Ein Nachtquartier am Fluhsee

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In letzter Stunde vor Thorschluß möchte Einsender dies eine kurze Mitteilung in Sachen eines von der Sektion Wildhorn angeregten Club-hütten-Bauprojektes zur Aufnahme ins Jahrbuch empfehlen, zunächst nicht in der Absicht, mit der Sammelbüchse in der Hand an das Wohlwollen der Centralkasse zu appellieren, sondern nur, um die Aufmerksamkeit des verehrlichen Touristenpublikums auf eine wenig begangene, aber in mehrfacher Hinsicht lohnende Passage der Wildstrubelgruppe zu lenken. Besagter Berg ist zwar schon von den Pionieren des S.A.C. und Alpinisten jeder Sorte und Qualität nach allen Richtungen durchstreift worden und hat sich mit der stark zunehmenden Frequenz der Fremdenorte Lenk und Adelboden während der 80er Jahre und des laufenden Dezenniums dank der Tüchtigkeit der dortigen Führerschaft eines häufigen Besuches zu erfreuen, so daß auch die topographische Detailkenntnis des Gebietes sich verbreitet hat. Was sich innerhalb des zwischen dem Engstliggrat und Rawyl sich ausdehnenden Gletschergebietes an aussichtsreichen Punkten und für den Kletterlustigen lohnenden Kletterpartien namhaft machen läßt, darüber ist der Leser des Jahrbuchs von berufener Feder in einigen ausführlicheren Aufsätzen genauer informiert worden. Daher in mediam remBevor ich für das Clubhütten-Bauprojekt Propaganda mache, möchte ich den geneigten Leser bitten, Blatt Gemmi— Blümlisalp der Siegfriedkarte zur Hand zu nehmen und mir und meinem Begleiter, W. Z. aus Bern, auf einem Abendspaziergang vom Oberried hinter der Lenk nach dem Fluhsee zu folgen. Und wenn ihm vor der Specialität eines nächtlichen Bivouaks unter dem freien Himmel auf glattem Rasenboden am etwas ungastlichen Ufer des Gletscherseeleins bei dem mehr als erfrischenden Säuseln des Gletscherwindes nicht graut, so sei er freundlich eingeladen, sich in clubistischer Brüderlichkeit mit uns in die einzige auf der Räzlialp erhältlich gewesene Decke zu teilen und an der Wärme mitzuhalten, welche das mühsam unterhaltene Feuer einiger unterwegs aufgeladener Lärchenholzscheite etwas kümmerlich abgiebt. Möglichst früh, vor 3 Uhr, wird nach dem Vorderen Strubel aufgebrochen. Wie ich mir zwar denke, wird es mit dem Verschlafen keine Not haben, da es trotz Feuer und Decke bald etwas unheimlich frisch zu werden droht. Doch, um mich keines Anachronismus schuldig zu machen und mit der Vergangenheit und den Thatsachen entsprechend zu reden — so hat uns der folgende Tag und der gelungene Gang auf den Strubel über die Moräne links dem Gletscher entlang und über den Südwestkamm für die Nachtstrapazen reichlich entschädigt. Da uns noch reichlich eine Stunde Tageslicht vergönnt ist, hat es noch keine Eile mit den Ein-quartierungsvorrichtungen und läßt sich mit Zuhülfenahme der Karte von geeignetem erhabenem Standpunkte aus, am besten auf dem in 10 Minuten erreichten Gratvorsprung des Fluhhorn 2141 m, welchem wir, rechts nach Westen über den Rücken des den Fluhseeboden flankierenden Randhügels ansteigend, einen Abendbesuch abstatten, eine orientierende Umschau halten. Rechts nördlich, senkrecht unter uns, 800 m tief, winkt die Räzlialp mit dem bequem eingerichteten Sommerchalet des Papa Frydig zu uns herauf, wo Strubelwanderer sonst das Nachtquartier zu beziehen pflegen. Das Auge sucht rechts schräg unter uns den Pfad, welchen wir vor kurzem heraufgestiegen sind. Derselbe, nur für des Weges sehr Kundige bei Nacht vor der Morgendämmerung zu finden, läßt sich nur streckenweise erkennen, da die Wegspur in den zwischen den Felsbändern horizontal sich hinziehenden Grasabhängen sich öfters gänzlich verliert. In steilen Windungen durch Gehölz, über manche etwas mühsame Felspassage und über rapide Rasengehänge steigt die Wegspur bis zum Fuße des obersten und breitesten Felsgürtels. Wehe dem Einsamen, der hier gar keine Kunde über das Terrain und die einzuschlagende Richtung besitzt. Nächtlicherweise und ohne Führung wird er bedenkliche odys-seische Irrfahrten, wenigstens einen bedeutenden Verlust an Zeit und Kraft riskieren und muß mit einer gehörigen Dosis Geduld und Ausdauer begabt sein, wenn er, mit der Absicht, dem Strubel zuzusteuern, den Mut noch nicht verloren hat. Gradaufwärts, etwas mühsam geht es an zwei Stellen durch ein tiefeingehöhltes, ziemlich steiles Couloir, etwa 20 Schritte vom Fuße desselben weiter rechts führt der Pfad — wer ihn zu erspähen im stände ist — um ein Fluhgesimse, und ist von da auf sicherer, ziemlich müheloser Passage bei einem die Abstiegstelle bezeich nenden Steinsignal in %k Stunde der Rücken des Randhügels erreicht-Die für Unkundige höchst hinderliche Unsicherheit des Pfades wäre schon ein Umstand, welcher die Errichtung eines Unterschlupfes beim Fluhsee wünschenswert macht, denn wer noch am Abend oder Nachmittag bei vollem Tageslicht dorthin gelangen könnte, für den wird des andern Tages der Gang auf den Vordem Strubel zu einem angenehmen, lohnenden Spaziergang, während man, mit der Absicht der Strubelbesteigung die Nacht im Räzli zubringend, beim Dunkel der Nacht und unsicherm, mühsamem Wege seine Kräfte für den ersten, mühsamsten Teil der Route zum voraus ordentlich erschöpfen muß. Des Tags aber würde auch ein Tourist mittlerer Qualität bei einiger Umsicht den Weg nach dem Fluhsee ohne zeitraubendes Suchen und Rekognoszieren allein finden. Gemäß oberflächlicher Berechnung, ohne vorherige Detailuntersuchungen an Ort und Stelle, ließe sich, Material und Arbeit inbegriffen, für Fr. 600 eine Hütte aus Steinplatten und Holz errichten, welche am besten nach Norden geschützt von der etwa 30 Fuß hohen Abdachung des Randhügels, am Fuße desselben anlehnend, in der Nähe des Sees zu stehen käme. Hier würde das Gebäude von den Lawinen und Steinschlägen, welche von den durch etwa 100 m Bodenfläche getrennten, gegenüber steil abfallenden Gehängen des Ammertenhorns herunterkommen, kaum erreicht. Gutes Lärchenholz ließe sich lk Stunde unter dem Fluhsee gewinnen und auf einem dort vorhandenen geschützten Grasrücken bearbeiten. Solide, nicht brüchige Flyschplatten zur Mauerung liefen sich in der Höhe des Fluhsees auf dem Boden selbst gewinnen. Endlich ließe sich mit etwa 15—20 Tage-werken ( à Fr. 3 ) der Fußpfad an den Felspassagen etwas ausbessern und deutlicher markieren.

Abgesehen davon, daß schon der Gang nach dem Fluhsee als Spaziergang von 3—3Va Stunden von Lenk aus nach einiger Wegverbesserung sehr angenehm und an hochalpinen Landschaftsreizen lohnend wäre, ließe sich hier eine Hütte als Abstiegsquartier und Ausgangspunkt nach verschiedenen Richtungen lohnender Zielpunkte befürworten. Eine kurze Umschau von unserm Standpunkte auf dem Fluhhorn sei mir gestattet. Westwärts uns gegenüber, jenseits des uns zu Füßen zum Moräneboden niederstürzenden Endes des Räzligletschers, erhebt sich in jähen Felsabsätzen das Laufbodenhorn ( 2708 m ). Auf unserer Seite des Gletschers die Seitenmoräne ansteigend, die mittlere Terrasse querend, das links neben dem Laufbodenhorn ansteigende Hochthal der Thierberge beschreitend, die Geröll- und Schneehänge zwischen Thierberg und Gletscherhorn ohne wesentliche Mühe forcierend, gelangt man vom Fluhsee in cirka 21/«—3 Stunden zu Punkt 2902, von wo aus sich in angenehmer Bummelei nach verschiedenen Richtungen der Plaine morte, nach dem Rohrbachstein und Gletscherhorn, Todthorn, Montbonvin am Südrande der Plaine morte operieren und durch die Lücke östlich vom Todthorn der Abstieg nach dem Hochthale Autannaz und nach Siders bewerkstelligen laßt. Der Vordere Strubel bei Punkt 3251™ läßt sich über die südwestlichen Felsabhänge und den Schneekamm vom Fluhsee in 3 Stunden erreichen. Sportleute können es vom Moräneboden über dem Fluhsee über den Nordwestgrat, welcher oben in die nördlich abfallenden Hänge und Couloirs einbiegt, probieren; vom selben Standpunkte aus würde auch die Passage rechts hinter dem Ammertenhorn durch, über die Terrasse des Ammertengletschers nach dem Schwarzgrätli, Punkt 2833, von da rechts schräg aufwärts über den etwas verschrundeten Schneehang zum hintern Sattel und Großstrubel, als 4 — 4 lhstündige Arbeit des Interessanten und Reizvollen manches bieten. Zwei Routen, die eine auf dem bereits genannten Wege nach dem Vordem Strubel bis unterhalb des Schneekamms, den südlichen Firnhang traversierend, über das Lämmernjoch, links um den ersten schwarzen Felsen herum, ein Couloir hinunter auf die mittlere Terrasse, die andere über die Plaine morte und rechts über den Schneesattel über vorsichtig zu begehende Schneehänge und Couloirs hinunter nach dem untern Teil des Lämmerngletschers, führen in 7—8 Stunden nach dem Daubenhotel und Schwarenbach. Auch über den Ammertengletscher, links unter dem Gratfelsen abschwenkend, kann man in 2V2 Stunden vom Fluhsee aus den Ammertenpaß gewinnen, in einer fernem Stunde nach der Engstligenalp, von da über den Engstliggrat und rothe Kummi in 3Va Stunden nach dem Daubensee, Gemmihöhe oder Schwarenbach gelangen. Die Nah- und Fernsicht, welche man vom Fluhseeboden aus genießt, wage ich nicht einläßlicher zu beschreiben. Ohne Zweifel aber würden sich Touristen von bescheidenem Ansprüchen durch das Malerische der Vereinigung von wilden Fels- und Gletscherpartien und lohnenden Thalhintergründen und Alpgeländen für die Mühe des Anstieges, der wohl vom Räzli- oder Siebenbrunnenchalet aus 1 lh bis Is i Stunden erfordern würde, vielfach entschädigt fühlen.

Also reichliche Ausbeute! Es würde sich demnach ein Quartier am Fluhsee wohl eignen als Ausgangspunkt für bequemere und schwierigere Passagen. Eine größere Auswahl an hochalpinen Genüssen wäre dadurch auch weniger geübten Touristen zugänglich gemacht. Ohne Zweifel würde auch nach Errichtung einer Hütte an besagter Stelle das Gebiet viel häufiger begangen und läge die Errichtung einer solchen sowohl im Interesse des S.A.C. und Touristenpublikums, als auch im wirtschaftlichen der Lenkerwirte und Führer und würde sich, da auf der Räzlialp Proviant für mehrere Tage mit wenig Mühe beschafft werden kann, eine Fluhseehiitte als Standquartier für wissenschaftliche Exkursionen, Photographen etc. wohl eignen.

A. Hürntr ( Sektion Wildhorn ).

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