Eine unbeabsichtigte Tour auf den „Faulen

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( Liedernen-Stöcke, 2494 m. ) Auf den 13. und 14. Juni 1896 hatte die Sektion Weißenstein eine Sektionstour auf den Roßstock in der Gruppe der Liedernen-Stöcke festgesetzt. Das abscheuliche Regenwetter während der ganzen, diesen Tagen vorhergehenden Woche hatte die Zahl der Anmeldungen für die Tour auf zwei reduziert. Als dann Freitag abends der Himmel sich aufhellte und Samstags das Barometer gutes Wetter zu versprechen schien, war es zu spät, um Reklame zu machen, und so kam es, daß Samstag nachmittags nur J. Leber und der Schreiber dieses als einzige Vertreter der Sektion die Clubtour unternahmen. Abends 8 Uhr 25 Min. wurde nach langer Eisenbahnfahrt Sisikon am Vierwaldstättersee erreicht und der Aufstieg nach Riemenstalden angetreten. Die Sonne war untergegangen, die Zacken des Urirotstocks und seine Firnfelder aber leuchteten noch in schönen Farben, und in sattem Blau breitete sich ruhig der herrliche Spiegel des Urnersees zu unsern Füßen aus, als wir den steilen, nördlichen Hang des Riemenstaldenthales gegen Ried emporklommen.

In den milden, abgetönten Farben der Dämmerung war das sich bietende Landschaftsbild von den schönsten eines, das der an herrlichen Scenerien so reiche Vierwaldstättersee aufzuweisen vermochte.

Nach 134 Stunden gemütlichen Gehens erreichten wir Riemenstalden, wo wir im einzigen einfachen Gasthaus des Ortes bereitwilligst Unterkunft fanden. Als die für eine Tochter der Urnerberge ungewöhnlich beleibte, gesprächige Wirtin hörte, daß mein Gefährte mit besonderer Vorliebe das Schnarchen pflege, verfehlte sie nicht, jedem ein besonderes Zimmer in kluger Vorsicht anzubieten.

Am 14. Juni, morgens 4 Uhr, standen wir marschbereit vor der Schwelle unseres kleinen Gasthauses, begierig, uns die Liedernen-Stöcke anzusehen, die von Riemenstalden aus nur in beschränktem Maße sichtbar sind. Es war ein wolkenloser, taufrischer Sommermorgen und das Gehen sehr angenehm. Die Liedernen-Stöcke ziehen sich in einer nach Norden sanfter abdachenden, südwärts hingegen schroff und steil abfallenden Kette mit nach Norden konkavem Bogen in westöstlicher Richtung vom Vierwaldstättersee ( Urnersee ) gegen den Hintergrund des Muotathales. Sie gipfeln in mehrern nicht durch absolute Höhe, wohl aber durch teilweise sehr kühne Formen sich auszeichnenden Bergen, von denen besonders Faulen und Kaiserstock das Interesse des sport-liebenden Clubisten in hohem Grade auf sich ziehen. Zahmer sind Rophaien, Dieppen, Hundsloch und Roßstock. Den meisten Besuch in der Kette erhalten wohl Rophaien und Roßstock, von denen der erstere durch einen schönen Blick auf einen großen Teil des Vierwaldstättersees, der zweite durch herrlichen Anblick der Berge des Schächenthals und des Urnerländchens überhaupt sich auszeichnet.

Sanft ansteigend zog sich unser Weg an den Sennhütten von Kleinberg und Käppeliberg vorbei, bis ein steiler ansteigender Weg auf der linken ( orographisch ) Thalseite uns zwang, den Thalboden zu verlassen, um die Alp Broholz zu erreichen. Lawinenschnee lag noch im Thalboden unten, und beim steilen Anstieg durch den Wald gegen Broholz ist bald unser Weg durch Schnee verdeckt. Da kein orientierender Berg, Signal etc. uns die Richtung wies, bestimme ich dieselbe mit Kompaß und Karte, und die Trümmer einer mächtigen Lawine ansteigend, haben wir bald die Waldregion hinter uns. Wir stehen jetzt auf freier Alp, mitten im tiefen, vom Winter her noch reichlich vorhandenen Schnee, aus dem nur kleine, felsige Inseln hervorragen, wo Föhn und Sonne ihre schmelzende Wirkung ausgeübt haben und schon zahlreiche Soldanellen, Primeln und Seidelbastbluten das rasche Aufleben der alpinen Flora bekunden. Steil klimmen wir empor gegen die schroffen Hänge eines Felsstockes, bei welchem wir die Alp Broholz erwarten. Pfad haben wir keinen mehr, da der Schnee alles bedeckt. Auf einmal erblicke ich in der Tiefe unter mir zwei Alphütten, die ich, da Karte und Aneroid so ziemlich stimmten, für Broholz ansehe.Von Broholz auf den Roßstock geht 's links auf die Liedernenalp und dann rechts auf den Kamm, der vom Roßstock nördlich sich senkt.

Wir schlugen diese Route ein. Da aber die erreichte Alp nicht Broholz, sondern schon die Liedernenalp war, gerieten wir dadurch irrtümlicherweise in das wilde Geröllkar, das durch die vom Roßstock und vom Kaiserstock kommenden, nordwestlich ziehenden Gratrücken begrenzt wird. Ungefähr bei Punkt 2090 angekommen, tauchen auf einmal zwei Gipfel vor unsern Blicken auf, die sich unschwer als Faulen und Roßstock deuten ließen, und die uns mit einemmal über unsern Irrtum aufklärten. Was war zu thun? Umkehren? Nein, besonders da ich wußte, daß von der Lücke zwischen Faulen und Roßstock der letztere Gipfel ersteigbar sei. Also steuern wir gegen diese Lücke. Leber hielt sich hierbei etwas mehr gegen den Kaiseistock hin, während ich an den Hängen des wilden Thalkessels entlang mich zog, in dessen Grund auf der Karte ein kleiner See eingezeichnet ist. Bald hatten wir uns gegenseitig aus den Augen verloren, vermochten uns aber durch Rufen verständlich zu machen. Als ich mich, durch tiefen Schnee watend, dem Nordabhang des Faulen ziemlich genähert, rief ich Leber zu, wir wollten den Roßstock aufgeben und statt dessen auf den nähern Faulen. Von der andern Seite tönte mir entgegen, man habe von der heutigen Tour überhaupt genug und begnüge sich mit der Erreichung des Punktes 2202 auf dem Grat zwischen Faulen und Kaiserstoek. So steuerte denn jeder solo seinem Ziele entgegen. Der Faulen gab mir noch ordentlich zu schaffen. Vorerst vermißte ich bei den steil ansteigenden Schneehängen meinen zu Hause gelassenen Pickel, indem beim Übergang von Schnee auf Fels zeitweise etwas Eis zu Tage trat. Anderseits war auch die Kletterei auf den Gipfelstock nicht besonders leicht zu nennen. Es standen mir drei Wege offen: entweder ein steiles Schneefeld, das an der Ostseite des Berges entlang zog, zu begehen und den Gipfel über seinen schwach ansteigenden Rücken von Nord nach Süd zu gewinnen, oder direkt von meinem Standpunkte emporzuklimmen auf den Gipfel zu, oder auf dem Grat zwischen Kaiserstock und Faulen den Anstieg durchzusetzen. Ich wählte den zweiterwähnten Anstieg, hatte hierbei stellenweise arge Kletterei über schlüpfrige, vom Schnee erweichte Rasenbänder und ungemein brüchiges, faules Gestein ( daher wohl der Name Faulen ), kam aber ohne Unfall, freilich etwas müde, auf dem ersehnten Gipfel um 10 Uhr an. Durch Rufen gab ich meinem Kameraden die glückliche Erreichung des Zieles zu erkennen und machte es mir dann auf dem sonnigen, flachen Plateau des Gipfels ein halbes Stündchen bequem.

Der Tag war schön und die Aussicht klar. Sie vereinigt Liebliches mit Großartigem. Wie ein blaues Auge grüßt der Vierwaldstättersee herauf. Oberhalb des stillen Rütli sonnt sich das Gelände von Seelisberg. Ein gutes Stück des Reußthales in der Gegend von Altdorf ist sichtbar, und in seiner ganzen Länge breitet sich der Thalgrund des Schächenthales vor dem Beschauer aus. Demselben entragen in steilen, kahlen Felswänden die stolzen Gipfelbauten der Windgälle und des Rüchen. Imponierend präsentieren sich Tödi und Glärnisch. Auch westwärts beherrscht das Auge ein gewaltiges Heer von Gipfeln, die Berge des Erstfelder- und Göschenerthales, sowie die hehren Zinnen des Berner Oberlandes.

Ungern und früher, als mir lieb war, schied ich von der erhabenen Warte, doch die Zeit drängte und der Schnee wurde bei der warmen Sonne zusehends weicher. Ich wählte für den Abstieg die beim Anstieg verschmähte Variante über den nördlichen Gratrücken, erreichte traversierend wieder mein Anstiegstracé und war nach einigen flotten Rutschpartien glücklich auf einem kleinen, schneefreien Felsblock angelangt, wo mein Kollege sich mir bald beigesellte. Speise und Trank wurde hier noch etwas zugesprochen und dann der Abstieg nach Riemenstalden angetreten, das wir teilweise in flotten Rutschpartien um 2 Uhr 45 Min. glücklich erreichten. Nach der Tellsplatte absteigend, bestiegen wir dort das Schiff, bewunderten auf der herrlichen Fahrt noch einmal die stolzen, in reichem Schneegewande schimmernden Liedernen-Stöcke, die auf einer großen Strecke der Seefahrt sichtbar waren und im Frühsommer bei reichlicher Schneebedeckung ganz den Eindruck einer Hochgebirgslandschaft machen. Um 11 Uhr nachts waren wir wieder in Solothurn.

Das kleine Wirtshaus in Riemenstalden möchte ich den Clubgenossen bestens empfehlen und ebenso warm das an schönen Touren reiche, clubistisch ziemlich vernachlässigte Gebiet der Liedernen-Stöcke. Die Besteigung des Faulen muß im Spätsommer, wenn der Schnee vollständig weggeschmolzen ist, wegen des schuttigen Terrains eher noch mühsamer sein, als im Frühsommer, und sich nicht leichter gestalten. Die beiden von West und Ost zum Gipfel ansteigenden Grate möchte ich wegen ihrer Steilheit und der Brüchigkeit des Gesteins nicht als Anstiegsrouten empfehlen; am meisten dürfte sich die von mir beim Abstieg gewählte Anstiegslinie empfehlen.

Aus meiner Erzählung haben die Clubgenossen gesehen, wie man es machen muß, wenn man auch einmal ein anderes als das gesteckte Ziel erreichen will. Ich möchte aber zur bessern Illustrierung die Hauptpunkte noch herausgreifen. Man muß dazu 1 ) in einem ganz unbekannten Gebiet ja keinen Führer nehmen. 2 ) Man muß im Frühsommer gehen, wenn alle Wege möglichst noch mit Schnee bedeckt sind. 3 ) Man muß mit sich vollkommen zufrieden sein, wenn auch Aneroid und Karte nicht genau stimmen wollen.

Befolgt man diese Punkte, so kann es gewiß jedem einmal passieren, daß er auf den unrichtigen Gipfel oder selbst auf gar keinen gelangt.

Dr. Aug. Walker ( Sektion Weißenstein ).

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