm wird diese Bahn zu einem ungeheuren Erlebnis. Mag er auf jedem Höhenpunkt des Zermatter Gipfelringes gestanden haben, die Bahn bringt ihm Neues. Die Schnelligkeit der Auffahrt zeigt ihm die Landschaft in der Entfaltung. Die langsame Bewegung zu Fuss bringt ihm das nie in gleichem Masse zum Bewusstsein. Sah er den Berg nicht bisher als das Starre seit Ewigkeit? Das erhabenste Sinnbild der Dauer auf Erden?

Und nun auf einmal, vom Fenster der Bahn gesehen: Die Berge werden, wachsen, blühen und welken wie wir. Das lehrt die steigende und wieder fallende Bahn.

Da ist anfangs die Halle. Nichts als die Halle. Wie andere Bahnhöfe mehr. Nur unsichtbare Berge blasen frei ihren Atem hinein. Und nun die Wiesen. Der Morgenwind fegt über fetten Gräsern. Und dann das Hörn. Von allen Bergen nur das Hörn. Du sahst es schon gestern hoch über der Strasse von Zermatt, drohend und starr. Und nun auf einmal, der du doch fuhrst, nun stehst du still, und das Matterhorn wendet sich und wächst. Es wächst aus dem breiten Sockel heraus, es wendet die Stirn und spitzt sich zu. Und dann erscheinen, von unsichtbaren Händen gebreitet, die weissen Teppiche der Gletscher unter seinem Fuss. Es wächst und wendet sich bis zu der ersten grossen Schleife der Bahn. Nun kehrt sie ihm den Rücken und zeigt dir ein neues Bild: Drüben über der Höhbalm spitzt es auf, weiss und felsig. Und auf einmal ist es der Gipfel des Gabelhorns, des Rothorns und Weisshorns. Die Gipfel nur. Doch sieh, auch diese: sie wachsen und werden. Über alle Erwartung gross. Erst reckt sich das Gipfelgerüst über den Rand des Tales. Dann blühen die Gletscher in der Morgensonne. Und die Berge steigen, und die Täler tiefen sich ein.

So wächst der Ring der Gipfel aus der Meeresbläue des Horizonts. Ver-schwenderisch werden Einzelbilder gezeigt. Sie kommen und gehen. Hier ist ein Tälchen, mit lichten Lärchen bestanden. Und auf einmal streicht in der Lücke des Tälchens majestätisch das Dreieck des Weisshorns vorbei. Nun droht dort links im Hintergrunde die Dent Blanche. Und immer noch steigen die Gipfel auf, wachsen wie am Schöpfungstage. Wachsen und werden vorübergezogen, ein Bilderspiel in der Hand eines Gottes. Und neue, neue spriessen hervor. Versunken ist das Tal. Was gilt noch seine Geschäftigkeit! Die Berge sind alles. Und weiter oben, auf dem Riffelberg und dem Roten Boden, da versinkt der Wald, da welkt das Grün, und die Welt wird weiss. Der Himmel verblasst über leuchtendem Schnee. Das Breithorn erscheint, die Zwillinge blinken, und nun — wie ein fallender Vorhang verrauscht der irdische Schutt —, nicht wachsend, nicht werdend: Vollendet ist das Werk, überirdisch in Eis gestaltet: Lyskamm und Monte Rosa.

Die Ruhe des siebenten Tages ist da.

Unten verrauscht des Gletschers Strom...

Die weissen Gipfel verglühen rot. Flammen zucken um die Pyramiden im Westen. Der Wagen rollt langsam zutal. Aus der Berge geschlossenem Kronenring brechen blinkende Steine. Die Schutthänge steigen, die Matten schwellen, und der Abendwind rauscht im Walde.

Du willst noch einmal den Lyskamm grüssen. Siehe, er ist nicht mehr. Das Weisshorn sinkt zusammen. Eben verschwand die Gipfelwächte des Gabelhorns blitzend hinter dem wachsenden Hang. Nun hält dich die breite Furche des Tales wieder gefangen. Einsam wie nie droht das Matterhorn.

Im blassen Himmel blinkt ein erster Stern _ Oskar Erich Meyer.

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