Dr. Traugott Schieß: Dritter und vierter Anhang zu Ulrich Campells Topographie von Graubünden

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Beilage zum Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens. Chur 1900.

Dr. Ed. Brückner: Die Schweizerische Landschaft einst und jetzt. Kektoratsrede. Bern 1900.

Dr. Ed. Imhof: Die Waldgrenze in der Schweiz. Gerlands Beiträge zur Geophysik. Band IV, Heft 3. Leipzig 1900.

Wer sich, wie der Referent, mit der wissenschaftlichen Landeskunde der Schweiz, vornehmlich vom historischen Standpunkte und mit Beschränkung auf die Gebirgskantone, befaßt, wird die Arbeit des Churer Kantonsschulprofessors über Ulrich Campell sehr begrüßt haben als eine fast unerwartete Bereicherung unserer Quellen. Der Text der „ Rhœtiae Alpestris Topographica Descriptio " ist bekanntlich 1884 von Archivar Kind in den Quellen zur Schweizergeschichte, Band VII, nach einer Abschrift im Besitz der Familie Salis in Zizers publiziert worden. Die Originalhandschrift, die Campell 1573 nach Zürich an Jos. Simler schickte und die lange für verloren galt, hat sich seitdem wieder gefunden und ist nun im Besitz von Oberst Th. v. Sprecher in Maienfeld. Aus dieser hat nun Prof. Schieß zunächst im Anzeiger für Schweizerische Geschichte 1899, p. 175 ff., die Varianten zum Kindschen Text veröffentlicht und seitdem in den Jahresberichten der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens 1899 und 1900 auch zwei Anhänge von Campells Hand, die Kind noch nicht vorlagen, publiziert. Eine ausführliche Einleitung von Prof. Schieß, welche über die ganze Campellfrage erschöpfende Auskunft giebt, ist ebenfalls 1900 gedruckt, aber aus finanziellen Gründen damals noch nicht publiziert worden, was dies Jahr ( 1901 ) geschehen soll.

826Redaktion.

Ich habe die vortreffliche Arbeit durch die Güte des Verfassers in den Aushängebogen studieren können und will meinen Dank dafür durch diese Anzeige abstatten. Über Campells Leben, seine politische und litterarische Thätigkeit, seine Korrespondenz mit Simler, Bullinger, Gesner u.a., seine Reise mit Gesner und namentlich seinen Anteil an Simlers Commentarius de Alpibus giebt uns Prof. Schieß willkommene Auskunft. Ich verweise auf meine Bemerkungen oben pag. 216 und will hier nur noch folgendes hervorheben. Der in der Originalhandschrift auf p. 543 unten beginnende und bis p. 620 reichende, die Kapitel 50—56 umfassende „ generalis appendix, quse est in ordine tertia, ad totam simul hodiernam Rhseticam ditionem " wird von Campell als dritter Anhang bezeichnet, weil ihm in der „ Topographie " selbst ein erster über die ehemals rätischen Gebiete ( Rheinthal und Sarganserland ) und ein zweiter über die Unterthanenlande vorausgehen, als allgemeiner, weil jene beiden nur specielle Landesteile betreffen. Was Bullinger in einem ( vielleicht auch als Wink für Oampell bestimmten ) Briefe an Pontisella jun. nach dem August 1574 von einer alpinen Topographie wünschte, nämlich: „ reichliche Notizen über die Eigentümlichkeiten des Alpenlandes in Lebensweise, Kleidung, Gesetzen und Bräuchen, über Namen, Höhe, Straßen etc. der Alpen, über warme Quellen, Bergseen und Fische, merkwürdige Gewässer, Höhlen, Engpässe, Schluchten und Straßenbau, über Lawinen, Rettung von Verschütteten, Gletscherspalten, Offenhaltung der Bergstraßen, Saumpferde, Ausrüstung und Vorsichtsmaßregeln für Reisen über die Berge im Winter, über Besonderheiten in Flora und Fauna, über Hirtenleben und Viehzucht etc. ", das findet sich in diesen Anhängen, namentlich im dritten, speciell in dessen Abschnitten 18 und 19. Und zwar geht Campell hier nicht wie in der Topographie so viel auf die antiken Autoren oder andere litterarische Quellen zurück, denen Simler und Stumpf übermäßig vertrauten, sondern er bringt neben solchen abgeleiteten Nachrichten auch Originalbeobachtungen von ihm selbst und seinen Landsleuten, die für uns höchst wertvoll sind. Die schwierige Frage über das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Stumpf, Campell und Simler in Beziehung auf ihre hochalpinen Kenntnisse und Nachrichten ist durch die verdienstliche Publikation von Prof. Schieß der Lösung näher gebracht. Aber immer noch können wir denjenigen nicht mit Namen nennen, der um 1570 herum mehr von diesen Dingen wußte als diese drei, und wenigstens zwei von ihnen sicher beeinflußt hat. Wer wird uns dieses Rätsel lösen?

Sehr belehrend ist und sehr angenehm liest sich die Rektoratsrede, welche der Professor der Geographie an der Universität Bern am 18. November 1899 zum 65. Dies academicus Bernensis über Schweizerische Landschaft einst und jetzt gehalten hat. Es gab nach seinen Ausführungen einst eine ideale Landschaft für Alpenclubisten in der Nähe von Bern zur Zeit, wo bei einer Durchschnittstemperatur von 4° C. der Rhonegletscher bis über Wangen a. d. Aare hinausreichte und sich bei Bern nahe an den hier endigenden Aaregletscher heranlegte, und das Schweizerland ein landschaftliches Bild bot wie die Umgebung des Mount Elias in Alasca. Schade, daß nach den Gelehrten der älteste Mensch, der bisher in der Schweiz nachgewiesen worden ist, der Renntierjäger vom Schweizersbild bei Schaffhausen, erst 6000 Jahre nach dieser letzten Eiszeit gelebt hat.

Wie und unter welchen Einflüssen sich das Bild der schweizerischen Landschaft seit dem Auftreten des Menschen darin bis auf den heutigen Zustand geändert hat im Gebirge, an den Seen, in den Thälern und auf der Hochebene, das mag man bei Herrn Brückner selbst nachlesen. Über Lawinen, Bergstürze, Klima- und Gletscherstandschwankungen giebt die Rede kompetente Auskunft, und uns Bergsteigern speciell eröffnet sie die frohe Aussicht, daß wir in 20-25 Jahren einen neuen Hochstand der Gletscher zu erwarten haben — wenn nichts dazwischen kommt.

In Brückners Rektoratsrede wird mehrfach auf die im geographischen Institut der Universität Bern entstandene Arbeit über die Waldgrenze in der Schweiz hingewiesen. Dr. Imhof hat darin, gestützt auf die Angaben in der Litteratur, die Beobachtungen der Forstämter der Kantone und des eidgenössischen Oberforstamtes in Bern, und besonders nach den Eintragungen im Topographischen Atlas die Höhenlage und Gestaltung der obern Waldgrenze für das Gesamtgebiet der Schweizer Alpen und des Jura darzustellen und in ihren Ursachen zu verfolgen gesucht. Nach einem historischen Überblick über die früheren Forschungen seit Albrecht v. Haller, der auch hier die Fackel der Erleuchtung vorantrug, und einer Definition und Bestimmungsmethode der oberen Waldgrenze folgt in einem speciellen Teil die Detailuntersuchung im Wallis, Tessin und Misox, Graubünden ( a. Engadin, b. Bündnerisches Rheingebiet ), Berner Oberland ( inklusive Waadt und Freiburg ), Urschweiz, Glarus- St. Gallen-Appenzell, Jura. Im allgemeinen Teil wird erst eine Übersicht über die Höhenlage der Waldgrenze in der Schweiz gegeben und dann die Faktoren genannt, welche die Lage und Form der Waldgrenzen bestimmen. Die tabellarische Zusammenstellung beweist und die Waldisohypsen der Karte zeigen das auffällige, aber von Dr. Imhof mit guten Gründen erklärte Resultat, daß die höchste Walderhebung bis über 2300 Meter im Gebiet der Mischabel, des Weißhorns, des Monte Rosa und der Fletschhörner liegt, also der größten Massenerhebung folgt. Auch im Osten liegt die höchste Waldgrenze mit 2200 Metern in der Nähe der Bernina. Sehr interessant ist, was Dr. Imhof über die Wechselbeziehungen, eventuell Störungen, zwischen Schnee- und Waldgrenze vorbringt, und an der Lösung der Detailaufgaben, die er zum Schluß aufstellt, könnten wohl auch Bergsteiger, die in der Naturforschung Laien sind, durch gelegentliche Beobachtung, zu der sie nur angeleitet zu werden brauchten, mitwirken.,Redaktion.

Feedback