Erinnerungen an einen Hüttenwart, Hans Rubi

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Hans Rubi von Grindelwald ( 1866—1948 ) Hüttenwart auf Konkordia 1910—1937.

Von Hans Koenig

Mit 2 Bildern ( 80, 81Zürich ) Inzwischen war auch der Mond aufgegangen. Es dauerte aber eine Weile, bis er den Hintergrund des Studerfirns und die Hänge des Studerhorns beleuchtete. Wir liessen die Ski auf dem Studerjoch und machten mit Steigeisen bei trügerischem Licht den Aufstieg über den vergwächteten Grat. Wie « gschwungni Nidle » hingen die Schneewülste bald nach links, bald nach rechts über dem Grat. Als wir die runde Kuppe des Studerhorns ( 3637 m ) erreicht hatten, standen wir in einer phantastischen Landschaft. Die vom Mond hell beleuchtete Ostwand des Finsteraarhorns türmt sich zum Himmel, dass man den Kopf ganz in den Nacken werfen muss. Im Süden strahlten im vollen Mondlicht die sanften Hänge des Studerfirns; darüber der Galmifirn und die Galmihörner, wo zwischen den Felsen immer wieder einzelne Schneeflecken neu aufleuchteten. Es war wie ein Huschen des Lichtes über die Gratkante. Nach Norden dagegen schwarze Nacht; windstill; kein Laut. Selbst das Rauschen der Gletscherbäche war verstummt. Es war uns feierlich zumute. Keiner sprach ein Wort. Man atmete tief, und am Hauch merkte man, dass es kalt war. Wir stiegen zurück zu unseren Ski. Wie freuten wir uns auf die Abfahrt im leichten, glitzernden Pulverschnee! Keiner machte Schuss. Jeder zog geniesserisch weite Bogen. Als wir etwas unter der Mitte des Südgrates des Finsteraarhorns waren, sahen wir unten auf dem Gletscher einen einzelnen Skifahrer. Wir riefen. Es war Rubi, der uns antwortete: « Wartit! » Als er sich näherte, sahen wir, dass er in jeder Hand etwas Geheimnisvolles trug, umhüllt mit Decken und verpackt mit Schnüren. Sorgfältig stellte er ab und sagte: « I ha teicht, Ihr heigid gären es warms Büffet zum Monschinschwärmen! », packte zwei Pinten aus, die eine mit warmer Erbssuppe und Würsten, die andere mit heissem Münzentee. Dazu kramte er aus dem Rucksack Teller, Chacheli und Löffel. Das war echt Rubi. So genossen wir inmitten einer grossartigen, feierlichen Umgebung und Stille, auf ungefähr 3400 m, am Fusse des höchsten Berner Berges ein Mondschein-Gletscher-Dîner. Das beigegebene Bild ist eine Mondscheinaufnahme von August Gysi und gibt einigermassen die da- malige Stimmung wieder. Nicht ohne Schauder erkenne ich darauf die Spuren unserer Abfahrt, die über mehrere offenbar tiefe Spalten führt, über die wir ahnungslos hinweggeglitten waren.

Am 4. Juni 1928 ist am Rottalhorn mein Freund August Gysi, Sektion Bern S.A.C., verunglückt. Ich war von einer Deutschlandreise heimgekehrt und las diese Nachricht im « Bund ». Dieser Schlag traf. « Güscht » war doch mein langjähriger getreuer Tourenkamerad auf so mancher Bergfahrt gewesen. Wir kannten einander von der Schule in Bern her, wo er seine Klassenkameraden immer mit seinen drolligen Einfällen ergötzte und überraschte. Wir verloren uns dann aus den Augen, bis ich ihn 1904 im frühlingsgrünen Dählhölzli traf und er mir erzählte, er mache Velorennfahrten mit und habe schon einige Erfolge gehabt. Da schon damals meine nächsten Tourenfreunde Paul Koenig, Ernst Krebs, Egon von Steiger verunglückt waren und ich einen neuen Kameraden suchen musste, sagte ich ihm sehr ernsthaft: « Lass die Veloraserei, die macht Dir nur das Herz kaputt, komm Du lieber, mit mir bergsteigen. » Er war gleich einverstanden, und wir verabredeten, ein systematisches Training durchzuführen. Während eines Monats übten wir jeden Morgen von 6-7 Uhr an den Kletterstangen des Turnplatzes auf dem Kirchenfeld in Bern, lernten alle Seilknoten, seilten ab und auf, mimten Einstürze in Gletscherspalten und arbeiteten uns mit Steigbügeltechnik wieder heraus. So präpariert, zogen wir los zu unserer ersten Kampagne in die Gastlosen \ die uns überraschende Erfolge brachte. Es war erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit und Fertigkeit Gysi kletterte. Natürlich, sein Beruf als Tapezierer brachte es mit sich, dass er auf Leitern zu balancieren verstand und auf kleinen Leisten sich zu halten vermochte. Er wurde denn auch ein ausgezeichneter Kletterer, der später in der Erschliessung der Engelhörner sein gut Teil geleistet hat. Seine besondere Stärke lag aber nicht nur im Bergsteigen; er hatte einen ausgesprochenen Sinn für alles Schöne und wusste geschickt zu arrangieren. Diese Gabe förderte sein Verständnis für die Schönheit der Bergnatur, für die er ohnehin ein offenes Auge hatte und sie deshalb auch mit der Kamera festzuhalten verstand. Er wurde zu einem unserer besten Bergphotographen. Dr. Charles Simon, dem ich einmal einige Aufnahmen von Gysi zeigte, rief spontan in seiner treffsicheren Art aus: « Mais, votre ami n' est pas un photographe, c' est un artiste! » Es ist deshalb nicht ohne Grund, wenn diesen Erinnerungen einige Aufnahmen von August Gysi beigegeben werden. Darin liegt auch die Erfüllung eines Versprechens, das Dr. Ernst Jenny als Redaktor im Band IV der « Alpen » 1928, S. 140, gegeben hat: « Eine Anzahl der schönsten Aufnahmen von August Gysi werden in den ,Alpen'erscheinen. » Das gewisse « Etwas », das viele seiner Bergaufnahmen auszeichnet, hat auch andere begeistert und anregend auf sie gewirkt. Als ich am 13. Februar 1917 in der Sektion St. Gallen des S.A.C. bei einem Vortrag Projektionsbilder von Gysi aus Albigna und Bondasca zeigen konnte, kam nachher ein junger, frischer Mann zu mir und fragte, ob er diese prachtvollen Bilder sich näher ansehen könnte. Er trat darauf mit Gysi in nähere Verbindung und hat nach 1 « Jahrbuch S.A.C.s 1905, XLI, S. 142 ff.

dessen Ratschlägen versucht, im Alpstein ähnliche Aufnahmen zu machen, die er als Postkarten verkaufte und sich so ein ordentliches Taschengeld und einen Zuschuss zu den Erziehungskosten verdiente. Aus diesem jungen Mann wurde später unser grosser Schweizer Flieger Walter Mittelholzer x. Er ist nicht als Pilot oder als Pilotenschüler während des ersten Weltkrieges zur Fliegerei gekommen, sondern als Trompeterkorporal zum Flugphotographen befördert worden und hat erst als solcher den « goût » für die Fliegerei bekommen. Er hat mir in späteren Jahren, als wir uns befreundet hatten und viel gemeinsam auszogen, oft davon gesprochen, welch tiefen Eindruck die Bilder Gysis auf ihn gemacht hätten, und dass er es ihm und seinen Anregungen verdanke, wenn auch er photographieren gelernt habe. So ist durch die Bergbilder Gysis in Mittelholzers Seele das heilige Flämmlein angezündet worden.

Was August Gysi als Mensch und Bergsteiger war, hat Hans Kempf 2 trefflich gezeichnet, so dass nichts mehr zu sagen ist. Dass aber dieser gute und solide Bergsteiger am Rottalhorn verunglücken musste, wollte mir nicht in den Kopf.

Der offizielle Bericht über den Unfall lautete wie folgt: « Die Herren Gysi, Liggenstorfer und Mottet waren von der Sektion Bern beauftragt worden, die Frühlingsinspektion der Egon-von-Steiger-Hütte an der Lötschenlücke vorzunehmen. Sie übernachteten auf dem Jungfraujoch am 3. Juni 1928 und wollten am 4. Juni in die Steigerhütte. Da das Wetter sehr schön war, wollten sie noch eine kleine Besteigung damit verbinden, insbesondere um zu photographieren, und gingen deshalb auf dem gewöhnlichen Jungfrauwege auf den Rottalsattel. Von dort geht ein steiler Aufstieg nach Norden auf den Gipfel der Jungfrau und der andere nach Süden über den breiten und leichten Grat auf das Rottalhorn. Dieser Grat war wohl 6-8 Meter breit und bot keinerlei Schwierigkeiten; er war vollständig verschneit. Die drei Touristen stiegen auf in der Reihenfolge: Mottet, Liggenstorfer, Gysi. Gysi wollte nun eine photographische Aufnahme machen gegen die Ebene Fluh hin ( also nach rechts im Sinne des Aufstieges ), und er veranlasste den in der Mitte gehenden Liggenstorfer, nach rechts abwärts in den Hang gegen das Rottal hinunter abzusteigen, damit er für seine Photographie eine schöne Staffage hatte. Mottet oben vorne hatte den Pickel fest eingerammt und das Seil darum verankert. Als die Photographie aufgenommen war, kam Liggenstorfer von rechts unten wieder auf den ebenen Teil des Grates herauf, wo Gysi und Mottet standen. Wie Liggenstorfer diesen scheinbar ungefährlichen Boden betreten hatte, senkte sich die ganze Wand nach links, also auf die Jungfrauseite hinab und riss Liggenstorfer mit. Mottet, der zuoberst war und sich mit seinem Pickel noch gesichert hatte, blieb hart am Rande des Abbruches stehen und vermochte den Zug, der infolge des Falles von Liggenstorfer entstand, auszuhalten. Gysi aber, der sich als Hinterster in Marschbewegung befand, wurde von Liggenstorfer mitgerissen und fiel am gestreckten Seil links in die Wand hinaus. Da die ganze Eiswand in einer Ausdehnung von etwa 50 Metern und einer Tiefe von etwa 20-30 Metern abbrach, wurde das Seil 1 Verunglückt an der Stangenwand 1937. s « Alpen » IV, 1928, S. 139.

zwischen Gysi und Liggenstorfer durch die herabfallenden Eisstücke ab-geknellt, und Gysi stürzte mit der ganzen Eis- und Schneelawine 300-400 Meter tief hinunter in die sogenannte Jungfrau-Tühle, wo er erst nach zwei Tagen von der Rettungsmannschaft der Station Jungfraujoch aufgefunden wurde. Man fand ihn etwa zwei Meter tief in Schnee und Eis begraben, den Rucksack neben sich mit den gänzlich unversehrten Photos, die er im Aufstieg aufgenommen hatte.

Es sei hier erwähnt, dass die Leiche Gysis ungefähr am gleichen Ort aufgefunden wurde wie die des am B. Juli 1901 durch einen Schneerutsch verunglückten Herrn Naef aus Zürich. » Dieser Bericht liess mir keine Ruhe. Wie sonderbar: der Hinterste im Aufstieg an einem Schneegrat verunglückt. Und was bedeutet der Rucksack neben der Leiche? Das musste abgeklärt werden. Ernst Lemann ( Sektion Langnau S.A.C. ) und ich verabredeten uns auf den 27. Juni 1929 mit Hans Rubi auf dem Jungfraujoch. Er sollte uns mit den Führern und der Rettungsmannschaft in Verbindung setzen und selbst an Ort und Stelle uns seine Meinung sagen. Da erfuhren wir folgendes: Die Rottalgwächte bricht alle paar Jahre einmal ab. Im Unglücksjahr 1928 war sie besonders gross. Das Rottalhorn gilt als ein « warmer » Berg, d.h. er ist vor der Bise geschützt durch die breit vorgelagerte Jungfrau, und es herrscht an Sonnentagen auf dem Rottalgrat und auf der ganzen Flanke bis hinunter in die Jungfrau-Tühle eine fast unerträgliche Hitze. Der Schnee wird bis in die Tiefe aufgeweicht, wässrig, gefriert dann wieder über Nacht. Dadurch wird der ganze Gipfelgrat « murb ». Wenn hierauf die geringste Belastung kommt, bricht er ab. Der Vorderste der Partie, Mottet, hatte die Gefahrzone schon überschritten und sich gut gesichert. Wie aber Liggenstorfer und Gysi sich von der Rottalflanke mehr nach links gegen den Grat zuwandten, befanden sie sich auf dem faulen Schnee der wohl 10 Meter weit unterhöhlten Gwächte. Diese gab nach, Liggenstorfer und Gysi fielen mit den weichenden Schneemassen in die Tiefe. Die gute Sicherung Mottets bewährte sich, und der Mittelmann konnte gehalten werden, während das Seil zwischen diesem und Gysi riss. Doch wurde dadurch der Absturz wohl etwas verzögert, und Gysi blieb bei dieser Höllenfahrt von wohl 400 Metern oben auf und ziemlich unverletzt 1. Wie die Leute aussagten, die ihn gefunden haben, muss er unten, heil angekommen, seinen Rucksack geöffnet und nach dem Spruch gehandelt haben, den wir oft aussprachen und befolgten, wenn « etwas » passiert war: « Sitz ab, iss und bsinn di! » Da rutschte ein zweiter Gletscherbruch nach, der ihn unter seinen Eistrümmern begrub. Welch mächtige Massen da nachgestürzt sind — vor denen es kein Entfliehen mehr gab — geht daraus hervor, dass Eisstücke so gross wie Eisenbahnwagen herumlagen. So ist mein lieber Freund umgekommen.

Wir erlebten das alles an Ort und Stelle mit, und als wir den breiten, gar nicht steilen Firnrücken vom Rottalsattel zum Gipfel des Rottalhorns 1 Hat sich nicht Ähnliches am Unglück der Expedition des A.A.C.Z. in den Anden am Aguja Alpamayo ereignet, sogar noch in grösserem Ausmass! ( d NZZ » 10.9. 1948, Nr. 1889. ) ( 3946 m ) hinaufstiegen, fragten wir uns immer wieder: « Wie kann da etwas passieren? » Ist doch der ganze Hang ein breiter Rücken, auf dem man einen Kinderwagen hinaufschieben könnte. Zwei Stunden sassen wir hemdärmlig auf dem Gipfel, der zu Unrecht so selten bestiegen wird. Da kann man sich den gewaltigen Aufbau der Jungfrau gehörig ansehen mit den Einzelheiten der Türme im Ostgrat. Besonders interessant war es zu verfolgen, wie jeder Schneerutsch, jeder Stein vom gewöhnlichen Aufstiegsweg zur Jungfrau in den grossen runden Trichter einmündet, der dann in die grausige Schlucht des Rottalcouloirs abschiesst. Wie manche Partie ist hier schon verunglückt! So kamen keine frohen Gedanken auf, und man freute sich nicht der prachtvollen Aussicht nach Süden, die viel eindringlicher wirkt als vom Jungfraugipfel aus. Als die Sonne schon tiefer stand, gingen wir zurück zum Rottalsattel. Da hörten wir Rufe. Woher? Rubi mit seinen Luchsaugen hatte es entdeckt: « Da uehi hocket eina. » Mit dem Zeiss erkannten wir sofort etwa 120 Meter ob dem Rottalsattel in der üblichen Jungfrautrasse einen Menschen, der mit den Armen winkte. Was ist denn da lost Ein Mensch allein! Ist, ohne dass wir es beobachtet hatten, etwas passiert? Ich stieg mit den Steigeisen und Skistöcken hinauf und fand einen rothaarigen jungen Mann, Mitte der Zwanziger, der mit Filzhut, ohne Schneebrille, in einer schönen braunen Homespun-Kleidung, in Halbschuhen mit gerippter Gummisohle und einem Hakenstock in einer grossen Eisstufe sass. Als ich mich schweigend näherte, sagte er: « I can't move. » Das schien in der Tat der Fall zu sein, denn in der flotschigen Eisstufe war er mit den Kleidern angefroren und schlotterte vor Kälte. Nette Bescherung! Ich rief Rubi, mit Seil, Steigeisen und Pickel heraufzukommen. Wir seilten uns an und Rubi empfahl: « Näd ne churz, nid dass er mier i Bei ferd und is all dry ahi rierd l » Der Versuch, die Skistöcke einzurammen und den « Patienten » Seillänge um Seillänge herunterzulassen, misslang, weil der ganze Hang bis in die Tiefe Eis war. Es blieb nichts übrig, als auf die Steigeisenzacken vertrauend sich hinter ihn zu stellen und ihn in die von Rubi mit unserem einzigen Pickel vergrösserten und vertieften Stufen rutschen zu lassen. Wir brauchten mehr als eine halbe Stunde, bis wir unten waren. Auf dem Rottalsattel war er sichtlich erleichtert und sagte: « I thank you. » Er wollte uns aber weder seinen Namen noch seine Adresse angeben, und mein hingestrecktes Notizbuch wies er mit Entrüstung zurück.. Wir insistierten nicht, denn er war offenbar durch die ausgestandene Angst seelisch ein bisschen durcheinander. Zu viert am Seil nahmen wir auf der üblichen Route den Abstieg. Unten in der Tühle beschauten wir uns noch einmal die Stelle, an der Gysi gefunden worden war. Also da! Und hier gehen jährlich Hunderte von Jungfraubesteigern ahnungslos durch! Wir gingen bis zu unseren Ski, wo sich der Engländer ebenfalls abseilte und erklärte: « I will go to Konkordia I » Das hatte gerade noch gefehlt. Ohne viel Federlesens erklärten wir ihm in einem unmissverständlichen Ton, er habe nun aufs Jôch zu kommen. Rubi sagte: « Lat mer ne nume, i bringe ne scho üfi. » Während wir unsere Ski anschnallten, schulterte Rubi seine Bretter und deutete ihm, er soll voraus in der Trasse weitergehen. Das tat er, wenn auch mit offensichtlichem Widerwillen. Wir andern fuhren zum Sphinxstollen zurück. Sofort suchten wir nach Die Alpen - 1949 - Les Alpes24 Rubi, der uns berichtete, der Vogel sei auf dem Joch sang- und klanglos verschwunden und wohl mit dem letzten Zuge nach Eigergletscher abgefahren.

Am 28. Juni 1929 hatten wir vor, aufs Gletscherhorn ( 3982 m ) zu gehen. Vater Rubi wollte auf dem Hornschlitten mit dem Gepäck und Proviant zur Konkordia fahren, wo er noch allerlei nachzusehen habe. Das Gletscherhorn hatten wir gewählt, angeregt durch die Schilderung « Sommerskiberge im Jungfraugebiet » von Joseph Dahinden ( « Alpen » V, 1929, S. 168 ff. ). Auf Grund dieser Beschreibung waren wir auf keinerlei Schwierigkeiten gefasst und äusserten uns auch in diesem Sinne, als uns Rubi mahnte: « Ds Gletscher-horen ischt obenüs no schier chitzligs », und uns empfahl, doch seinen Sohn Adolf Rubi mitzunehmen. Da wir wenig trainiert waren und keinen Pickel, nur die Skistöcke bei uns hatten, waren wir sofort einverstanden. Und wie froh waren wir darüber! Die Tour ist anfänglich ganz leicht. Man fährt im Schuss über den hartgefrorenen Schnee in die breite, offene Gletschermulde bis zu Punkt 3388 und hat dann einen angenehmen, nicht zu steilen Aufstieg hinter dem Kranzberg durch bis zum Lauitor ( 3700 m ). Vorsichtig, am Seil von zwei Seiten gehalten und gesichert, näherte sich der Mittelmann dem Abgrund. Es war keine Gwächte da, aber jäh schiesst die Wand ab bis ins Rottal. Ein respektabler Krachen, aber — wie uns von oben schien — doch noch gut zu begehen. Wir steckten die Ski ein und begannen den weiteren Aufstieg. Zuerst kommt ein schneidiges, exponiertes Schneegrätlein, das an die Wand unter dem Gipfelfelsen mündet. Von dort muss man nach links im Sinne des Aufstieges mehrere sehr steile und abschüssige Eiscouloirs queren. Adolf Rubi hackte, trotzdem wir Steigeisen hatten, tiefe Stufen für Füsse und Hände bis zu einem Felsblock, der gute Sicherung bot und von dem aus die letzten etwa 10 Meter Gipfelfelsen, die auch nicht leicht, aber gut griffig sind, überwunden werden konnten. Leider bot uns das Gletscherhorn keinen Ausblick. Es kamen Nebel und Schnee. Diese letzten 250 Meter sind aber eine ganz respektable und seriöse Aufgabe. Wie man einen solchen Aufstieg mit den Worten abtun kann: « Wir nähern uns über einen weiten Firnrücken und nach einer kurzen, steilen Gratwanderung den schönen Felsen des Gletscherhorns » ( S. 170 a. a. O. ), bleibt mir unverständlich. Darin liegt geradezu eine Aufmunterung für Ungeübte, sich an Bergen zu versuchen, denen sie nicht gewachsen sind. Das ist unverantwortlich.

Unser Abstieg ging gut, und vom Lauitor weg gab es eine schöne Abfahrt am Seil in gutem Sulzschnee bis Konkordia, wo uns Vater Rubi in seine Obhut nahm.

Tags darauf, am 29. Juni 1929, wollten wir auf den Fiescherochs ( 3905 m ) und ersuchten Rubi, uns im Laufe des Nachmittags auf der Finsteraarhornhütte zu erwarten. Gemächlich steuerten wir über die Grünhornlücke dem Fieschergletscher zu. Als wir uns dem Gletscherbruch näherten, hörten wir « hupen ». Was zum Kuckuck ist denn schon wieder los? Lange suchten wir vor und über uns das Terrain ab, ohne jemanden zu entdecken. Wieder ein Ruf — er kam von hinten. Da sahen wir, wie weit unten auf dem Gletscher ein kleiner Punkt sich in unserer Spur bewegte. Wir rasteten. Unterdessen rückte der Punkt immer näher. Zu unserem Erstaunen erkannten wir Rubi.

« I ha welle fragen, ob i o chent chon. Syt dryesächzg Jahre steit mier dr grescht Ochs vom Kanton Bären vor dr Sunnen. Däm weit i o grad eis uf d' Hore chnewen. » Das war überzeugend. Wir freuten uns über seine Begleitung, aber ans Seil wollte er nicht. Das Gipfelgrätchen vom Grossfiescherhorn zum Kleinen Ochs war stark vergwächtet. Rubi riet, gute 4-5 Meter unter der Kante zu bleiben. Auf dem Gipfel liess sich Rubi an zwei Seiten am Seil halten und hieb mit mächtigen Schlägen die Gipfeigwächte durch, bis man nach Grindelwald hinunter sehen konnte. « Gschouid, dert ischt mys Heimet! » Tags darauf ging 's « unten durch » zum Rotloch. Dort, wo der Galmifirn und der Fieschergletscher zusammenfliessen, ist es wegen der kreuz und quer verlaufenden Spalten immer besonders gefährlich. Zum erstenmal kam deshalb Rubi mit den Ski ans Seil. Die Abfahrt zu dritt ging ganz gut. « I hätt 's nid teicht. » Da wir es nicht eilig hatten, suchten wir nach der Rotlochhöhle, in der Gottlieb Studer am 5. August 1864 biwakiert hat. Er kam am gleichen Tage vom Studerhorn her, das er vom Finsteraarhorngletscher aus bestiegen hatte, und am folgenden Tag machte er die erste Traversierung des Grossen Wannehorns. Wir glauben, die Stelle gefunden zu haben, die G. Studer, als « die kalte Herberge für Gletschermannen » bezeichnet1. « Sie besteht in einem hohlen Raum eines überhängenden Granitblockes, in welchem fünf Mann mit Not ein geschütztes, aber recht hartes Lager fänden. » Hier feierte der grosse bernische Alpenpionier seinen 61. Geburtstag. Mit Ehrfurcht, beinahe mit einer gewissen Scheu und Beschämung beschauten wir uns diese Stätte. Was wir dachten, brachte Rubi zum Ausdruck: « Jetz hei mr 's besser! » Für uns stand das Wasenhorn ( 3457 m ) auf dem Programm. Als wir im weichen Schnee den Galmifirn hinaufschlurften, kroch vom Oberaarjoch ein träger Wolkenwurm auf den Gletscher herunter. « Es chunt schlächt, me gsehd den doben nnd », meinte Rubi. Da wir genügend Zeit hatten, sahen wir nicht ein, weshalb wir es nicht wenigstens versuchen sollten. Brummlig machte Rubi mit, weil er auf der Oberaarhütte nützlichere Arbeit zu verrichten hätte. Item, wir erreichten in dichtem Nebel eine Schulter, von dort einen Grat, von dem aus hie und da die Umrisse phantastischer Türme auftauchten und verschwanden. Unerwartet wurde es lichter, und kurz vor dem Gipfel traten wir für kurze Zeit aus dem Nebel und hatten ein prächtiges Wolkenmeer unter uns. Das Finsteraarhorn präsentierte sich von hier aus mit seinem Vorbau des Rothorns grandios. Einen Augenblick sahen wir auch durch, ein Nebelloch ins sonnige Goms hinunter. Rubi schaute sich befriedigt um: « Jetz heit Ihr sogar no dm Wätter gwisst Zwang aztüön. » Tags darauf verliessen wir bei Nebel und Schneetreiben die Oberaarhütte um 6 Uhr und erreichten in zwei Stunden den Unteraarboden. War das ein Betrieb da! Das Grimselwerk war im Bau. Hinten im Gletscherboden standen zwei grosse Baggermaschinen, Baracken, ja eine ganze Budenstadt. Ein Zug mit zwanzig Eisenkippwagen kam eben angefahren. Es pfiff, fauchte und rasselte ringsum. Die Bagger frassen sich mit ihren mit drei Eisenzähnen bewehrten Riesenmäulern in den Moränensand. Dann ratterte die Kette, 1 « Jahrbuch S.A.C. », II, 1865, S. 183.

der Löffel wurde gehoben und im Schwung landete er in weitem Boden ob den bereitstehenden Eisenkuttern. Dort kippte er automatisch um, und mit Geräusch und Gepolter entleerte er sich. Rubi stand wie versteinert da. Er, der den ganzen Morgen noch kein Wort gesprochen hatte, sagte erstaunt: « Das isch vellig unheimli. » Der Zufall wollte es, dass ein junger Ingenieur, Fritz Wüthrich 1, den wir kannten, unerwartet vor uns stand. Er lud uns ein, mit dem Materialzug nach der Grimsel zu fahren. Wir müssten aber zusammen in ein Wägeli sitzen. Das liessen wir uns nicht zweimal sagen. Flugs verfrachteten wir uns. Vergnügt nickte Rubi, der, alle drei Paar Ski in den Armen, zwischen den Säcken am Boden sass, als der Zug im Schuss unter grellem Pfeifen und Gepuste zum Grimselhospiz fuhr. Dort hatten wir kaum die Grimselstrasse betreten, als ein leeres Automobil daherkam. « Wohin? » « Retourfahrt nach Meiringen, aber es pressiert. » Die drei Rucksäcke flogen ins Verdeck, wir setzten uns hinten in den offenen Wagen und hielten unsere Ski aufrecht zwischen den Beinen. Das ging alles so rasch, dass Rubi sich kaum fassen konnte. Behaglich sass er in unserer Mitte. Es gefiel ihm ausserordentlich, so unbeschwert in den Frühling hineinzufahren. Ja, er wurde gesprächig. Er habe nie gedacht, einmal so nobel die Grimsel hinunterzufahren. Das sei anders gewesen, als er vor 42 Jahren als 21jähriger mit einem andern zusammen eine 110 kg schwere Französin im Tragsessel habe « fugen » müssen, und zwar am ersten Tag von Lauterbrunnen über die Kleine Scheidegg nach Grindelwald, am zweiten über die Grosse Scheidegg nach Meiringen und am dritten von Guttannen über die Grimsel bis Gletsch. Er habe pro Tag einen Fünfliber erhalten, dazu gute Verpflegung, und habe jeden Abend ein Bett gehabt. Das sei damals sehr schön bezahlt gewesen. Auch habe die Dame noch zwei Tage dazu bezahlt, weil der Tragstuhl in den « Steinbock » nach Lauterbrunnen zurückgebracht werden musste. Er habe aber nur einen Tag dazu gebraucht.

So verflog die Zeit, und ehe wir es uns versahen, waren wir schon auf dem Kirchet und steuerten dem im Frühlingsblütenglanz strahlenden Meiringen zu. Am Bahnhof stand gerade der 11-Uhr-Zug nach Luzern zur Abfahrt bereit, und ich erreichte um 2 Uhr nachmittags Zürich — genau acht Stunden nach Verlassen der Oberaarhütte! Unser Abschied war leider kurz. Aber so strahlend und zufrieden, ja heiter, habe ich Rubi nie gesehen. « Das heit Ihr umhi eis güed agreised », sagte er mir beim Abschiedshändedruck. Rubi fuhr nicht etwa mit dem Zug über Brienz und Interlaken, sondern eilte über die Grosse Scheidegg seinem Heim zu.

Seither habe ich ihn leider nie mehr gesehen. Ich kam nicht mehr ins Jungfraugebiet, und im Jahre 1937 ist er als Hüttenwart zurückgetreten. Nun konnte er sich endlich ständig seinem schönen väterlichen Heimwesen « Vor dem Steg » bei Grindelwald widmen. Im Laufe der Jahre war er durch seine eiserne Sparsamkeit ein habliclier Landwirt geworden, der in seiner Gemeinde angesehen war und dessen Wort galt. Bis ins 82. Altersjahr betreute er allein seinen Viehstand und sorgte für Holz und Garten. Feierabend oder 1 Fritz Wüthrich, A.A.C.B., ist in den Gelmerhörnern im August des gleichen Jahres verunglückt. Siehe « Alpen » IX, 1933, S. 447.

gar Ferien gab es bei ihm nie. Selten gönnte er sich einen freien Sonntag. Sein Leben war Arbeit und Aufopferung für die Seinen und seine Mitmenschen. Vom November 1947 an wurde er leidend, und am 10. Juli 1948 kam der Tod als Erlöser. Ein braver, schlichter Berner ist dahingegangen.

Im August 1947 ging ich nach vielen Jahren wieder einmal nach Grindelwald und wollte ihn besuchen. Ein leidiges Missverständnis hat mich daran gehindert. So war unser Händedruck am Bahnhof Meiringen ein Abschied fürs Leben. Wenn ich an den Hüttenwart Hans Rubi denke, so erscheint er mir immer — umflutet vom Mondenschein — als der treubesorgte und verständnisvolle Gastgeber des köstlichsten Nachtessens, das ich je mitgemacht habe.

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