Die schweizerische Himalaya-Expedition 1936

Vorläufiger Berichf.

Von Arnold Heim.

Nachdem ich während mehr als zwanzig Jahren mit der geologischen Erforschung unserer Alpen beschäftigt war, vor sechs Jahren die chinesisch-tibetischen Grenzgebirge und vor zwei Jahren die hinterindischen Gebirgsketten in Siam studiert hatte, war mein Wunsch immer stärker geworden, dereinst vergleichsweise auch den Himalaya, das grösste und jüngste Gebirge unserer Erde, kennen zu lernen.

Dieser Wunsch ist nun im vergangenen Jahr in Erfüllung gegangen, vor allem dank grosszügiger Unterstützung durch unsere Akademie, die Schweizerische naturforschende Gesellschaft, ferner von einigen schweizerischen Gesellschaften, darunter auch dem Schweizer Alpenclub, und von Privaten, die alle in dem in Vorbereitung stehenden Buche genannt sein werden.

Zum Unterschied von den meisten Himalaya-Expeditionen hatte unsere erste schweizerische Expedition von Anfang an nicht eine sportliche Rekordleistung oder die Erstbesteigung kühner Gipfel beabsichtigt. Ihr Hauptzweck war eine wissenschaftliche, geologische, insbesondere tektonische Erforschung des zentralen Himalaya. In der Tat war der grösste Teil des bereisten Gebirges geologisch noch völlig unbekannt und noch von keinem Geologen bereist worden.

Es war am 18. März 1936, als mein junger Kollege Dr. August Gansser mit mir von der Schweiz abreiste. In dreitägigem Flug mit dem « Douglas » der holländischen Verkehrslinie erreichten wir Jodhpur in Indien. Nicht nur des Zeitgewinnes wegen war dieser Flug für uns wertvoll, sondern weil er uns einen wunderbaren Einblick in den Gebirgsbau der asiatischen Randketten bot. Auf Grund besonderer Erlaubnis von den Regierungen der überflogenen Länder gelang es uns auch, während des Fluges durch die verschlossenen Fenster hindurch diese Einblicke photographisch festzuhalten.

Meine ursprüngliche Absicht war das Studium des grossen Querprofiles längs der NW-Grenze von Nepal und weiter bis Gurla Mandhata 7700 m und Manasarovarsee in Tibet, um im August wieder zurückzukehren. Auf Grund des Verbotes von Seiten der Regierung von Delhi wurde aber auf den zweiten Teil dieses Programmes verzichtet, und wir konzentrierten uns auf British Kumaon. Wegen des « schlechtesten Sommers seit Menschengedenken » — es war so im Himalaya wie in den Alpen — konnten wir unser abgeändertes Programm nur dadurch glücklich zu Ende führen, dass wir noch drei Monate zugaben und bis in den November hinein im Gebirge arbeiteten.

Die Wahl eines dritten Teilnehmers war auf den bekannten Alpinisten Werner Weckert in Zürich gefallen. Ihm verdanken wir die Zusammenstellung der Sportausrüstung.

Nachdem wir Geologen uns mit Vorstudien im Gebiet von Darjeeling, anderseits in den Randketten von Mussoorie unter der freundlichen Führung Die Alpen — 1937 — Les Alpes.7 " -«, "

des Geologen J. B. Auden vom Geological Survey of India beschäftigt hatten, war Weckert samt dem Grossgepäck auf dem Dampfer Strathmore in Bombay angekommen. Einige Tage später trafen wir uns an der Eisenbahnendstation in Kathgodam und erreichten Almora im Auto.

Schon nach dem zweiten Tag unserer Fussreise ab Almora erkrankte unser guter Kamerad Weckert. Er musste zurückgetragen und im Militär-spital von Ranikhet am Blinddarm operiert werden. Leider konnte er uns nicht wieder folgen, so dass wir Geologen zu zweit die ganze Aufgabe zu übernehmen hatten.

Von Almora, der Endstation des Autoverkehrs, erreichten wir in 16 Tagesetappen mit 30 Trägern zu Fuss unser erstes Hauptquartier im Hochgebirge, das Dorf Garbyang, 3100 m. Von dort aus machten wir mehrwöchige Exkursionen in die NW-Ecke des verbotenen Nepal und entdeckten dort ganze, bisher unbekannte und unbenannte Gebirgsgruppen mit Gipfeln zwischen 6000 und 7500 Meter. Zwei Erstbesteigungen von Gipfeln von 5800 und 6000 m mögen hier erwähnt werden. Auf dem Tinkar Lipu ( Pass von 5200 m ) entdeckte Gansser eine prächtige Fauna von Ammoniten, Zeugen eines dortigen tiefen Meergrundes in der Triaszeit. Glücklich entschlüpften wir der Festnahme durch einen nepalischen Offizier.

Unser zweites Hauptquartier war Kuti, zwischen 3700 und 3800 m, das höchste Dorf im zentralen Himalaya. In jener Gegend nordwestlich des Lipu Lek fanden wir im Gebirge verschiedene schuppenförmige Überschiebungen, die alle auf eine Erdrindenbewegung von Zentralasien nach der indischen Ebene hinweisen. Ungewöhnlich früh, schon am 21. Juni, setzte in der tibetischen Grenzkette der Monsun ein. Bekanntlich mussten deswegen die englische Everest- und die französische Karakoram-Expedition ihre Pläne aufgeben. Auch eines unserer Ziele fiel dahin. Wir beabsichtigten, den Schangtang, den höchsten Gipfel der Grenzkette gegen Tibet, zu besteigen, um von dort aus eine Übersicht zu gewinnen. Drei Wochen lang hatten wir zwei Zelte mit Proviant bei Mont Blanc-Höhe oberhalb Kuti aufgestellt. Nachdem es aber täglich darauf regnete oder schneite, mussten wir die Zelte unverrichteter Dinge wieder herunterholen.

In dieser Zeit des beginnenden Monsuns gelang es indessen A. Gansser, eine unerwartete Gelegenheit ergreifend, über den 5600 m hohen Mangshang-pass nach Tibet zu entwischen. Er tat dies als Privatperson und auf eigene Verantwortung. Sich anschliessend an zwei eingeborene Schaftreiber, selbst als tibetischer Pilger verkleidet, erreichte er in Gewaltmärschen den Kailas 6700 m, den « heiligsten Berg der Welt », und kehrte nach 12 Tagen mit reichen Resultaten in mein Lager zurück. Unser Buch wird von den spannenden Erlebnissen Bericht erstatten.

Von Kuti aus überschritten wir in voller Monsunzeit, bei schlechtem Wetter und in Lawinengefahr, den Lebong 5300 m und den gefürchteten Ralampass 5600 m, und erreichten Ende Juli das grosse Dorf Milam am Gori Ganga. Dies sollte unser drittes Standquartier werden. Noch gelang uns eine 14tägige Exkursion über den Uttadhura 5400 m und den Kiangurpass 5200 m in das geologisch problematischste Gebiet des Himalayas, die tibetische Grenz- kette im Oberlauf des Kiogarflüsschens. Dort fanden wir, dass die « exotischen Blöcke », die von Krafft im Jahr 1900 beschrieben hatte, im Zusammenhang mit einem ganzen überschobenen Gebirge stehen, ähnlich wie die sogenannten Klippen unserer Alpen. Einen von mir bestiegenen Berg von 5700 m nannte ich daher in meinem Tagebuch auf Grund seiner Ähnlichkeit den « Grossen Mythen ». Die schiebende Gebirgsbewegung im zentralen Himalaya kommt aber in umgekehrter Richtung wie diejenige der Schweizeralpen, nämlich von Nordost nach Südwest.

Der Übertritt Ganssers nach Tibet wurde unterdessen verraten. Wir wurden vom Patwari ( Bezirkspolizist ) abgefasst und nach Almora zurück-beordert. Eine Rückkehr nach Malia Johar, wo unsere Arbeiten jäh abgebrochen werden mussten, war uns nicht gestattet, wohl aber eine neue zweimonatige Reise in den Distrikt Garhwal.

Unser neuer Plan galt dem heiligen Quellgebiet des Ganges, in der Umgebung des Wallfahrtsortes Badrinath, wohin alljährlich 50-100,000 fromme Hindus pilgern. Unterdessen war es Herbst geworden. Aber erst im Oktober folgte wirklich klares Wetter mit prachtvoller Fernsicht. So waren denn auch die Oktobertage, als wir bei 5100 m oberhalb des Bhagat Karak-Gletschers kampierten, die schönsten unserer ganzen Expedition. Unvergesslich bleibt der strahlende Glanz des von 7110 m bis zum Hauptgletscher hinab, auf 2500 m Höhendifferenz, mit Eis gepanzerten Badrinath-Gipfels. Diesem gegenüber gelang es A. Gansser, allein unter vierstündigem Hacken über einen scharfen Eisgrat, einen noch unbenannten Sechstausender zu besteigen und vom Gipfel aus das Panorama kinematographisch aufzunehmen.

Nach der Rückkehr nach Almora, am 28. Oktober, machten wir noch einen Ausflug auf den 2500 m hohen Vorberg bei Binsar. In der Tat ist dies wohl der schönste Aussichtspunkt des ganzen Himalayavorgebirges, soweit dieses heute bekannt ist. Wir verbrachten auf dem Gipfel im Schlafsack eine unvergessliche Vollmondnacht. Ihr folgte ein so herrlich klarer Morgen, dass wir das ganze Panorama photographieren und zeichnen konnten. In der Mitte steht der höchste Gipfel des zentralen Himalaya und des Britischen Weltreiches, Nanda Devi 7800 m, der Ende August 1936 von der britisch-amerikanischen Expedition bestiegen wurde. Links in der Ferne steht das mächtige Massiv des Badrinath, und im fernen Osten erkennen wir die nepalesischen Siebentausender. Der Rückblick über die uns nun vertraut gewordenen Berge war ein herrlicher Abschluss unserer Expedition.

Unsere bergsteigerischen Leistungen sind nicht effektmachend. Anderseits darf aber erwähnt werden, dass wir in den 8 Monaten mit etwa 15 Passübergängen über 5000 m und einigen Gipfeln, alles zusammengerechnet, mehr gestiegen sind als die meisten grossen Expeditionen, die Mount Everest-Expeditionen inbegriffen.

Es sei noch kurz einiges über die wissenschaftlichen Ergebnisse mitgeteilt.

Zunächst fanden wir, dass die sogenannte « Great boundary fault » nahe dem äusseren Gebirgsrand gegen die indische Tiefebene als eine Reliefüberschiebung aufzufassen ist wie unser nördlicher Alpenrand gegen die Molasse.

Dann beobachteten wir, dass im Vorgebirge des zentralen Himalaya in der Regel die Gräte und Gipfel aus stärker metamorphen, kristallinen Gesteinen bestehen als die Taleinschnitte und dass daraus auf eine verkehrte Lagerung geschlossen werden muss, hervorgegangen aus gewaltigen, von Nordost nach Südwest gestossenen Falten. Solche Deckenlagerungen hatten schon die Geologen des Geological Survey of India weiter nordwestlich bei Simla festgestellt. Wir verfolgten sie nun auch ins Innere des Gebirges bis zu den Hochketten, wo die Formationen wieder in normaler Lagerung nach Nordosten in die Tiefe absteigen, das heisst also bis in die Wurzelregion der grossen Gneisdecken. Völlig unbekannt war, dass darüber noch einmal die Erdrinde in Schuppen aus Nordosten hergestossen wurde, diesmal mit fossilreichen Sedimentschichten vom Carbon bis zur oberen Kreide. Und schliesslich folgt erst noch darüber über dem Kreideflysch die merkwürdigste aller Überschiebungen, die drüben in Tibet wurzelnde « Klippendecke » mit ihren exotischen Gesteinen, unter denen manche täuschend ähnlich sind einem « Adnether-kalk » ( Lias ), einem « Hallstädterkalk » ( Trias ) oder einem Dachsteinkalk der Ostalpen. Eine allgemeine, gewaltige, flutartige Bewegung der Erdrinde von Zentralasien nach der indischen Tiefebene ist also damit festgestellt. Sie erinnert in mancher Hinsicht an die Alpen, jedoch erfolgte der Gebirgsschub in umgekehrter Richtung.

Diese Bewegung ist nicht nur jünger als der Aufbau unserer Alpen, sondern sie schreitet heute noch fort. Im nordwestlichen Himalaya von Kaschmir haben verschiedene Geologen und Botaniker ( Wadia, De Terra, Sahni u.a. ) festgestellt, dass die sogenannten Karewaschichten mit paläolithischen Artefakten stellenweise bis zu über 30° geneigt und aufgerichtet sind. Dass der Himalaya heute noch in Hebung begriffen ist, verraten auch die von uns beobachteten konvex geformten Hänge der Schluchten. Sie sind dadurch bedingt, dass die Flüsse durch die junge Hebung ein stärkeres Gefälle und daher grössere Erosionskraft erhalten haben. Der Himalaya ist noch nicht in sich selbst zurückgesunken wie die Alpen mit ihren zu Seen ertrunkenen Tälern. Die Hebung erfolgt, wenn auch für unsere gewöhnlichen Begriffe langsam, aber doch schneller, als das Gebirge durch Erosion wieder abgetragen werden kann. So sieht für den Geologen der Himalaya aus wie ein mächtiger lebender Organismus. Kein Wunder, dass das höchste und grösste Gebirge auch zu den jüngsten Gebirgen gehört!

Was die Gletscher betrifft, so haben wir gefunden, dass diese in der quartären Eiszeit in den Quertälern bis auf etwa 2000 m herabreichten, während sie jetzt bei 3800 bis 4000 m endigen und sich anscheinend noch weiter im Rückzug befinden. Die Vergletscherung war also einst viel bedeutender als im chinesisch-tibetischen Grenzgebirge des Minya Gongkar, aber viel geringer als in den Alpen, wo die Gletscher bis weit in das Vorland hinausfluteten. Die jetzigen Hauptgletscher sind meist auf 5-15 km in ihrem unteren Teil völlig mit Schutt bedeckt und auch von Moränenschutt unterlagert. Ihre Arbeit ist so träge, dass sie nicht einmal imstande sind, ihr eigenes Schuttbett auszuräumen. Das Eis schwimmt auf einem Moränendamm, ähnlich einem trägen Flusse, der mehr ablagert, als er fortzuschaffen vermag. Damit steht im Zusammenhang, dass Gletscherschliffe auf anstehendem Fels nur lokal zu finden und von untergeordneter Bedeutung sind. Diese Trägheit der Hauptgletscher steht im schärfsten Gegensatz zu der Wucht des Wassers.

Die Ausarbeitung unseres umfangreichen Materials an Karten, Tagebüchern, sowie der petrographischen und paläontologischen Sammlungen wird noch lange Zeit erfordern. Die Ergebnisse sollen in zwei Büchern niedergelegt werden, einem reich illustrierten, allgemein verständlichen in Deutsch und einem rein wissenschaftlichen in Englisch. Dass unsere Resultate mehr als befriedigend ausgefallen sind, ist zu einem grossen Teil der scharfsinnigen und tatkräftigen Mitarbeit meines jungen Kollegen Gansser zu verdanken.

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