Erinnerungen an eine Engadiner Wintertourenwoche

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Willy Hess, Solothurn

Diavolezza Wir sitzen in der Loge dieses riesigen Theaters. Das Dreigestirn des Piz Palü wechselt seine Farben. Die drei Pfeiler von Gigantenhand geschaffen streben empor zu einem Dom, von dem sich die riesigen Hängegletscher herabwälzen, ein Hermelinmantel aus stürzendem Eis in wechselnden Farben.

Daneben die Bellavista e cosi bella, dass am Namen ( schöner Blick ) nicht zu zweifeln ist. Doch hört ihr die Stimmen der Seilschaften, die auf der Bellavista-Terrasse im eisigen Schneesturm um ihr Leben kämpfen? Weiter rechts die Crast'Aguzza, die Trotzburg im Eis, als wäre sie dahingestellt, um den Kontrast zu zeigen zwischen nacktem, schwarzem Fels und blendend schillerndem Eis.

Dann der Piz Bernina auf einem 500 Meter hohen Bollwerk stehend, die gewaltige, eisgepanzerte Nordwestflanke 1300 Meter hoch zum südlichen Himmel stürmend, zerrissen und gespalten von einem riesigen 500 Meter hohen Eiscouloir. Rechts die Himmelsleiter des Biancogrates funkelnd und lockend, kein Bergsteiger kann ihr widerstehen. Schliessen wir den Vorhang, die Schatten steigen.

Piz Palü Warum hast du es uns so leicht gemacht. Wir haben doch im Film die Hölle am Piz Palü erlebt und nun eine Treppe auf deinen Dom, der Cambrena-Bruch ein Spaziergang zwischen Séracs, als wären es Zuckerstöcke und nicht lauernde Ungeheuer aus drohendem, trügerischem Eis. Die Abfahrt zur Chamanna da Boval, haben wir nur geträumt oder hat einer die Kulissen verschoben - dass wir hier schon sitzen und fast 1500 Meter höher unser Berg sich im Blau verliert und die Gletscher flimmern, als wäre der Hermelinmantel aus Diamanten gegossen.

Piz Tschierva Welch ein Aufstieg und dann welche Szenerie als Belohnung, welche Rundsicht. Der Tschierva-Kessel, gletschergepanzert, zerrissen und aufgetürmt von zermalmenden Kräften. Wieder der Biancograt, welch elegantes **»»A»~ "

Vorangehende Doppelseite: Wolken über dem Bernina-Gebiet Rechts:

Morgenstimmung auf dem Vadret da Roseg de la Sella Bauwerk aus Eis geformt, welcher Kontrast, makelloses Weiss auf schwarzem Felsen zum Himmel flammend. Die Nordostwand des Piz Roseg, riesige Hängegletscher mit Eiswülsten durchzogen, lockend auch sie. Ein leichtes Prickeln geht über deinen Rücken, und spürst du nicht, wie sich die Frontzacken ins glasharte Element krallen und dein Schatten 500 Meter tiefer die Silhouette des Berges verformt - aber in deinen Ohren hallt das Krachen und Bersten stürzender Eismassen.

Piz Corvatsch Der Rabe oder die Dohle, der richtige Name. So leicht wie eine Dohle im Aufwind über den lieblichen Seen des Oberengadins zum Gipfel schwebt, erreichten wir dich. Aber was haben wir hier zu suchen? Das haben wir uns zu leicht gemacht und wie Dohlen, die Flügel etwas gestutzt, enteilen wir über ruppige Schräghänge zur Chamanna Coaz.

Der Himmel ist nicht mehr blau, er ist azur geworden e Italia bella e cosi vicino - alles ist leichter und leuchtender. Ohne Mühe erreichen wir beide Gipfel. Doch zuviel Schönheit ist gefährlich und zwei verschwinden bis zum Bauch in einer Spalte.

Dann eine herrliche Abfahrt bis zum Rifugio Mannelli. Wie ein riesiges Gemälde leuchten die wilden Gneistürme le Cime di Musella der Hütte gegenüber. Welch herrlicher Anblick, welch ein Farbenspiel in der Nachmittagssonne. Sie sind so nahe, dass die alte Leidenschaft dich packt und du bist glücklich und fühlst den warmen Felsen, und an kleinen Griffen wie eine Spinne geht es himmels-wärts, unter dir der funkelnde Firn, über dir ein herrlicher Dom aufgeschichtet aus Urgestein.

Abfahrt in den Séracs Fu orci a Fex-Scerscen Die Musella-Türme stehen in Flammen, als wollten sie zum Abschied noch ihre ganze Herrlichkeit entfalten. Wir gleiten zuerst hinab und dann erreichen wir im Aufstieg über die Hänge des Scerscen-Gletschers die Fuorcla. Der Himmel verdüstert sich, der Wetterumsturz ist da und wir lassen den Piz Tremoggia zu unserer Linken.

Das ist nicht eine Abfahrt, das ist wieder der Rausch von Glück und Lebensfreude und Schwung an Schwung in einer herrlichen Hochgebirgswelt.

Es schneit, der Vorhang geht zu.

J K-2

( 8611 m )

Der erste Schweizer Versuch am zweithöchsten Berg der Welt Stefan Wörner, Wald Auf dem Weg zum K-2 Am ersten Mai 1984 starten wir in Islamabad zu unserem Karakorum-Abenteuer. Vergnügt sitzen wir in der zweimotorigen Fokker. Wir überfliegen die Vorberge, aber schon bald nähern wir uns dem westlichen Eckpfeiler des Himalaya, dem Nanga Parbat. Die Luft ist so klar, dass ich aus dem Flugzeug die Route ausmachen kann, die wir 1982 verfolgt haben.

Nach diesem einmaligen Flug - bei schlechtem Wetter hätten wir 1200 Kilometer auf der in klapprigen Bussen in den Norden Pakistans reisen müssen - landen wir in Skardu, dem grössten Ort Baltistans. Die Nachricht von unserer Expedition hat sich rasch herumgesprochen, und schon wird die Herberge, in der wir wohnen, von arbeitswilli-gen Trägern umlagert.

Das Rad hat fast alle besiedelten Gebiete Baltistans erobert, deshalb können wir nun 1 1979 Makalu II ( 7641 m ), aber gescheitert am Hauptgipfel; 1981 Manaslu-Gipfel ( 8156 m ); 1982 Nanga Parbat bis 7400 m, nachher Abstieg wegen Todesfalls in der Mannschaft; 1983 Gipfel Gasherbrum II ( 8035 m ) und Broad Peak ( 8047 m ).

149 Ein schwieriger Berg!

Obwohl dieser zweithöchste aller Berggiganten seit Mitte der siebziger Jahre jährlich von mehreren Gruppen angegangen wird, waren bis 1984 erst sieben Expeditionen erfolgreich. Es kommt deshalb nicht von ungefähr, dass der K-2 unter den Expeditionsalpinisten als der schwierigste Achttausender gilt.

Nach meinen bisherigen, unterschiedlich erfolgreichen Achttausenderexpeditionen1 hatte ich genügend Erfahrungen, um die Erfolgschancen realistisch einzuschätzen; und ich stufte sie auch entsprechend gering ein. Trotzdem beantragte ich eine Besteigungsbewilligung in Pakistan. Denn offenbar sind es gerade die kleinen Chancen, die Ungewissheiten, die uns Höhenbergsteiger immer wieder zu neuen Abenteuern aufbrechen lassen.

Blick von Urdokas über den Baltoro-Gletscher zu ( von links nach rechts ): Paju-Peak, Biaho-Turm, Trango- und Biale-Gruppe auch mit Jeeps weitere 80 Kilometer fahren, durch das Shigar-Tal in Richtung unserer Berge, bis nach Dassu. Das umfangreiche Gepäck verladen wir dabei auf zehn Traktoran-hänger. Zuoberst auf den aufgetürmten Fässern und Schachteln richten sich schliesslich noch die Träger ein für die holprige Fahrt. In Dassu, einem kleinen Dorf mit einer Schule, einem Polizeiposten, einer Post und einer ( Dispensary ) für Medikamente, heuern wir den Rest unserer 320 Träger an und übergeben ihnen die 25 Kilogramm schweren Lasten.

Am 4. Mai 1984 beginnt dann endlich der Anmarsch. Wir sind eine internationale Expeditionsgruppe. Die siebzehnköpfige Mannschaft setzt sich zusammen aus vier Österreichern, zwei Deutschen, einer Engländerin, vier Polinnen und sechs Schweizern2. Es ist das 2 Expeditionsteilnehmer K-2: Stefan Wörner, 36, Wald, Leiter; Dr. Urs Wiget, 41, Vissoie, Arzt; Kurt Diemberger, 53, Bologna, Film; Julie Tullis, 44, GB-Groombridge, Film; Reinhard Wlasich, 34, A-Leoben; Manfred Lorenz, 24, A-Galtür; Rüdiger Schleypen, 48, D-Freising; Mike Ballmann, 40, Steffisburg; Stéphane Schaffter, 32, Genf; Reinhard Suter, 44, Freienstein; Hans Renggli, 36, Werthenstein; Rolf Ritter, 31, D-Friesenried, Peter Habeler, 43, A-Mayrhofen; Wanda Rutkiewicz, 42, A-Patsch; Krystyna Palmowska, 37, PL-Warschau; Anna Czerwinska, 36, PL-Warschau; Dobroslawa Miodowicz-Wolf, 32, PL-War-schau.

erste Mal, dass Schweizer Alpinisten ernsthaft versuchen, den K-2 zu besteigen. Zwar waren um die Jahrhundertwende zwei Schweizer bei zwei Pionierexpeditionen dabei - 1892 der Bergführer Mathias Zurbriggen mit einer vom Engländer Conway geleiteten Gruppe und 1902 der Arzt Jacot-Guillarmod, mit der Expedition von Aleister Crowley. Zur damaligen Zeit war aber noch nicht einmal der Weg zum Bergfuss bekannt. Das Schwergewicht jener Expeditionen bildete dann auch die Rekognoszierung der Baltoro-Gletscher und -Berge. Und sie waren zufrieden, als sie den K-2 wenigstens von sehr nahen Standorten aus betrachten konnten. Natürlich haben alle nach- folgenden Expeditionen von den Forschungsergebnissen dieser Pioniere profitiert.

Chapo, Jungo, Askole, Korofon, Paju, Liligo, Urdokas, Ghore, Concordia heissen die Stationen auf dem 120 Kilometer langen Marsch zum Basislager im Herzen des Baltoro-Mus-tagh. Zum zweiten Mal nach 1983 gehe ich diesen mühsamen Weg über Schutt, Geröll und Gletscher bis in die Region, wo vier der fünf Achttausender Pakistans stehen. In den ersten drei Tagen wandern wir noch durch einige Dörfer. Wir treffen neugierige Einwohner, kaufen ihnen manchmal einige Eier oder frisches Gemüse ab. Gross ist das Angebot nicht. Diese Menschen leben noch fast wie im Mittelalter. Nur dank knochenharter Feldarbeit -indem sie die steilen Berghänge terrassieren — können sie diesem sandigen, steinigen Boden wenigstens einen Teil der Grundnahrungsmittel abringen: Getreide, etwas Gemüse und vor allem Aprikosen, die sie nach der Ernte trocknen und in den langen, harten Wintermonaten verzehren.

Askole ist das hinterste Dorf im Tal. Wir erreichen es nach drei Marschtagen. Hier herrscht der ungekrönte König Haji Mehdi. Er begrüsst uns mit gekochten Eiern und sandigem Salz dazu. An Haji Mehdi kommt keine Expedition vorbei. Jeder Träger muss ihm einen Wegzoll entrichten. Den Expeditionen selber verkauft er - zu übersetzten Preisen - mit Sand angereichertes Mehl für die Träger. Uns kann er sogar noch drei Kühe abtreten, die nachher, in zwei Tagen, von Trägern nach Paju getrieben und dort in einer elenden Metzelei, mit stumpfen Messern und Eispickeln, geschlachtet und auf alle Träger verteilt werden.

Haji Mehdi verdient offenbar gut an den Expeditionen, denn das Attribut ( der Heilige ) in seinem Namen dokumentiert, dass er bereits einmal auf Pilgerfahrt in Mekka war.

Die lange Kolonne marschiert weiter. Voraus der Chef der Träger, Ghulam Rasul, meist wild mit einem Skistock in der Luft herumge-stikulierend und ständig in lautstarke Diskussionen mit den Trägern verwickelt. Er kennt die Route, die nach Paju über unzählige Moränenhügel am Ende des Baltoro-Gletschers führt, wie kein anderer. Ich habe viel von Streiks der Träger gehört und gelesen; von Forderungen nach mehr Lohn oder nach mehr Rasttagen. Aber mit Ghulam Rasul gibt es so was nicht. Autoritär gelingt es ihm, Anstifter und Unzufriedene immer wieder zum Weitergehen zu motivieren.

Auf dem Baltoro-Gletscher ändert sich das Landschaftsbild schlagartig. Der 68 Kilometer lange Gletscher - damit ist er der drittlängste Gletscher ausserhalb der Polgebiete - wird von unglaublich faszinierenden Granitnadeln gesäumt. Wir Bergsteiger bekommen gar nicht genug davon, uns einzelne Routen auszudenken und mit den Augen die magischen Linien bis zu den Spitzen zu verfolgen.

Im Basislager Nach zwölf Marschtagen - die letzten zwei stapfen wir bei schlechtem Wetter durch tiefen Neuschnee - erreichen wir am 15. Mai das Basislager ( 5000 m ) auf der Mittelmoräne des Godwin-Austen-Gletschers. Aber unser Ziel, den Chogori, den , bekommen wir nicht zu Gesicht. Zu tief hängen die schwarzen Wolken. Die ganze folgende Woche schneit es fast ohne Unterbruch. Während der ersten Schlechtwettertage haben wir jedoch genügend Arbeit: Wir bauen unser kleines, buntes Zeltdorf auf und graben einen flachen Platz für das Küchenzelt in den tiefen Schnee. Es ist angenehm, hier am Ende der Welt eine Art Heimat zu wissen, einen gemütlichen Platz, zu dem wir in den nächsten Wochen immer wieder absteigen können, um uns von den Strapazen zu erholen, um neue Kräfte zu tanken und um von den Erlebnissen im Eis und Fels zu erzählen.

Mit jedem weiteren Schlechtwettertag wächst aber unsere Ungeduld. Alle möchten wir jetzt endlich einmal wenigstens die Spitze des K-2 sehen, endlich die ersten Meter klettern, endlich das tun, wofür wir eigentlich gekommen sind. Nach zwei Erkundigungen mit Ski wird am 21. Mai ein Lastentransport zum Fuss des Abruzzi-Sporns durchgeführt. Wir wollen - von hier aus - die Route benützen, die bereits 1954 die Italiener bei der Erstbesteigung des K-2 gewählt haben.

Ein erster Versuch Am 24. Mai errichten wir das erste Hochlager auf 6100 Meter. Es handelt sich um einen exponierten Platz, und nur mit Mühe gelingt es uns, zwei einigermassen ebene Zeltplätze herzurichten. Alles am K-2 ist sehr ausgesetzt und überaus steil. 45 bis 50 Grad beträgt die Neigung des breiten Sporns. Bis auf 7000 Meter hinauf finden sich keinerlei grosse Absätze oder Eisbalkone, die sich für Hochlager eignen würden. Das Klettern am K-2 ist deshalb anders als an allen andern Achttausendern, die ich kenne. Man bewegt sich stets in kombiniertem Gelände. Nie kann man gleich lange Schritte tun, immer wieder muss man sich an den Armen hinaufziehen, zwischendurch spreizen, lange, kurze, schnelle und langsame Bewegungen wechseln sich ab. Nie kommt man in diesen regelmässigen Kletterrhythmus, der das Steigen in grosser Höhe noch halbwegs erträglich macht. Und dann sind auch noch die Lawinen, die nach den enormen Schneefällen der letzten Tage über die Zwei-tausend-Meter-Rutschbahn von ganz oben, beim Ansatzpunkt der schwarzen Pyramide, bis zum Depot am Spornbeginn hinunterdonnern.

Ende Mai erreichen Peter, Stéphane und Rüdiger den vorgesehenen Standort für das Lager II, nachdem sie die ganze Strecke mit Fixseilen versichert haben. Obschon noch alte Seile vorangegangener Expeditionen sichtbar sind, dürfen diese nicht benützt werden, da sie vom Steinschlag zerhackt wurden. Aber an der schwierigsten Stelle dieser Etappe, im House-Kamin, können wir trotzdem noch von der Arbeit unserer Vorgänger profitieren: Die hier hängenden Alusprossenleitern bleiben benutzbar, selbst wenn sie einige Defekte aufweisen.

Träger auf dem Konkordia-Platz. Im Hintergrund der K2 ( 8611 m ) Unterdessen steigen die anderen Seilschaften, schwer bepackt mit Fixseilen, Zelten, Schlafsäcken und Nahrungsmitteln, hinauf zum höchsten bisher erreichten Punkt. Dabei setzt bloss das Filmteam, Kurt und Julie, für das Tragen der schwergewichtigen Kameraausrüstung zwei Hochträger ein. Der Rest schleppt alles selbst.

Die Zeit wird knapp Am 4. Juni erreicht unsere zweite Gruppe, die drei Wochen später abgereist ist und sich nur auf den Broad Peak konzentrieren wird, das Basislager3.

3 Expeditionsteilnehmer Broad Peak: Andreas Reinhard, 37, Horw; Martin Kraska, 35, St. Gallen, Arzt; Thomas Hägler, 31, Füllinsdorf; Raymond Bodenmann, 40, Bogota, Kolumbien; Manolo Barrios Prieto, 29, Bogota; Jose Fernando Machado, 28, Bogota; Marcelo Arbelaez Buraglia, 27, Bogota; Hanna Müller, 49, Bern; Friedrich Thum, 45, D-Deggenhausertal.

Die Wetterlage hat sich nun wieder stabilisiert. Dafür setzt jeweils nach zwei bis drei schönen Tagen ein äusserst heftiger Höhensturm ein, der oberhalb 6000 Meter an allen exponierten Stellen enorme Schneefahnen verursacht. In diesem Höhenorkan kann man kaum klettern, und die Fortschritte sind minimal. Trotzdem erreichen Stéphane und ich am 9. Juni das Ende der felsklettertechnischen Schwierigkeiten, den Kopf der schwarzen Py-ramide.Von hier führt die Route über einen steilen Gletscherrücken zum Beginn des Gipfelaufbaus. Doch dazu muss erst ein etwa 20 Meter hoher, völlig senkrechter Eisabbruch überwunden werden. Danach finden wir, auf 7500 Metern, wenigstens einen Standort für das Lager IM. Gemäss unserem Plan möchten wir nun, mit möglichst leichtem Gepäck, bis auf 8000 Meter klettern, dort ein Biwakzelt errichten, von dem aus wir dann die letzten härtesten Meter zum Gipfel in Angriff nehmen können.

Zunächst steigen wir aber nochmals ab ins Basislager, um ein letztes Mal Kräfte zu tanken für den Gipfelsturm. Wir verfügen jetzt über eine hervorragende Ausgangslage. Um auf den Gipfel zu kommen, brauchen wir nebst einer vorzüglichen körperlichen Verfassung bloss noch mindestens fünf Tage stabiles Wetter. Aber bis Ende Juni bleibt die Wet- tersituation am K-2 unverändert: Bei wolkenlosem Himmel immer dieser Orkan, der ein Aufstieg in Klettergelände nicht zulässt. Unwie-derbringlich verrinnt die Zeit. Auf den 15. Juli sind bereits die Rückmarschträger bestellt.

Erfolg am Broad Peak Während wir uns somit am K-2 mit misslichen Verhältnissen herumschlagen, machen unsere Kameraden am Broad Peak sehr gute Fortschritte. Innert kurzer Zeit haben sie alle notwendigen Hochlager errichtet. Am 26. Juni verlassen dann sechs Bergsteiger ihr Zelt auf 7100 Metern und setzen sich Richtung Gipfel in Bewegung. Um die Mittagszeit erreichen sie den Sattel zwischen dem Mittel- und Hauptgipfel. Drei geben auf, während Thomas, Andreas und Manolo unbeirrt weitersteigen. Sie befinden sich jetzt auf dem mehr als zwei Kilometer langen Gipfelgrat; ein langer Weg, der bis zum höchsten Punkt über mehrere Graterhebungen führt! Endlich, um 17 Uhr, können die drei die letzten Schritte zum 8047 Meter hohen Broad Peak-Gipfel tun.

Es bleibt ihnen wenig Zeit, diesen Moment zu geniessen, denn die Schatten werden rasch länger und mahnen sie, unverzüglich den Abstieg in Angriff zu nehmen. Trotzdem überrascht sie schon bald die Nacht. Im Dunkeln stolpert Andreas sogar noch über einen Lawinenanriss und saust fast dreihundert Meter in die Tiefe. Doch mit viel Glück kann er seinen Sturz abbremsen. Schliesslich bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich, ohne schützendes Zelt, in diesem Labyrinth von Eis und Fels für die Nacht einzurichten. Dessen ungeachtet erreichen sie am nächsten Tag unbeschadet das Basislager.

Die Würfel sind gefallen Bei uns am K-2 sind anfangs Juli die Würfel gefallen. Keiner glaubt mehr an ein Gelingen des Unternehmens. Wir geben auf. Aber so ganz ohne Erfolg wollen viele nicht nach Hause reisen, und die meisten K-2-Teilnehmer starten deshalb zu eigentlichen Verzweif- lungsangriffen auf den Broad Peak. Am 12. Juli machen Peter, Urs und Rüdiger einen Gipfelversuch. Schon bald nach dem Start auf 7100 Metern klagen alle über leichte Erfrierungen an den Füssen und über bodenlosen Schnee. Sie brechen ihr Vorhaben ab. Peter und Urs geben auf. Rüdiger hingegen will seine allerletzte Chance wahrnehmen, denn unten im Basislager rüsten bereits alle für den Rückmarsch. Zusammen mit Karl, einem Teilnehmer einer deutschen Broad-Peak-Expedition, folgt Rüdiger am 13. Juli den Spuren des Vortags. Die beiden steigen langsam, und erst um acht Uhr abends stehen sie auf dem Gipfel des Broad Peak. Sie verbringen ein kaltes Bi- wak in Gipfelnähe, und am Abend des 14. Juli kommt Rüdiger völlig ausgelaugt ins Basislager. Wie geplant brechen wir am folgenden Tag auf und marschieren talwärts. Aber Rüdiger kann nicht mehr gehen. Alle Zehen haben sich schwarz verfärbt. Beim gestrigen Abstieg hat er in seinem Erschöpfungszustand gar nicht mehr realisiert, dass seine Füsse schon längst gefühllos geworden sind. Drei Tage später wird Rüdiger von einheimischen Trägern nach Paju transportiert und danach mit Helikopter nach Skardu geflogen. Im Herbst müssen ihm leider acht Zehen amputiert werden.

Der Rest der Mannschaft marschiert in sieben Tagen zurück in die Alltagswelt. Für die Erfolgreichen hat sich der Traum einer Achttausenderbesteigung erfüllt. Die Geschlagenen haben beim stillen Hinauswandern Zeit, sich mit der Niederlage abzufinden und sich im Kopf eine Ausrede bereitzulegen. Aber Chogolisa ( vom Basislager am K2 ) vielleicht ist es für manchen schön, den Traum, einmal ganz dort oben zu stehen, immer noch in sich zu tragen, um irgendwann wieder aufbrechen zu können, zum Chogori, dem .

Es bleibt nachzutragen, dass Kurt und Julie, das Filmteam - sie blieben wegen der Filmarbeiten länger im Basislager- am 18. Juli den Gipfel des Broad Peak ebenfalls bestiegen4.

4 Gipfelbesteigungen Broad Peak ( 8047 m ):

26. Juni 1984: Thomas Hägler, Andreas Reinhard, Manolo Barrios Prieto.

13. Juli 1984: Rüdiger Schleypen.

W. Juli 1984.Julie Tullis und Kurt Diemberger. Für letzteren handelte es sich dabei schon um die zweite Besteigung dieses Berges, nachdem er dessen Gipfel zusammen mit Buhl, Schmuck und Wintersteller bereits 1957 erstmals bezwungen hatte.

Feedback