Ein Hüttenweg

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JJos. L. Schmid

Mit 1 SkizzeBasel ) Dort, wo der Vorderrhein und der Hinterrhein sich vereinigen, stehst du auf der Brücke und blickst ins dunkle, blaugrüne Wasser hinunter. Über diese Brücke führt dich dein Weg nach Tamins, dem schmucken Dörfchen oben am Berghang. Weit blickt die Spitze des schlanken Kirchturms in das Tal des Rheins hinaus.

Du wanderst mit deinen Bergschuhen durch die ruhige, saubere Dorfstrasse. Der kurze Pickel ist im geräumigen Rucksack verstaut. Nur ganz wenig schaut der Pickelschaft hervor. Beide Hände tief in den Hosensäcken vergraben, die Pfeife im Munde, steigst du den Weg — es ist die Kunkelspass-strasse — bergan. Du weisst, nach dem ersten, kurzen, steilen Anstieg kommst du zur grossen Ebene, « Girsch » genannt. Da sind wieder die Lärchen. Es ist immer die gleiche Pracht: Wiesen, herrlich duftende Wälder. Und wenn du einmal zurückblickst, grüsst der stolze Kirchturm von Tamins herüber. Du siehst auch, weit oben, die Paßstrasse, wie sie im Felstunnel verschwindet, und auch die zwei Löcher im Fels. Einmal dort oben, wirst du von diesem einzigartigen Tunnelausblick die weite, schöne, heimatliche Landschaft bewundern.

Bereits hast du den « Girsch » hinter dir gelassen; nun führt die Strasse in Kehren bergwärts. Da — rechts der Strasse — ist der Brunnen. Ein kurzer Halt. Nein, du trinkst nicht von dem kühlen, spiegelklaren Wasser; aber du tauchst deine Arme in das herrliche Nass, und dann ruhst du dich aus, auf dem flachen Stein, der wohl von vielen müden Passwanderern als Bänklein benützt wird. Die Pfeife wird von neuem gestopft. Grosse, wohltuende Stille — nur das gleichmässige Plätschern des Brunnens ist zu hören. Gelassen hängst du den schweren Rucksack über die Achseln und gehst weiter deines Weges. Immer höher zieht die Strasse ihre Kehren. Dort, einige Meter unter der Wegböschung, ist die alte Holzfällerhütte: bald wirst du die Felsgalerie und den Tunnel erreichen. Mit kräftigen, berggewohnten Schritten wanderst du weiter.

Du bist beim Tunnel angelangt. Zuerst musst du dich an die Dunkelheit gewöhnen. Ein kalter Wassertropfen fällt dir ausgerechnet auf den Rücken. Du schüttelst dich, aber es tropft immerzu. Nun wird es heller, ein kleiner Lichtschimmer — das Fenster. Rasch ist der Eisenhag überklettert, und vor dir fällt die senkrechte Felswand in die Tiefe. Herrlich, dieser Blick in die Täler und in die Bergwelt!

Weit rechts siehst du die Signinagruppe mit dem Piz Riein und Piz Fess. Deine Gedanken gehen Jahre zurück; du erinnerst dich jener kalten No-vembernacht, die du mit zwei Kameraden dort oben im Freien verbrachtest. Dort, ganz hinten, grüsst majestätisch der Piz Beverin herüber — der Berg, den du alljährlich immer wieder besteigst. Auch kannst du den Piz Curvèr erkennen. Da sind die Dörfer des Domleschgs: Bonaduz, Rhäzüns mit dem alten Schloss. Und in schnurgerader Linie verlierst du den Hinterrhein aus den Augen. Rheinabwärts erkennst du Ems, und ausserhalb dieses romanisch sprechenden Dorfes sieht man die Holzverzuckerungsfabrik, welche in Tag-und Nachtschichten Hunderte von Arbeitern beschäftigt. In gleicher Richtung, nur den Blick etwas höher gerichtet, siehst du das Stäzerhorn und den Dreibündenstein. Du denkst an den Winter, und in Gedanken erlebst du wieder die tollen Abfahrten, die vom Dreibündenstein über Brambrüesch nach Chur hinunterführen.

Die Sonne ist untergegangen. Ein letztes Abendleuchten liegt über den Gipfeln der Signina. Nun verlässt du deinen Aussichtspunkt und stolperst im Finstern weiter, dem Tunnelausgang zu. Noch mehr Fenster sind da, aber es ist kühler geworden. Du willst weitergehen.

Der Tunnel liegt nun weit hinter dir. Die Strasse ist eingerahmt von duftenden Alpwiesen. Kunkelspasshöhe! Dort sind einige Alphütten und das kleine Gasthaus. Du lächelstSchon unzählige Male bist du hier eingekehrt. Die Freunde gaben dem heimeligen Berghaus den Namen « Das Dreimäderl-haus ». Während du über die Schwelle trittst, kommt dir Frau Wirtin mit einem freundlichen « Grüess di Gott » entgegen. Sie, die Pächterin dieses Berggasthauses, kennt dich gut. Und dann nimmst du im Gästezimmer Platz. Du bist nicht lange allein — drei schmucke Töchter sitzen zu dir an den Tisch. Alle drei tragen die hübsche Bündner Tracht. Lini bringt dir ein Glas von dem guten alten Veltliner, der dir hier oben immer so gut mundet.

Dann musst du erzählen. Wie'es dir geht dort unten im Flachland, wo du schon so manche Jahre tätig bist. Das schmucke Kleeblatt erzählt dir von den Touristen, die hier vorbeikommen. Auch erzählen sie dir vom Augustfeuer, das sie alljährlich am nahen Calanda errichten und das weit in die Nacht hinausleuchtet.

So vergeht die Zeit mit Erzählen, viel zu schnell für dich. Noch hast du eine Stunde zu gehen, bis du die Hütte der Sektion Rätia — die Grossalp — erreichen wirst. Etwas schwer ist dir der Abschied. Kräftig schüttelst du den braven Bündnerinnen und ihrer Mutter die Hand. Alle wünschen dir Glück zur Fahrt, und du versprichst ihnen, auf dem Heimweg wieder vorbeizukommen. Die Alpen - 1948 - Les Alpes32 EIN HÜTTENWEG Es ist Nacht geworden, aber der Mond leuchtet dir auf den Weg. Die Paßstrasse hast du verlassen. Das Alpsträsschen, das zur Unterkunftshütte hinaufführt, wird nun steiler. Geisterhaft ist der Sessagit — ihr nennt ihn « Turm » — zu sehen. Spitz, gleich einem Finger sticht diese Felsnadel in den Himmel Bergführer Risch hat diesen Turm vor vielen Jahren zum erstenmal erklettert. Seither wurde diese Kletterfahrt einige Male wiederholt. In stiller Andacht gedenkst du jener zwei Bergfreunde aus der Heimatstadt, die beide an dieser exponierten Felsnadel ihr junges Leben liessen.Weiter wanderst du. Vor dir siehst du die letzten Bergtannen als dunkle Schatten am Wege stehen. Da ist die letzte Kehre; das Weglein verliert sich in Matten. Es ist der Alpboden. Ein kalter Wind bläst dir gegen das Gesicht. Die Umrisse einiger Hütten sind zu erkennen. Die Grossalp mit der Unterkunftshütte ist erreicht. Eine Treppe, die unverschlossene Türe, und dann stellst du deinen Rucksack auf einen Stuhl. Das Petrollämpchen gibt dir Licht, und bald flackert ein Feuer im Ofen. Gut schmeckt die Suppe. Dann noch ein Pfeifchen.

Dunkel ist 's im Stübchen. Du hast dich hingelegt. Ruhst dich aus für die morgige Tour auf die Ringelspitze. Nur noch das Feuer knistert im kleinen Ofen — dann ist 's ganz still im Räume... ganz still...

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