Eislawinen

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Jürg Alean Eislawinen 137 Ernst Ambühl Über die Schneegrenze 143 Willy Hess Erinnerungen an eine Engadiner Wintertourenwoche 133 Arthur Baumgartner Piz Linard - Erinnerungen an eine Silvesterfeier 149 158 Ermes Borioli Bitterer Kedarnath Herausgeber Schweizer Alpen-Club, Zentralkomitee; Helvetiaplatz 4, 3005 Bern, Telefon 031/433611, Telex 33016.

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Preis Abonnementspreise ( Nichtmitglieder ) für Monatsbulletin und Quartalsheft zusammen ( separates Abonnement Blick in die Bergwelt des Oberwallis ( vom Bishorn aus ) Photo: Markus Liechti 161 Pierre Galland Mount Kenya, ein Gebirge voller Verheissungen 170 Edmond Pidoux Die Gnade der Meije Stefan Wörner Chogori K-2 ( 8611 m ) Redaktion nicht möglich ): Schweiz, jährlich Fr. 40., Ausland, jährlich Fr. 55..

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Beglaubigte Auflage: 69128 Exemplare.

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Jürg Alean, Zürich 1 Vgl. Anhang Literatur Nr. 1 ( S. 132 ).

Einführung Eisabbrüche von steilen Gletschern haben in den Alpen seit Menschengedenken immer wieder Schäden angerichtet und Todesopfer gefordert. Teils wurden Alphütten oder gar ganze Dörfer zerstört ( siehe Tabelle ), teils stauten die Eislawinenablagerungen Gebirgsbäche. Die dadurch entstandenen eisgestauten Seen brachen nach einiger Zeit aus. Die Flutwellen beim Durchbruch des durch den Giétrogletschers erzeugten Sees im Tal von Mauvoisin forderten am 25. Mai 1595 140 und am 16. Juni 1818 noch einmal 40 Todesopfer. Die letzte grosse Gletscherkatastrophe ereignete sich, als am 30. August 1965 die Zunge des Allalingletschers abbrach, 1 Mio. m3 Eis auf die Baustelle des Mattmark-Stausees niederstürzte und 88 Arbeiter unter sich begrub.

In den Jahren nach der Mattmark-Katastro-phe begann man, steile und gefährliche Gletscher regelmässig zu beobachten, insbesondere wurden einige jährlich aus der Luft photographiert. Das Aufnahmematerial wurde im Rahmen einer Dissertationsarbeit dazu verwendet, Erfahrungswerte über Entstehung und Auswirkungen von Eislawinen zu sammeln \ Zweck dieser Untersuchungen war es insbesondere, dem Glaziologen Richtwerte über grösstmögliche Abbruchmengen von Eis und dessen Reichweite beim Niederstürzen zur Verfügung zu stellen. Solche Erfahrungswerte werden dringend benötigt, wenn mögliche Gefahrensituationen zu beurteilen sind.

In diesem Bericht sollen einige der für den Alpinisten wichtigsten Forschungsergebnisse über gefährliche Gletscher kurz dargestellt werden. Es sei jedoch gleich zu Beginn nachdrücklich darauf hingewiesen, dass dieser Bei- Schema 1:

Darstellung wichtiger Zonen einer Eislawine. Die Neigung der schrägen Linie wird als bezeichnet.

Schema 2:

Idealisierte Anrisszonen-Ty-pen. Eislawinen mit Kubaturen von 1 Mio. m3 und mehr wurden bisher nur aus Anrisszonen der Typen IA und IB beobachtet. Nähere Erklärung im Text.

Schema 3:

Anrisszone grosser Eislawinen am Balmhorngletscher. Schraf-fiert: Gletscherbett, soweit bekannt. Es sind die Eisoberflä-chen vor und nach dem Niedergang der 2 Mio. m'grossen Eislawine am 12. September 1973 dargestellt. ( Nach photogrammetrischen Luftbildauswertungen des Ingenieurbüros Flotron, Meiringen. ) Entstehung von Eislawinen Eislawinen entstehen, wenn ein Gletscherteil über ein steiles Geländestück, das sogenannte ( Anrissgebiet ) fliesst ( siehe Schema 1 und Abb. 1-4 ). Wenn sich das Eis darauf nicht mehr halten kann, fällt es über die herunter und wird in immer kleinere Trümmer zerschlagen. Die niederdonnernde Eismasse kommt erst zum Stehen, wenn auf einem genügend langen und flachen Geländestück ( im sogenannten ) die Bewe- Reichweite Schema 1 trag keinesfalls ein Inventar gefährlicher Zonen auf schweizerischen Gletschern sein kann. Vielmehr soll dem Bergsteiger gezeigt werden, welche Gefahren er selber erkennen und beurteilen kann, wie er sie vermindern oder vermeiden kann, und auch, welche Gefahren schwer oder nicht voraussehbar sind.

1,2,3,4 Eisabbruch von der Zunge des Festigletschers, 18. August 1981, etwa 15 Uhr, Standort Domhütte. Kubatur der niederstürzenden Eismasse: etwa 2000 m3.

TIA Fels T II Schema 2 gungsenergie durch Reibung vollständig in Wärme umgesetzt wird.

Welche Gletscher verursachen Eislawinen? Erwartungsgemäss muss das Anrissgebiet eine gewisse Steilheit aufweisen. Dabei scheint es zwei typische Situationen zu geben ( vgl. Schema 2 ):

Anrisszonen vom Typ I ( A und B ) Das Eis eines Gletschers befindet sich auf einer mehr oder weniger gleichmassig geneigten Felspartie. Ist diese nicht zu steil, kommt es zunächst noch nicht zu einem Abbruch. Durch besondere Umstände, die in der Theorie zwar in etwa verständlich sind, deren relative Wichtigkeit in der Praxis nach wie vor schwer zu beurteilen ist, verliert das Eis auf dieser rutschbahnförmigen Unterlage seinen Halt und gleitet als Eislawine ab. Bei tiefgelegenen Anrisszonen dieser Art, bei denen das Eis nicht am Gletscherbett angefroren ist, können schon erstaunlich geringe Neigungen zum Abgang von Eislawinen führen: So beträgt die durchschnittliche Gletscherbettnei-gung im Anrissgebiet der Mattmark-Lawine vom Allalingletscher nur 26° ( mittlere Höhe 123 Schema 3 28.9.1973 100 200 300 400 500 m 2500 m ü. M. ) und beim Balmhorngletscher nur 30° ( mittlere Höhe 2850 m ü. M., siehe Schema 3 ).

Bei höher gelegenen Gletschern scheint das am Gletscherbett teilweise oder ganz angefrorene Eis einen besseren Halt zu haben. Höhere Anrisszonen des Typs I sind somit auch steiler. Die am 11. September 1895 auf die Alp Spittelmatte ( zwischen Kandersteg und Gemmipass ) niedergegangene Rieseneislawine ( 4-5 Mio. m3 ) stammte aus der 35° steilen und durchschnittlich 3200 m hohen Zone westlich unterhalb des Altelsgipfels. Rund 45° steil ist gar die vergletscherte Nordostflanke des Weisshorns, aus der von einer Höhe von rund Weisshorn ( VS ), Flugaufnahme vom 3. Juli 1983. Von den Hängegletschern links und rechts unterhalb des Gipfels gingen wiederholt Eislawinen nieder. Im Frühsommer 1977 stürzte vom rechten Hängegletscher eine weit über 1 Mio. m3 grosse Eismasse herunter, überschoss die grosse, im Bild noch z.T. sichtbare Firnmulde des Bisgletschers und kam bei 2550 m ü. M. auf der Zunge des Bisgletschers zum Stillstand. Im Winter niedergegangene Gletscherlawinen hatten in der Vergangenheit so viel Schnee mitgerissen, dass sie den Talboden bei Randa erreichten ( vgl. Tabelle ).

4000 m schon wiederholt Eislawinen mit Kubaturen von bis über 2 Mio. m3 niedergingen. Hohe, steile Anrisszonen wie am Weisshorn ( Abb.5 ) werden dem Untertyp IB zugeordnet, tiefgelegene, weniger steile dem Typ IA.

Viele Gletscher fliessen in der entsprechenden Höhenzone über steilere Geländezonen, ohne je Eislawinen zu verursachen. Selbst für den Experten ist derzeit die Unterscheidung zwischen gefährlichen und nicht gefährlichen Gletschern auf gleichmässig geneigten Gelän-derampen noch sehr schwierig, gelegentlich sogar unmöglich.

Interessant ist, dass Eislawinen aus Anrisszonen des Typs IA vorwiegend in den Monaten Juli bis ( inklusive ) Oktober registriert werden, während Anrisszonen des Typs IB anscheinend zu jeder Jahreszeit Eislawinen erzeugen können. Offenbar spielt der sommerlich erhöhte Schmelzwasseranfall und die dadurch schnellere Gleitbewegung relativ tief gelegener Gletscherteile zumindesten eine indirekte Rolle.

Bei einigen Gletschern wird eine Anrisszone, aus der eine Eislawine abgegangen ist, mit erstaunlicher Regelmässigkeit wieder durch das nachfliessende Eis aufgefüllt, bis es wieder zu einem oder mehreren Eislawinenniedergängen kommt. Es kann dann jeweils zu einer einzelnen Grosslawine mit nur vergleichsweise kleinen Vor- oder Nachstürzen 6 kommen oder zu einer wochenlang anhaltenden Eisschlagtätigkeit ( vergleiche Abb. 6 ), bei der viele Dutzend kleinere Lawinen nacheinander abgehen. Auch hier ist es bisher nicht gelungen, überzeugende Hinweise darauf zu finden, ob eine einzelne Grosslawine oder viele kleinere bevorstehen.

Am Fletschhorngletscher ( zwischen Fletschhorn und Weissmieshütte SAC, siehe Abb. 7, 8 und 9 ) ereignen sich Eislawinen gehäuft alle zwei oder drei Jahre, wenn sich eine zungenförmige Eismasse auf der Felsrampe bei rund 3250 m ü. M. genügend weit vorgeschoben hat. Wird der Gletscher eislawinen-aktiv, können bis über 1 Mio. m3 Eis niedergehen. Der gesamte untere Gletscherteil bis zu den auffälligen Seitenmoränen neben der eigentlichen Gletscherzunge ist dann gefährdet. Viele Bergsteiger wählen auf der Normalroute von der Weissmieshütte auf das Fletschhorn den Weg über diese Zone. Sie kann ohne grossen Zeitaufwand dadurch umgangen werden, dass man von der Hütte aus zunächst den Fussweg gegen das Jegihorn wählt und dann über die orographisch rechte ( nördliche ) Seitenmoräne aufsteigt. Obwohl Eislawinen vom Fletschhorngletscher alle zwei bis drei Jahre häufiger und vor allem im Spätsommer und 125 Monatelang anhaltende Eislawinentätigkeit einer auf rund 2800 m hoch gelegenen Anrisszone ( links im Bild ) des Balmhorngletschers führte vom Juli bis zum Oktober 1983 zum Aufbau einer 300000 m3 grossen Eislawi-nenablagerung ( helle Bereiche, Flugaufnahme vom 29. August 1983 ). 1983 kamen alle Eislawinen noch oberhalb der Zunge des Balmhorngletschers zum Stehen, während 1973 rund 2 Mio. m3 Eis auf einmal ( aus der gleichen Anrisszone !) abbrachen und die Kander im Gasterental erreichten.

Herbst auftreten, ist der Zungenbereich auch in anderen Jahren und im Winter, wenn auch weniger stark, gefährdet.

Sehr grosse Eislawinen ( d.h. solche mit mehreren 100000 m3 Eis ) stammen vorwiegend aus gleichmässig geneigten Anrisszonen des Typs IA und IB. Sie sind eher selten im Vergleich zu den normalerweise kleineren Eislawinen, die aus dem nachfolgend beschriebenen Typ von Anrisszone abgehen.

7 Fletschhorngletscher, 31. Juli 1983 Anrisszonen vom Typ II Anders als beim Anrisszonentyp I fliesst das Gletschereis beim Typ II aus einem relativ flachen Geländestück gegen eine scharfe Geländekante ( Schema 2, vgl. auch Abb. 10 ). Unterhalb der Kante ist der Fels so steil, dass sich das Eis nicht darauf halten kann. Der Gletscher bildet eine markante Eisfront aus. Von dieser brechen immer dann Eismassen ab, wenn die Front zu steil oder gar zu stark überhängend wird.

Da der Zeitpunkt des Abbruches vor allem durch Kräfte im Innern des Eises kontrolliert wird, dürften jahreszeitliche Schwankungen der anfallenden Schmelzwassermengen kaum eine bedeutende Rolle bei der Auslösung des Abbruches spielen. Es wurde erwartet, dass solche Gletscher Eislawinen zu allen Jahreszeiten mit gleicher Häufigkeit verursachen.

Um diese Hypothese zu überprüfen, wurde während etwa 1 Vu Jahren bei guter Sicht täglich der Hängegletscher in der Südflanke des Mönch photographiert ( Abb. 11 ). Dieser Gletscher bot sich für eine genauere Untersuchung an, da er eindeutig zum Typ II gehört und vom Personal der Hochalpinen For- Fletschhorngletscher, 4. Oktober 1983 9 Fletschhorngletscher, 24. November 1983 Standort jeweils Jegihorn. Man erkennt, wie die zunächst zungenförmige Eismasse durch verschiedene Eislawinenniedergänge abgebaut wird. Der Eiskegel hatte am Schluss ein Volumen von 600000 m3. Besonders starke Eislawinentätigkeit zeigt der Fletschhorngletscher normalerweise alle zwei bis drei Jahre.

schungsstation Jungfraujoch bei den täglichen Wetterbeobachtungen mit tragbarem Aufwand photographiert werden konnte. Dank dem zuverlässigen Einsatz der Herren F.Ga-briel und S. Baumann konnte die Eislawinentätigkeit von Frühling 1982 bis Herbst 1983 beinahe lückenlos dokumentiert werden ( vgl. Schema 4 ): Beobachtet wurden insgesamt 62 Eislawinen mit Kubaturen von 500 m3 ( kleinere Lawinen sind wegen der 1000 m grossen Entfernung nur noch schlecht sichtbar ) bis 60000 m3, die tatsächlich zu allen Jahreszeiten etwa gleich häufig auftraten. Eislawinen brachen aus der rund 50 m hohen und 420 m langen Abbruchfront gelegentlich in kurzer Folge ab. Es gibt somit keine relativ ( sichere ) Jahreszeit unter ähnlichen Hängegletschern. Zudem bedeutet eine eben abgegangene Eislawine keineswegs, dass die nächste nicht gleich folgen könnte.

An anderen Gletschern wurde gar beobachtet, dass kleinere Vorstürze oder auch nur das Abbrechen einiger Eisbrocken einen grösseren Lawinenabgang ankündigten.

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I ia i m I ill II 1 IH I I I III I il _BI III 1 II M J ] J f A S O N 1982 D J1983 F M A M J J A S Schema 4:

Eislawinen vom südlichen Hängegletscher des Mönch. Die Höhe der Balken gibt das Volumen der Eislawinen an ( unterbrochene Balken:2 Eislawinen ).

Ganz unten: Datum; PHOTO: die schwarzen Striche geben die Daten der vorhandenen Photoaufnahmen. Die Eislawinen sind entsprechend dreier Sektoren der Eisfront geordnet.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis des Beob-achtungsprogrammes am Mönch ist für den Bergsteiger ebenfalls von Interesse: Im Frühling 1982 befand sich ein sichelförmiger, über 200 m langer Spalt einige Dutzend Meter hinter der Abbruchfront. Er trennte eine fast 300000 m3 grosse, lamellenförmige Eismasse vom Rest des Hängegletschers ab. Die Bedingungen schienen gegeben für einen Grossab-sturz der ganzen Lamelle. In Wirklichkeit erfolgte dieser jedoch nicht. Die Lamelle während rund eines Jahres in Form von mindestens 38 einzelnen Eislawinen ab, von denen die grösste 60000 m3 Eis lieferte. Ganz anders verhielt es sich 1984: Eine ähnliche Lamelle führte zum Abbruch einer Eislawine von ungefähr 300000 m3 Kubatur ( Abb. 11, vgl. Aufruf im MB 8/84, S. 331 ). Fazit: Spaltenbilder geben keinen verlässlichen Aufschluss darüber, wie gross ein kommender Eisabbruch sein wird. Auch kann aus der Form und Lage von Spalten kaum darauf geschlossen werden, ob der Gletscher im Augenblick ( sicher ) ist. Andererseits sind Spalten, die sich in einer Eisfront mit merklicher Geschwindigkeit öffnen, ein Anzeichen für einen bevorstehenden Abbruch. Ein solches Aufreissen einer Spalte über einen Zeitraum von einigen Stunden erlaubte die Prognose des Eisabbruches von der Zunge des Festigletschers ( Abb. 1-4 ). Da selbst die jahreszeitlichen Temperaturverhältnisse keinen Einfluss auf die Eislawi- aus der sie abbrachen ( 1 = Westteil, 2 = Mitte, 3 = Ostteil ).

nentätigkeit von Anrisszonen des Typs II haben, sind auch bedeutende tageszeitliche Häufungen von grösseren Eisabbrüchen nicht zu erwarten.

Bewegung von Eislawinen Nach erfolgtem Abbruch von einer Gletscherfront zerbirst das Eis rasch ( Abb. 1-4 ) und verwandelt sich in eine niederdonnernde Masse von Eistrümmern, die gegeneinander und gegen die Sturzbahn prallen, sich immer weiter zerkleinern und dabei eine Wolke von Eisstaub erzeugen, die den Rest der Lawine vollständig einhüllen kann1. Kopfgrosse Eistrümmer überstehen aber selbst kilometerlange Sturzbahnen und Eisblöcke von über 10 m Durchmesser lagen unterhalb des südlichen Hängegletschers des Mönch nach dem spektakulären Eislawinenabgang vom 3. Juli 1984 ( Abb. 11 ).

Die von Eislawinen erreichten Geschwindigkeiten können durch Modellrechnungen abgeschätzt werden, die ursprünglich für die Simulation von Fliess-Schneelawinen entwickelt wurden. Beispielsweise erreichte die Eislawine von der Alteis 1895 eine Geschwindigkeit von 400-500 km/h und legte die 3,8 km lange 1 Vgl. Anhang Literatur Nr.4 ( S. 132 ).

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Hochfirn ( links oben ) an der Jungfrau, Flugaufnahme vom 3. Juli 1983. Am 13. Juni 1976 brach von der rund 60 m hohen Anrissfront ( Typ Il ) eine mehrere 100000 m3 grosse Eismasse ab und stürzte über einen Höhenunterschied von 2600 m bis auf die Gletscherweid an der Lütschine. In der Eislawine kamen drei Alpinisten ums Leben, die sich auf dem Weg zur Rottalhütte befanden. Mehrere kleine Eislawinenablagerungen anderer Hängegletscher sind rechts unten im Rottal zu sehen.

Strecke ( ihre maximale Reichweite ) in weniger als einer Minute zurück! Bei kürzeren Sturzbahnen und geringerem Gefälle sind die erreichten Geschwindigkeiten natürlich kleiner, doch sind 60-100 km/h Maximalgeschwindigkeit selbst bei kleinen Eislawinen durchaus normal. Diese rasche Bewegung ist in Betracht zu ziehen, wenn an einer gefährdeten Stelle Fluchtmöglichkeiten beurteilt werden müssen.

Reichweiten von Eislawinen Aus den vorhergehenden Kapiteln geht hervor, dass der Zeitpunkt von Eisabbrüchen vom Bergsteiger oft nur schwer oder gar nicht vor-hergesehen werden kann und dass Eislawinen mit sehr grossen Geschwindigkeiten talwärts fliessen. Folglich kann der Alpinist in der Praxis eine Gefährdung nur dadurch vermeiden, dass er den Sturzbereich möglichst meidet oder - wenn dies aufgrund der topographischen Verhältnisse nicht möglich ist - sich für möglichst kurze Zeit in diesem aufhält. Dazu sollte er die Ausdehnung des Gefahrenberei-ches, d.h. in erster Linie die grösste Reichweite der Eislawinen unterhalb einer bestimmten Anrisszone kennen.

Aus rund 100 kartierten Eislawinen in den Alpen und Alaska konnten Erfahrungswerte über solche Reichweiten gesammelt werden. Sie haben meist Längen von einigen hundert Metern bis Vk Kilometern. Reichweiten von über 3 km sind selten, doch gibt es Werte von bis über 7 km. Neben der Geländeform beeinflussen auch die Rauhigkeit der Sturzbahn die Reichweite. Kompliziert werden die Verhältnisse z.B. dadurch, dass eine erste Eislawine Gletscherspalten auffüllen oder ein grobblockiges Moränenfeld zudecken kann. Dadurch wird die Sturzbahn für eine nachfolgende, zweite Eislawine ausgeglättet, sodass diese deutlich weiter fliessen kann. Eisschuttkegel unterhalb einer Anrisszone ( wie zum Beispiel östlich des Weges zurTierberglihütte SAC bei 2050-2350 m ü. M. ) sollten deshalb nicht nur gemieden werden, sondern es ist damit zu rechnen, dass Eislawinen den Kegelrand jederzeit überschiessen können.

Gefühlsmässig würde man erwarten, dass grössere Eislawinen auch weiter fliessen als kleinere. Der Zusammenhang zwischen Kubatur und Reichweite ist jedoch recht kompliziert. Immerhin haben im Durchschnitt die 11 Südlicher Hängegletscher des Mönch ( links oben ) und grosse Eislawine, die am 3. Juli 1984 um etwa 3 Uhr morgens niederging. Sie überquerte die übliche Route zum Mönchsjoch. Der grosse Eisblock rechts unten hat einen Durchmesser von 10 m!

12 Detailaufnahme ( 7.Juli 1984 ) der Eislawine vom südlichen Hängegletscher des Mönch ( vgl. Abb. 11 und 12 ). Touristen haben sich trotz der Gefahr von Nachstürzen bis nahe unter die Abbruchfront begeben.

13 Einzeln vom südlichen Hängegletscher des Mönch abgestürzter Eisblock von 6 m Länge und 55 m3 Volumen ( d.h. Gewicht etwa 50 Tonnen ). Aufnahme vom 16. Mai 1982. Der Block hatte die übliche Route zum Mönchsjoch ebenso überquert wie Eislawinen mit Kubaturen von rund 100000 m3.

sehr grossen Eislawinen die grössten Reichweiten. Da der Alpinist aber kaum die Sturzku-batur voraussehen kann, interessieren ihn wohl am ehesten die oberen Grenzwerte für Reichweiten.

Ist das Gelände kompliziert ( Stufung im Gefälle, Gletscherspalten oder Moränenfeld in der Sturzbahn ), liegt eine Reichweitenab-schätzung eindeutig ausserhalb der Möglichkeiten des Bergsteigers und ist auch für den Experten schwierig. Immerhin kann als Faustregel davon ausgegangen werden, dass die Reichweite einer mittelgrossen Eislawine ( bis 100000 m3 ) ausserhalb von Firngebieten selten grosser ist als das Doppelte des zurückgelegten Höhenunterschiedes ( sowohl der Höhenunterschied als auch die Reichweite werden immer zwischen dem obersten Punkt des Anrissgebietes und dem fernsten Punkt des Ablagerungsgebietes gemessen ). Die schräge Linie in Schema 1 hätte dann ein Gefälle von 50% oder 27°, man spricht dann von einem ( Pauschalgefälle ) der Lawine von 50% ( zum Vergleich: in Schema 1 hat die Lawine ein Pauschalgefälle von 37% oder 20°, die Lawine floss also im Verhältnis zur Sturzhöhe weiter ).

Grosse Eislawinen ( mehrere 100000 m3 ) erreichen ausserhalb von Firngebieten gelegentlich Reichweiten, die 2,5 mal, in seltenen Fällen sogar etwas mehr als 3,3 mal ( Alteis 1885 !) so lange sind wie der zurückgelegte Höhenunterschied. Die entsprechenden Pauschalgefälle sind dann 40 bzw. 30%.

a*. ' 13 Eislawinenniedergänge mit Todesopfern Datum Gletscher/Ort Anz.1 D2 A V G H 31.8.1597

Im Gelände erscheint ein Gefälle von 30% als so flach, dass sich viele Berggänger kaum vorstellen können, dass Eislawinen gelegentlich so weit gelangen. Es sei auch betont, dass sie dies oft nicht tun. Tritt aber an einem Gletscher eine Eislawine mit relativ kleiner Reichweite auf, ist dies keinesfalls eine Garantie dafür, dass die nächste Lawine nicht viel weiter fliessen könnte.

Beispiele von weitreichenden Eisabbrüchen konnten ebenfalls am südlichen Hängegletscher des Mönch beobachtet werden. Sowohl ein am 13. oder 14. Mai 1982 einzeln abgebrochener Eisblock von 55 m3 ( Abb. 13 ) als auch die etwa 300000 m3 grosse Eislawine vom 3. Juli 1984 erreichten beide etwa das gleiche Pauschalgefälle von 30%!

Eislawinen als Unfallursachen Der Sinn dieses Berichtes ist keineswegs, Furcht und Schrecken zu verbreiten. Vielmehr soll auf eine besondere Gefahrenquelle ver- gletscherter Berggebiete hingewiesen werden, damit sich der Bergsteiger möglichst darauf einstellen und durch sein Verhalten die objektive Gefahr möglichst verkleinern kann. In vielen Fällen begeben sich Berggänger unbewusst in Gefahr: Unterhalb des südlichen Hängegletschers des Mönch konnten nicht nur Touristen beobachtet werden, die bis nahe unter die Abbruchfront wanderten, um niedergegangene Eislawinenablagerungen aus der Nähe zu betrachten; einmal wurde ein Zelt mitten in der Gefahrenzone aufgestellt, obwohl sich beidseits sichere Gebiete befinden. Auf anderen Routen konnte beobachtet werden, wie Bergsteiger die herumliegenden Eisblöcke als Sitzgelegenheit beim Ausruhen benützten.

Eislawinen sind keineswegs die häufigste Unfallursache in den Bergen. Aus der vom SAC geführten Dokumentation von Bergunfällen mit Todesopfern geht hervor, dass jedes Jahr viel mehr Bergsteiger den Schneelawinen zum Opfer fallen als den Eislawinen. Dennoch starben 1983 in den Schweizer Alpen und dem Mont-Blanc-Gebiet insgesamt mindestens zehn Menschen in Eislawinen. Die Tabelle gibt eine Übersicht der bekannten tödlichen Unfälle mit Eislawinen. Symbolisch ist dargestellt, wo die Eislawine die Opfer erreichte ( z.B. auf Hüttenweg, auf dem Gletscher ).

Ausgwählte Literatur zum Themenbereich 1 Alean, J. ( 1984 ): ( Untersuchungen über Ent- stehungsbedingungen und Reichweiten von Eislawinen ), Mitteilungen der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie der ETH-Zürich, Nr. 74.

2 Haeberli, W. ( 1983 ): ( Frequency and charac- teristics of glacier floods in the Swiss Alps>, Annals of Glaciology 4 ( Proceedings of the Second Symposium on Applied Glaciology, New Hampshire, USA ) S. 85-90.

3 Heim, A. ( 1896 ): ( Die Gletscherlawine an der Altels am 11. September 1895>, 98. Neujahrsblatt der Zürcherischen Naturforschenden Gesellschaft auf das Jahr 1896.

4 Kappenberger, G. ( 1981 ): ( Die schweizeri- sche Tilicho-Expedition Herbst 1980>, DIE ALPEN, 57. Jg., 4. Quartal, S.167-171.

5 Röthlisberger, H. ( 1978 ): ( Eislawinen und Ausbrüche von Gletscherseen ), Jahrbuch der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, wissenschaftlicher Teil, S. 170-212.

6 Schweizerische Verkehrszentrale ( Herausge- ber, 1979 ): ( Die Schweiz und ihre Gletscher ). Kümmerly + Frey.

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