Dr. C. Schröter: Das Pflanzenleben der Alpen

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Seit dem Erscheinen von H. Christ's klassischem Werk „ Ztas Pflanzenleben der Schweiz ", in welchem auch ein treffliches Bild der Alpenflora entrollt wird, sind über 30 Jahre verflossen. Das neue Werk Prof. Schröter1* soll, nach des Verfassers eigenen Worten, „ den Rahmen, den Christ gegeben, ausdehnen und mit Einzelheiten ausfüllen und gleichzeitig den Fortschritten der Wissenschaft in den letzten 25 Jahren Rechnung tragen ". Daß dies Ziel erreicht worden sei, ist des Referenten aufrichtigste Überzeugung, hingegen erlaubt er sich darüber kein Urteil, weil Schröters Alpenflora ein Werk von so vollendeter Meisterschaft ist, daß nur ganz wenige berufen sind, sich darüber kritisch zu äußern. Die hier folgende Besprechung möge deshalb mehr als Anregung für die Leser dieses Jahrbuches aufgefaßt werden. Auch möchte der Unterzeichnete hervorheben, daß eminente botanische Vorkenntnisse nicht erforderlich sind, um Schröters Werk mit Genuß studieren zu können; es braucht nur Liebe zur Sache.

Die ersten Kapitel haben einleitenden Charakter. Wer je, wie der Referent, Zeuge war von Prof. Schröters hinreißender Vortragsweise, wird sich nicht wundern, auch in scheinbar so unbelebten Thematas, wie über die Regionen der Alpen, Baumgrenze, Alpenlclirna, Standort und Pflanzengesellschaften, jenen Schwung auch in der Schreibweise zu finden, der auch den passiven Leser mit sich fortreißt. Wie originell und zutreffend ist die doch jedenfalls vom Verfasser herrührende Bezeichnung Kampfregion für gewisse Bezirke an der obern Waldgrenze, „ wo die plastische schmiegsame Fichte erst spindeldürr zur gespensterhaften Walzenfichte wird, dann ihren Hauptstamm verkürzt und sich zum Busch, zum Strauch ausbreitet. Die Arve aber schreitet in stolzer ungebeugter Kraftgestalt bis an die Grenzen ihrer Gemarkung; noch die letzten Vorposten recken mächtige Wipfel empor ". Oder wie anschaulich ist die Tabelle über das Wanderleben der Bewohner von Chandolin im Eifischtal, welche ungefähr sechsmal im Jahr die Reise vom Heimatdorf nach Siders hinunter und zurück mit jedesmaligen Aufenthalten in den Sommerdörfern Niouc und Réchy, den Maiensässen oder den Alpstaffeln, durchführen.

Wie der Verfasser sich in der Beurteilung verschiedener sich bekämpfender, wissenschaftlicher Theorien verhält, möge nur an einem Beispiel gezeigt werden, nämlich an der viel umstrittenen Frage über die Bodenstetigkeit der Pflanze, insbesondere mit Bezug auf den Kalkgehalt des Bodens. Daß beim Übergang vom Kalkgebirge in Urgebirgs-formationen auch die Flora wechselt, ist eine jedem beobachtenden Bergwanderer sich aufdrängende Tatsache. Auch wer je versuchte, Alpenpflanzen aus jenen beiden Regionen in der Ebene zu kultivieren, wird bald genug auf diesen für ihn leidigen Unterschied aufmerksam. Prof. Schröter gibt an solcher Stelle die Meinungen der verschiedenen Gelehrten in extenso wieder und fügt erst am Schluß seine eigene Ansicht hinzu, welche bei vorgenanntem Beispiel, wie auch oft anderwärts, eine vermittelnde ist.

Den Hauptteil des Werkes ( 550 Seiten !) nimmt die Beschreibung der Hauptrepräsentanten der Alpenflora in Anspruch. Über die Bevor- zugung, die hier der Verfasser einzelner Pflanzengruppen, beispielsweise den Gräsern, zuteil werden läßt, äußert er sich in folgender Weise: „ Von der Erfahrung ausgehend, daß die Süßgräser und Sauergräser dem Studium große Schwierigkeiten bieten, von den Liebhabern der Alpenflora am wenigsten gekannt und in den verbreiteten Hülfsmitteln meist stiefmütterlich behandelt sind, haben wir gerade diese Gruppe ausführlicher behandeln und reicher illustrieren zu sollen geglaubt. Wir hoffen, damit vielen einen Dienst zu erweisen. " Sicherlich wollte der Verfasser damit auch den praktischen Gesichtspunkten der Alpwirtschaft Rechnung tragen. Auch über die jedem Gipfelbesucher bekannten, oft farbenprächtigen Steinflechten, die genügsamsten aller pflanzlichen Organismen, Näheres zu erfahren, wird sicher vielen willkommen sein. Hingegen hat Prof. Schröter gewisse andere Pflanzengattungen, die numerisch dominieren und deshalb in den Floren viel Platz einnehmen, in Kürze abgetan, weil sie von wenig physiologischem, oder biologischem, oder praktisch-wirtschaftlichem Interesse sind. So nehmen die vielen Finger- kräuter ( Potentilla ) und die Habichtskräuter ( Hieratium ) nur wenige Seiten des Buches ein. Von den vielen Rosen ist sogar nur eine, Rosa alpina, besprochen. Dies Vorgehen mag sich auch dadurch rechtfertigen, daß über diese Pflanzengattungen schon detaillierte monographische Arbeiten existieren. Daß aber die Arve ( Pinus cembra ) nicht näher zur Sprache kommt, finde ich schade; wie wichtig sie als Glied der Alpenflora ist, zeigt sich schon aus der Tatsache, daß sie im vorliegenden Werk nicht weniger als 26 mal kurz erwähnt wird.

Anläßlich der Artenbeschreibung betreten wir nicht den nüchternen Weg, den die Pflanzensystematik vorschreibt, sondern der Werdegang der Arbeit gleicht einem Ausflug in die Berge, Aufstieg durch dunkeln Alpenwald, dann über rot glühende Alpenrosenhänge und Verweilen auf sonnigen Triften der Alpenwiese; höher steigen wir unter Prof. Schröters kundiger Führung in die Schneetälchen, über Geröllhalden, wo die Silberwurz den Boden für kommende Pflanzengeschlechter erobert, bis auf die hohen Felsgräte, von denen rote und weiße Androsaceen und blaue Enzianen herunterleuchten. Zuletzt konstatieren wir auf den scheinbar absolut lebensfeindlichen Firnfeldern „ die fast unbesiegbare Anpassungsfähigkeit des organischen Lebens " in Gestalt der Alge des roten und des grünen Schnees.

Eine Menge Illustrationen, so namentlich die vorzüglichen Zeichnungen nach der Natur von Ludwig Schröter, sind dem großen Kapitel über Artenbeschreibung beigegeben. Von den vielen photographischen Reproduktionen vermögen diejenigen nach getrocknetem Material wohl nicht immer den gewollten Eindruck wachzurufen. Den Blumenliebhabern werden dafür die Photographie des Anemonenflors bei Riffelalp oder die Stereoskopaufnahme der Alpenrosen ( Titelbild ) besser gefallen; vielleicht auch das Bild der Kroleusiviese am Rigi, welches einen eigenen Stim-mungszauber atmet, und bei dessen Anblick ich mich an den Ausspruch eines begeisterten, feinsinnigen Engadinerbotanikers erinnere: „ Wenn man über eine solche Frühlingswiese hinblickt, liegt 's darüber wie ein zweiter Schnee, ein Blütenschnee. "

Nachdem in den vorgenannten Kapiteln der Leser die Merkmale, Verbreitung, Standorte und Bodenansprüche, die Anpassungsvorrichtungen der Alpenpflanzen und die Bedingungen für die Ökonomie des Gebirges und seiner Bewohner kennen gelernt hat, erfährt dieses Tatsachenmaterial in den Schlußkapiteln seine geistige Durchdringung1 ). Vorerst leitet Prof. Schröter daraus allgemeine Gesetze ab: Über die Anpassungserscheinungen an die kurze Vegetationsdauer, an die Lichtwirkung, an die Trockenheit der Luft, an die relative Wärme des Bodens. Ein anziehendes Kapitel, bearbeitet von Dr. Giinthart, lehrt uns sodann die so überaus sinnvollen Blüteneinrichtungen kennen, die Anpassungen an die Welt der Insekten. Daß hier der Name Hermann Müllers, des erfolgreichen Förderers der modernen Blütenbiologie, häufig genannt wird, liegt auf der Hand, und es ist überaus interessant, zu verfolgen, wie Müllers Theorien, die er voll Temperament entwickelte und die ganz vom Geiste der darwinistischen Selektionstheorie beherrscht sind, durch die Ergebnisse der neuesten Forschung bald bejaht, bald modifiziert, bald verneint werden. Der blütenbiologische Wissenszweig ist noch sehr in den Anfängen, und deshalb hat der Berufsbotaniker vor dem Amateur kaum etwas voraus. Da es hier viel weniger auf Kenntnisse, als auf scharfe Beobachtungsgabe ankommt, läßt sich für den Alpenwanderer mit offenen Sinnen kaum eine anregendere und auch nützlichere Nebenbeschäftigung denken.

Ferner widmet Prof. Dr. Paul Vogler in St. Gallen den Verbreitung s-mittein der Alpenflora ein kurzes Kapitel. Das wichtigste Verbreitungs-agens ist der Wind, und zu den zahlreichen, ihm angepaßten Verbrei-tungsmitteln gehören auch die unter dem Namen „ Haarige Männli " oder „ Frauenhaar " jedem Berggänger bekannten Fruchtstände von Anemone und Silberwurz.

Endlich liefert die örtliche Verbreitung der Arten die Grundlage für Verallgemeinerungen pflanzengeographischer Natur, nämlich die Herkunft und Geschichte der Alpenflora, bearbeitet von Frau Dr. Brockmann-Jerosch.

Zum Schluß sei noch der von Frl. Luise Schröter und Herrn Dr. Rothpletz besorgten Zusammenstellung des Pflanzenregisters gedacht, eine bei dem so umfassenden Werk ebenso wichtige, als mühevolle Arbeit.

Hans Dübi.

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